Taube Ohren?

Nach den scherzhaften ersten Klängen zum Bild Nr. 4 aus Myriades September-und-Oktober-Impulswerkstatt

© Myriade

… gibt es heute ernste Gesänge zu hören. Wiederum sind es zwei Stimmen. Sie erklingen nicht gleichzeitig – und doch ist es in gewisser Weise ein Miteinander.


La Colombe
Jacques Brel

Jacques Brel • Gesang

Dieses Chanson hat Jacques Brel vor über 60 Jahren geschrieben und gesungen. Der Anlass dazu ist längst in die Geschichtsbücher eingegangen. Das Chanson aber ist bis heute unverändert aktuell geblieben.

Alasdair George S. Clayre hat einen englischen Text geschaffen, der naturgemäß mehr dem Inhalt als der Wortwörtlichkeit die Treue hält. In dieser Textfassung gibt es u.a. eine Aufnahme mit Joan Baez.

La Colombe – The Dove
Jacques Brel
Englischer Text: Alasdair Clayre

Joan Baez • Gesang

Auch diese zweite Aufnahme ist bereits über 50 Jahre alt. Zwei Friedenstauben, die, wie es scheint, für taube Ohren singen. Das führt mich eigentlich wieder zurück zur Frage im letzten Impuls-Beitrag: wie oft können Menschen sich im Kreis drehen, bis ihnen ein Licht aufgeht?

© Myriade

Oft ist ja die Rede davon, dass sich die Geschichte wiederhole. Eine Formulierung, die ich für eine gefährliche Verharmlosung halte. Denn sie hat einen naturgesetzmäßigen Beigeschmack. Es klingt nach etwas Unausweichlichem, was einfach geschieht, so, wie sich der Lauf der Jahreszeiten wiederholt. Und das stimmt ja nicht. Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach so – sie wird wiederholt. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied.


Das Schlusswort möchte ich für heute Jacques Brel überlassen…

Quand on n’a que l’amour
Jacques Brel

Jacques Brel • Gesang

9 Gedanken zu “Taube Ohren?

  1. Karin sagt:

    Die, auf die es ankommt, sind meist nur selbstverliebte, machtbessenene Menschen und Deine Feststellung, die Geschichte wird wiederholt unterschreibe ich voll, weil wir Menschen als Fußvolk es zulassen.
    Den Göttern wurden schon immer Menschenopfer gebracht, dem einen ganz besonders, denn die jungen (und älteren) Männer zogen mit kirchlichem Segen in die Kriege fürs christliche Vaterland. Schon allein die Wortwahl Kreuzzüge – Bekehrung der Heiden – wie anmaßend das alles war und ist, Die Kreuzzüge zu Ehren Allahs werden verdammt, sie sind ja was ganz anderes! Sind sie das?
    Manchmal denke ich, die Menschheit macht ihre Götter ohnmächtig und hilflos. Sie fordern von den Göttern, was sie nicht bereit sind zu geben – eigentlich das Einfachste auf der Welt: Frieden im menschlichen Miteinander bei aller Unterschiedlichkeit.
    In ihren Mythen und Geschichten bürden sie in unserer Religion Gott den Wunsch auf, den friedlichesten Menschen im Christentum, Jesus, zu opfern – seinen (Nicht-)Sohn, dann könnnen sie ja später auch ihre Söhne beruhigter aufs Schlachtfeld führen . Gott als einen Vater anzusehen, der seinen Sohn bewußt opfert – das habe ich mich schon immer geweigert zu glauben. Er wäre kein Vater – nur ein grausamer Despot wie alle anderen. Ein unschuldiges Kind in eine Wiege zu legen schon mit der Vorsehung seines Schicksals, am Kreuz zu enden? Religionen sind Menschenwerk und in ihnen ist alles Gute und Böse der Menschen niedergelegt.
    Gott ist für mich Schöpfung in all ihrer Schönheit und Grausamkeit, denn auch sie ist nicht friedlich , nur zerstört sie nicht mutwillig.
    Lieber Random, es wünscht Dir einen friedlichen Tag , Karin

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    1. Myriade sagt:

      Da kann ich dir nur in fast allem heftigst zustimmen. Religionen und Ideologien sind die Quelle von so unendlich viel Leid, so unendlich vielen Kriegen, Massenmorden und dem Erscheinen der aller finstersten Seiten der menschlichen Natur …

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    2. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine engagierte Resonanz. 🙂
      Tatsächlich hat auch die Schöpfung ihre Facetten, die alles andere als friedvoll sind. Dem Menschenwesen allerdings ist die Wahlmöglichkeit gegeben, dass es nicht alles müssen muss, was es können kann. Allerdings scheint dem menschlichen Potenzial auch etwas Erschreckendes innezuwohnen. Manchmal kommt es mir vor, als würde Mensch die mit den Wahlmöglichkeiten einhergehende Verantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Man delegiert die Verantwortung an Gott oder an Politiker. Aber die Erwartungshaltung bleibt. Ich fand es immer bemerkenswert, wie beispielsweise in Gebeten sozusagen ein „chronischer Imperativ“ herrscht. Man erwartet gleichsam, in den Himmel zu gelangen, obwohl man stur und unaufhaltsam Richtung Hölle marschiert. Das gleiche Muster ist auch im Alltag zu erkennen. Man erwartet, dass die Politik den Klimawandel stoppt – aber gefälligst so, dass man selber im Alltag ja nicht tangiert wird. „Man“ müsste dies und das impliziert ja immer ein „aber nicht ich.“ Vergleichbare Phänomene sind zahlreich. Dem Vernehmen nach ist beispielsweise eine Mehrheit gegen Massentierhaltung. Aber die einschlägigen Produkte stehen in der Gunst der Konsumenten dennoch hoch im Kurs. Aber das ist ja auch was anderes – diese Produkte stammen ja aus dem Supermarkt und nicht aus Massentierhaltung…
      Die Wahlmöglichkeiten gehören zur Natur des Menschen. Wir wählen immer – ob wir nun etwas tun oder lassen. „Die Hände in Unschuld waschen“ ist ein Trick, der nicht wirklich funktioniert…
      Mit einem klangvollen Gruß zum friedensreichen Tag
      🐻

      Gefällt 3 Personen

  2. Myriade sagt:

    Schön diese beiden unverwechselbaren Stimmen getrennt und doch thematisch verbunden zu hören ! Brel gefällt mir hier besser aus einem rein sprachlichen Grund, weil sich „pourqoui“ einfach besser zum emphatischen Singen eignet als „why“. Andererseits erzeugt Joan Baez ohnehin eine deutlich andere Stimmung als Brel, da umfasst das „why“ irgendwie den ganzen Text, während ich Brels „pourquoi“ eher als strukturierend empfinde. Habe ich schon erwähnt, dass ich sowohl französische Chansons als auch Protestlieder sehr schätze ?
    Die Kurve von Tauben zu tauben Ohren ist wieder einmal grenzgenial !!!
    Die Antwort auf die „how many roads ….“ Frage ist wohl, dass die Geschichte wiederholt wird, weil sich der Mensch nicht verändert hat. Aus dem Erleben entstandene Erfahrungen können nur sehr begrenzt weitergegeben werden im Gegensatz zu zB. technischen Kenntnissen. Daraus entsteht meiner Meinung nach das Ungleichgewicht zwischen wissenschaftlichem und moralischem Fortschritt…
    Danke für den nachdenklichen Beitrag !

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine nicht tauben Ohren 😉 und für deine Gedankengänge. 🙂
      Jacques Brel ist freilich eh einzigartig in seiner wortwählerischen Virtuosität wie auch in der Intensität seiner Darbietung. Vor diesem Hintergrund ist es sehr zu begrüssen, dass die Version von Joan Baez eine ganz andere Stimmung erzeugt. Genau so wie man beim Text nicht einfach am Wortlaut kleben kann, sondern ihn teilweise neu erfinden muss, damit es in sich stimmig wird, muss auch die Darbietung dem neuen Wortlaut Rechnung tragen. So oder so ist es ein enormer Spagat, der hier aber gut gelingt.
      Der von dir weiter unten thematisierte Spagat gelingt bei weitem nicht so gut – und deine Begründung kann ich gut nachvollziehen. Bei technischen Dingen käme man sich höchstgradig bescheuert vor, würde man nicht auf früheren Erfahrungen und Erkenntnissen aufbauen. Merkt man, dass eine Konstruktion nicht funktioniert, baut man sie nicht tausendfach genau gleich wieder und wieder, in der Hoffnung, sie durch schiere Hartnäckigkeit eines Tages doch zum Funktionieren „überreden“ zu können. Bildlich gesprochen haben wir nun eine Sinfonie, bei der die Streicher bereits den vierten Satz spielen, während die Bläser immer noch im ersten Satz verharren. Harmonie geht anders…
      Mit herzlichen Grüßen 🐻

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  3. PPawlo sagt:

    Ah, wieder Jacques Brel! Da sind meine Ohren sicher nicht taub! Das letzte Lied habe ich früher oft mitgesungen! Seine Melancholie ist ja durchaus kämpferisch geblieben. Aber eben engagiert, nicht aggressiv. Ich freu mich sehr, dass Myriades Impuls zu deinem aufrüttelnden Beitrag geführt hat!

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein erfreutes Echo. 🙂
      Es war hier lange nichts mehr von Jacques Brel zu hören. Obwohl er ja gewissermaßen der Pate meiner Sternstunden-Rubrik ist. Hier habe ich nun eine gute Gelegenheit beim Schopf gepackt. 🙂
      Jacques Brel ist und bleibt für mich unvergleichlich in seiner Intensität, seiner engagierten Art. Und natürlich in seinem Umgang mit der Sprache, die aussagekräftig und zugleich voll von poetischem Bilderreichtum ist.
      Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

      Gefällt 4 Personen

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