Isoldes Liebestod

Die Unterbergers sind unsere Nachbarn. Und das ist, zugegeben, wenig spektakulär. Zwar sind sie eine Rarität – immerhin verkörpern sie die Kardinaltugenden zwischenmenschlicher Harmonie: Sie sind höflich, hilfsbereit, unaufdringlich und still. So unerhört still, dass es fast anstößig wirkt. Doch keimfreie Fabelwesen sind sie trotzdem nicht – hinter ihrer stillen Fassade verbirgt sich eine besondere Leidenschaft.

Als wir die Unterbergers kennenlernten, taten sie, was sie meist zu tun pflegen – nichts! Die erste Besichtigung unseres neuen Eigenheims am Stadtrand bescherte uns das heute so vertraute Bild: In einem englisch grünen Rasen saßen unsere Nachbarn in altmodischen Liegestühlen dicht beieinander, doch ohne körperliche Berührung. Sie sprachen kaum miteinander, sie lasen nicht – nichts. Sie saßen einfach da und schienen Löcher in die Luft zu gucken.

Der Schleier des Geheimnisses lüftete sich an einem wolkenlosen Sommernachmittag. In der nahen Kreisstadt hatte ich die müde, mit Einkaufstaschen schwer beladene Frau Unterberger aufgelesen. Nun saß sie stumm auf dem Beifahrersitz. Eine gigantische Tube weißer Künstlerfarbe in einer ihrer Einkaufstaschen lieferte mir ein Stichwort: „Sie malen?“ Mit zwei Worten, mehr Feststellung als Frage, hatte ich die geheime Pforte zu einem Zaubergarten entriegelt. Ihr Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an – ihre Augen glänzten. Sie erzählte eifrig, wie sie nach dem Tod ihrer Mutter zu malen begonnen habe, eine Beschäftigung, der inzwischen auch ihr Bruder begeistert nachgehe. Daheim angekommen trug ich Frau Unterberger die schweren Taschen ins Haus und fand mich unversehens in eine wundersame Welt versetzt.

Die unterbergersche Wirklichkeit übertraf die kühnste Vorstellung. Das stille, geräumige Haus beherbergte augenscheinlich den Fundus eines ‚Wettertheaters‘ und stellte die Kulissen für jedes erdenkliche Wetterphänomen bereit. An den Wänden reihten sich dicht an dicht rahmenlose Bilder – auf Leinwand gemalt und ausnahmslos einem Thema gewidmet: Wolken. Abendstimmungen prangten in Goldtönen, dumpf glühendes Rot ging in lohendes Orange über. Ellenlange Grautonleitern stellten düstere Gebilde dar, die man sich lebhaft als Brutstätten verheerender Unwetter vorstellen konnte. Hauchzart wirkten daneben die feinen Gespinste und luftigen Schleier. Die Königswürde aber gebührte den hoch aufgetürmten Kumuluswolken, deren Weiß noch in den halbdunklen Räumen blendete.

„Die ganz weißen Wolken sind eine besondere Herausforderung“, erklärte Frau Unterberger. „Denn dieses reine Wolkenweiß lässt sich mit einfachem Bleiweiß gar nicht bewerkstelligen. Zudem bedarf es feiner Schattierungen, damit eine Wolke lebt.“

„Allerdings“, schaltete sich Herr Unterberger aufgeräumt ein. „Meine ersten Wolken erinnerten eher an verschüttete Milch. Zum Wolkenmalen gehört ausdauernde Beobachtung und ein ausgefeiltes Handwerk.“

Frau Unterberger schickte sich zu einer Demonstration in Weiß an. Sie hatte etliche Kleckse Bleiweiß auf eine Handpalette gedrückt und gab nun winzige Mengen Farbe dazu: Blau, Grün, Gelb und sogar Schwarz. Für jeden Farbton benutzte sie einen separaten Pinsel, und damit hantierte sie virtuos. Mit sparsamen Fingerbewegungen trug sie in flinken Pinselstrichen geschwungene Linien auf. Ständig veränderte sie die Tönung durch fortgesetztes Mischen. Die emsige Arbeit der kleinen Frau wirkte faszinierend – doch lange waren nur lose verteilte Pinselstriche auf der Leinwand zu erkennen. Endlich verdichtete sich das Gewusel der Striche und Tupfer. Vor unseren Augen bauschte sich ein Wolkengebilde auf, das schließlich zur imposanten Kumuluswolke wuchs. Die Illusion war perfekt. Der größte Teil des Wolkengetüms leuchtete so jungfräulich weiß, dass das Tubenweiß daneben matt und schmutzig aussah. Dabei war es doch genau dieses Weiß – vermischt mit dunkleren Farben. Und was für eine lebendige Darstellung! Ich wartete förmlich darauf, dass sich das Gewölk verdichte oder auflöse. Diese offene Weite durch einen Rahmen einzuzäunen verbot sich von selbst. In der Tat eine reife Leistung.

„Sie sehen“, sagte Herr Unterberger, „dass Wolken durchaus eine dankbare Vorlage bieten. Und zwar nicht nur maltechnisch. Denn was sehen wir? Licht und Wasser – die Grundlagen unseres physischen Lebens. Oder Licht und Schatten – die Elemente unserer Seelenwelt. Und, wer weiß, vielleicht ist ja unser Leben auch nicht mehr, als so ein neblicht Gespinst“, sinnierte er.

„Oder“, gab seine Schwester zu bedenken, „die Wolken sind ebenso lebendige Wesen wie wir. Das Wichtigste ist ja die Geschichte, das Drama, das die Wolken erzählen…“ Erst auf diese Bemerkung hin fiel mir auf, dass bei jedem Bild ein Titel auf eine literarische Vorlage verwies. Eines der Gemälde trug die schlichte Bezeichnung ‚Werther‘ – und es bedurfte keiner Hellsichtigkeit, um zu erkennen, dass sich schwül und unheilschwanger ein elementares Geschehen zusammenbraute, das durchaus keinen glücklichen Ausgang verhieß.

„Das hier“, Herr Unterberger deutete träumerisch lächelnd auf eine Leinwand von überwältigenden Ausmaßen, „haben wir gemeinsam gemalt.“ Vielversprechend verkündeten filigrane Lettern das Thema: ‚Isoldes Liebestod‘. Nun, immerhin hatte die Leinwand wagnersche Übergröße. Dass sich aber das ergreifende und mit allen musikalischen Kunstgriffen gestaltete Finale des großen Dramas überzeugend in Wolken setzen ließe, schien mir zweifelhaft. Dennoch handelte es sich offensichtlich um ein erstaunlich vielschichtiges Werk. Sinnlich lockend und überirdisch strahlend betörte es den Betrachter. Die Szene gab einen Augenblick kurz nach Sonnenuntergang wieder. Über dem Horizont lagen schmutziggraue Schleier, durch die hin und wieder rote Glut schimmerte. Düster und schwer lagerten darüber bleierne Wolkentürme. Deutlich konnte ich mir Wagners Musik dazu vorstellen: Isoldes Stimme setzt ein, von zwei Kontrabässen, den geteilten Violoncelli und einer Bassklarinette begleitet. Instrumente mit dunkler Klangfarbe in tiefen Lagen. Es folgen Klarinetten, Bratschen, Posaunen. „Seht Ihr’s, Freunde?“, bei diesen Worten setzen die Hörner ein. „Säht Ihr’s nicht?“ Zögernd begleiten gedämpfte Violinen die Wendung in den Konjunktiv. Ungläubiges Staunen scheint hier ausgedrückt – ‚wäre es wohl wahr, dass Ihr das nicht seht?‘

Aber ich sah es nun. Deutlich stand mir in dem Wolkengemälde das ganze Drama vor Augen, jede Einzelheit: Hoffnungsloser Zwiespalt, süße Seligkeit… nicht eine Kleinigkeit fehlte. Blutiges Rot, glühendes Rot, flammendes Orange, hier die zerrissenen Wolkenfetzen, dort undurchdringliche Wolkenbänke, und darüber, hoch aufgetürmt, wie aus den unzähligen Wiederholungen unerfüllter Sehnsucht geschichtet, mit abgerundeten Formen, die höchsten Wolkenberge – noch fern dem Abendrot, aber dennoch nicht mehr im strahlenden Weiß des Tages. Geheimnisumwittertes, goldenes Leuchten. Wie genau passte dies zum erdfernen H-Dur der Schlussakkorde.


Über weite Teile dieser Geschichte bewege ich mich auf sehr dünnem Eis – allerdings finde ich dünnes Eis besser als gar keins. 😉 Weder habe ich ein Eigenheim am Stadtrand noch kenne ich Menschen, die auch nur im Ansatz an die hier beschriebenen Geschwister Unterberger erinnern würden. Und von Malerei verstehe ich wahrscheinlich weniger als ein schottisches Hochlandrind vom Schifoan. Allerdings sagt mir der Begriff ‚Bleiweiss‘ etwas – und das schien mir irgendwie zu diesen etwas altmodischen Persönlichkeiten zu passen (’neblicht Gespinst‘). Und ich bin mir ziemlich sicher, dass jemand mit der geeigneten Maltechnik das hier beschriebene Über-Weiss hervorzaubern kann.
Eines habe ich allerdings nicht aus der Luft gegriffen – Wolken finde ich ausgesprochen faszinierend. Ein wolkenloser Himmel erscheint mir total langweilig und besonders im Sommer ist das für mich der Inbegriff schlechten Wetters. Wolken sind so unglaublich vielfältig und lebendig. Und ich bin überzeugt, dass sie für jemanden mit gut entwickeltem Talent in Malerei oder Fotografie durchaus lohnende Motive darstellen. Und, ja, ich meine, dass man in den Wolken auch Geschichten ‚lesen‘ kann. Das müssen für meinen Teil aber nicht unbedingt Klassiker sein. 🙂

Das Titelbild entspricht zwar keinem der im Text beschriebenen Bilder. In erster Linie habe ich es deshalb ausgewählt, weil hier Wasser wie Feuer aussieht. Speziell im Zusammenhang mit der Liebe eröffnet das ja doch ganz interessante Perspektiven. 


Klangbild:
Richard Wagner • Tristan und Isolde • Isoldes Liebestod
Margaret Price • Sopran
Dresdner Staatskapelle • Carlos Kleiber
play-wagner-isolde

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