KiA 8 • Improvisation

Hanging Gardens of Babylon

Thomas Koppel • Klavier

Heute gibt es *staunstaun* bereits wieder einen Beitrag zur Reihe „Kinder im Aufwind“. Das hat einen besonderen Grund. Denn es gibt dabei einen Bezug zu den beiden letzten auf dieser Seite veröffentlichten Beiträgen. Heute begegnen wir erneut jenem Musiker, der das Klangbild zum letzten Beitrag, Logbuch des Herzkramens [II], beigesteuert hat: Thomas Koppel. Das ist natürlich kein Zufall. Denn die für diesen Beitrag ausgewählten Klangbilder könnte man durchaus als musikalisches Herzkramen bezeichnen. Vor allem aber haben diese Improvisationen einen sehr direkten Bezug zum Thema meines letzten „aufwindigen“ Beitrags. Das wird durch folgenden Text klar – insbesondere durch den hervorgehobenen Abschnitt.


Wenige Tage vor seinem Tod schrieb Thomas Koppel folgende Zeilen:

Most of this music is improvisations. Somewhere in the South Harbor of Copenhagen I played, and found new musical locations deep inside, an untold story that wanted to be told. It is a loving embrace of all those who illuminated my life, whether at a big summer concert under the stars or a war-torn refugee camp; in a legendary concert hall or the human devastation of a prison; an intoxicating tropical jungle or with loving, generous ghetto people in the darkest of streets.

This music took me deep down to my earliest childhood when my favorite occupation (besides rollerskates, of course) was improvising on the piano. Now I am a grown man with the heart full of a lifetime of happy and painful experiences. In the excitement and joy of improvising man and child are one.

I dedicate this music to all the people I love; our little grandson and those that may arrive here some day, our four children, families and friends, our companions in the struggle for life and justice; our wonderful musical partners; you, the audience with whom we have experienced half a century of love and excitement; and all the beautiful people sharing this planet trying to struggle their way through the unspeakable hardship some people’s greed is imposing on them. May freedom and happiness reach them all soon.

My last dedication will be to my love, my partner in life and music: Annisette:
To you, my love,
I’ll dedicate my song.
Woman, who belongs to all peoples,
Speaks all languages,
Speaks Love,
Speaks the unborn children’s unstoppable heartbeats,
Who touches me, still sleeping,
In the earliest hours of the dawn,
My universal woman.


Dieser wunderschöne Text von Thomas Koppel ist natürlich in seiner Gesamtheit lesenswert. Dennoch ist dabei der sehr direkte Bezug zu den „Kinderszenen“ bemerkenswert. Die „Improvisationer for klaver“ sind, wenn man so will, Thomas Koppels musikalisches Testament. Und er stellt hier ganz direkt einen Bezug zu seiner Lieblingsbeschäftigung der Kindheit her, den Improvisationen auf dem Klavier. Nicht von zielgerichtetem Üben ist die Rede (das gehört selbstredend dazu, wenn jemand Musiker werden will), sondern zu den freien Improvisationen spannt sich der Bogen, der in frühen Kindertagen beginnt und hier mit Koppels letzten Aufnahmen endet. Und wie prägend dieses freie und ungezwungene „Kindsein auf dem Klavier“ war, zeigt sich in dem schönen Satz: 

In the excitement and joy of improvising man and child are one.

Das lässt sich selbstverständlich von den Improvisationen auf dem Klavier auch auf andere Bereiche übertragen. Thomas Koppel bricht hier nicht nur eine Lanze für die von Zweckdenken unbelasteten Freiräume in der Kindheit – er demonstriert gleichzeitig mit der hier vorgestellten Musik ganz eindrücklich, welch süße Früchte auf der Grundlage dieser kindlichen Freiräume gedeihen können. 


Die Musikbeispiele in diesem Beitrag stammen aus dem Album „Improvisationer for klaver“ von Thomas Koppel. Entstanden sind diese Aufnahmen einen Monat vor dem Tod des Musikers. Zum ersten Mal in seinem Leben machte der 61-Jährige (auf einem eigens zu diesem Zweck beschafften Steinway-Flügel) Aufnahmen seiner Klavierimprovisationen.   


Zur Erinnerung: Das Projekt Kinder im Aufwind (KiA) wurde im vergangenen Jahr von Petra Pawlofsky ins Leben gerufen, und es gibt dazu bereits an die 40 Beiträge, die allesamt über eine eigens zu diesem Zweck angelegte Fundgrube verfügbar sind.


Klangbilder: Improvisationen von Thomas Koppel

A Love Song for the Earth


Angels Everywhere


Andante

18 Gedanken zu “KiA 8 • Improvisation

  1. finbarsgift sagt:

    Thomas Koppel ist klasse!

    Ich kenne ihn vor allem auch von seiner Zeit bei Savage Rose. Dødens Triumf war damals für mich ein fantastisches Schauspiel mit großartiger Musik!!

    Und ist dies immer noch…
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Das ist interessant. Savage Rose habe ich erst sozusagen durch die Hintertür kennen gelernt. Auf Thomas Koppel bin ich erst Mitte der 90er (also eine mittlere Ewigkeit nach „dødens triumf“) durch Michala Petri aufmerksam geworden.
      Mit einem harmonischen Morgengruß 🐻

      Liken

        1. Random Randomsen sagt:

          Genau. Angefangen hat dies mit dem einsätzigen Konzert „Moonchild’s Dream“, einem Auftragswerk des dänischen Rundfunks, das Michala Petri gewidmet ist und auch von ihr uraufgeführt wurde. Inzwischen gibt es bereits drei verschiedene auf CD veröffentlichte Aufnahmen mit Michala Petri als Solistin. [Aufnahmen mit anderen Solisten sind mir bisher nicht bekannt – das Werk ist allerdings auch nicht ganz einfach.] Später folgten „Nele’s Dances“ und das „Los Angeles Street Concerto“. [Letzteres ist übrigens auch der Titel einer CD, auf der Michala Petri ausschließlich Werke von Thomas Koppel spielt.]

          Gefällt 3 Personen

  2. PPawlo sagt:

    Auch jetzt erst einmal ganz lieben Dank für den überraschenden 8. Beitrag für das Projekt der Kinder im Aufwind! Was für eine herrliche Musik, welch berührender Text und das alles im Umfassen der Spanne eines ganzen Lebens! Ich komme sicher noch einmal zurück und nehme mir noch mehr Zeit dafür. „In the excitement and joy of improvising man and child are one.“ nehme ich heute erst mal in den Tag mit! 🎨

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für dein positives Feedback. 🙂 Gleich noch ein KiA Beitrag – das mag überraschen, aber für mich macht es so durchaus Sinn. Es besteht ein Zusammenhang zum 7. Beitrag – aber es ist auch viel Eigenständiges drin. Also zwei Beiträge in kurzen Abständen. 🙂
      Das ist eine ganz spezielle, berührende Musik. Und es ist ein Glücksfall, dass die Aufnahmen überhaupt entstanden sind.

      Gefällt 2 Personen

      1. PPawlo sagt:

        Die beiden Beiträge passen echt so gut zusammen, jeder mit einem eigenen Akzent!
        Und diese verträumte Musik verbindet beides und nährt die Seele.
        Ja, du zeigst hier im 8. Beitrag noch mehr die Verbindung zum Erwachsenenalter, die späteren Früchte und die Ernte. Die Erwachsenen, die hier vorbeischauen, werden ebenfalls zur Improvisation in ihrem Tagesablauf ermuntert, und sich hier Zeit zu lassen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man das auch noch einmal nacherleben.“
        So ging es mir vor allem mit KiA7 für dessen Musikstück ich zuerst kaum Zeit fand…Ich geh noch mal rüber: ; „In the excitement and joy of improvising man and child are one.“ ☺️
        Wieso sind die Aufnahmen ein Glücksfall? Kam sein Tod ganz plötzlich? Oder gibt es überhaupt nicht so viele von ihm?

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        1. Random Randomsen sagt:

          Lieben Dank für dieses schöne Feedback. 🙂 Ja, der 8. Beitrag zeigt die Ideen des 7. konkreter und zusätzlich mit verschiedenen Aspekten eines erfüllten Menschenlebens verbunden.
          Thomas Koppel ist 61jährig ganz plötzlich und unerwartet verstorben. Möglich, dass er im Unterbewussten eine Ahnung verspürte. Aber es gab keine konkreten Anzeichen für den bevorstehenden Todesfall. Er ist während eines Ferienaufenthalts, am Klavier sitzend, an einer Herzattacke verstorben. Und diese kurz zuvor eingespielten Improvisationen sind tatsächlich die einzige überlieferte Klaviermusik von und mit Thomas Koppel.

          Gefällt 1 Person

  3. sternenkind11 sagt:

    Danke für Deinen zauberhaften Beitrag. Sowohl Text als auch Musik berühren mich ganz tief. Beides verströmt eine zärtliche Klarheit. Im Herzen Kind zu bleiben, sich immer wieder frei zu machen, unbefangen zu „spielen“ – ist wohl ein Schatz den wir uns bewahren oder zurück „erobern“ können. Und wie stärkend, wenn Kinder diesen sicheren Raum des freien Spiels geschenkt bekommen, sich entdecken und entfalten dürfen. Die Essenz des Erfahrenen und dessen was wir daraus gemacht haben, wird wohl oft nochmals sichtbar, wenn wir kurz vor dem Übergang stehen, die Grenzen der Welten sich langsam auflösen. Mit einem sanft-klingenden Gute-Nacht-Gruß 💫💫💫

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen dank für deine berührte Resonanz. 🙂
      Bei Thomas Koppel war es offensichtlich so, dass er diese freien Improvisationen ein Leben lang gepflegt hat. Man kann so etwas zurückgewinnen oder auch im Erwachsenenalter neu erobern. Aber es ist meines Erachtens schon eine feine Sache, wenn so etwas bereits in der Kindheit gepflegt wird – wie eine nährende und Halt gebende Pfahlwurzel.
      Ja, dieses Grenzland, diese Erfahrungen im Bereich eines großen Übergangs sind hier in Text und Musik spürbar. Beides ist ja nur wenige Wochen vor Thomas Koppels plötzlichem, unerwartetem Tod entstanden. Aber so ganz ahnungslos ist er offensichtlich nicht gewesen.

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      1. sternenkind11 sagt:

        Da möchte ich Dir aus vollem Herzen zustimmen. Wenn dieses freie Spiel, das Improvisieren, schon in der Kindheit gelebt und gepflegt wird, schafft das sicher eine solide Basis und einen Boden, der fruchtreichen Ertrag schenken kann. Auch wissen wir etwas nicht „bewusst“, lassen wir uns doch gerade in lebensverändernden Situationen von unbewussten Impulsen steuern. Wenn man dann diese Impulse so wundervoll umsetzt wie Thomas Koppel es getan hat und diese Seelenimpulse in Musik und Text verwandelt, kann man sich als Lauschender eigentlich nur noch staunend und dankbar davon berühren lassen.

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