♫ Hang

Hang ist, finde ich, ein ganz und gar patentes Wort der deutschen Sprache. Auf den ersten Blick kann es ganz unterschiedliche Dinge bezeichnen. Beispielsweise einen Slalomhang. Oder einen Hang zum Zynismus. Selbst ganz und gar unzynische Nicht-Slalomfahrer werden hier ohne Probleme gewisse Unterschiede erkennen. Auf den zweiten Blick haben aber diese unterschiedlichen Dinge eine Gemeinsamkeit: Sie haben mit Neigung zu tun. Schwerkraft ist wirksam – ob im tatsächlichen oder im übertragenen Sinn. Und wer die hier wirksamen Kräfte nicht beherrschen kann, riskiert eine Bruchlandung. Etwa, wenn der Slalomhang ausgesprochen steil ist und jemand einen ausgeprägten Hang zu riskanter Fahrweise hat. Und hier haben wir sozusagen die Krönung: Dass sich die beiden ‚Hänge‘ sozusagen in einem einzigen Über-Hang treffen können. Ich möchte hier nicht verschiedene Sprachen gegeneinander ausspielen. Aber ich finde dennoch, mit dem mehrdeutigen Wort Hang besitzt die deutsche Sprache ein bemerkenswertes Kleinod.

Hang hat aber – zumindest regional – noch eine andere Bedeutung. In der Berner Mundart bedeutet es Hand. Diese Veränderung der nd-Endung zu ng scheint hier typisch zu sein. Dies kann der Sprache mitunter einen asiatischen Touch verleihen. Etwa, wenn die Wand zur Wang wird. Die Stunde wird zur Schtung. Und was sich wie ‚King Hay‘ anhört, bedeutet in Wirklichkeit ‚die Kinder haben‘ (d’Ching hei). Denn ob Kind oder Kinder – man sagt schlicht und einfach Ching. Es gibt aber auch Ausnahmen. Und wird nicht ‚ung‘ gesprochen, sondern lediglich ‚u‘. Auf der anderen Seite kann aus Kopf (ohne den mindesten Anflug von nd)plötzlich ein Gring (mit ng-Endung) werden. Manchmal ist der Kopf aber auch kein Gring sondern ein Chopf. Kommt noch hinzu, dass diese ng-Endung zwar von vielen, aber längst nicht von allen verwendet wird. Das kann ich jetzt allerdings nicht näher begründen oder sonstwie erklären. Weshalb ich jetzt lieber schleunigst das Thema wechsle.

Und da habe ich Glück. Zufällig gibt es nämlich ein eher nicht so bekanntes Musikinstrument, das ich euch gerne näher vorstellen möchte. Und zufällig heißt dieses Instrument Hang. Dieser irgendwie asiatisch anmutende Name hat einen ganz speziellen Hintergrund. Das Hang ist nämlich ein Instrument das mit der Hand gespielt wird. Und in der Gegend, wo das Hang erfunden wurde, nennt man die Hand – wer hätte sowas gedacht? – Hang.

Ich verzichte hier auf eine detaillierte Beschreibung des Instruments. Offiziell deshalb, weil es hier eine sehr ausführliche Beschreibung gibt:
Wikipedia • Hang (deutsch)
Wikipedia • Hang (english)
(Und inoffiziell? Tja, das ist eben inoffiziell…)

Worauf ich allerdings nicht verzichte sind Klangbeispiele. Genau so wie ein Slalomhang ohne Gefälle kein Slalomhang wäre, ist ein Musikinstrument das man nicht hört wie ein Witz ohne Pointe.
Also.
Hear we go…

Zunächst eine Solovorstellung. Ein Mann, ein Hang.
play-manu-solo

Manu Delago • Hang

Wiederum der gleiche Hang-Spieler. Diesmal aber mit einer Steigerung zum Hang-Kammerensemble. Und danach das Spiel rückwärts. Bis zur Ausgangslage. Ein Mann, ein Hang.
play-manu-handsful

Manu(s) Delago(s) • Hang

Bei dieser sehr schönen Aufnahme ist das Hang zu Besuch bei Verwandten. Rein technisch haben Sitar und Hang zwar herzlich wenig gemeinsam. Aber klanglich bilden sie eine wunderbare Ergänzung. Beide mit metallischem Klang. Aber die Sitar obertonreich mit eher dünnem Klang und das Hang mit gedämpften Klängen, die das Klangbild voller und wärmer machen.
Ab 2:08 bis ca. 2:45 wird die Verwandtschaft des Hang mit dem Blumentopf (Ghatam) sehr schön hörbar. Und beim Ghatam handelt es sich ja auch technisch gesehen um ein dem Hang verwandtes Instrument.

play-anoushka-lasya

Anoushka Shankar • Sitar
Manu Delago • Hang
Pirashanna Thevarajah • Ghatam, Konnakol

Und als Abrundung noch zwei Aufnahmen des Duos ‚Living Room‘ mit der eher ausgefallenen aber klanglich hervorragenden Kombination von Hang und Bassklarinette.
play-living-libertango

Manu Delago • Hang
Christoph Pepe Auer • Bassklarinette, Vibra-Tone

play-living-choklad
Manu Delago • Hang
Christoph Pepe Auer • Bassklarinette, Glockenspiel

13 Gedanken zu “♫ Hang

  1. stern21 sagt:

    Beim Wohnzimmer-Konzert wäre ich auch sehr gern dabei gewesen. Die Beiden harmonieren wunderbar. Besonders gefällt mir, wenn Delago beim Glockenspieleinsatz seines Kollegen die Klarinette mit bedient! Schöne musikalische Entdeckung für mich, danke! Hang klingt irgendwie sphärisch.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. Es freut mich, wenn ich hier zu musikalischer Entdeckungsfreude beitragen kann. Bei diesen Wohnzimmer-Konzerten hätte ich mich auch nicht zweimal bitten lassen. 🙂 Da harmonieren die Instrumente und die Persönlichkeiten. Auch die anderen (der insgesamt sieben) Life in Rooms Videos sind sehenswert (und hörenswert).
      Schon erstaunlich, was ein einzelner Buchstabe für einen Unterschied ausmacht. Beim Namen ‚Hang’ hört man das Instrument schon irgendwie klingen.

      Liken

    1. Random Randomsen sagt:

      Für eine Sammlung durchaus interessant. Zumal die Teile seit rund zwei Jahren nicht mehr produziert werden. Ein gut erhaltenes Original könnte für Sammler sehr attraktiv sein. Viel Wissenswertes zum Hang und verwandten Instrumenten (mit vielen Links) bietet hangblog.org
      Wenn es dagegen in erster Linie ums Musizieren geht, muss es nicht immer ein Original sein. Da entscheidet vor allem die Wellenlänge zwischen Musiker und Instrument. Kleines Beispiel: Der usbekische Gitarrist Enver Izmaylov hat zum Zeitpunkt dieser Aufnahme https://youtu.be/khLib8_8yCo ein Instrument verwendet, das die meisten Gitarristen als unbrauchbar bezeichnet hätten. Er beweist ziemlich eindrücklich das Gegenteil.

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      1. ninahagn sagt:

        Sprich: Das würd teuer werden? ^^
        Danke jedenfalls für den link.
        Nein, in erster Linie geht es an sich nicht ums „Original“ sondern ums Spielen des Instruments. Da tuts dann durchaus auch ein Nachbau o.ä., vielleicht was selbst gebautes?
        Danke auch für den Youtube link, also ich hätte das „unbrauchbare“ Instrument nun gar nicht rausgehört 🙂

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        1. Random Randomsen sagt:

          Holy Sheet! Erst jetzt fällt mir auf, dass ‚Hang‘ ein Anagramm von ‚Hagn‘ ist. Das ist ja euer Familieninstrument schlechthin. 🙂 Dann muss es vielleicht doch ein Original sein.
          Aber eben – wenn es ums Spielen geht, muss einfach die Wellenlänge stimmen. Genau wie bei Enver und seinem ‚Unding‘.

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            1. Random Randomsen sagt:

              Auf jeden Fall ist es sicher empfehlenswert, die Fühler danach auszustrecken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zahlreiche nahezu unbenutzte Exemplare gibt, die (seit der erste Wow-Effekt verflogen ist) in erster Linie ein Staubfängerdasein fristen.

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  2. mangoldfreunde sagt:

    Ein wirklich erstaunliches Instrument. Ich hab es zum ersten Mal in einem Berliner U-Bahnhof gehört und bin 20 Minuten stehengeblieben um zu lauschen.
    Hier noch ein schönes Video von Hang Massive, erstaunlich welche Töne aus diesem Instrument kommen können.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Was beim Hang positiv überrascht sind einerseits die schönen Klangfarben. Anderseits aber auch gut ausbalancierte Sustain – die Töne klingen ausreichend nach, um einen regelmäßig gewobenen Klangteppich zu bilden. Aber doch nicht so sehr, dass das Klangbild breiig wird.
      Sehr schöne Klangbeispiele von Hang Massive (auch der Link beim Zeilenende*), die es wirklich verstehen, mit diesen UFOs abwechslungsreich und schön zu musizieren.
      Ich bin durch Manu Delago auf das Instrument aufmerksam geworden – deshalb auch die etwas einseitige Auswahl der Klangbeispiele in meinem Beitrag. 🙂
      * https://kaffeetaesschen.wordpress.com/2016/02/29/blogparade-lieblingsgeraeusche/

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