Jahrbuch der musikalischen Momente

Pilze und Kalender haben eines gemeinsam: wenn die herbstliche Jahreszeit Einzug hält, tauchen sie in rauen Mengen auf. Bei Pilzen muss man bekanntlich auf der Hut sein, denn mit einer Pilzvergiftung ist nicht zu spaßen. Und auch was ohne Gefahr für Leib und Leben essbar ist, muss noch lange nicht genießbar sein. Manche Pilze sind aber echte Leckerbissen. Das Kunststück besteht lediglich darin, die einen von den anderen unterscheiden zu können. Vor diesem Hintergrund ist es keine schlechte Idee, sich bei Pilzen an Bekanntes und Bewährtes zu halten. Und genau das ist, wie ich finde, auch bei Kalendern eine probate Methode. Deshalb möchte ich meinem Lesepublikum heute einen Kalender schmackhaft machen, der im umfangreichen Kalenderblätterwald zu den besonderen Leckerbissen gehört.

Der Musik Kalender 2023
edition momente

Von der Ouvertüre zum Finale

  • © 2022 by edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg
  • ISBN 978-3-0360-3023-4
  • € 24,– / sFr. 36.50
  • Wochenkalender
  • 60 Blätter / 53 Fotos u. Abb./ farbig / 32,5 × 24 cm
  • www.edition-momente.com
  • Gestaltung: © Max Bartholl, Frankfurt a.M. • http://www.b3K-design.de
  • Textauswahl: Elisabeth Raabe in Zusammenarbeit mit Susanne Hofinger
  • Fotoauswahl: Regina Vitali
  • Bildlegenden und Biografien: Melanie Unseld
  • Übersetzungen: Claudia Preuschoft
© 2022 by edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Der Musik Kalender der edition momente steht jedes Jahr unter einem bestimmten Motto. Und bevor ich meine eigenen Betrachtungen zum Kalender anstelle, soll ein Blick in den offiziellen Pressetext offenbaren, worum es im Jahr 2023 geht:

Von der Ouvertüre zum Finale – zwischen diesen Polen bewegt sich jede Symphonie, jede Oper, jedes Lied, jede Probe und jedes Konzert. Wenn die Pianistin Maria João Pires nach der langen Exposition in Mozarts d-Moll-Klavierkonzert den ersten Akkord anschlägt, halten manche Zuhörende den Atem an, und wenn die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, auf ihren nackten Füßen tanzend, die letzten Takte gespielt hat, folgt stürmischer Applaus.

Anfang und Ende prägen Leben und Arbeiten der Komponistinnen und Komponisten, Interpretinnen und Interpreten. 53 von ihnen berichten in Briefen, Tagebüchern oder Erinnerungen von der Suche nach der ersten Note oder dem Ringen um den Schlussakkord, vom Hype eines Karrierestarts als Einspringer oder einem manchmal abrupten Ende.“


Anfang und Ende – das ist, wie ich finde, ein passendes Motto, um gleich zur Sache zu kommen, und so beginne ich hier mit einem musikalischen Impuls, den ich dem ersten Wochenblatt des Kalenders verdanke:

Wenn je ein Schönes mir zu bilden glückte
aus „Fünf Liebeslieder nach Texten von Ricarda Huch“
Viktor Ullmann*

Christine Schäfer • Gesang
Axel Bauni • Klavier

Das Kalenderblatt zeigt einen charmanten jungen Mann, der hoffnungsfroh von seinen Plänen für ein Werk spricht, das den Beginn seiner Laufbahn als professioneller Komponist markieren soll. Sein Name, Viktor Ullmann, ist mir allerdings nicht geläufig. Aber wozu gibt es im Musik Kalender einen Anhang mit Kurzbiographien der auf den Kalenderblättern dargestellten Persönlichkeiten? Dort erfahre ich, dass dieser Komponist ein gewaltsames und viel zu frühes Ende erleiden musste. Ebenso schien sein musikalisches Werk zunächst in der Versenkung zu verschwinden. Der Hinweis „Musica rediviva“ beim Musikbeispiel deutet jedoch an, dass dieser Musik ein neuer Anfang beschieden ist. Und ich freue mich, dass ich durch den Musik Kalender darauf aufmerksam geworden bin.


In der Musik gibt es diese faszinierende Möglichkeit, dass mehrere Stimmen gleichzeitig erklingen, wobei zwar jede „ihr eigenes Ding durchzieht,“ aber eben doch alle fein aufeinander bezogen und abgestimmt sind, dergestalt, dass ein sinnvolles und ästhetisch ansprechendes Miteinander entsteht. In diesem Sinne ist Der Musik Kalender der edition momente nicht nur ein Kalender, der sich musikalischen Themen widmet. Es ist ein durch und durch musikalischer Kalender. Das sinnvolle und ästhetisch ansprechende Miteinander finden wir auch im Aufbau des Kalenders. Es sind sozusagen mehrstimmige Variationen über das Thema Bekanntes und Bewährtes:

Nicht bloss ausgewählte, sondern ausgesuchte Bilder und Zitate prägen die einzelnen Kalenderblätter. Liebevoll und mit Bedacht wurde das Besondere zusammengetragen und zum Gesamtkunstwerk gefügt. Auch wer die im Kalender präsentierten Persönlichkeiten kennt, dürfte durch die hier gebotenen Bilder und Zitate neue Einblicke gewinnen. Und das ist noch nicht alles. Biografische Ergänzungen – passend zum jeweiligen Bild und Zitat – runden den Gesamteindruck des Kalenders harmonisch ab. Der Anhang bietet Kurzbiographien aller auf den Kalenderblättern porträtierten Künstlerinnen und Künstler. Auch ein Quellenverzeichnis, in dem die Herkunft von Bildern und Texten akribisch dokumentiert wird, gehört zur Ausstattung. Darüber hinaus sind für jeden Tag Lebensdaten bekannter Musikerinnen und Musiker aufgelistet. Und die grafisch ansprechende Gestaltung rundet den Musik Kalender der edition momente harmonisch ab.


Neue Einblicke gewinnen. Das ist für mich ein geeignetes Stichwort für die weitere Reise durch den Musik Kalender. Denn Gustav Leonhardt und das Cembalo – die beiden gehören doch eben so untrennbar zusammen wie Anfang und Ende. Doch wie mögen sie überhaupt zueinander gefunden haben? War es vielleicht so, dass der kleine Gustav im Radio Cembaloklänge gehört hatte, worauf er sich in unmittelbarer und grenzenloser Faszination und mit wochen- oder gar monatelanger Ausdauer die von den Eltern zunächst entrüstet und kategorisch abgelehnte Anschaffung eines Cembalos erquengelte?

Nein, ganz so war es nicht, wie wir durch das im Kalender wiedergegebene Zitat erfahren können:

Anfangs zog mich das Cembalo nicht an – ich wurde mit ihm konfrontiert! Als ich etwa zehn Jahre alt war, vor dem zweiten Weltkrieg, spielten meine Eltern, die keine Musiker, aber große Musikliebhaber waren, mit meinem Bruder und meiner Schwester viel Kammermusik. Fast jeden Abend haben wir Musik gemacht. Ungewöhnlich für Amateure zu dieser Zeit, dachten meine Eltern, dass sie ein Cembalo haben sollten, da sie manchmal Telemann und Bach spielten. Also bestellten sie eines, und da ich normalerweise der Tastenmann war, wurde ich ans Cembalo gesetzt und spielte den ausgeschriebenen Continuo-Part…
Gustav Leonhardt

So erhalten wir einen musikalischen Impuls, der uns in unzählige Richtungen führen kann. Denn in den Werkkatalogen von Bach und Telemann finden sich zahlreiche Kompositionen, die im Rahmen der Leonhardtschen Hausmusiken erklungen sein könnten. Vielleicht dieses hier…

Premier Quatuor: IV. Gaiment
aus „Nouveaux quatuors en six suites“
Georg Philipp Telemann

Gustav Leonhardt* Cembalo
Barthold Kuijken • Flöte
Wieland Kuijken • Viola da Gamba
Sigiswald Kuijken • Violine

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass das Quellenverzeichnis des Kalenders viel mehr ist als eine quasi-buchhalterische Pflichtübung. Denn diese Quellenangaben bieten ja eine famose Einladung zu weiterer Lektüre. Zum Kalenderblatt mit Gustav Leonhardt finden wir beispielsweise folgende Adresse:
https://www.earlymusicworld.com/gustav-leonhardt-interview


Wer meine wassermusikalische Reihe seit Beginn verfolgt, wird sich bestimmt an den Künstler erinnern, dem das folgende Kalenderblatt gewidmet ist:

© 2022 by edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Dazu soll natürlich auch gleich Musik des Meisters erklingen:

Nocturne in cis-moll, VL 183
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis*

Grytė Navardauskaitė • Klavier

Hier gibt es allerdings noch mehr als Musik zu entdecken. Denn mit diesem Kalenderblatt wird der Musik Kalender ganz nonchalant auch zum Kunstkalender. Mikalojus Konstantinas Čiurlionis war nämlich ein vielseitig begabter Künstler. Und so bietet es sich an, (mehr als) einen Blick auf seine Gemälde und Grafiken zu werfen:

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Gemälde

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Grafiken


Mein herzlichter Dank…

…geht an Ulrike „Bücherfee“ Sokul. Ohne ihre anregende Initiative wäre dieser Beitrag nicht zustande gekommen. Mit geschickter Hand hat sie einen Kontakt geknüpft, der allen mäandernden Lebenslinien bis heute gefolgt ist. Dafür ganz herzlichen Dank.

Auf Bücherfeens Websaite gibt es übrigens – wortgewählt und schmackhaft ans Herz gelegt – die weiteren Kalender der edition momente zu entdecken:
Der Literatur Kalender 2023
Der literarische Küchenkalender 2023


Und hier noch der Hinweis zum Musik Kalender 2023 der edition momente auf der Seite des Verlags:
https://www.edition-momente.com/kalender/musik-kalender-2023.html


Dass das Titelbild des Kalenders mit Patricia Kopatchinskaja „unerhört“ bleibt, darf natürlich nicht geschehen. Im Gegenteil gibt es dazu sogar eine etwas üppigere musikalische Untermalung. Das folgende Video ist gewissermassen eine Hommage an die verbindenden Qualitäten der Musik. Eine heutige Generation erhält eine Brücke lebendig, die Meister ihres Fachs vor über einem halben Jahrhundert gebaut haben.

Raga Piloo
Ravi Shankar

Patricia Kopatchinskaja* • Violine
Anoushka Shankar Sitar
Tanmoy Bose Tabla
Kenji Ota & ?? Tanpura

Anfang und Ende. Sie gehören auch zum menschlichen Leben. Und vor diesem Hintergrund ist es ein Jammer, wenn ein talentierter Mensch die ihm zu Gebote stehenden Anlagen nicht entfaltet, sondern einfach nur rumhängt. Was den Musik Kalender der edition momente betrifft, so ist dieser zwar als Wandkalender konzipiert. Aber auch bei ihm ist es wirklich schade, wenn er „einfach nur rumhängt.“ Denn dieser Kalender ist recht eigentlich ein Jahrbuch der musikalischen Momente, das zum häufigen und ausgiebigen Stöbern und Entdecken einlädt und das unzählige Impulse zum erlesenen Ohrenschmaus bietet.


Und damit der Musik Kalender der edition momente hier gewissermaßen das letzte Wort hat, präsentiere ich hier noch ein weiteres dieser bildschönen Kalenderblätter:

© 2022 by edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

* Ist im Musik Kalender 2023 auf einem Kalenderblatt porträtiert

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19 Gedanken zu “Jahrbuch der musikalischen Momente

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein positives Echo. 🙂
      Ja, den Literatur Kalender gibt’s ja bereits seit 1984 – schon damals mit dem gleichen Kern-Team. Was ich zum Thema „Bekanntes und Bewährtes“ gesagt habe, trifft somit ganz und gar auch auf den literarischen Kalender zu. Der erste Musik Kalender erschien elf Jahre später, das ist also vergleichsweise „neumodisches Zeug,“ aber mir liegt das Thema halt einfach besonders nahe. 🙂
      Herzliche Grüße zum zauberhaften Tag 🐻

      Gefällt 3 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Ja, das ist in der Tat bemerkenswert. Die beiden Verlegerinnen (Elisabeth Raabe und Regina Vitali) und der Grafiker (Max Bartholl) sind seit Anbeginn dabei. Die verlegerischen Bühnen haben sich verändert. Zunächst war es der Arche Verlag, dann der Arche Kalender Verlag und heute ist es die edition momente. Aber die Hauptpersonen sind geblieben. Der Ausdruck „Werktreue“ (auch in der Musik ein Dauerthema) bekommt hier eine neue Dimension. 🙂

          Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein harmonisches Echo. 🙂 Ja, es ist eine seltsam paradoxe Situation – die Tage werden kürzer und kürzer und dennoch scheint man plötzlich mehr Zeit zu haben… 😉
      Herzliche (und regenfröhliche) Grüße zum zauberhaften Abend 🐻

      Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Das hat durchaus einiges für sich – zumal man in dieser Jahreszeit auch problemlos einen kühlen Kopf bewahren kann. 😀

      Ja, für mich war genau diese Zusammenarbeit zwischen Yehudi Menuhin und Ravi Shankar ein Türöffner. Und zwar letztlich eben auch zu traditioneller indischer Musik.
      Herzliche Grüße zum zauberhaften Tag 🐻

      Gefällt 2 Personen

  1. Ulrike Sokul sagt:

    Werter Maestro,

    wieder und wieder gelingt Dir das Kunststück, vielsaitige Klänge, Worte und Bilder zu einem höchst anregenden, geistreich-amüsanten und genüßlichen musikalischen Menü zusammenzufügen. 🙂
    Ich bin begeistert, entzückt und lauschberauscht und danke verbindlichst für Deinen verlinkenden Hinweis auf meinen bescheidenen Anteil an der Bekanntschaft zwischen Dir und dem Musikkalender aus dem Verlag edition momente.
    Mit meiner Rezension zum Literaturkalender bin diesmal etwas später dran, da sich meine Kalenderlieferung verzögert hat. Doch dies gibt mir die Gelegenheit, dann in meiner Rezension auf die Deine hinzuverlinken.

    Von den vorgestellten Musikstücken sprachen mich diesmal besonders der Telemann und Anoushka Shankar an. 🎶 🎶 🎶

    Herzfreute Grüße von der Bücherfee

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank, liebe Bücherfee, für deine begeisterte Resonanz auf meinen „gemischten Kalenderblättersalat.“ Der Musik Kalender ist so reich an Impulsen, dass die Beschränkung auf eine kleine Auswahl recht schwierig ist. 😉
      Deine Initialzündung wirkt seit 2016 bis jetzt nach, und ich finde, dass sie nach wie vor einer besonderen Erwähnung würdig ist. 🙂
      Deinen Literatur Kalender hatte ich schon vermisst. In ungefähr zwei Wochen wird es bei mir noch einen „musikalischen Nachschlag“ geben, und da gibt es noch freien Raum für einen „linkischen Hinweis.“ 😀
      Von Telemanns Pariser Quartetten gibt es sogar zwei Aufnahmen mit Gustav Leonhardt. Hier die andere Version des ausgewählten Satzes:

      Mit herzlichen Grüßen zum zauberhaften Abend und zur behüteten Nacht 🐻

      Gefällt 1 Person

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