Der Hoffnung den Boden bereiten

Heute möchte ich gleich nochmals etwas zu Petra Pawlofskys Projekt Zündstoff Hoffnung beitragen. Und zwar ist es ja so, dass ein Mensch, der ein traumatisches Ereignis erlebt, in besonderer Weise eines Hoffnungsfunkens bedarf. Und da gilt es, der Hoffnung erst einmal den Boden zu bereiten. Es ist meist wenig förderlich, so zu tun, als wäre alles halb so wild. Hilfreicher ist es zumeist, sich einzugestehen: es ist ganz so wild. Das bedeutet dann, dass man Schmerz, Wut, Verzweiflung usw. erst einmal Zeit und Raum gibt, um sich nach der ganzen vorherrschenden Herzensunlust auszutoben. Dann ist der Boden bereitet, auf dem die Hoffnung neu gedeihen kann.

Eines der ganz großen Orgelwerke Johann Sebastian Bachs kann als Klangbilderbuchbeispiel dafür dienen, wie so etwas ablaufen kann. [Natürlich unterstelle ich nicht, dass Bach damit genau das „gemeint“ hat – aber es passt einfach gut als klangliche Illustration.] Eigentlich sind es zwei Werke, eine Fantasie und eine Fuge, die aber unter der Werknummer BWV 542 zu einem sehr wirkungsvollen Paar verbunden werden. Die Fantasie ist von kraftvoller Dramatik, dergestalt, dass sich ein handelsüblicher Weltuntergang vergleichsweise ausnimmt wie ein Kindergeburtstag. Hier kann man sich die Frage „Alles in Ordnung bei dir?“ schenken. Nach ungefähr sechs Minuten hat es sich ausgetobt. Einige entschlossene Schritte quer über den ganzen Scherbenhaufen – dann ist Schluss. Die Fuge beginnt mit einer munteren Melodie, die jemand entschlossen schreitend singen könnte. Hier geht es nun sehr zielstrebig und strukturiert vorwärts. Dabei ist das Stimmengeflecht ja nicht ganz simpel. Aber das „reinigende Gewitter“ im ersten Teil hat sich ausgezahlt. Der Boden wurde bereitet für neues Wachstum…

Für diesen Beitrag habe ich eine Aufnahme von Leo van Doeselaar ausgewählt, der dieses unglaubliche Kontrastprogramm sehr lebendig gestaltet.

Fantasie und Fuge in g-moll, BWV 542
Johann Sebastian Bach

Leo van Doeselaar • Orgel

Titelbild © Random Randomsen

20 Gedanken zu “Der Hoffnung den Boden bereiten

  1. Stefan Kraus sagt:

    „… dass sich ein handelsüblicher Weltuntergang vergleichsweise ausnimmt wie ein Kindergeburtstag“ 😂🤣 Köstlich!

    Es könnte jemanden geben, der vergangene Nacht mal wieder von einem Albtraum über ein zurückliegendes traumatisches Geschehen aufgewacht ist, und nun an diesem Morgen deinen Beitrag liest. Der zudem am Wochenende eine sich austobende Komposition für Orgel begonnen hat, (welch‘ Frust könnte da wachsen angesichts dieses großen Bachschen Werkes). Wenn es so wäre, man könnte meinen, des Zufalls große Schuhe lassen stolpern, und hineinfallen in ein dankbares Aufgehobensein in Text und Musik.

    Dir einen schönen Tag, und liebe Grüße! 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Manchmal bedarf es halt einfach einer etwas eigenwillig-drastischen Formulierung. 😉

      Der von dir beschriebene Zu-Fall ist in der Tat bemerkenswert. Zumal ich das bereits letztes Jahr ins Auge gefasst hatte – aber erst gestern fand ich dann plötzlich: jetzt ist der Moment. [Das bestätigt auch die Bauernregel: „irgendwann“ ist immer „nie,“ solange es nicht „jetzt“ wird.]

      Mit einem herzlichen Gruß zum lichtvollen Abend 🐻

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        1. Random Randomsen sagt:

          Ja, diese Orgelwerke sind eine überreiche Schatzkammer. Und es ist schon eine fast unglaubliche Vorstellung, dass Bach solche Musik auch einfach aus dem Stegreif improvisiert hat.
          Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

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            1. Random Randomsen sagt:

              Definitiv. 🙂
              Ich frage mich immer mal wieder, was wohl geschehen wäre, wenn Bach ein MIDI-Keyboard und einen Computer mit Notationssoftware gehabt hätte. Was da nicht alles hätte entstehen können. Aber vielleicht wäre es schlicht zu viel des Guten gewesen?

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  2. PPawlo sagt:

    Lieber Random, ich bin dir sehr dankbar für deinen Beitrag und dem neuen Aspekt: der Hoffnung den Boden bereiten . Denn das braucht auch die Hoffnung. Offenheit und keine verschlossenen Türen. Vielleicht auch Katharsis durch dunkle Schluchten zum Licht. Das bietet Bach hier. Seine Fugen sind ja ein ausgezeichnetes Beispiel des Aufstiegs . So beginnt diese Musik hier mit betont ausgedehntem, leidenschaftlichen Ernst. Es gibt für mich im ersten Teil auch schon eine Hoffnungsmelodie, die später aber auch tiefe Abgründe aufweist. Auch bei der aufsteigenden Fuge sind zuerst noch abgrundtiefe Töne im Untergrund zu hören, doch sie werden später wie am Seil nach oben gezogen und drängen schließlich selbsständig in den Vordergrund. Da spätestens wird die Musik so modern, dass man sich gut vorstellen kann, warum Bach uns immer noch so sehr inspiriert und von moderner Kunst aufgenommen und transformiert wird. Wunderschön ist der Abschluss für mich, wenn in ferner Höhe ein gemeinsamer Lobgesang beginnt, Triller zu hören sind, und es auch (etwas wie?) eine neue Stimme in der Höhe gibt. Weit oben endet dann die Fuge. Hoffnungsmuasik eben! Herzensdank für dich!Liebe Grüße, Petra 🐻

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine schöne und spannende Resonanz. 🙂
      „Katharsis durch dunkle Schluchten zum Licht.“ Das bringt es genau auf den Punkt. Wir merken das ja auch bei körperlichen Verletzungen. Eine Wunde zu desinfizieren fühlt sich meist nicht gut an. Aber es ist eine wichtige Voraussetzung für die Wundheilung.
      Bachs Musik ist hier wirklich ein Klang-Bilder-Buch. Es gibt auch in der Fantasie bisweilen ein Innehalten. Wie ein Nachspüren: reicht es jetzt? Und dann die Antwort: nein, noch darf des Tobens kein Ende sein!
      Dass die abgrundtiefen Töne in der Fuge wie am Seil nach oben gezogen werden, ist ein treffendes Bild, das mir sehr gefällt. Die „Seilwinde“ läuft auch wie geschmiert. „Aufwärts“ heißt hier: resolut und dann auch wirklich ganz „nach oben.“
      Genau so erstaunlich wie das Werk selbst ist schon die Tatsache, dass dies vor 300 Jahren entstanden ist.
      Mit einem herzlichen Gruß zum lichtvollen Abend 🐻

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  3. PPawlo sagt:

    Herzlichen Dank für diese stimmige Antwort!
    Deine Blüte möchte ich nicht unerwähnt lassen. Sie weist mit ihren inneren Tiefen nach oben zu den Blütenblättern, in denen sich das Licht oben bereits zeigt . Echt schön! Und in symbolischer Farbpracht! 😊

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    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, diese Blüte sollte eben von der Optik das in Musik und Text Ausgedrückte unterstreichen. Es ist die Blüte einer Ringelblume in einer Ansicht, die man wohl als „Feldhamsterperspektive“ bezeichnen könnte. Und es war zwar für die Auswahl nicht entscheidend, passt aber doch ganz gut, dass die Ringelblume eine klassische Heilpflanze ist, die auch bei verschiedenen Arten von Verletzungen hilfreich ist. 🙂

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  4. Videbitis sagt:

    Ich gab mal einem Freund den Rat, daß, wenn es ihm schlecht gehe, er sich Bach anhören solle, das relativiere so Einiges. Als ich dann selbst mal eine schwere depressive Phase hatte – ich war ernstlich erkrankt – half mir selbst Bach nicht weiter. Aber für den Alltags-Blues, wenn man zuviel Nachrichten gesehen hat mit all den Dummheiten der Welt, die sich täglich ereignen, da hilft eine Bach-Fuge ungemein – besonders, wenn vorher so ein musikalischer Furor erklingt. Vielen Dank, auch für die hilfreiche Beschreibung Deiner Empfindungen beim Hören, ich kann das gut nachvollziehen.

    Wieso kannte ich das Stück bisher noch nicht? Vielleicht, weil ich nicht so ein Orgelklang-Fan bin. Gleich mal schauen, ob es auch eine Klavierversion gibt.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine ausführliche und spannende Resonanz. 🙂
      Es ist vielleicht ein wenig vergleichbar mit einem Kräuteraufguss. Je nach Vorlieben kann man eine Mischung zum Genuss trinken, oder auch eine Erkältung abwenden oder lindern. Aber bei einer heftigen Lungenentzünding ist es mit Teetrinken nicht mehr getan.
      BWV 542 finde ich hier besonders spannend, weil die Fuge mit dem Kontrast der vorangestellten Fantasie ganz anders wirkt, als wenn sie einzeln auftritt (obwohl sie wohl ursprünglich als „Einzelkind“ gedacht war).
      Von BWV 542 gibt es für Klavier die Bearbeitung von Franz Liszt, die man beispielsweise mit Daniil Trifonov findet.
      Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

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      1. Videbitis sagt:

        Das ist ein sehr guter Vergleich. Und um im Bild zu bleiben: Allen Anhängern der Bachblütentherapie empfehle ich, die Blüten einfach wegzulassen.;-)
        Danke für den Tipp, Trifonov habe ich mir angehört, der macht das recht gut – und hat auch den passenden Gesichtsausdruck dazu.

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