XII • Finn veien, engel

Mit dem heutigen Fenster wird die erste Hälfte meines klingenden Kalenders komplett. Aber es ist auch bereits der dritte Adventssonntag. Wer einen bekerzten Kranz sein eigen nennt und den damit verbundenen Traditionen folgt, wird heute die dritte Kerze anzünden – und damit wird das bereits eine ziemlich lichtvolle Angelegenheit. Das steht auf den ersten Blick stark im Kontrast zu dem, was ich heute im Programm habe.

Für den heutigen Tag habe ich ein Lied ausgewählt, das kurz vor Ende des letzten Jahrtausends entstanden ist. Inhaltlich ist es eine dringliche Bitte an einen Engel, der früher schon seinen Weg zu den Menschen auf Erden gefunden hat. Die Autorin findet, dass ein erneutes Erscheinen dieses Engels buchstäblich not-wendig wäre. Sie will auch Musik erklingen lassen, eine Türe offen halten, Lichter anzünden…und geduldig warten…

In den beiden folgenden Strophen zeigt sich, warum sie die Wiederkunft des Engels so dringend wünscht. Denn es gibt niemanden, den man nach dem Weg fragen könnte, und kaum jemanden, der wüsste, ob die Menschen überhaupt wissen, was sie tun. Fest steht, dass das menschliche Tun eine Spur von Tod, Zerstörung und Leid hinterlässt. Und dieser Spur folgend würde der Engel seinen Weg unfehlbar finden.

Interessanterweise steht die Musik in starkem Kontrast zu diesem düsteren Text. Sie ist von sanfter Schönheit und könnte sich gut für ein Wiegenlied eignen.  


Finn veien, engel
Text & Musik • Kari Bremnes

Jorunn Undheim • Gesang
Bjørge Verbaan • Klavier

Jorunn Undheim • Gesang
Bjørge Verbaan • Klavier
John Inge Knudsen • Gitarre

In der zweiten Version wird die erste Strophe wiederholt. Und das ist, wie ich finde, ein sehr geschickter Zug. Denn diese erste Strophe drückt die Bereitschaft aus, zu einer lichtvolleren Welt beizutragen – und genau das wird durch die Wiederholung nachdrücklich bekräftigt.

Und aus eben dieser Wiederholung wurde auch die Idee geboren, den heutigen Beitrag meines Julekalenders um einige weiterführende Gedanken zum Lied zu erweitern und dem Projekt Zündstoff Hoffnung von Petra Pawlofsky hinzuzufügen. Denn mit der Hoffnung ist das ja so eine Sache. Am kraftvollsten leuchtet sie, wenn man ihrer am wenigsten bedarf. Hier in diesem Lied ist die Hoffnung bereits von Beginn an zaghaft. Ein Notsignal. Und in der Folge geht der Text gleichsam in düsterer Schwere unter. Da ist der Weg nicht mehr weit zum Eingeständnis: die Not ist zu groß und ich bin zu klein. Aber diese Wiederholung, diese wundervolle Wiederholung der ersten Strophe – sie bekräftigt: ich bleibe dran, ich habe eine kleine Flamme der Hoffnung angezündet, und zu der will ich Sorge tragen. Die Hoffnungslosigkeit erzählt gern davon, was man mit der größtmöglichen Kelle alles müsste und sollte (wenn man denn könnte), um der Probleme Herr zu werden. Aber es ist zwecklos, die Hoffnung mit Konjunktiven füttern zu wollen. Es gilt, die Hoffnung zu nähren und sei sie noch so klein. Oder vielleicht ganz besonders dann, wenn sie klein und verletzlich ist. In diesem Zusammenhang gefällt es mir besonders gut, dass die Musik hier an ein Wiegenlied erinnert. Ein kleines Kind stillen und ihm dabei ein Lied singen – die Hoffnung nähren.

Und ist es nicht so, dass durch die Klänge des unsichtbaren Gitarristen in der zweiten Version fast der Eindruck einer himmlischen Resonanz auf die irdische Hoffnung entsteht?



Über folgenden Link ist die Gesamtübersicht der bisher veröffentlichten Julekalender-Beiträge verfügbar:
Julekalender 2016 • 2017 • 2018 • 2020 • 2021


Titelbild © Random Randomsen

8 Gedanken zu “XII • Finn veien, engel

  1. Judith sagt:

    Sehr ernsthaft und nachdenklich heute, was du schreibst. Hoffnung, ein zentrales Thema des Advent. Schön der Gedanke, sie zu nähren wie eine kleine Flamme, ein kleines Licht, das es zu pflegen gilt, dass es nicht erlischt in der Dunkelheit. Wir haben heute im Gottesdienst ein Lied gesungen, in dem der Dank für die Hoffnung ausgedrückt wird. Bewahren wir sie, gerade in diesen Zeiten.

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Der Text des Liedes gehört zum Düstersten, was mir im Bereich der Weihnachtslieder bisher begegnet ist. Aber genau vor einem solchen Hintergrund ist auch eine winzige Flamme der Hoffnung plötzlich ein großes Licht. Es kann ja auch die Stunde kommen, in der ein Mensch jede Hoffnung aufgegeben hat. „Mørketid“ in Herz und Seele. Und in diesem Moment regt sich ein Funke in ihm. Da sind wir bei diesem kleinen Licht, das es zu nähren und pflegen gilt…
      Und Dankbarkeit ist übrigens, wie ich finde, ein erstklassiges Nahrungsmittel für einen kleinen Hoffnungsfunken.
      Mit einem herzlichen Gruß zum lichtvollen Adventssonntagabend 🐻

      Gefällt 2 Personen

  2. PPawlo sagt:

    eine besonders schöne musik hast du da ausgesucht. deine gedanken sind auch sehr interessant und weiterführend. das lied erinnert mich an den bekannten engel von paul klee, der die welt mit erschütterung anschaut. es ist der bekannteste seiner engel. liebe grüße und ganz herzlichen dank, petra

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine berührte Resonanz. 🙂
      Ja, Paul Klees Engel würde da eigentlich auch gut hineinpassen – fast irgendwie in eine Zwischenwelt, zwischen den Schrecken des Textes und der Schönheit der Musik.
      Mit einem herzlichen Gruß zum zauberreichen Abend 🐻

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.