Kontemplativer Scarlatti

Domenico Scarlatti hat der Nachwelt mit seinen 555 Cembalosonaten einen faszinierenden und vielseitigen Klangkosmos hinterlassen. Dabei ist es allerdings so, dass wir über diese Sonaten sehr wenig wissen. Nur ein kleiner Bruchteil der Sonaten ist zu Scarlattis Lebzeiten im Druck erschienen. Und darüber hinaus existiert nicht ein einziges Autograph. Die Sonaten sind durch mehrere teils sehr umfangreiche Sammlungen von Abschriften überliefert. Manche der Sonaten sind in mehreren Sammlungen enthalten, andere nur in einer. Dies trifft beispielsweise auch auf die C-Dur Sonate K 356 zu – sie ist nur in jener Sammlung zu finden, die heute in der Biblioteca Palatina in Parma liegt. Es ist Scarlattis erste Sonate in der als höchste Note ein g“‘ vorkommt. Bemerkenswert ist zudem die rätselhafte Anmerkung „Per Cembalo expresso.“ Dazu gibt es zwar verschiedene unterschiedliche Theorien. Aber bis heute weiß niemand mit Sicherheit, was darunter zu verstehen ist.

Da nun bekanntlich über die näheren Umstände ihrer Entstehung auch bei der Sonate K 356 nichts bekannt ist, habe ich mir kurzerhand ein Szenario ausgedacht, das zumindest mit dem Klangerlebnis harmonieren könnte. Optischer Aufhänger dazu ist Bild Nr. 2 aus Myriades November-und-Dezember-Impulswerkstatt.

© Myriade

Und zwar sehe ich vor mir einen Scarlatti, der ungestört über sein musikalisches Schaffen nachdenken möchte. Sitzt er an seinem Instrument, sprudeln die musikalischen Einfälle zwar immer, dass es eine reine Freude ist. Aber heute steht ihm der Sinn bildlich gesprochen nicht nach einer Fontäne im Schlosspark, sondern nach einem tiefen, stillen Brunnen. Also unternimmt er einen ausgedehnten Spaziergang, sinnt über sein bisheriges Schaffen nach und erwägt Möglichkeiten der weiteren Entwicklung. Auf der hier abgebildeten Bank lässt er sich nieder. Und da geschieht etwas Bemerkenswertes. Die Eindrücke des Spaziergangs und seine musikalischen Gedankengänge verbinden sich zu einer klanglichen Vorstellung. Es ist eine Vorstellung, die durchaus dem Charakter seines bisherigen Werks verbunden bleibt, die aber auch einen Weg in die Zukunft weist.

[Ob die klangliche Vorstellung so weit in die Zukunft gewiesen hat, dass Scarlatti sogar, wie in der zweiten Aufnahme, den Klang des Konzertflügels gehört hat, weiß natürlich niemand. Denn die Geschichte steht ja, wie gesagt, auf dem soliden Fundament der freien Erfindung. Tatsache ist aber immerhin, dass Scarlatti-Experte Ralph Kirkpatrick bei der K 356 stilistisch das ortet, was er als „the late manner“ bezeichnet. Irgendwie stehen wir hier also schon an der Schwelle zu musikalischem Neuland.]


Sonate in C-Dur, K 356
Domenico Scarlatti

Scott Ross • Cembalo

Sonate in C-Dur, K 356
Domenico Scarlatti

Peter Katin • Klavier

Titelbild © Random Randomsen

19 Gedanken zu “Kontemplativer Scarlatti

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieblichen Dank für dein erfreutes Echo. 🙂
      Zur Abwechslung eine kleine „Fantasia“ über eine dieser fantasievollen Sonaten. Manchmal kann es ganz interessant sein, sich der Musik auf neuen Pfaden anzunähern.
      Mit einem herzlichen Gruß zum zauberhaften Tag 🐻

      Gefällt 3 Personen

  1. finbarsgift sagt:

    PS: Hier zeigt sich wieder mal seeehr deutlich, wie unterschiedlich Interpretationen derselben Sonate auf Cembalo bzw. Klavier sein können, sind. Ich gebe hier dem Original klar den Vorzug, Scott Ross erhält den tänzerischen Basisrhythmus wundervoller 🙂 Überhaupt muss man ihm sehr dankbar sein für seine fantastische Gesamteinspielung der 555 musikalischen Kleinode von Scarlatti, vielleicht sogar die beste…

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Diese Gesamteinspielung ist in der Tat ein monumentaler Meilenstein in der Geschichte der Scarlatti-Sonaten. Mich hat diese Ausgabe von Anfang an begeistert. Aber zunächst ganz einfach deshalb, weil man die meisten der 555 Sonaten zuvor überhaupt noch nie gehört hatte. Inzwischen habe ich von sehr vielen Sonaten sehr viele unterschiedliche Versionen gehört. Und die Interpretationen von Scott Ross erweisen sich immer und immer wieder als „sicherer Wert.“ Dabei sind die Aufnahmen ja in einer recht kurzen Zeitspanne entstanden. Ich vermute, dass Scott Ross so tief und kompromisslos in die Scarlatti-Klangwelt eingetaucht ist, dass er ein geradezu fabelhaftes intuitives Verständnis für diese Musik entwickelt hat.

      Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou sagt:

    So schön Text und Musik, lieber Random. Ich sehe nun tatsächlich den Spaziergänger, wie er beschwingt-fröhlichen Schritts durch die Stadt spaziert, den Kinderspielen und Brunnen sein Ohr leiht, aber nicht umhin kann, im Untergrund den Wind der Geschichte zu spüren, der auch durch diese Gassen brausen wird.

    Gefällt 3 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Großartig, wie du Licht ins Dunkel der Entstehungsgeschichte dieser Sonate bringst! So erinnert mich dein Bild etwas an die Sonatenform, aber noch viel mehr an Gucklöcher in den fanatsievollen Hintergrund von dieser! Die Verbindung zu Myriades Bild ist bestens gelungen! Gratuliere! 👍

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Hab‘ lieben Dank für deine erfreuliche Resonanz. 🙂
      Inzwischen bin ich dazu übergegangen, bei den Impuls-Beiträgen als zusätzliche Facette noch ein eigenes Titelbild einzufügen. Deine Verbindung zwischen Bild und Beitrag wirkt für mich sehr stimmig. Für mich standen bei der Auswahl vor allem die drei stilistischen Phasen im Vordergrund, die sich in dieser Sonate irgendwie treffen. Aber so ein Bild lässt ja genug Spielraum für verschiedene Deutungen. 😉
      Mit wohlklingenden Grüßen 🐻

      Gefällt 2 Personen

  4. Myriade sagt:

    Ohhh, ohhh, ohhhh, jetzt habe ich vor lauter Flusspferden, Efeu und Elefanten doch glatt diesen schönen Beitrag überscrollt, falls man das so sagen kann. Ich finde die zweite Aufnahme sehr beschwingt und irgendwie südlich. Außerdem spekuliere ich darüber, was der Mönch in dem schönen Ambiente wohl liest. Danke für die Anregung!

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Es kann dem einen ungestörten Rückzugsort suchenden Scarlatti doch nur recht sein, wenn er übersehen wird. 😉 Domenico Scarlatti hat ja in seinem Leben viele spanische Einflüsse aufgenommen und sie mit seinen neapolitanischen Wurzeln zu einem ganz persönlichen Ausdruck geformt. Da schwingt also schon viel Südliches mit.
      Vielleicht liest der Mönch eine Beschreibung der Gegend, die er sähe, wenn er sich des Lesens enthielte und sich umdrehte? 😀
      Mit einem klangvollen Abendgruß 🐻

      Gefällt 1 Person

  5. o)~mm sagt:

    Tja, ich mag das Klavier sehr sehr, aber hier ist das Cembalo für mich ergreifender.

    Ja, es wäre gewiss spannend zu erfahren, wie ein Künstler zu seinem Werk inspiriert wurde.
    (Da denke ich an ein kleines feines Buch „Musenküsse“ in diesem werden von Schriftstellern, und Komponisten die teils sehr rigiden Angewohnheiten beschrieben – sehr schön.)
    Das Titelbild finde ich auch ausgesprochen spannend!

    …grüßt Syntaxia, gern gelauscht habend

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dieses harmonische Echo. 🙂
      Scott Ross hat hier eine wirklich überzeugende Interpretation geboten. Zudem hat das hier gespielte Cembalo einen richtiggehend sinnlichen Klang, der gut zur Sonate passt.
      Ja, in vielen Fällen gibt es aus erster oder zumindest zuverläßiger zweiter Hand allerlei Hinweise auf die Entstehung von Werken. Bei Scarlatti ist da ausgesprochen wenig bekannt. Dafür ist dann auch das Titelbild typisch, das ja eigentlich wenig Licht ins Dunkel bringt. 😉
      Mit einem klangvollen Abendgruß 🐻

      Gefällt mir

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