Snilla Patea

Heute möchte ich hier ein Musikstück vorstellen, dass ich um seiner zauberhaften Schönheit willen ausgewählt habe. Es handelt sich allerdings um ein in verschiedener Hinsicht ausgesprochen originelles Werk, so dass ich etwas mehr darüber erzählen will. Bereits die Besetzung ist von einer eher seltenen Art: Solovioline und Chor. Besonders bemerkenswert ist das Werk aber in stilistischer Hinsicht. Es verbindet volksmusikalische Tradition Norwegens und klassische Musik auf höchst eigentümliche Weise. Solche Verbindungen kennen wir ja beispielsweise aus der Musik von Edvard Grieg oder Geirr Tveitt, die aber traditionelle Melodien sozusagen „ins Klassische übersetzten.“ Auch Musiker anderer Stilrichtungen nehmen sich immer wieder gerne auf ihre Weise des traditionellen musikalischen Erbes an. Das Ergebnis wird naturgemäß nicht immer allen gefallen, aber es trägt doch oft dazu bei, Traditionsmusik einem Publikum zu erschließen, das sonst nie auf die Idee gekommen wäre, sich „Bauerntänze“ anzuhören. Bei Bjørn Kåre Odde liegen die Dinge etwas anders. Er kleidet nicht alte Musik in ein neues Gewand, sondern er schafft etwas gänzlich Neues, das aber stark in Ausdrucksmitteln der Traditionsmusik verwurzelt ist.

In der Volksmusik Norwegens gibt es die Bezeichnung Slått, die so etwas wie ein Sammelbegriff für Instrumentalstücke mit (meist) tanzmusikalischem Charakter ist. [Wer mit Griegs Werk vertraut ist, wird dessen Op. 72 kennen, das im Original den schlichten Titel Slåtter trägt.] Mittlerweile ist dieser Begriff im Begriff, sich landesweit zu etablieren. Die Anwendung ist aber nach wie vor regional unterschiedlich – in einigen Gegenden ist das Spektrum der als Slått aufgefassten Tänze begrenzt. Auch sind immer noch andere regionale Bezeichnungen gebräuchlich. Etwa Lek oder Leik (Spiel). Interessant ist die in Setesdal seit langem verwendete Bezeichnung Slag. Ich erwähne hier, dass dieses Wort „Schlag“ ausgesprochen wird, erspare mir allerdings eine Übersetzung. 😉 Damit sind wir auch der Bedeutung des Ausdrucks Slått auf der Spur. Denn das zum Schlag passende Verb schlagen lautet im Norwegischen: slå.
Slått – geschlagen. Das mag nicht sehr musikalisch wirken. Eher wie eine ironische Anspielung darauf, dass die eine oder andere Festivität mit rauschenden Tänzen schon mal in einer berauschten Schlägerei endete. Aber die tatsächliche Bedeutung liegt darin, dass eine Saite oder Taste eben (an)geschlagen wird. Wir kennen ja auch heute noch den Begriff des Anschlags beim Klavierspiel. Auch die geläufige Bezeichnung Toccata schlägt in die gleiche Kerbe. Und zumindest als Familienname hat sich im deutschen Sprachraum die Erinnerung daran erhalten, dass ein Spielmann beispielsweise ein lūtenslāher (Lautenschlager) sein konnte.

Eine Besonderheit im Reigen der Slåtter ist die als Lyarslått oder Lytteslått bezeichnete Gattung. Diesem Ausdruck liegt das Verb lytte (hören, zuhören) zugrunde. Denn es handelt sich hier um Musik, die nicht für ein tanzendes, sondern für ein zuhörendes Publikum gedacht war. Diese Form dürfte primär auf Virtuosen der Hardangerfiedel zurückgehen, die sich nicht damit zufrieden geben wollten, zum Tanz aufzuspielen, sondern die sich als Konzertmusiker auf teilweise ausgedehnte Tourneen begaben. Sie blieben zwar in ihrem volkstänzerischen Erbe verwurzelt, entwickelten dies aber auf eine Weise weiter, die sowohl einem anspruchsvollen Lauschpublikum als auch ihren eigenen musikalischen Fähigkeiten besonders entsprach. Und die Gattung des Lyarslått stand auch Pate beim hier vorgestellten Werk von Bjørn Kåre Odde. Wobei der Lyarslått hier gleichsam über sich hinauswächst und eine neue Ebene erreicht.


Snilla Patea
Bjørn Kåre Odde

Bjørn Kåre Odde • Violine
Schola Cantorum Oslo • Tone Bianca Sparre Dahl (Leitung)
Synnøve Sætre • Sopran Solo

Titelbild © Random Randomsen

19 Gedanken zu “Snilla Patea

  1. Karin sagt:

    Himmlisch schöne Musik in diesem Gotteshaus, wobei vor meinen Augen nicht nur die himmlischen Heerscharen auftauchten, nein auch Luzifer und die Trolle tanzen ab und an und spielten mit .
    Ich mag es sehr, wenn Du uns etwas über die Musik und die Stücke erzählst; ich lerne so gern dazu.
    Aus ich-weiß-nicht-was-es-soll-Wetter einen herzlichen Sonntagsgruß vom Dach, Karin

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine klangberührte und interessierte Resonanz. 🙂
      Diese zauberhaften Klänge haben in der Tat ein ganz besonders breites Ausdrucksspektrum. Vom Sakralen bis hin zu Andeutungen, der Ausdruck „slått“ könnte vielleicht doch etwas mit fliegenden Fäusten zu tun haben. 😉
      Es freut mich sehr, wenn dir auch mein „Beigemüse“ schmeckt. Ich fand es ganz spannend, mal ein wenig zu zeigen, was bei so einer Klangblüte alles im Wurzelgeflecht steckt. Und es mag auch deshalb von Interesse sein, weil ich derartige Musik ja immer mal wieder im Programm habe. Zudem wird diese Entwicklung von Tanz- zu Konzertmusik auch andernorts stattgefunden haben. So gibt es ja etwa bei Bach eine ganze Reihe von Werken, die recht eigentlich Tanz-Suiten sind, wobei manche Sätze sehr „tanzbeinig“ daherkommen und andere durch und durch konzertant sind.
      Hier hat das Wetter Urlaub – sein Platz wird von wechselnder Bewölkung besetzt. 😉
      Mit einem herzlichen Sonntagsgruß 🐻

      Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Das ist tatsächlich ein ganz besonders hinreißendes musikalisches Sonntagsgeschenk! Alles ist für mich hier stimmig und berührend, ob nun der junge Violonist mit seinem verzückenden Spiel, dem beglückten und beglückenden Gesang und der einfühlsamen Dirigentin mit ihrem freundlich -aufbauenden Lächeln. Überraschend eine Art Staccato zwischendrin und der Abschluss leise und weit unten, tragend und beruhigend. Und was heißt nun Snilla Patea? Mit einem sonntäglich-herzlichen Gruß, Petra

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine harmonisch mitschwingende Resonanz. 🙂
      Ja, tatsächlich finde ich hier auch alles ganz fein abgestimmt, so dass es für mich wie eine Klangblüte ist, die aus vielgestaltigem Wurzelwerk ganz organisch wächst. 🙂 Bemerkenswert durchaus die Struktur des Werks. Wobei dieser lebhafte Mittelteil sich auch sozusagen organisch entwickelt und wieder abebbt. Die Chordirigentin finde ich auch ganz bemerkenswert. Und so passend ihr erster Vorname: Tone. Im Norwegischen hat dies mehrere musikalische Bedeutungen: als Substantiv „Ton,“ als Verb „klingen“ und wiederum als Substantiv in ähnlicher Bedeutung wie das englische „tune.“
      Der Titel des Werks erschließt sich mir nicht, und es ist auch aus veröffentlichten Notizen zum Werk nichts darüber zu erfahren. Ich kenne den Ausdruck „snill“ als Adjektiv (nett, lieb). Aber das hilft mir hier nicht weiter.
      Mit einem herzlichen Sonntagsgruß 🐻

      Gefällt 2 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Herzlichen Dank für die Info! Ja, ich hab schon auch nach einer Übersetzung gesucht, aber nichts gefunden. Allerdings scheint „patea“ aus dem Spanischen zu kommen und hat mit „Stampfen und trampeln“ zu tun. Das bestätigt deine Erklärungen ja noch. UNd kann „stilla“ „bitte“ heißen? das habe ich heute gefunden.
    Fein abgestimmt zu allem ist natürlich auch dein Bild dazu! Wie konnte ich das vergessen? ! 😉
    Einen erfreulichen Wochenstart! Herzliche Grüße, Petra🐻

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine weiteren Nachforschungen und auch für die positive Erwähnung meines Titelbildes. 🙂
      Patea klingt ja auch überhaupt nicht nordisch. Zu deiner spanischen Erklärung würde es schon passen. Bei einem klassischen „Slått“ markieren die Musiker oft die schweren Zählzeiten mit dem Fuß – und die Tanzschritte verstärken das noch. Das „bitte“ kann ich allerdings weder bestätigen noch ausschließen. 🙂
      Mit einem herzlichen Gruß zur zauberhaften Woche 🐻

      Gefällt mir

  4. kopfundgestalt sagt:

    Der kirchliche Raum, in dem das Stück zu sehen und zu hören ist, ist mir eigentlich zu-wider.
    Das mögen manche anders empfinden.
    Für mich ist das eher bedrückennd.
    Die Musik selbst weist für mich auch ein Sehnen „nach oben“ auf.

    Aber dennoch gerne gehört, erweitert mein Spektrum.

    Übrigens habe ich die letzrten 3, 4 Tage viel Musikforschung betrieben, d.h. die Produzenten meiner Sammlungen abgelappert, was sie neues gemacht haben. Und so 4 neue Alben ausgewählt und heruntergeladen.

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein positives Echo. 🙂
      Ich gehe davon aus, dass man diesen Raum um seiner akustischen Qualitäten willen ausgewählt hat. Da es aber ein, wie man sagt, sakrales Gebäude ist, kann das schon zu Missbehagen führen. Und dies durchaus in verschiedene Richtungen.
      Dieses „Sehnen nach oben“ würde ich so auch bestätigen. Die Musik als Seelen-Nahrung und auch als Ausdruck eines Bedürfnisses, über sich selbst hinaus zu wachsen.
      Es freut mich, dass du bei deinen umfangreichen Aktivitäten auch Zeit findest (bzw. dir nimmst), um neue Musik zu entdecken. Vielleicht magst du mal etwas davon im Blog vorstellen?

      Gefällt 1 Person

        1. Random Randomsen sagt:

          Da du ja mit den Insektenfotos und den keramischen Arbeiten ein reiches Angebot hast, wird Musik, denke ich, ohnehin ein gelegentliches Extra sein. Da würde ich mir dann nicht zu viele Gedanken machen, sondern eher dem inneren Impuls folgen, wenn dir beim Musikhören etwas besonders Teilungswürdiges begegnet. 🙂

          Gefällt 1 Person

            1. Random Randomsen sagt:

              Ja, dieser persönliche Bezug schafft eine Nähe, die andere nicht haben. Sie ist aber auch ein guter „Aufhänger,“ um Begeisterung weiter zu tragen. Ich habe mir das Stück im Netz gesucht und fand es ansprechend, mit einem sehr gepflegten Klangbild. Ich fand dann beim Stöbern noch weiteres, was mir sehr zusagte. 🙂

              Gefällt 1 Person

            2. kopfundgestalt sagt:

              Es gab in meinm Leben einige, die eine Begeisterung weitertrugen.
              Z.b. ein Bassist, der mir „Jazzanova“ empfahl. Ich fand das Geklopfe wenig interessant, aber als er mich nach einem Monat wieder fragte und betonte, daß das wohlkomponierte Stücke seien, hörte ich es mir nochmal an und fand: Er hatte recht!
              Von Jazzanaova gings dann weiter zu Gilles Peterson, einem gediegenen BBC-Moderator mit Hang zu Jazz, Soul, Latin, eben allem, das „form and sight“ hatte.
              Unser Jazznitiative-Vorsitzender machte mich auf „Ronin“ aufmerksam. Das eröffnete auch eine neue Welt.

              Gefällt 1 Person

            3. Random Randomsen sagt:

              Solche „Lotsen“ können sehr hilfreich sein, wenn man sein eigenes Hörspektrum erweitern will. Manches braucht seine Reifezeit. Und bei wieder anderem spürt man überhaupt nie eine Resonanz – aber das gehört ja auch dazu. 🙂

              Gefällt 1 Person

            4. kopfundgestalt sagt:

              Liedermacher höre ich überhaupt nicht mehr, Da hab ich einst viel gehört.
              Mein Bruder hatte mich wohl einst für Herman van Veen interessiert. Ich war mit ihm auch 2, 3 mal auf dem Bardentreffen in Nürnberg.
              Obwohl mich einzelne Vorträge heutzutage sehr berühren können (Nein, meine Söhne kriegt ihr nicht) zieht mich nichts mehr da hin.

              Gefällt 1 Person

  5. o)~mm sagt:

    Eine ausgesprochen feine Kombination!! Schon von den ersten Tönen an mitnehmend, mittendrin überraschend und zum Ende hin ausgleichend, quasi zum Anfangsempfinden zurück.
    Die Informationen dazu sind wirklich interessant!
    Zum Thema Schönheit passt die lieblichschöne Blüte natürlich allemal!!

    Liebe Grüße,
    Syntaxia

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein positives Echo zu Ton und Bild. 🙂
      Beim Text war ich mir zunächst unsicher. Braucht es das wirklich? Aber ich habe kürzlich einige traditionelle Stücke aus Südosteuropa gehört und hätte mir gewünscht, etwas darüber zu wissen. Manchmal sind einige Hintergrundinformationen schon ganz schön. 🙂
      Mit klangvollen Grüßen 🐻

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.