Harfentöne beibringen

Die Geschichte mit dem Nöck zu Bild Nr. 3 aus Myriades April-Impulswerkstatt

© Myriade

…bekommt hier sozusagen ein Nachspiel.

In den nordischen Ländern erfreuen sich sogenannte „Mittelalterballaden“ einer recht großen Beliebtheit. Der Ausdruck „Mittelalter“ ist hier möglicherweise mit einer Prise Salz zu genießen. Es gibt keine gesicherten Belege dafür, dass diese Balladen tatsächlich aus dem Mittelalter stammen. Sie gehören aber auf jeden Fall zu den ältesten überlieferten Volksweisen. Oft handelt es sich dabei eigentlich um Volkserzählungen, die auf musikalische Weise dargeboten werden. Und genau wie bei diesen Erzählungen gibt es eine Grundthematik, die in verschiedenen Varianten ausgestaltet wird (und da gibt es dann durchaus auch Wurzeln, die viel weiter zurückreichen als bis ins Mittelalter). Aus dieser „Ursuppe“ haben sich bestimmte Formen herauskristallisiert, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Und auch musikalisch haben sich bestimmte Melodien und Formen sozusagen als „Vorzugsvarianten“ etabliert. Dennoch gibt es keine „einzig richtige“ Version – und genau die daraus entstehende Freiheit der Gestaltung mag viel zur anhaltenden Beliebtheit dieser Balladen beitragen.

Auch die Kraft der Harfe ist in vielgestaltiger Weise überliefert. Der gemeinsame Nenner läuft darauf hinaus, dass ein ungeheuerliches Fabelwesen (oft ein Nöck, manchmal auch ein Troll) durch den Klang einer mit goldenen Saiten bestückten Harfe dazu veranlasst wird, geraubte Menschen wieder freizugeben. In einer bekannten Version ist eine junge Braut bekümmert, weil der Nöck bereits ihre beiden Schwestern auf dem Weg zur Hochzeit geraubt hat – und sie fürchtet, dass ihr das gleiche Schicksal widerfahren werde. Und, richtig, das Befürchtete trifft ein – allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz. Diesmal hat der Nöck aber die Rechnung ohne den Bräutigam (Herr Peder) gemacht. Dieser lässt sich seine goldbesaitete Harfe bringen und spielt darauf so wundersam, dass der Nöck sich letztlich bereit erklärt, nicht nur die geraubte Braut, sondern auch ihre beiden Schwestern herauszurücken.

Harpans kraft
Trad. Schweden (Arr. Kalabra)

Ulrika Bodén • Gesang
Erik Metall • Bass
Sebastian Printz-Werner • Schlagwerk
Simon Stålspets • Cister
Markus Svensson • Nyckelharpa

Eine sehr schöne englischsprachige Version habe ich auch gefunden. Sie stammt von Douglas Jay Goldstein aus New York. Sie ist vom Text her nicht deckungsgleich mit der Version aus Schweden – aber sie folgt doch der gleichen erzählerischen Linie. Seine Inspiration könnte aus Dänemark stammen…

15 Gedanken zu “Harfentöne beibringen

  1. Karin sagt:

    Guten Morgen ins musikalische Balladenland, dem ich aus meiner Sammlung norwegischer Märchen eins beifügen möchte, das auch zur Thematik paßt, ich hoffe, der Link klappt?
    http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Norwegen/P.+%5BC.%5D+Asbj%C3%B8rnsen+und+J%C3%B6rgen+Moe%3A+Norwegische+Volksm%C3%A4rchen/Von+Aschenbr%C3%B6del
    Mit herzlichem Gruß zu Dir in den Freitag , Karin mit felligem Nöck – vielleicht waren bei seinen Vorvorderen mal Nöcks dabei, daher die Liebe zum Waschbecken -:)))

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine märchenhafte Ergänzung. 🙂 Diese Geschichte zeigt ja auch schön das „Spiel der Elemente“ bei solchen Erzählungen. Gewisse Handlungsmuster, die man in vielfältigen Variationen in Sagen und Erzählungen findet. Oder eben auch Gegenstände, wie die goldene Harfe.
      Zumindest in den Erzählungen der Fledermäuse dürfte der Kater durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit einem Nöck aufweisen. 😉
      Mit einem herzlichen Freitagsgruß 🐻

      Gefällt 3 Personen

    2. Leela sagt:

      so eine schöne Geschichte… am schönsten fand ich den Schluss: er rächte sich nicht an seinen Brüdern sondern tat ihnen wohl… das ist wunderschönes Ende. Das Böse wird nicht fortgeführt sondern unterbrochen…

      Gefällt 3 Personen

  2. Myriade sagt:

    Märchenballaden in finsteren Winternächten oder an einem Feuer … stelle ich mir sehr romantisch vor vor allem wenn sie zu Harfenklängen vorgetragen werden …
    Bei dem Märchen mit den gestohlenen Bräuten finde ich „gut“ und „böse“ ausgewogen, bei Karins Märchen ist eigentlich der Held der „Böse“ und der Troll samt Tochter recht naiv. Wahrscheinlich weiß man als Zuhörer*in einfach, dass Trolle böse sind ohne dass diese im Märchen selbst irgendeinen Beweis dafür liefern müssen.
    Mein Dank gilt deiner wunderbaren und vielseitigen musikalischen Untermalung meiner Impulswerkstatt !

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Viele dieser Erzählungen und Balladen sind wohl auch in den laaangen Winternächten entstanden.
      Ja, ich fand diese Harfenballade auch sehr ausgewogen – und damit eben auch ein schönes Ergänzungsstück zum „Nykken“-Beitrag, der ja eine einseitige Geschichte erzählt…
      Beim Askeladden-Märchen hast du absolut recht: die Geschichte stammt aus einer Erzähltradition, in der Trolle massenhaft Mensch und Vieh verderben. Da wirkt es nur gerecht, wenn einer von denen mal sein Fett bekommt. Ohne diesen hier stillschweigend vorausgesetzten Hintergrund wirkt der Held hier ziemlich „schuftig.“
      Mit einem herzlichen Gruß zu dir in die Impulswerkstatt 🐻

      Gefällt 2 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Dass Harfen die Herzen von Bösewichten erweichen können, ist hoffentlich auch wahr?! 😉
    Harfen haben allerdings auch irgendetwas Himmlisches an sich! Schöne Musik hast du dazu wieder ausgesucht! Allerdings könnte die Harfe als Hauptperson hier schon offensichtlicher auftreten.
    Du hast ja allerdings voll vorgesorgt:
    https://randomrandomsen.wordpress.com/2020/11/22/klangreise-mit-nadia-birkenstock/
    Liebe Grüße, Petra

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Um diese Zauberkraft der Harfe ranken sich so viele Historien, dass man sie doch mit Fug und Recht als „historisch verbürgt“ ansehen kann. 😉
      In der schwedischen Version ist zumindest die „nyckelharpa“ zu hören – die eigentliche Harfe ist in der skandinavischen Traditionsmusik nicht vertreten. Nun ist die „nyckelharpa“ allerdings keine Harfe im uns geläufigen Sinn, sondern eine „Tastenfiedel.“ Es ist aber durchaus denkbar, dass in früheren Jahrhunderten der Ausdruck „harpa“ ein breiteres Spektrum an Instrumenten abdeckte.
      Ja, wer die Kraft der Harfe eingehender erleben möchte, wird sich über den von dir eingefügten Link sattlauschen können. 🙂
      Mit einem klangvollen Gruß aus schönstem Regenwetter 🐻

      Gefällt 4 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.