The Last Time We Will Fly Birds

Heute habe ich ein in verschiedener Hinsicht ganz außerordentliches Musikwerk im Programm. Denn hier kommen in ausgeprägter Weise zwei menschliche Fähigkeiten zum Ausdruck, die mich immer wieder erstaunen. Das ist zum einen die Fähigkeit, dramatische / traumatische Erlebnisse durch ein schöpferisches Werk (in diesem Fall Musik) auf eine gänzlich neue Ebene zu heben, auf der die zum ursprünglichen Erlebnis gehörenden Emotionen zwar nicht verdrängt werden, die aber auch Raum für Licht, Schönheit und damit Hoffnung bietet. Es gehört dies zu einem Bereich, den ich gerne als „dem Sinnlosen einen Sinn geben“ bezeichne.

Für sein Album Letters from Iraq hat Rahim AlHaj acht Kompositionen geschaffen, die Lebens-Geschichten aus dem kriegsversehrten Irak in eine musikalische Ausdrucksform bringen. Und hier kommt nun eben auch eine bemerkenswerte Empathie ins Spiel. Der Komponist hat freilich seine eigenen Lebenserfahrungen, aber die hier in Musik gesetzten Erzählungen sind nicht seine eigenen Erlebnisse. Es bedurfte also eines besonderen Einfühlungsvermögens, um sie auf eine so tief empfundene Weise musikalisch auszudrücken.

Ich habe hier den 4. Brief ausgewählt. Die Musik ist von unfassbarer Intensität und Schönheit. Es ist zunächst die Album-Version zu hören.

Rahim AlHaj • Letters from Iraq
Letter 4. • The Last Time We Will Fly Birds – Riyadh 

Rahim AlHaj • Oud
David Felberg • 1. Violine
Ruxandra Marquardt • 2. Violine
Shanti Randall • Viola
James Holland • Cello
Jean-Luc Matton • Kontrabass

Weitere Informationen zum Album „Letters from Iraq“ sind hier zu finden:
https://rahimalhaj.bandcamp.com/album/letters-from-iraq-oud-and-string-quintet

Und hier eine Live-Version, die an Ausdrucksstärke die auf dem Album veröffentlichte Aufnahme noch deutlich übertrifft.

Rahim AlHaj • Letter 4. – The Last Time We Will Fly Birds – Riyadh 

Rahim AlHaj • Oud
Victoria Parker • 1. Violine
Rachel Pearson • 2. Violine
Heather Bentley • Viola
Rajan Krishnaswami • Cello
Stephen Schermer • Kontrabass


Letter 4. The Last Time We Will Fly Birds—Riyadh 

Many teenaged boys kept and flew homing pigeons before the war. The birds lived in coops atop the flat roofs of typical Baghdadi houses. Imagine a feeling of freeing yourself as you watch the birds come out and burst up into the sky. This time, while a boy was traveling to a release point on a hill a few miles from his home, a car bomb exploded and blew his house up, leaving only a pile of rubble. His girlfriend next door was at home. She heard the blast and ran outside. Her alibi for the time they spent together was always that she had to hang laundry to dry, while he would say he was going to the roof to take care of his birds. Now he had two sorrows, and they shared one source: the rooftop of his house was the only place where he could meet his girlfriend, and the pigeons circled above not knowing where to land. 

The oud line paints the realization of their loss, while the violin’s high figure describes the birds flying, the essence of their wing movements, their circling high above the spot where the only home they knew was no more. The feelings of loss circle, too.

© Smithsonian Folkways Recordings


Titelbild © Random Randomsen

9 Gedanken zu “The Last Time We Will Fly Birds

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine bestätigende Resonanz. 🙂 Ja, beides ist geradezu unglaublich. Dass vor diesem Hintergrund solche Schönheit geschaffen wurde. Und dass die Intensität gegenüber der Album-Aufnahme noch deutlich gesteigert werden konnte.
      Mit einem klangvollen Abendgruß 🐻

      Gefällt 4 Personen

  1. PPawlo sagt:

    Was für eine ergreifende, packende Musik! Ja, es ist eine erstaunliche Fähigkeit der Menschen und der Kunst, noch in so großem Leid und Schmerz so viel Schönheit entstehen zu lassen! Ja, oft ist das gerade die Wurzel von menschlicher Größe und großer Kunst. Auch als Zuhörerin empfinde ich trotz all dem Schmerz und Entsetzen der Situation den Zauber der Töne. Und dein Foto lässt aus dunkler Erde etwas Lichtes wie die Vögel aufsteigen? Ist das der Grund für die Auswahl des Bildes? Mit einem herzlichen Abendgruß, Petra

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine berührte Resonanz. 🙂
      Es kommt immer wieder vor, und ist immer wieder bewundernswürdig, wie Menschen aus tiefster Finsternis etwas Lichtvolles zu schaffen vermögen. Hier ist zudem noch sehr bemerkenswert, wie sehr sich Rahim AlHaj in die Geschichten anderer Menschen einlebt.
      Ja, genau so ist das Titelbild zu verstehen: die lichtvolle Schönheit, die sich aus dem Düsteren erhebt…
      Mit einem klangvollen Abendgruß 🐻

      Gefällt 2 Personen

  2. Karin sagt:

    Warum wird den Menschen im vorderen Orient (inzwischen fast überall auf der Welt) seit tausenden von Jahren nie Frieden zuteil – und immer sind es die Kinder, deren Träume und Hoffnungen in eine bessere Welt grausam zerstört werden. Die Dichter und Musiker wollen mit ihren Worten, ihrer Musik die Herzen ergreifen – schaffen das auf wunderbarste Weise, nur lesen und hören werden es die nicht, auf die es ankommt.
    Herzensdank für diesen Beitrag und mit einem lieben Gruß vom Dach, Karin

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine berührte und engagierte Resonanz. 🙂
      „Die Geschichte wiederholt sich,“ heißt es oft. Aber ich meine, dass dies so nicht stimmt. Denn dies klingt, als wäre hier ein Naturgesetz am Werk, das sich menschlichem Zutun entzieht – vergleichbar mit den sich wiederholenden Jahreszeiten. Die Geschichte aber wird wiederholt, von Menschen, die ganz gezielt solche Wiederholungen wählen. Und jede dieser Wiederholungen ist noch menschenunwürdiger als alle vorangehenden – denn sie geschieht wider noch besseres und umfangreicheres Wissen. Blinde Steuermänner lenken die Narrenschiffe dieser Welt – denn man sieht ja, wie man längst weiß, nur mit dem Herzen gut.
      Mit einem herzlichen und sommersonnigen Gruß aufs Dach 🐻

      Gefällt 2 Personen

  3. Karin sagt:

    Es ist ja gerade unsere Ohnmacht diesen Übeltätern gegenüber, die mich so traurig macht – wir leben in einem Umfeld, einem Land, das uns Sicherheit, Wohlergehen bietet und wir wären moralisch verpflichtet , den Schwächeren beizustehen und wenn ich höre, dass unsere Politiker sich rühmen, 50 Kindern ein Heim zu bieten, dann ist das einfach armselig. Natürlich können wir nicht alle aufnehmen, aber mehr als wir tun. Narrenschiff -gute Metapher – ich habe das Bild von Breughel vor Augen.
    Angeregte Grüße vom ersten Literaturnachmittag nach der langen Pause, Karin

    Gefällt 1 Person

  4. Karin sagt:

    Das habe ich heute gefunden und dabei an diese Musik und die Geschichte dazu gedacht:
    Blumenvogel
    Blumenvogel
    mein Doppelgedicht
    stachelbefiedert
    fliegt manchmal
    in den Himmel
    hat eine verzweifelte Stimme
    moll
    dur
    wie ein Vogel
    nach Liebe ruft
    wie eine Blume
    sich wehrt und öffnet
    im Licht“
    Rose Ausländer

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.