★ Reinhard Mey • Viertel vor sieben

Dunkle Regenwolken sind aufgezogen,
Die Dämmerung fällt auf einmal ganz schnell.
Überm Stahlwerk flackert blau der Neonbogen,
Die Fenster im Ort werden hell.
„Wo hast du dich nur wieder rumgetrieben,
Zieh die klatschnassen Schuh‘ erstmal aus!“
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Und es soll Sonnabend sein, und es soll Topfkuchen geben
Und der soll schon auf dem Küchentisch stehn
Und eine Kanne Kakao und meine Tasse daneben
Und ich darf die braune Backform umdrehn.
Schokoladenflocken mit der Raspel gerieben
In der Schaumkrone meines Kakaos.
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Ein Brief zwischen Zeitung und Werbung im Kasten
Erschüttert dein Fundament:
Anna und Hans, die so gut zusammenpassten,
Haben sich einfach getrennt.
Wie hast du sie beneidet, zwei, die sich so lieben!
Und plötzlich ist doch alles aus.
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Und Vater soll im Wohnzimmer Radio hör’n
In den steinalten Grundig versenkt.
Und die Haltung sagt mir: Bloß jetzt nicht stör’n!
Und wenn er den Blick auf mich lenkt,
Mit der vorwurfsvoll’n Geste die Brille hochschieben,
„Menschenskind, wie siehst du wieder aus!“
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Das Fell wird dünner und leerer der Becher,
Der Zaubertrank wirkt nur noch schwer.
Der Kummer ist tiefer, der Trost scheint schwächer,
Und es heilt nicht alles mehr.
Wo ist meine Sorglosigkeit geblieben,
Was machte Erkenntnis daraus?
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Nur einen Augenblick noch mal das Bündel ablegen
Und mit arglosem Übermut,
Durch dunkle Wege, der Zuflucht entgegen
Und glauben können: Alles wird gut!
Manchmal wünscht‘ ich, die Dinge wär’n so einfach geblieben
Und die Wege gingen nur gradeaus,
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

© 1997 • Reinhard Mey 

Reinhard Mey • Gesang, Gitarre
Manfred Leuchter • Akkordeon


In dieser Woche habe ich Reinhard Mey gleich zwei Mal in einer Kommentarsektion zitiert bzw. ein Video verlinkt. Und das hat mich plötzlich daran erinnert, dass ich in diesem Jahr noch keinen einzigen Sternstunde-Beitrag veröffentlicht habe.

Nun war Reinhard Mey in dieser Rubrik ja auch schon zu Gast. Und es gibt von ihm eine füllhornreife Anzahl an Liedern, die in jeder Hinsicht Sternstundenqualität aufweisen. Der heutige Beitrag zeigt immerhin einen von vielen guten Gründen für diese weitere Sternstunde mit Reinhard Mey. 🙂

Und zur Feier des Tages gibt es davon gleich noch eine zweite Live-Version:

8 Gedanken zu “★ Reinhard Mey • Viertel vor sieben

  1. PPawlo sagt:

    Na, der Teddy mit seiner Gitarre symbolisiert wohl diesen „arglosen Übermut“ der jungen Jahre, von dem hier gesungen wird!? Zählt er zu deinen Schätzen? 🙂 Schön, einmal wieder Reinhard Mey zu hören! Und was haben wir ihm andächtig gelauscht! Er berührt mich nach wie vor mit seiner seiner feinsinnigen Vortragsweise. Ganz natürlich, ohne Allüren. Ich weiß gar nicht, was aus ihm geworden ist? Auch die Begleitung in beiden Videos ist intensiv. Dieses „Manchmal“ kennen wir wohl alle in abgewandelten Formen. Hab Dank für’s Vorstellen und als Anlass für’s Erinnern!
    🐬🐬🐬

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, da sind verschiedene Aspekte, die das Titelbild ausdrückt. Auf der einen Seite eben genau dieser kindliche „leicht-Sinn“. Das ist ja für sich schon vieldeutig. Leichten Sinnes sein. Auch, dass eine gewisse Leichtigkeit im Leben Sinn macht. Daneben ist da aber auch noch die Symbolik der Geborgenheit (Kuschelbär) und Harmonie (Musikinstrument), die ja in jedem Lebensalter ein wichtiges Fundament bilden. Für mein Empfinden ist es ein großes Geschenk, wenn jemand als Kind Geborgenheit und Harmonie erfährt, wenn ein wichtiges Lebensfundament also früh begründet wird.
      Reinhard Mey ist eben absolut ein klassischer „Sternstunden-Typ“, weil wirklich alles stimmt: Text, Musik, Vortragsweise (das schließt die musikalischen Begleiter unbedingt ein). Meines Wissens ist er nach wie vor aktiv, wobei der frühe Tod eines seiner Söhne wahrscheinlich Schaffenskraft und Schaffensfreude nachhaltig getrübt hat.
      Dieser Teddy ist ja erst vor wenigen Jahren zu mir gekommen – er ist, aus verschiedenen Gründen, durchaus ein Schatz für mich. 🙂

      Gefällt 2 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Lieben Dank. 🙂 Reinhard Meys Saite ist immer wieder eine Fundgrube. Auch für Texte, Noten…
          Ja, dieser Unterschied in Ausdruck und Ausstrahlung ist sehr viel-sagend. Das Lied ist vor 20 Jahren entstanden und hat zweifellos auch für seinen Autor seither an Gewicht und Bedeutungsnuancen zugenommen.
          Auch dir einen zauberhaften Tag. 🐻

          Gefällt 1 Person

  2. Ulrike Sokul sagt:

    Ein Wiederhören von Reinhard Mey ist doch stets ein musikalisch-poetischer Genuß mit seelischem Tiefgang! Dank Deiner damaligen Reinhard-Mey-Sternstunde nebst freundlichem Buchhinweis habe ich inzwischen die kompletten Liedtexte im Buchform.
    Mit zunehmendem Alter erkenne ich erst richtig, mit wieviel Geborgenheit und Zärtlichkeit mich meine Eltern in meiner Kindheit umgeben und getränkt haben. Gerne erinnere ich mich z.B. daran, wie ich mich als Kind völlig angstfrei mit der Schaukel hoch in die Lüfte erhob und völlig unbefangen alle Kinderlieder in den Garten hineinsang, die ich damals konnte. Eine solche Leichtigkeit hat nun eher Seltenheitswert.
    Lieben Dank für Musik und Gesang und für die visuelle Bekanntschaft mit Deinem sympathischen, stofftierigen Mitbewohner.
    Mit einem herzlichen Gutenachtgruß 🙂
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine harmonisch mitschwingende Resonanz. 🙂 Bei Reinhard Mey geht es mir immer wieder so, dass ich ja eigentlich um die Qualitäten seiner Lieder weiß, aber beim Hören doch immer wieder davon „überrascht“ werde. 😀 Es freut mich übrigens sehr, dass sein feines Textbuch inzwischen auch in Bücherfeens Schatzkammer ein Zuhause gefunden hat. 🙂
      Oft heißt es ja, dass man Ereignisse in der Erinnerung verkläre, und sie also gleichsam weichzeichne und schönfärbe. Und dergleichen kommt sicher vor. Aber deine Beschreibung zeigt mir, dass dies höchstens die halbe Wahrheit ist. Was nach Verklärung klingen mag, ist wohl oft auch darauf zurückzuführen, dass man den Wert von Erfahrungen / Erlebnissen häufig erst nach und nach im vollen Ausmaß erkennt.
      Ich wünsche dir eine klangvoll-harmonische Woche. Mit herzlichem Gruß 🐻

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      1. Ulrike Sokul sagt:

        Diesen Überraschungseffekt beim Hören von Reinhard-Mey-Liedern kenne ich ebenfalls, 🙂
        Keinesfalls verkläre ich meine Kindheit, denn es gab auch traurige Erschütterungen, z.B. als ich mit neun Jahren vom Gesundheitsamt eine „Kinderkur“ verordnet bekam und sechs Wochen aus dem Schutz meiner Eltern fiel – das würde ich sogar als kleines Trauma bezeichnen.
        Die Hauptelemente meiner Kindheit waren jedoch großzügige Liebe, märchenhafte Verspieltheit, dankbare Naturverbundenheit, Kreativität und Achtsamkeit sowie musische Begeisterung und Unterstützung.
        Dieser Schaukelmoment bleibt indes ein von unvermeidlichen Herzensverletzungen unabhängiges, tiefes Erleben kindlich unbeschwerter Hochgestimmtheit und Lebensfreude.
        Möge sich auch Deine Woche klangvoll-harmonisch entfalten.
        Abendvogelzwitschernde Grüße von mir zu Dir :mrgreen:

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        1. Random Randomsen sagt:

          Gell. Das ist auffallend. Man weiß: das ist gut. Und staunt doch immer wieder darüber, WIE gut diese Lieder sind. 🙂
          Ich wollte auch absolut nicht unterstellen, du würdest mit übrig gebliebenen Ostereierfarben die Kindheit schönfärben wollen. 😉 Aber eben. Wenn die unvermeidlichen Schatten nicht übermächtig sind (was leider auch vorkommt), dämmert es einem doch nach und nach, wie viel man doch mit auf den Weg bekommen hat, was einen ein Leben lang nährt. 🙂
          Mit einem sonnenstrahlenden Mittagsgruß 🐻

          Gefällt 1 Person

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