Mausgeburt

Der folgende Text nimmt seinen Ausgangspunkt im Beitrag «Wiederbelebung einer Maus» von Schreibplanet. Die folgenden Fragen waren also, wie in jenem Beitrag nachzulesen ist, eigentlich für ein Interview mit John Maus bestimmt. John Maus hat diese Fragen nur leider nie beantwortet. Also habe ich Mausens Fragen kurzerhand gemaust und vervollständige das Interview somit aus meiner Sicht. Ich beziehe mich hier also nicht auf John Maus und seine Kunst. Das hier sind Schreibplanetens Fragen und meine Antworten. Und Maus ist raus. Folgerichtig hat auch das für den Beitrag ausgewählte Musikstück nichts mit John Maus zu tun. Aber da es im Text so wirken kann, als würde ich kein gutes Haar an der Popmusik lassen, habe ich hier ein „gutes Haar“ ausgewählt, das ich in der „Popsuppe“ gefunden habe. 😀

Hier also neun Fragen von Schreibplanet und neun Antworten von Random Randomsen.


1. Danke, dass Sie sich Zeit nehmen für mich. Sie sind ein erfolgreicher Musiker, der sich oft dazu äussert, wie Musik heutzutage produziert wird. In einem Interview mit «Deutschlandfunk» (21. Oktober 2017) sagten Sie, dass Melodien, Harmonien und Akkorde immer unwichtiger werden in der Popmusik. Wichtiger werde, «wie der Sound klinge». Bitte erklären Sie das.

Der kontemporäre Popmusikkonsument ist ja in der Regel nicht jemand, der Musik hört. „Musik“ ist für ihn (oder sie) eine Art frei wählbares Umgebungsgeräusch. Es ist gewissermaßen ein akustisches Pendant zum Bildschirmhintergrund auf dem Computer. Musikalische Elemente wie Melodien und Harmonien machen primär dann Sinn, wenn die Musik auch gehört wird. Ich würde nicht behaupten wollen, dass diese Elemente sinnlos werden – aber ihre Bedeutung wird marginal, wenn Musik zur Geräuschkulisse reduziert wird. Wenn du zu Menschen sprichst, die deine Sprache nicht verstehen, brauchst du dich nicht auf Syntax und ähnliche sprachliche Feinheiten zu konzentrieren – gefühlsbefrachtetes Lallen reicht hier völlig aus. Monotonie stört den Konsumenten designter Umgebungsgeräusche wenig. Aber es darf nicht monochrom werden. Sonst blendet das Bewusstsein den Klangteppich nach und nach gänzlich aus. Deshalb sind die Klangfarben das entscheidende Element. 


2. Warum findet diese Entwicklung statt?

Die Fähigkeit, wirklich zuzuhören, scheint beim Menschen seit eh und je in sehr unterschiedlicher Ausprägung vorhanden zu sein. Dies ist auch sehr schön bei der so genannten „klassischen“ Musik zu beobachten, die ja häufig für fürstliche Auftraggeber komponiert wurde. Einige dieser Musikmäzene waren selber hervorragende Musiker. Bei anderen hingegen war Musik lediglich ein Teilelement im Rahmen „gesamtpompöser Inszenierungen“. Nach meiner Erfahrung ist die Zuhörfähigkeit beim Menschen nur latent vorhanden und setzt zu ihrer Entfaltung eine bewusste Anstrengung voraus. In unserer modernen Zeit kommt hinzu, dass Musik fast uneingeschränkt verfügbar ist. Das hat zwar durchaus seine positiven Seiten. Aber wenn jemand sehr häufig und (fast) ausschließlich musikähnliche Erzeugnisse als Hintergrundgeräusch konsumiert, wird seine latente Zuhörfähigkeit natürlich überhaupt nicht entwickelt.  


3. Heisst das, es wird schwieriger werden, Songs mitzusingen, weil es keine Melodie mehr gibt, an die man sich erinnern kann?

Zunächst muss man sich ja vor Augen halten, dass wir im Zeitalter von Autotune leben. Und da stellt sich automatisch die Frage: warum sollte jemand etwas MITsingen wollen, was SO gar nie jemand gesungen hat? Das wäre ja allerhöchst vernunftwidrig. Genau das wiederum macht es aber auch allerhöchst wahrscheinlich, dass viele Menschen es dennoch tun wollen. Aus dem Blickwinkel des mitsingenwollenden Menschen sieht die Sache dann so aus. Die meisten Menschen sind ja, was musikalischen Analphabetismus angeht, hoch qualifiziert. Und vor diesem Hintergrund ist es eine gewaltige Zumutung, wenn man sich irgendwelche bescheuerten Melodien merken muss, nur weil man ein paar Popsongs mitträllern möchte. Werden erkennbare Melodien weitgehend eliminiert, erhöht dies die Mitsingfreundlichkeit der Songs also immens. Man kann eigentlich nichts falsch machen. Und wenn es trotzdem mal „falsch“ klingt, kann man sich damit trösten, dass der Star im Studio wahrscheinlich auch falsch gesungen hat. Nie war man seinem großen Vorbild so nah.


4. Was ist mit Songtexten? Interessiert sich überhaupt noch jemand für Text?

Die Frage ist doch: hat sich überhaupt jemals jemand für die Texte von Popsongs interessiert? Grundsätzlich ist Popmusik ja ein industrielles Massenprodukt. Akustisches Junkfood. Echte Inhalte mit einem intellektuellen oder gar spirituellen Nährwert sind hier wenig gefragt. Wir können also ganz pauschal durchaus sagen, dass sich niemand für die Songtexte interessiert. In der Praxis ist es dann allerdings so, dass immer mal wieder jemand „niemand“ spielt und sich eben doch für die Texte interessiert. Dies kommt sowohl bei den Songwritern als auch beim Publikum vor und ergänzt sich damit ganz hübsch. Aber aus musikindustrieller Sicht ist das irrelevant – ein marginaler Kollateralnutzen, sozusagen. 


5. Sie scheinen viel über Songwriting nachzudenken, gleichzeitig sind Sie ein politischer Philosoph mit Doktortitel. Macht Sie das zu einem intellektuellen Musiker?

Das eine lässt sich wohl nie gänzlich vom anderen trennen. Die Frage ist dann letztlich, wie weit das eine auf das andere abfärbt. Das kann sich in der Praxis ganz unterschiedlich gestalten. Nehmen wir als anschauliches Beispiel einen Mann, der einerseits eine autoritäre Führungsperson und anderseits Vater ist. Dieser Mann wird nun möglicherweise ein sehr autoritärer Vater sein, aber im Gegenzug vielleicht nicht unbedingt ein „väterlicher Führer“. Die Vermengung verschiedener Eigenschaften und/oder Charakterzüge kann also von Fall zu Fall ganz unterschiedlich ausfallen. 


6. Inwiefern kann Popmusik intellektuell sein, und inwiefern nicht?

Wie ich bereits erwähnte, ist Popmusik ein industrielles Massenprodukt. Intellektueller Nährwert ist hier grundsätzlich überhaupt nicht gefragt. Er wird aber zumindest toleriert, solange er die musikgeschäftlichen Aspekte nicht empfindlich stört. Wer als popmusikalischer Künstler Wert auf intellektuelle Komponenten legt, tut gut daran, sie dem Publikum sozusagen „en passant“ unterzujubeln. Ungefähr so, wie man einer kranken Katze die notwendigen Medikamente unauffällig unters Futter mischt. 


7. In einem anderen Interview (mit stereogum.com am 24. Oktober 2017) erzählten Sie, Sie hätten für das neue Album eigene Synthesizer gebaut, damit der Sound anders klingt. Am Ende hätten Sie allerdings feststellen müssen, dass der Sound genau gleich klang wie bei Synthesizern, die es in Musikgeschäften zu kaufen gibt. Haben Sie wertvolle Zeit verschwendet?

Im Gegenteil. Hier offenbart die Popmusik ihre revolutionäre Seite. Wir erleben die Wiederkunft der guten alten „égalité“. Gesellschaftlich war diese ja nicht so der Megahit. Eher eine Art zweistufiger Rohrkrepierer.
1. Gleichheit schön und gut. Aber bitte nicht gleich.
2. Und wenn schon Gleichheit, dann um alles in der Welt nicht für alle gleich gleich. Das muss man hübsch abgestuft an die gesellschaftlichen Gegebenheiten adaptieren, damit die bestehende Ordnung nicht gestört wird.

Nun aber ist eben diese „égalite“ ausgerechnet durch die Popmusik auferstanden. Wie ich da ganz arglos auf meinen Eigenbau-Synthies herumfuhrwerke, ist die „égalité“ ganz unversehens aus diesen schäumenden Klangwellen wiedergeboren. Denn ich habe ganz plötzlich erkannt: EGAL wie man es macht, es klingt immer GLEICH.


8. Fragen Musikjournalisten zu oft, warum jemand so lange für ein neues Album gebraucht hat, und was zur Hölle er diese ganze Zeit über getan hat?

Das Grundübel ist hier eigentlich, dass wir in Zeiten leben, in denen man sich auf niemanden und nichts mehr verlassen kann. Ein Beispiel. Nehmen wir an, ich beginne im Januar die Arbeit an einem neuen Album. Der Plan ist, dieses Album im Herbst zu veröffentlichen. Aber wie kann ich denn ahnen, dass es bereits in diesem Jahr wieder einen Herbst gibt, wo wir doch letztes Jahr schon einen hatten? Man müsste sich halt schon darauf verlassen können, dass es erst wieder Herbst wird, wenn das Album fertig ist. Da liegt das Problem.


9. Sie sind nicht nur Musiker und Philosoph, sondern auch ein extremer Showman, wenn Sie auf der Bühne stehen. Ist dieses Showman-Gebaren nur ein Mittel, um Ihre Musik bekannter zu machen – oder gehört sowas tatsächlich zur Musik?

Unbedingt. Es ist ein Akt der Gnade. Ein rein auf die Musik beschränktes Popkonzert wäre für das Publikum in vielen Fällen eine extrem verstörende Angelegenheit. Die handelsüblichen Konsumenten musikindustrieller Produkte fassen Musik, wie wir bereits gesehen haben, eh nur als eine Art Umgebungsgeräusch auf. Sie sind praktisch auf außermusikalische Reize angewiesen und brauchen dringend eine Form von „Äkschen“. Kommt hinzu, dass das musikindustrielle Standardfutter ohnehin eher ein „musikähnliches Erzeugnis“ ist, bei dem wesentliche musikalische Elemente kaum mehr eine Rolle spielen. Und man kann sich ja schlecht auf eine „Musik“ konzentrieren, die gleichsam gar nicht vorhanden ist. 


Klangbild:
Björk • Prayer of the Heart

Musik von John Tavener, interpretiert von Björk und dem Brodsky Quartet

7 Gedanken zu “Mausgeburt

  1. Schreibmaschine sagt:

    Abgesehen vom epochenprägenden Interview (es wird ungekürzt erscheinen, ich habe übermorgen glücklicherweise ein Loch) und dem spektakulären Foto (wir sehen hier die erste bekannte Aufnahme eines höhenverängstigen Glaselefanten im Pop-Zellophanladen… womit es im Übrigen bewiesen wäre: die Maus ist raus!) begeistert mich vor allem Ihre Musikwahl, werte(r) Randomsen.
    Björk und das Brodsky Quartet. Das pflege ich auch zu predigen, dass das angehört gehört. Damals zum Beispiel, fünfzehneinhalb Monate ist’s her, in Kommentar Nummer 4:

    https://schreibpla.net/2016/10/04/hoffen-ist-voellig-offen/

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank. 🙂 Ich bin ja froh, dass die schönen Fragen nun nicht für die Katz sind. Und dass für das Interview gleich ein passendes Loch bereitsteht, ist ja eine besonders glückliche Fügung. 😀 Genau wie das Titelbild. Dass dieses seltene Viecherl ausgerechnet heute vor meiner Linse auftaucht… 😎
      Ja, Björk mit dem Brodsky Quartet – das ist ein besonderes Geschenk an zuhörwillige Musikgenießer. 😍

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  2. PPawlo sagt:

    Ouf! Schwere, etwas verwirrende Kost, brilliant serviert, und höchst amüsant!
    Betörend schön dann die Musik! Fast ein Gegenbeweis zum Text? Ist das überhaupt Popmusik? Wohl eher ein Mischform. Es hat mich sogar etwas an die Musik der Hl Hildegard erinnert!
    Aha, ein Komponist aus dem 16. Jahrhundert!? Eine Popmusikerin. Und ein Quartet, das vor allem Klassik spielt . (Dank sei Google !)
    Und das Video habe ich bereits mehrmals angeschaut und angehört, weil’s so faszinierend ist!
    Danke , Random! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, so eine wiederbelebte Maus kann mitunter schwer verdaulich sein. 😉
      Die Fragen waren ja teils sehr spezifisch „Maus-bezogen“ – so musste ich mich teilweise arg drehen und wenden. Aber grundsätzlich ist es genau so, dass Text und Musik hier als extreme Kontraste gedacht sind. Der Text zielt (soweit er sich um Musik dreht) voll auf einige Schwachstellen industrieller Musikproduktion und damit verbundener Hörgewohnheiten. Und die Musik (dieses eine Stück ist eigentlich keine Popmusik) zeigt dann, welche Blüten eben auch aus diesem Umfeld wachsen können. Immerhin ist Björk eben schon durch Popmusik berühmt geworden. Dieses zauberhafte Stück hat der Komponist (John Tavener, nicht Taverner) eigens für sie und das Brodsky-Quartet komponiert [von diesem Quartett gibt es, nebenbei erwähnt, eine Gesamtaufnahme der Streichquartette von Schostakowitsch].
      Auch wenn es mir hier primär um die Musik ging – das Video ist auch optisch sehr ansprechend. Ein extra Geschenk. 🙂

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  3. PPawlo sagt:

    🙂 Mir würde die Musik auch allein genügen. Augen zu und bestens! 🙂
    Aber das Video hat was. Am Anfang ist es mir zu bunt. Vielleicht muss man sich auch daran gewöhnen. Doch die feinen und langsamen Bewegungen in immer neue Gebilde sind sehr faszinierend , so faszinierend, dass sie mich auch immer mal von der Musik ablenken und ein Beweis für dein bemängeltes „Äkschen“ ist, wenn es denn randomlike von action abgeleitet wurde. 😀

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    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, die Bilderfolge hat einfach was Magisches, das einen richtiggehend „reinziehen“ kann. Auch wenn es – verglichen mit vielen „handelsüblichen“ Musikvideos – ja nicht so furchtbar viel Äkschen ist. 🙂

      Gefällt 1 Person

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