KiA 10 • Kan du høre hende synge?

Mein zehnter Beitrag zum Projekt Kinder im Aufwind (KiA) greift das bereits bei «No One Else Like You» berührte Thema wieder auf. Allerdings mit wesentlich dunkleren Schattierungen. «Kan du høre hende synge?» ist ein Song des dänischen Rapper-Duos Nik & Jay. Es ist eine schonungslos erzählte Geschichte. Hier ist von Aufwind zunächst überhaupt nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte nimmt hier zwar sozusagen fünf nach zwölf eine neue Wendung. Aber man braucht kaum Phantasie um sich vorzustellen, dass es oft auch anders endet.

Aufwindiger wird die Sache, wenn frühzeitig Gegensteuer gegeben wird. Dazu kann gehören, dass – wie bei Nik & Jay – eine solche Lebensgeschichte in aller Klarheit erzählt wird, dadurch Anregung zum Nachdenken und zu Diskussionen bietet und letztlich zu konkreten Handlungen führt. Ein Beispiel dafür ist das erste Video, das im Rahmen eines Schulprojektes entstanden ist. Ein solches Projekt bringt ja naturgemäß eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema mit sich.

Zur Erinnerung: Das Projekt Kinder im Aufwind wurde im vergangenen Jahr von Petra Pawlofsky ins Leben gerufen, und es gibt dazu bereits nahezu fünfzig Beiträge, die allesamt über eine eigens zu diesem Zweck angelegte Fundgrube verfügbar sind.

Damit die ganze Geschichte mit allen Details verständlich wird, habe ich sie hier in deutscher Sprache nacherzählt. [Der dänische Originaltext ist weiter unten zu finden.]


Kannst du sie singen hören?

Text & Musik: Nik & Jay

Diese Geschichte dreht sich ausnahmsweise nicht um Nik & Jay, sondern um ein Mädchen, das wir getroffen haben. Sie hat uns ihre Geschichte erzählt:

Sie war zehn, als sie erneut die Schule wechselte. Das dritte Mal in zwei Jahren. Inzwischen war es für sie zur Routine geworden. Und als sie sich auf den Weg machte, wusste sie haargenau, was sie erwartete. Das ewig gleiche Lied, der gleiche Hass, die gleichen Kommentare. Sie war das dicke Mädchen der Klasse. Die Schule war eine Hölle. Sie spielte immer nur die gleichen Spiele – und immer nur für sich allein. Sie suchte nach ein wenig Unterstützung, gab aber bald auf. Sie hatte gelernt, sich selbst zu verachten – ihr Gesicht und ihren Körper. Sie schwänzte die Schule, fürchtete sich vor den Schulstunden und meldete sich oft krank. Sie hatte Angst und weinte sich jeden Abend in den Schlaf. Ihre Mutter kümmerte sich nicht um sie, wenn sie überhaupt ausnahmsweise zuhause war. Sie war die Jüngste von vier Kindern. Und selten nahm jemand Notiz von ihr. Ihr Stiefvater trank, und wenn er die Gelegenheit hatte, gab er ihr ein paar Ohrfeigen. Aber nur, wenn die Mutter es nicht sah. Dann konnte man sie auf dem Spielplatz des Wohnblocks sehen. Am Boden zerstört auf einer Schaukel. Und wenn man aufmerksam hinhörte, konnte man sie singen hören.

Sie war auf einer Party der übelsten Sorte. Verwirrt und verzweifelt blieb sie außen vor. Sie fühlte sich ziemlich glücklich, wenn sie betrunken war. Aber es war einmal mehr das gleiche Spiel – sie trank bis zum Umfallen. Vom Alk betäubt lag sie halbnackt in einem Bett. Und ein junger Kerl neben ihr – die Türe war nur angelehnt. Sie war zu müde, um Widerstand zu leisten. Sie schloss einfach die Augen und dachte an etwas anderes. Sie dachte an ihren Traum, Sängerin in einer Band zu sein. Auf den Titelseiten der Zeitschriften wollte sie sein – und eine Menge Fans haben. Aber der Herbst kam. Sie war schwanger. Und es war ihr egal. Auf der Straße zeigten die Leute mit dem Finger auf sie. Mehr und mehr einsame Männer besuchten sie. Sie brauchte Geld für Alkohol, Drogen, Babysachen und Windeln. Aber man nahm ihr das Kind weg und sie dachte: Lasst einfach die Hölle losgehen.

Jetzt schreibt sie Gedichte über Licht und Dunkelheit. Aber meistens über die Dunkelheit. Sie ruft um Hilfe, aber keiner hört sie. Sie steht vor dem Hauptbahnhof. Es schneit, und sie ist auf dem Heimweg an diesem frühen Morgen. Sie legt ihre Lieblingsplatte auf, allein in ihrem Zimmer, mit einer Handvoll Schlaftabletten. Sie schließt die Augen. Sie ist bereit. Sie flüstert zu den Engeln: „Kommt, holt mich fort von hier.“ Sie sieht sich im Spiegel, weint und verflucht die Liebe, die sie nie bekam. Jemand hämmert gegen die Türe, aber sie hört nichts. Sie freut sich nur noch auf den Ort, zu dem sie unterwegs ist. Und du kannst sie singen hören.

Er atmet erleichtert auf, als der Arzt ihm versichert, dass es ihr nun besser geht. Zwölf Stunden lang ist er nicht von ihrer Seite gewichen. Er hat darauf gewartet, dass sie die Augen aufschlägt, nachdem er sie kalt und leblos in ihrem Bett gefunden hatte. Sie kann sich kaum erinnern, und sie erkennt ihn nur mit Mühe. Er lächelt nur, und küsst sie auf die Stirn. Er hat sie immer geliebt, aber hatte nie den Mut, es ihr zu zeigen. Und sie war viel zu nah am Abgrund, um es überhaupt zu bemerken. Aber als er ihre Hand nimmt und ihr vorsichtig übers Haar streicht, sagt ihr eine innere Stimme, dass das hier goldrichtig sein könnte. Sie ist immer noch da – aber ihre Angst ist weg. Sie schließt ihre Augen und ist froh, dass jemand ihren Gesang hörte.


Natürlich möchte ich euch auch das offizielle Musikvideo von Nik & Jay nicht vorenthalten. Und im Anschluss daran gibt es auch gleich noch den Originaltext.


Kan du høre hende synge?

Text & Musik: Nik & Jay

Det her er en historie, som for engang skyld ikke handler om Nik og Jay
Men som handler om en pige, vi har mødt
Hun fortalte os sin historie:

Hun var 10 år gammel, da hun skiftede skole igen
Tredje gang på to år – det var rutine for hende
Og hun vidste udmærket godt, hvad der ventede hende, da hun tog hjemmefra
Det samme show, det samme had, de samme kommentarer
Hun var klassens tykke pige, skolen var et helvede
Hun legede altid kun de samme lege, og havde altid kun sig selv med
Ledte efter lidt medvind, men valgte hurtig at gi‘ op
Hun lærte at hade sig selv, sit ansigt og sin krop
Løj sig syg fra skole, frygtede timerne, pjækkede fra dem
Hun var bange, græd sig selv i søvn hver aften
Og hendes mor var ligeglad, når hun en sjælden gang var hjemme
Hun var den mindste af fire – man lagde sjælden mærk‘ til hende
Stedfaren drak, og havde han mulighed for det
Fik hun en lussing eller to, men kun når mor ikk‘ så det
Så du kunne finde hende på blokkens legeplads, sønderknust på en gynge
Og når du lyttede godt efter, kunne du høre hende synge:

Og hun var til en privatfest – en fucked up en af slagsen
Forvirret, fortvivlet, kunne aldrig finde takten
Hun følte sig ganske lykkelig, når hun var fuld
Men hun endte som altid med at drikke sig selv omkuld
Bedøvet af booze, halvnøgen i en seng
Og en dreng ved siden af hende, fordi døren stod på klem
Hun var så træt, at hun ikke magtede at gøre modstand
Lukkede bare øjnene og tænkte på noget andet
Tænkte på sin drøm – at blive sanger i et band
Om at være på forsiden af blade og have masser af fans
Men efteråret kom, hun blev gravid, hun var ligeglad
Folk pegede fingre af hende og råbte af hende på gaden
Og ensomme mænd besøgte hende flere og flere
Hun skulle have råd til sprut, stoffer, babytøj og bleer
Men man tog barnet fra hende, og hun tænkte:
„Lad bare helvede begynde“
Og man kunne høre hende synge

Og nu skriver hun digte om lys og mørke, men mest om mørke
Og hun råber om hjælp, men ingen hører det
Hun står ude foran hovedbanegården
Det sner, hun er på vej hjem og det er tidlig morgen
Hun sætter sin ynglings plade på sin pladespiller
Alene på sit værelse med en håndfuld sovepiller
Hun lukker øjnene, og hun er klar
Hvisker til englene, „kom og tag mig væk herfra“
Hun kikker sig i spejlet, og hun græder lidt
Forbander den kærlighed, som hun aldrig fik
Og nogen hamrer på døren, men hun hører ingenting
Hun glæder sig bare til det sted, hun skal hen
Og du kan høre hende synge:

Han ånder lettet op, da lægen fortæller, at hun har det bedre
I tolv timer har han ikke flyttet sig nogen steder
Han har ventet på at se hende åbne øjnene igen
Efter han fandt hende kold og livløs i hendes seng
Hun husker ikke meget, og hun kan knap nok kende ham
Han smiler bare og kysser hende på panden en enkelt gang
Han har altid elsket hende, men gjorde aldrig noget ved det
Og hun har været for langt ude til overhovedet at kunne se det
Men da han ta’r hendes hånd og aer hendes hår forsigtigt
Er der noget der siger hende, at det her ku‘ være rigtigt
Hun er her stadig, og hun er ikke længere bange
Hun lukker øjnene, glad for at nogen hørte hendes sang

11 Gedanken zu “KiA 10 • Kan du høre hende synge?

  1. sternenkind11 sagt:

    Diese Geschichte ist ergreifend und rührt zu Tränen. Was viel wichtiger ist – sie wird erzählt. Sie findet Gehör und schafft Bewusstsein. Erschreckend viele Kinder und Jugendliche teilen ein ähnliches Schicksal und sind dabei völlig auf sich selbst gestellt. Doch was kann „man“ tun? Vielleicht sich Zeit nehmen und in den Begegnungen, auch dauern sie nur einen Moment, mit dem Herzen hinter die Fassade blicken. Ein liebevoller Blick, der sagt: „Ich sehe Dich und Du bist wundervoll“ kann sehr heilsam und stärkend wirken und viel direkter bei einem jungen Menschen ankommen als Worte. ❤️

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein sympathisch mitschwingendes Echo. 🙂
      Eine solche Geschichte ist nicht unbedingt leicht verdaulich. Und genau da entscheidet sich bereits, ob es Aufwind gibt oder nicht. Denn oft möchte man in solchen Fällen vielleicht lieber nicht sehen und hören. Und ohne Aufmerksamkeit gibt es keinen Aufwind. Es braucht ja auch gar keinen blinden Aktionismus. Aber Wahr-Nehmung kann bereits Auftrieb geben und schafft unter Umständen auch Vertrauen für weitere Schritte. 🌹

      Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Lieber Random,
    dein neuer aufwindiger Beitrag ist ja wieder eine schöne Überraschung für mich!! 😎
    Es kommt mir vor wie die Kehrseite deines letzten „aufwindigen“ Beitrags KIA 9!
    Im Lied fallen mir da vor allem 3 Dinge auf:
    *wie wichtig für ein Kind ein beständiger Rahmen zum “Wurzelschlagen“ ist
    **wie wenig das Mitgefühl bei Altersgenossen entwickelt sein kann, was zu Spott , Aggression und Mobbing von Außenseitern führen kann
    ***und wie wichtig es ist, die Anteilnahme, das Mitgefühl und Verstehen eines Mitwissernden zu spüren, der die eigene Geschichte kennt und beim Namen nennt…
    Jemand, einem Kind aufmerksam zuhört, ihm das Gefühl gibt, wichtig und okay zu sein, gerade wie es ist, kann viel bewirken und viel Unglück abwenden. Das hat das Mädchen im Lied gerettet.
    Du trägst damit ganz wichtige aufwindige Aspekte bei! 🙂
    Herzlichen Glückwunsch zur KIA 10! Und natürlich ganz, ganz lieben Dank! 🐻

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine zustimmende und ausführliche Resonanz. 🙂
      Es ist sogar ganz gezielt eine Kehrseite zum Beitrag KiA 9. Es ist nämlich so, dass ich dieses Lied sogar zuerst als KiA-Beitrag vorgesehen hatte. Mir schien es aber doch sehr „starker Tobak“ zu sein – deshalb wollte ich sozusagen ein Gegengewicht ins Spiel bringen. So habe ich dann also „No One Else Like You“ quasi eingeschoben.
      Ja, eine einzige Person kann einen riesigen Unterschied machen. Und das ist deshalb ganz und gar entscheidend, weil bei Gleichaltrigen oft dieser „Massen-Effekt“ einsetzt. Wenn die Mobbing-Welle erst einmal losgeht, zieht sie immer größere Kreise und nur wenige haben Rückgrat genug, dem entgegenzutreten. Deshalb ist so ein Song als Schulprojekt natürlich viel wert.

      Gefällt 2 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Ja, es war eine gute Entscheidung, diesen Beitrag später reinzusetzen! Ein Schulprojekt ist natürlich ein Ringe ziehender Stein ins Wasser und hinterlässt nicht nur bei den mitwirkenden Spuren! Wie bist du denn daran gekommen?

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Da steckt letztlich ein langwieriger Reifungsprozess dahinter. Im Ausgangspunkt ist das ja ein „Beutestück“ meiner letzten Tour nach Kopenhagen (ist schon ein paar Jahre her). Irgendwann kam die Idee, das im Aufwind-Projekt unterzubringen. Nach und nach nahm das Ganze dann Gestalt an (eben auch mit diesem „Vorbereitungs-Beitrag“).
      Als Schulprojekt kann so etwas recht weite Kreise ziehen. Vor allem auch, weil das Lied einem bei den Jugendlichen populären Genre angehört. Ganz raffiniert finde ich übrigens diese Frage im Text: «Kann du høre hende synge?» Dahinter steckt ja eine wichtige Frage, direkt ans Publikum gerichtet: sind wir überhaupt aufmerksam genug, das Wesentliche eines Menschen zu erkennen?

      Gefällt 1 Person

      1. PPawlo sagt:

        Ja, so habe ich das auch verstanden. 🙂
        So leicht ist das Verstehen aber auch gar nicht, und viele von uns wollen das ja auch nicht, scheuen die Mühe oder verdrängen ihre Eingebung und bleiben lieber an der Oberfläche des anderen hängen. Und die ist oft eben auch eine Mauer oder eine Maske.

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        1. Random Randomsen sagt:

          Das stimmt. Man muss schon sehr gut hinschauen oder hinhören. Und selbst wenn der Wille da ist, gelingt es nicht immer. Und es gibt oft auch eine ganze Menge Barrieren. Wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg. Aber manchmal schon. Und das macht schon einen Unterschied. 🙂

          Gefällt 1 Person

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