Kristina från Duvemåla

Björn Ulvaeus und Benny Anderson sind zweifellos bis heute als „ABBA Björn & Benny“ am bekanntesten und populärsten. Auf der einen Seite ist dies vor dem Hintergrund der unvergleichlichen Erfolgsgeschichte von ABBA verständlich. Anderseits ist diese Einseitigkeit aber auch schade. Denn die ABBA-Periode umfasst gerade mal zehn Jahre einer inzwischen 51 Jahre dauernden musikalischen Zusammenarbeit. Vor allem aber sind ihre richtig großen Meisterwerke nach der ABBA-Periode entstanden. Davon möchte ich einiges hier vorstellen. Und damit das richtig spannend wird, habe ich mir für den Start gleich das qualitativ und vom Umfang her größte Werk herausgesucht.

1966 komponierten Björn und Benny ihren ersten gemeinsamen Song. Und in den folgenden 20 Jahren behielten sie ihr Erfolgsrezept bei – sie erarbeiteten Text und Musik jeweils gemeinsam. Mitte der 80er Jahre nahmen sie eine Arbeitsteilung vor, die sie bis heute beibehalten haben. Benny Andersson kümmert sich um die Musik – Björn Ulvaeus ist für die Texte zuständig. Nach diesem Muster ist auch das Werk entstanden, das ich heute hier (in Kostproben) vorstellen möchte. Das 1995 uraufgeführte Musical Kristina från Duvemåla ist musikalisch und inhaltlich ein Meisterwerk der Sonderklasse. In verschiedener Hinsicht hat es eher den Charakter einer Oper. Wie die folgenden Kostproben beweisen, ist die formelle Etikettierung aber ohnehin irrelevant.

Ich habe ein Panorama zusammengestellt, das die vier Hauptdarsteller zeigt und dabei gleichzeitig einige ganz unterschiedliche Facetten der Geschichte ins Spiel bringt. Die Videos verfügen über englische Untertitel, wobei Björn Ulvaeus höchstpersönlich bei den Übersetzungen mitgewirkt hat. 


Prolog

Malmö Musikteaters Orkester • Anders Eljas


Hemma

Helen Sjöholm


Vildgräs

Anders Ekborg


Aldrig

Åsa Bergh


Guldet blev till sand

Peter Jöback


Du måste finnas

Helen Sjöholm


Inhaltlich basiert Kristina från Duvemåla auf der Auswanderer-Tetralogie des schwedischen Schriftstellers Vilhelm Moberg. Darin hat Moberg nach umfangreichen Recherchen die Geschichte einiger schwedischer Auswanderer nachgezeichnet. Rund ein Viertel der schwedischen Bevölkerung wanderte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die USA aus. Angeregt durch „Kristina“ habe ich mich vor einigen Jahren durch die rund 2.000 Seiten der vier Bände – Utvandrarna, Invandrarna, Nybyggarna, Sista brevet till Sverige – gelesen. Dabei war ich sehr beeindruckt davon, wie akribisch Björn Ulvaeus die Handlungsstränge, Personen und auch viele charakteristische Details aus diesem umfangreichen Werk herausdestilliert und in einem musikdramatischen Werk von knapp drei Stunden Spieldauer (netto) untergebracht hat.

Auf der anderen Seite hat Benny Andersson hier alle Register seines immensen musikalischen Talents gezogen. Die ausgewählten Beispiele deuten die musikalische Bandbreite des Werks zumindest an. Ganz bemerkenswert ist aber auch, dass die Musik letztlich eine Einheit bildet und nicht einfach ein loser Verbund mehr oder weniger glänzender „Nummern“ ist. Für einen Musiker, dessen Kompositionen mehrheitlich Einzelstücke von unter fünf Minuten Spieldauer sind, ist das eine beachtliche Leistung.

Wer etwas mehr über Kristina från Duvemåla erfahren möchte, kann sich im englischen Wikipedia-Artikel (oder in der knapperen deutschen Version) informieren: 

https://en.wikipedia.org/wiki/Kristina_från_Duvemåla

https://de.wikipedia.org/wiki/Kristina_från_Duvemåla

 

 

18 Gedanken zu “Kristina från Duvemåla

  1. Karin sagt:

    Einen schönen Sonntagmorgen wünsche ich. Meiner fängt jetzt mit diesem Artikel an; ich werde genüsslich die Lieder/Arien anhören und muss gestehen, dass ich von diesem Werk noch nie etwas gehört hatte. Habe herzlichen Dank für Deine Vorstellung. Karin

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine positive Resonanz. 🙂 Dass das Werk in schwedischer Sprache erschienen ist, hat natürlich nicht unbedingt zu seiner Verbreitung beigetragen. An der Qualität fehlt es bestimmt nicht.
      Dir noch einen schönen Sonntag. 🙂

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  2. Mitzi Irsaj sagt:

    Schade, dass es häufig nur auf die 10 Jahre reduziert wird. Auch von mir. Jetzt aber kenne ich etwas mehr und bin beeindruckt wie kraftvoll diese Lieder sind und Lust machen, noch mehr davon zu hören. Danke, für die musikalische Sonntagsuntermalung.

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Es ist wohl auch ein Stück weit so, dass die beiden mehr als genug von der öffentlichen Aufmerksamkeit hatten und noch so gerne einfach in ruhigerem Fahrwasser ihre Musik machen wollten. „Kristina“ ist ein musikalisches Highlight. Aber es gibt noch andere schöne Produktionen, wenn auch leider nicht alles „netzverfügbar“ ist. Aber ich werde wohl noch mal auf das Duo zurückkommen. 🙂

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  3. PPawlo sagt:

    Was für ein wunder-voller, sonntäglicher Beitrag! Ich kannte diese faszinierende Musik auch nicht ! Sie beschwört leidenschaftlich und “ mitfühlend“ das gemeinsame Menschenschicksal herauf, für mich immer wieder das, was uns zutiefst verbindet und was sich auch bei den packenden Gesängen zeigt. Bei YouTube habe ich dann heute eine bezaubernde Serie „Making of a masterpiece“ dazu entdeckt. Nur konnte ich leider keine Aufnahme mit englischem Text (wenigstens eine Übersetzung im Umschlag) dazu finden. Da ist deine Wiedergabe mit eingeblendeter Übersetzung sehr hilfreich. Schon in der Eingangsmelodie deutet sich das Versprechen eines weiten, offenen Landes der Möglichkeiten, aber dann auch Klage, Wehmut, Gefahren, Bedrohung und doch wieder Lebensfreude an. Ganz lieben Dank fürs Vorstellen !

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine zustimmende Resonanz. 🙂 „Kristina“ ist – aus sprachlichen Gründen – bis heute vorwiegend eine „innerschwedische Angelegenheit“ geblieben. Ganz wenige Teile wurden bisher in englischer Sprache aufgenommen. Und es gibt diese Auswahl an offiziellen Übersetzungen, die auch diese unterbetitelten Videos möglich gemacht haben. In Schweden wird „Kristina“ seit über 20 Jahren immer wieder aufgeführt und dürfte wohl eben so populär sein wie die bekannten ABBA-Hits.
      Die Geschichte zeigt die ganz unterschiedlichen Motivationen und Schicksale dieser Emigranten. Und der „Prolog“ deutet vieles davon (wie ein Opern-Vorspiel) musikalisch bereits an. Unabhängig vom historischen Hintergrund sind die Erfahrungen der Protagonisten in erster Linie menschlicher Natur und betreffen auch Menschen mit einem völlig anderen lebensläufigen Hintergrund.
      Die Masterpiece-Dokumentation (insgesamt eineinhalb Stunden) stammt vom Schwedischen Fernsehen und wurde bis heute nicht für „internationale Bedürfnisse“ eingerichtet. Vielleicht gibt es eines Tages eine vollständige englische Version von „Kristina“ – das Potenzial wäre vorhanden.

      Gefällt 3 Personen

      1. PPawlo sagt:

        Hab Dank für all diese Auskünfte!
        Ja, wie ein „Prolog“ kam’s mir auch vor 🙂
        Diese Art von Musikstücken scheint wie wie aus der Volksseele gesungen . Die Erfahrungen mögen ganz speziell sein, reihen sich aber ein in alle menschlichen Erfahrungen. Um so mehr erstaunt es mich, dass bisher kaum etwas übersetzt wurde. Z.Zt. höre ich gerne den Canto general (Musik von Theodorakis und Text von Neruda). Obwohl es um die Geschichte Südamerikas geht, erinnert es mich vor allem an den menschlichen Mut, den Freiheitswillen , und wieder an das Bangen und Hoffen, Trauer und Freude 🙂

        Gefällt 3 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Das stimmt, solche Erfahrungen tragen in sich eine „universal menschliche Note“. Und in einem solchen Werk reichert sich das meines Erachtens weiter an. Individuelle Erfahrungen der beteiligten Personen prägen das Werk. Das beginnt beim Buchautor, geht weiter über den Verfasser der Liedtexte und den Komponisten bis hin zu den Interpreten. Sie alle bringen ihre persönlichen Erfahrungen mit ein und machen die ursprüngliche Erfahrung „universal menschlicher“.
          Den Canto General kannte ich bisher nicht (obwohl mir Theodorakis und Neruda nicht gänzlich unbekannt sind). Das werde ich nun nachholen. Danke für den Hinweis. 🌟

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  4. finbarsgift sagt:

    Toll…
    und mir bisher völlig unbekannt!

    Im Gegensatz zum Auswandererepos, das ja mal irgendwann – way back – der geniale Filmregisseur Jan Troell, mit Liv Ullmann und Max von Sydow in den Hauptrollen, in Szene gesetzt hat,
    und WIE toll!!!

    Dankeschön fürs Erinnern und fürs „neue Musical“…
    Herzlich, Lu

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  5. sternenkind11 sagt:

    Ich bin überwältigt. Was für ein Kunst-Werk. Die Vielschichtigkeit der Emotionen, die in Wort und Klang transportiert werden, ist grandios. Alle Klanggemälde berühren direkt. Auch wenn man sie, ohne die Untertitel zu lesen, hört. Du måste finnas geht mir direkt ins Herz. Der ständige Wechsel zwischen Angst, Wut, Verzweiflung und dem Aufblitzen von Hoffnung – einfach ohne Worte. Herzensdank für die Vorstellung dieses Zauberwerks 😘

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine berührte Resonanz. 🙂
      Ja, „Kristina“ ist ein Meilenstein des Musiktheaters, der weit über die gängigen Abendunterhaltungs-Musicals hinausgeht. Hier haben die beiden Urheber ihre jeweiligen Stärken voll ausgespielt. Da ist so eine Bandbreite menschlicher Höhen und Tiefen in konzentrierter Form zusammengefasst. Text und Musik bewegen sich dabei auf gleicher Höhe und ergänzen sich optimal.

      Gefällt 2 Personen

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