L’arbre

Heute möchte ich an dieser Stelle einen guten Freund vorstellen. Da meine naturgegebene Wortkargheit hier auf WP meist nicht so recht zum Ausdruck kommt, und vor allem aber, weil es in diesem Fall wirklich sehr passend ist, stelle ich diesen Freund nicht mit Worten sondern in einer Bildergalerie vor. Ich zeige ihn aus unterschiedlichen Perspektiven, wobei in einem Bild die Umgebung (d.h. der aussichtsreiche Blick Richtung Süden) aus seiner Perspektive gezeigt wird.

Ergänzt wird meine Bildergeschichte durch einen Text von Hèctor Vila (zunächst im katalanischen Original und später in meiner selbstgestrickten Übersetzung). Nach meinem Empfinden ist es ganz erstaunlich, wie sehr dieser Text zu den Bildern passt, obwohl einige Details auf einen Laubbaum in einer völlig anderen Umgebung schließen lassen. Aber das Essentielle lässt sich hier nicht an einigen Details „aufhängen“. «L’arbre» ist eigentlich ein Liedtext. Allerdings gibt es davon meines Wissens nur eine einzige Aufnahme (auf der CD «Àngel solar» von Hèctor Vila) – und diese Aufnahme ist im Netz nicht aufzutreiben. Dennoch habe ich ein Klangbild gefunden, das hier wunderbar passt.

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L’arbre

Hèctor Vila

Han passat lentament
tants segles de foscor
que ja ni recordo quants
i la memòria em confon.

Hi ha hagut hiverns molt durs,
he vist caure molts llamps
i l’escorça em fa mal de
tanta pluja i tanta sang.

M’ha abraçat fort el vent
i he dormit milers de nits
nu de branques sota el cel,
meditant en l’Univers infinit.

Hi ha hagut estius de foc
que han deixat erma la terra
i he vist caravanes de dunes
avançar cap a la selva.

Sóc la casa dels ocells.
Sóc l’ombra pel caminant
i sóc l’aire que respires.
Sóc, si em deixes ser. Fins quan?

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Der Baum

So viele Jahrhunderte der Finsternis
sind langsam vorübergezogen,
so dass ich nicht mehr weiß, wie viele es waren
und die Erinnerungen durcheinander geraten.

Es gab sehr harte Winter,
ich habe unzählige Blitze einschlagen sehen,
und meine Rinde schmerzt
von so viel Regen und so viel Blut.

Der Wind hat mich kraftvoll umarmt
und ich habe tausende von Nächten
mit kahlen Ästen unter dem Himmel geschlafen
und über das unendliche Universum meditiert.

Es gab Sommer des Feuers,
die das Land unfruchtbar zurückgelassen haben,
Und ich habe Karawanen von Sanddünen
sich dem Wald nähern sehen.

Ich bin das Zuhause der Vögel.
Ich bin der Schatten für den Wanderer
und ich bin die Luft, die du atmest.
Ich bin, wenn du mich sein lässt. Bis wann?

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Klangbild: Bartók • Giuoco delle coppie
2. Satz – Allegro scherzando – aus dem Konzert für Orchester von Béla Bartók

Zoltán Kocsis • Nemzeti Filharmonikus Zenekar (Ungarische Nationalphilharmonie)


Gábor Hollerung • Dohnányi Orchestra

20 Gedanken zu “L’arbre

  1. Mallybeau Mauswohn sagt:

    Lieber Random!
    Traumhaft schöne Aufnahmen von dem Baum, der sich wie ein Oktopus um sich selbst zu ranken scheint. Hervorragend die Bartok-Akustik, die das Ganze zu einem wunderbaren Klangbild werden lässt.
    Wer diesen Baum wohl so gestutzt hat, dass er nun solch verzwirbelte Bewegungen kreiert?
    Vielen Dank für die schöne Zusammenstellung. Immer ein Genuss hier zu verweilen.
    Herzliche Grüße 🙂
    Mallybeau

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank, liebe Mallybeau, für diese feine Resonanz. Eigentlich hatte ich mir ja das Lied von Hèctor Vila als akustische Begleitung gewünscht. Allerdings fand ich dann, dass dieser eine Satz aus dem Bartók-Konzert erstaunlich präzise die Ausstrahlung dieses Baums wiedergibt. 🙂 Möglicherweise ist der Baum in jungen Jahren elchbeknuspert worden. Auch reichliche Schneelasten vergangener Jahrzehnte können zu dieser Formgebung beigetragen haben. Allerdings wurden einzelne Äste eindeutig abgesägt. Vielleicht für ein Lagerfeuer, zu einer Zeit, als die Äste noch in menschlicher Reichweite waren?

      Gefällt 3 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Zumindest ist eine gewisse Elchbeknusperung durchaus wahrscheinlich. Die Elche bevorzugen zwar frisches Grünzeug – aber im Herbst und Winter müssen sie sich mit immergrünen Pflanzen begnügen. Und frisches Grün sprießt in der Gegend oft erst im Mai.

          Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Faszinierend ist dieser Baum auf jeden Fall. 🙂 Ich habe auch schon gehört, dass solche Bäume als „Hexenbäume“ bezeichnet wurden. Aber der Baum hat eine sehr sanfte, angenehme Ausstrahlung und der ganze Platz hat überhaupt nichts „hexisches“ an sich. Ich vermute mal, dass der Baum eine Lebensgeschichte nach dem Motto „was mich nicht umbringt, macht mich stark“ hat. 🙂

      Gefällt 2 Personen

      1. FiktiveWelten sagt:

        Irgendwas in der Art wird es sein. Als siamesischer Zwillingswuchs ist das ganze da oben irgendwie zu jung. Wobei mich die Wurzeln irritieren. Die Bezeichnung Hexenbäume kenne ich allerdings auch. Wer weiß, was der Gute nachts so treibt … ;o)

        Gefällt 1 Person

  2. gkazakou sagt:

    Die Musik von Bartok interpretiert diesen Baum wunderbar. Er bekommt dadurch Kraft und Mut. Schön auch die Wolken und der Himmel und all die brüderlichen Bäume ringsum, die ein leichteres Geschick hatten. Und das Gedicht, das auch für sich allein stehen könnte wie ein Mahnmal,unterstreicht noch einmal das Ja zum Leben. Dass du im Kommentar die Atmosphäre als friedlich und versöhnt beschreibst, tut mir wohl, denn sonst würde der Schmerz über die Verkrüppelung die Freude an seinem Leben überwiegen.
    Du begegnest dem Baum als Freund. Du feierst ihn. Und dadurch hört er auf, ein Krüppel und Hexenbaum zu sein und wird zum Helden und fürsorglichen Vogelfreund. Wer so dem Lebendigen begegnet, heilt Wunden.

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deinen schönen und feinsinnigen Kommentar. 🙂 Ja, diese brüderlichen Bäume ringsum, die gehören möglicherweise ganz entscheidend mit dazu – gut möglich, dass sie ihren (und meinen) Freund in harten Zeiten genährt und unterstützt haben. Die Atmosphäre hat mich tatsächlich überrascht. Man hätte rein von der Optik her vielleicht eine wilde, verbissene und möglicherweise abweisende Ausstrahlung erwartet. Ich habe oft und ausgiebig nachgespürt – und es entspricht recht genau vielem, was in Musik und Gedicht zum Ausdruck kommt.
      Die Idee gefällt mir ausgesprochen gut, dass durch die Art der Begegnung eine Verwandlung stattfindet. Und zwar für beide Beteiligten. Nicht nur wird der Baum in seiner eigentlichen Natur (an)erkannt – es ist ja auch für mich eine erweiterte Lebens-Erfahrung. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  3. Zeilenende sagt:

    Es ist meistens ein Zeichen von Charakter, wenn man anders ist als die andern und dennoch aufrecht dasteht, zwischen all den anderen, als ob nichts wäre. Ob das unter Bäumen genau so gilt wie unter Menschen, vermag ich nicht zu sagen, es wäre dem Baum aber zu wünschen. Denn das Traurige ist – zu Baumfreunden fällt mir immer nur der Schlager von Manuela ein. Und wer wahrscheinlich schon ein ganzes Weilchen im Wald herumsteht, dem wünscht man dem Schicksal dieses speziellen Baumes wohl weniger.
    Wirklich ein sehr sympathischer Gesell, wie er da ganz ungerührt steht.

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Man muss ja immer vorsichtig sein, weil man oft die eigene Befindlichkeit auf die Umgebung projiziert. Dennoch meine ich, im Lauf der Jahrzehnte ein ziemlich gutes „Waldgefühl“ entwickelt zu haben. Und so bin ich ganz bestimmt der Ansicht, dass das mit der Charakterstärke auch in der Baumwelt genau so ist, wie du sagst. 🙂
      „Mein Freund, der Baum…“ – das Kettensägenrisiko scheint mir hier eher gering zu sein. Ich rechne mir eigentlich ganz gute Chancen aus, den Tag nicht erleben zu müssen, an dem dieser Baum nicht mehr an seinem Platz steht. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  4. PPawlo sagt:

    Dieser rundum stimmige Beitrag berührt mich tief! Dass du dir so viel Zeit für deinen einzigartigen Baumfreund nimmst und ihm so viele detailreiche, eigene Fotos widmest ist erstaunlich! Das hat ihm sicher gut getan! Und sogar noch mehr aufschlussreiche Details wären bei diesem Baum interessant: gibt es da Gesichter? Körper? einen Flugversuch? einen Absturz? Zweige wie Wurzeln, die sich zum Himmel strecken? 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Ganz lieben Dank für diese herzerfreuende Resonanz. 🙂 Ja, es ist hier auf jeden Fall im Lauf der Zeit eine sehr spezielle und intensive Verbindung entstanden. Deine Fragen führen mich zu einem interessanten Gedankengang. Vielleicht ist es ein Baum-Engel. Wir sehen also Gesicht, Körper, Flügel – und die Zweige wie Wurzeln weisen darauf hin, wie sehr er im Himmlischen verwurzelt ist. Gleichzeitig sieht man, dass er auch im Erdreich gut verankert ist. Er ist wie ein Gleichnis, das uns zeigt, dass man in zwei Welten zuhause sein kann – aber nur, wenn man keine halben Sachen macht und wirklich in jeder dieser Welten verwurzelt ist. 🙂

      Gefällt 1 Person

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