KiA 7 • Kinderszenen

Heute möchte ich meinen 7. Beitrag zum Projekt Kinder im Aufwind (KiA) präsentieren. Dieses Projekt wurde im vergangenen Jahr von Petra Pawlofsky ins Leben gerufen, und es gibt dazu bereits an die 40 Beiträge, die allesamt über eine eigens zu diesem Zweck angelegte Fundgrube verfügbar sind. Wiederum habe ich, getreulich bei meinem Leisten bleibend, einen musikalischen Beitrag „geschustert.“

Heute stehen die Kinderszenen Op. 15 von Robert Schumann im Zentrum. Das mag zunächst überraschen. Denn diese Kinderszenen sind nicht primär für Kinder gedacht. Robert Schumann bezeichnete diese Sammlung in einem Brief an Clara Wieck als „Rückspiegelungen eines Älteren und für Ältere.“ Es dürfte sich dabei wohl um romantisch verklärende Kindheitserinnerungen handeln. Und daran ist natürlich nichts Verkehrtes. Nur stellt sich die Frage: Wo, bitte, soll denn hier der Aufwind für Kinder ins Spiel kommen? Diese Frage möchte ich über einen kleinen Umweg beantworten.

Es gibt erfreulich viele exzellente Aufnahmen der Kinderszenen. Und das, obwohl diese 13 Miniaturen für erfahrene Konzertpianisten ein Kinderspiel sind. Die Herausforderung liegt nicht darin, die richtigen Töne zu treffen – es geht darum, den richtigen Ton zu treffen. Und genau das scheint die pianisierenden Damen und Herren durchaus zu reizen. Vielleicht liegt es daran, dass es tatsächlich – in verschiedener Hinsicht – ein Kinderspiel ist? Solche romantisiert-selektiven Kindheitserinnerungen halte ich jedenfalls durchaus für sinnerfüllt. Denn unsere Gegenwart ist meist hinreichend satt mit Unlustigem bestückt. Da ist es ja nicht nötig, auch die vergangenen Plagen – die selbst in einer geglückten Kindheit unausweichlich vorkommen – ständig aufzuwärmen und künstlich am Leben zu erhalten.

Damit kommen wir zu der vom „aufwindigen“ Standpunkt her wichtigen Frage: Wie steht es um die Kinderszenen im Leben der Kinder in meinem Umfeld? Haben diese Kinder ausreichend Zeit und Gelegenheit, einfach „nur“ Kinder zu sein? Oder sind sie mit Erwachsenwerden ganz und gar überbeschäftigt? Gerade die Erinnerung an eigene Kinderszenen – mögen sich auch verklärend überzuckert sein – sollte uns auch klar machen, dass „nur Kind sein“ ganz und gar kein Luxus ist. Denn im Kindsein liegen letztlich die Wurzeln für unser ganzes Leben. Was taugen uns ein hoher Stamm und eine ausladende Krone, wenn unser Wurzelwerk verkümmert ist und der erste Sturm unsere schönen Lebenspläne über den Haufen wirft? Deshalb soll dieser Beitrag – über den musikalischen Genuss hinaus – ein Aufruf dazu sein, Kinder ausgiebig die unvergleichliche (und unwiederbringliche) Leichtigkeit des Kindseins erleben zu lassen. 

Robert Schumann hat seine Miniaturen nachträglich mit Überschriften versehen. Man muss diese Titel nicht überbewerten – Schumanns Musik kann sehr gut für sich allein sprechen. Dennoch geben sie eine feine Einstimmung in die Vielfalt dieser musikalischen Kinderszenen:

  • Von fremden Ländern und Menschen (G-Dur)
  • Kuriose Geschichte (D-Dur)
  • Hasche-Mann (h-moll)
  • Bittendes Kind (D-Dur)
  • Glückes genug (D-Dur)
  • Wichtige Begebenheit (A-Dur)
  • Träumerei (F-Dur)
  • Am Kamin (F-Dur)
  • Ritter vom Steckenpferd (C-Dur)
  • Fast zu ernst (gis-moll)
  • Fürchtenmachen (G-Dur)
  • Kind im Einschlummern (e-moll)
  • Der Dichter spricht (G-Dur)

Insgesamt habe ich fünf Aufnahmen der Kinderszenen ausgewählt. Dabei habe ich (ausnahmsweise) das Alter der Interpreten zum Zeitpunkt der Aufnahme angegeben – die Bandbreite reicht von 23 bis 71 Jahren. Und was fangen wir mit diesen Altersangaben an? Nun, das sei dem freien Nachgedanken überlassen. 🙂


Den Anfang macht eine zum Zeitpunkt der Aufnahme (1955) 60jährige Dame.

Clara Haskil • Klavier


Hier die neueste (2012) der ausgewählten Aufnahmen mit einem damals 23jährigen Pianisten.

Pavel Kolesnikov • Klavier


Und wie deutet eine 38jährige Pianistin (und Mutter) die Kinderszenen?

Maria João Pires • Klavier


Nicht die älteste Aufnahme in diesem Reigen – aber der zum Zeitpunkt der Aufnahme (1974) älteste Interpret (71 Jahre).

Claudio Arrau • Klavier


Und zum Abschluss eine weitere nicht ganz neue (1968) Aufnahme mit einem nicht ganz neuen (61 Jahre) Pianisten. Ganz wunderbar ist hier auch die Körpersprache (insbesondere die Mimik). 

Clifford Curzon • Klavier


Wer noch immer nicht genug hat von diesen Kinderszenen, kann sich im folgenden Beitrag die Version von Vladimir Horowitz herauspicken.

Promenade der musikliebenden Herzen

17 Gedanken zu “KiA 7 • Kinderszenen

  1. Sternchen sagt:

    Neben Deinem wundervollen musikalischen Ausflug, den ich sehr genossen habe, machten mich Deine Gedanken auch nachdenklich. Die meisten Kinder in meinem Umfeld haben eine Wochenplanung vergleichbar mit einem Manager. Langeweile ist verpoent als vergebene Chance. Zudem sollen die Kleinen die Träume der Eltern kompensieren.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Dieses „Panorama der Kinderszenen“ hätte ja auch einfach ein rein musikalischer Beitrag werden können. Aber ich fand, dass dies ein guter Anlass für die Fragestellung sei, wie es denn um die Kinderszenen der heutigen Kinder bestellt ist. Diese Frage beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Einerseits diese Überfülle an Dingen und Möglichkeiten, in der, wie ich meine, das Kind oft untergeht. Und dann eben auch, dass fast alles, was ein Kind tut, irgendwie in Förderung (implizit: Forderung) ausarten muss. Selbst Erwachsenen tut es gut, hin und wieder wie ein Kind zu sein – aber wie schafft das jemand, der nie wirklich Kind sein durfte?

      Gefällt 4 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Das ist kaum abzuschätzen. Letztlich sind es ja zahlreiche Faktoren, die einen Menschen prägen – und deren Einfluss lässt sich nicht immer genau feststellen. Aber es entsteht zweifellos ein Defizit, das sich sehr leicht beheben ließe.

          Gefällt 2 Personen

  2. PPawlo sagt:

    Dieser Beitrag ist ja eine wunderschöne Überraschung! Jetzt einfach erst einmal: Hab lieben Dank dafür! Ich werde noch näher darauf eingehen. Du stehst aber schon in der Fundgrube unter den neuesten Einträgen und noch mal unter „Kind sein“ und auch mit einem Hinweis auf deinen Beitrag unter Ruhe und freie Zeit! Nun wünsche ich ihm erst mal viele Besucher und Gedanken und Erfahrungen dazu! lg Petra

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein begeistertes Echo. 🙂 Nachdem ich mich entschieden hatte, einen neuen „aufwindigen“ Beitrag zusammenzustellen, tauchte recht bald die Idee auf, diese zeitlos schöne Musik mit einer aktuellen Problematik zu verbinden. Auf die Reaktionen bin ich selber nicht wenig gespannt. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Die Leichtigkeit des Kindseins…, das „Nur-Kindsein“, ja, wenn wir diese den Kinder ermöglichen, nehmen sie einen großen Schatz ins Erwachsenenalter mit! Es geht ja nicht ums Entweder oder…sondern ums Sowohl als Auch: Kindern freie Zeit zu lassen und Kinder auch zu fördern…
    Sogar Langeweile darf ja sein, diese. „Windstille der Seele“ Ich mag diesen Ausdruck sehr! :
    „Für den Denker und für alle empfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme ‚Windstille‘ der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.“ ( Nietzsche)
    Dadurch entsteht oft Neues: Ideen, Kreativität , Veränderung.
    Schön und neu ist dabei für mich der Gedanke, wie glückliche, in der Erinnerung noch mehr vergoldete Kindheit das Erwachsenenalter erwärmen kann und es doch sehr sinnvoll ist, dass wir das Schlimme von damals dabei vergessen.

    Es gibt in deinen interessanten Kinderszenen Unterschiede der Interpretation, für die man sich sehr, sehr viel Zeit nehmen müsste…
    Was ich bisher heraushöre: Die Stimmungslage kann bei mir hier selig zurückblickend, verträumt, etwas wehmütig und sogar lässig rüberkommen. Bei der ersten Melodie hat’s mir der höchste Ton gleich angetan! in der letzten, kürzesten (!) Version wird träumerisch- selig darauf verweilt, in anderen Fassungen geht’s zielstrebig darauf zu, er kann auch im Wellengang daherkommen, einmal kam’s mir sogar vor wie ein Seufzer….„Den richtigen Ton treffen“ passt hier also mehrdeutig! 🙂
    Wie und ob das Alter allerdings das Spiel beeinflusst ist schwer zu sagen. Es wäre auch interessant, die unterschiedliche Dauer der Szenen zu untersuchen. Immerhin geht es hier um fast 4 Minuten Unterschied!

    Dir einen voll erfreulichen Sonntag! 🐞

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine ausführliche und facettenreiche Resonanz. 🙂
      „Windstille der Seele“ ist ein schöner Ausdruck. Und vielleicht gehört genau das auch zur Förderung der Kinder: diese Windstille zu erfahren und zu spüren, wie wohltuend diese sein kann und dass sie eben ganz natürlich neben den „lustigen Winden“ auch zum Leben gehört.
      In meinem Leben gibt es so gut wie keine materiellen Dinge aus der Kindheit. Keine Fotos oder Schulzeugnisse, und was da sonst noch rumfliegen könnte. Aber die Erinnerung an Momente des „einfach sein Dürfens“ – die ist lebendig und wertvoll.
      Um die unterschiedlichen Interpretationen besser vergleichen zu können, wäre es wahrscheinlich von Vorteil, die verschiedenen Versionen Stück für Stück zu hören. Bisher habe ich jeweils immer die jeweiligen Gesamtzyklen durchgehört. Aber auch so ist der Vergleich interessant – denn die Unterschiede sind ja doch beträchtlich. Ob das Alter eine Rolle spielt, lässt sich so direkt nicht sagen. Ich denke eher, dass man „jugendliche“ und „reifere“ Kinderszenen nicht so generell unterscheiden kann. In erster Linie ist und bleibt die Künstlerpersönlichkeit ausschlaggebend. Und natürlich ist auch nicht zu vergessen, dass ein Claudio Arrau aus einer ganz anderen Art von Klavierschule stammt als Pavel Kolesnikov.
      Es stimmt – der kürzeste Zyklus dauert nur 4/5 so lange wie der längste. Ich habe die auf CD vorhandenen Aufnahmen verglichen – die „schnelle“ Clara Haskil mit den „langsamen“ Pires und Arrau. Bei den ersten drei Stücken sind die Unterschiede minim. Das bittende Kind dauert bei Pires länger (1:44) als Haskil (0:47) und Arrau (0:52) zusammen. Am Kamin sind Haskil und Pires gleichauf – Arraus Kaminaufenthalt dauert mehr als die Hälfte länger. Dennoch sind es letztlich nicht die Tempi, die den Interpretationen ihren Besonderen Charakter verleihen – die Phrasierung, das Verweilen auf dem „richtigen Ton“, das bringt letztlich Leben ins Spiel.
      Auch dir noch einen wunderbaren Sonntag und einen erfreulichen Wochenstart. 🐻

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