♫ Geirr Tveitt

Titelbild: Geirr Tveitt am Flügel © Familie Tveitt

 

Wenn von bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts die Rede ist, taucht der Name Geirr Tveitt ausgesprochen selten auf. Angesichts seines musikalischen Potenzials ist dieses Schattendasein ungerechtfertigt. Und angesichts der Tatsache, dass mehr als zwei Drittel seiner über 300 Kompositionen einem Brand zum Opfer gefallen sind, ist es sehr schade, dass die übrig gebliebenen (teilweise rekonstruierten) Werke eher selten aufgeführt werden. Dementsprechend haben natürlich auch Tonaufnahmen Seltenheitswert. Aber es gibt sie, die Aufnahmen. Und weil es schade ist, Geirr Tveitt und sein Werk nicht zu kennen, gibt es hier ein erstes „Einlauschen“ (oder wie übersetzt man „Einblick“ ins Akustische?).

Vélkomne med æra
(aus Op. 150 • 50 folketonar frao Hardanger)

Torgeir Kinne Solsvik • Klavier


Vélkomne med æra
(aus Op. 151.1 • Hundrad Hardingtonar, Suite 1)

Dies ist die Orchesterversion in einer Aufnahme mit dem Kringkastingsorkesteret (KORK) und mit einer Einleitung von Geirr Tveitt. Tveitt spricht hier über die Hintergründe der in dieser Komposition verarbeiteten Melodie. Es handelt sich hier nicht einfach um eine traditionelle norwegische Weise – es ist ein Stück Familientradition. Die Melodie stammt aus einer Zeit, als auf den Höfen jeweils leicht unterschiedliche Varianten des lokalen Dialekts gesprochen wurden und jeder Hof sozusagen auch seinen eigenen musikalischen Dialekt hatte. Das Lied „velkomne med æra“ gehört also zum musikalischen Wortschatz der Tveitt-Familie und wurde zur Begrüßung jeweils dann gesungen, wenn die Bewohner der Nachbarhöfe auf dem in der Aufnahme gezeigten Tveitt-Hof zu Gast waren.  


Welche Lücken der Brand seines Wohnhauses ins Werk von Geirr Tveitt gerissen hat, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, welche seiner Werke mit Opuszahl übrig geblieben sind. Hier die Übersicht:
Op. 2; Op. 5; Op. 8; Op. 81; Op. 91.15; Op. 104; Op. 129; Op. 130; Op. 150; Op. 151.1; Op. 151.2; Op. 151.4; Op. 151.5; Op. 153; Op. 156; Op. 163; Op. 166; Op. 170; Op. 183; Op. 184; Op. 187; Op. 203; Op. 243; Op. 246; Op. 249; Op. 250; Op. 252

Immerhin drei der fünf Klavierkonzerte sind erhalten geblieben. Grund genug, dies mit einer schönen Aufnahme des fünften Konzerts zu feiern (stimmungsvoll illustriert mit einer feinen „Lofotografie“).

Klavierkonzert Nr. 5 Op. 156

Håvard Gimse • Klavier
Royal Scottish National Orchestra unter der Leitung von Bjarte Engeset


Einige weitere Aufnahmen werde ich in einem späteren Beitrag vorstellen. Wer mehr über Geirr Tveitt wissen möchte, findet bei Wikipedia einen kurzen Artikel in deutscher Sprache und eine etwas ausführlichere Version in englischer Sprache.
Wer in nordischen Sprachgebräuchlichkeiten sattelfest ist, findet noch umfangreichere und fundiertere Informationen in der Nynorsk-Version von Wikipedia oder auf den Seiten der Bergen Offentlige Bibliotek


[Zwar besteht ein Musikbeitrag fast ausschließlich aus Klangbildern. Aber heute gibt es dennoch ein passendes extra Klangbild.]

Klangbild: Tonen
Knut Hamsun • Text
Geirr Tveitt • Musik

Birgitte Grimstad • Gesang
KORK unter der Leitung von Øivind Bergh


Tonen
(Knut Hamsun)

Der synger i mig en Tone,
den kjendes saa tung og saa gul af Guld,
jeg selv blir en Herre af Rigdom fuld,
en Konge i Kaabe og Krone.

Staar Natten stum mod min Rude,
da synger den Guldlyd igjennem mit Sind,
den slynger min Tanke fra Tind til Tind
til mange Verdner derude.

Den bær mig til andre Kloder,
hvor Stjærnerne svømmer som Ø efter Ø.
Det er som mit Hjerte af Lykke skal dø
til lange, brusende Noder.


Der Ton (Übertragung von Joseph Goebel)

Es singt in tiefem Tone
In mir, so schwer und an Gold so reich,
Ich bin einem mächtigen Herrn gleich,
Ein König in Mantel und Krone.

Lehnt stumm die Nacht an die Scheiben,
Dann singt mir der Goldlaut durch Herz und Hirn,
Verschlingt die Gedanken von Firn zu Firn
Hinaus in das Weltentreiben,

Und trägt mich zu fremden Borden,
Wo Sterne im Reigen beisammen stehn.
Es will mir das Herz vor Glück fast vergehen,
Zu brausenden, langen Akkorden.

22 Gedanken zu “♫ Geirr Tveitt

  1. sternenkind11 sagt:

    Jetzt bin ich schon am Morgen vollkommen verzaubert :-). Wundervoll gefühlvoll und berührend, das Willkommenslied. In beiden Varianten. Lieben Dank für die interessante Hintergrundinformation. Was für eine schöne Tradition, Gästen ein Willkommenslied zu singen. Ich kenne das aus der Maori-Tradition. Da sangen/singen die Frauen für Gäste ein Lied zur Begrüßung und diese sollten mit einem Lied antworten. Tonen ist ganz zauberhaft. Für das Klavierkonzert brauche ich etwas mehr Muse ;-). Da hast Du uns wahrhafte Schätze wundervoll präsentiert. Erfüllte Herzengrüße 💞

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein verzaubertes Echo. „Vélkomne med æra“ schien mir ein passender Einstieg. Ein Willkommensgruß für den Eintritt in Geirr Tveitts Klangräume. Gleichzeitig verbunden mit einem Blick auf die Wurzeln dieser Musik. Das Klavierkonzert stellt recht hohe Ansprüche an die Aufmerksamkeit – das ist tatsächlich nicht etwas, das man so nebenbei hören sollte.
      Als kleines Gastgeschenk hier noch eine weitere Version des Willkommensliedes (mit Arve Moen Bergset, Gesang):

      Mit einem klangvollen Vormittagsgruß 🙂

      Gefällt 3 Personen

      1. sternenkind11 sagt:

        Mit Deinem „Einstieg“ hast Du ein Tor in eine verzauberte Welt eröffnet. Herzlichsten Dank für Dein Gastgeschenk – jetzt bin ich nicht nur verzaubert, sondern habe auch noch wohlige Gänsehaut ;-). Klangträumerische Grüße aus dem regenversunkenen Allgäu 🙂

        Gefällt 3 Personen

            1. Random Randomsen sagt:

              Das kann ich gerne ein wenig erläutern. Wobei sich die Symbolik nicht auf dieses eine Werk beschränkt, sondern überhaupt Tveitt-typisch ist. Einerseits haben wir teilweise recht hochstämmige Bäume, die in einer Umgebung wachsen, in der auch abgebrochene Äste in Frieden vermodern dürfen. In solchem Humus finden die Bäume Halt und Nahrung. Ähnlich wurzelt auch Geirr Tveitts Musik tief im kulturellen Erbe seiner Heimat. Anderseits ist er in seiner Tonsprache oft sehr kühn und reckt sich wie ein weit verzweigter Baum in die Höhe. Der viel bekanntere Edvard Grieg beispielsweise hat ja auch norwegische Traditionsmusik be- und verarbeitet. Allerdings wären bei ihm die Märzenbecher das passende Bild – viel weniger tief wurzelnd, aber mit gefälligen Blüten. Dagegen passen diese dicht stehenden und verzweigten Stämme wunderbar zu Tveitt. Ebenso passt dieses Lichterfüllte, während gewisse Bereiche im Neblig-Unergründlichen bleiben. Wir finden in Tveitts Musik diese elementare, sonnengleiche Urkraft – aber es gibt auch viel Unentschlüsselbares, man blickt nie ganz durch.

              Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Es freut mich sehr, lieber Lu, dass ich dir einen noch unbekannten Komponisten vorstellen konnte (das dürfte ja nicht ganz alltäglich sein) und gleichzeitig (wie ich annehme) für Geirr Tveitt einen neuen „Follower“ gewonnen habe. 🙂
      Mit einem klangreichen Nachmittagsgruß 🐻

      Gefällt 2 Personen

  2. PPawlo sagt:

    Eigentlich würde ich dem Beitrag sehr gerne mehr Zeit widmen! Die Musik ist wunderschön! Das Portrait des Komponisten sagt für mich vieles über ihn aus! Introversion und Offenheit zugleich…Und du hast wieder etwas für mich ganz Neues in leckeren Häppchen präsentiert ! Wie spricht man denn das „ei“ in Vor-und Nachnamen aus? das Auch den Namen hätte ich gern mal klingen gehört! 😊
    Dein „Einlauschen“ gefällt mir sehr gut! Du fragst nach einem anderen Ausdruck dafür: in etwas „Hineinhören“ ist mir geläufiger … 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine vielschichtige Resonanz. 🙂 Introversion und Offenheit – was du aus dem Portrait erkennst, deckt sich mit dem, was ich bisher über ihn erfahren habe. Da sind durchaus beide Seiten in dieser komplexen Persönlichkeit zu erkennen.
      Das „ei“ klingt nicht in allen Regionen gleich. Aber so wie Geirr Tveitt selber es ausgesprochen hat, ist es einem „deutschen Ei“ ähnlich. Das „Tveitt“ ist im zweiten Video bei ca. 0:09 zu hören. Die (uralte) Schreibweise „Geirr“ ist sehr selten. Häufiger ist die Form „Geir“ (der Name hatte um 1960 einen Häufigkeitshöhepunkt – heute ist er selten geworden). Auch Zusammensetzungen kommen vor – wie Torgeir. Der Name entspricht dem deutschen „Ger“, wie es in Gerhard oder German (aber meines Wissens nicht „solo“) vorkommt.
      Stimmt, „Hineinhören“ dürfte die gängige Version sein (aber ich bleibe wohl beim Einlauschen). 🙂

      Gefällt 2 Personen

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