Piparmey

Titelbild © Aust-Agder museum og arkiv – Kuben

 

Das Klangbild meines letzten Beitrags endet mit einem Wort, das bei näherer Betrachtung einige sprachlich und gesellschaftlich ganz aufschlussreiche Details preisgibt. Für mich Grund genug, der «piparmey» ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Dies vor allem auch, weil es in der deutschen Sprache keine wirklich gleichwertige Entsprechung gibt.

Auf der Suche nach einem deutschen Pendant zur isländischen «piparmey» würde man wohl auf eine «alte Jungfer» treffen. Das klingt weder besonders einladend noch besonders spannend. Um die Sache etwas würziger zu gestalten, können wir uns anschauen, wie das Wort «piparmey» überhaupt zusammengesetzt ist. Es ist nämlich ein klassischer Zweiteiler, bestehend aus «pipar» – also Pfeffer – und «mey», einem Wort, das mit deutschen Ausdrücken wie Maid, Magd oder Mädchen verwandt ist. Hier wird es bereits ganz interessant. Denn trotz ihrer wortstämmigen Gemeinsamkeit sind diesen Ausdrücken höchst unterschiedliche Charakteristika eigen. Die Mädchen würden wir eher in der Kinderstube ansiedeln. Die Variante Mädels ist dagegen durchaus auch für erwachsene Frauen im Gebrauch. Scherzhaft kann aber auch ein altes Mädchen in Frage kommen. Und dann wäre da noch das Mädchen für alles, das durchaus auch ein Mann sein kann („Mädchen“ ist hier ebenso relativ wie „alles“). Damit kommen wir zum nächsten Ausdruck. Denn das Mädchen oder Mägdchen ist einfach ein Diminutiv von Magd. Dieses Wort riecht für uns heute verdächtig nach Sch(w)eiß – Kuhstall ausmisten und so. Das Wort hatte aber durchaus nicht immer diesen Dienstbotenunterton. Im bekannten Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist von Maria als einer „reinen Magd“ die Rede. Und da denken wir eher an die von Dichtern besungene Maid – oder die englische Variante maiden

Wie aber kommt der Pfeffer hier ins Spiel? Pfeffer ist ja scharf – und wenn die «mey» oder Maid besonders scharf ist, sollte sie doch eigentlich nicht Gefahr laufen, zur alten Jungfer zu werden? Um den Hintergrund zu verstehen, braucht es – Ironie der Sprachhistorie – einen Mann. Denn die piparmey ist das weibliche Pendant zum piparsveinn. Nun ist der «sveinn» – so lange er nicht gepfeffert wird – ganz einfach ein Junge, Bursche oder Geselle. Die Verbindung mit dem Pfeffer dürfte im frühen 16. Jahrhundert in Dänemark ihren Anfang genommen haben. Was es mit dem dänischen «pebersvend» auf sich hat, ist in einem Märchen von H.C. Andersen sehr anschaulich erklärt. Es ist allerdings nicht unbedingt Andersens bekannteste Erzählung – und ich setze hier nicht voraus, dass alle diesen Text in- und auswendig kennen. Ihr Titel lautet «Pebersvendens Nathue».


H.C. Andersen • Auszug aus dem Märchen „Des Junggesellen Nachtmütze“

Aber die Zeit liegt so weit zurück, dass Urgroßvaters Urgroßvater, wenn er davon sprach, es auch schon die alten Zeiten nannte. Es ist mehrere hundert Jahre her. Damals trieben die reichen Kaufleute in Bremen und Lübeck den Handel in Kopenhagen. Sie selbst kamen nicht herauf, sie sandten nur ihre Handlungsgehilfen, und diese wohnten in den Holzbuden der »Kleinhäuschengasse« und besorgten den Verkauf von Bier und Gewürz. Das deutsche Bier war so gut, und es gab so viele Sorten: Bremer, Prysinger, Emser Bier – ja, Braunschweiger Mumme, und dann alle die Gewürze wie Safran, Anis, Ingwer und besonders Pfeffer. Dieser spielte die Hauptrolle hier, und daher trug er auch den deutschen Handlungsgehilfen in Dänemark den Namen »Pfefferschwengel« ein. Sie mussten sich zuhause sonderbarerweise verpflichten, sich hier oben nicht zu verheiraten. Viele von ihnen wurden hier alt; selbst mussten sie für sich sorgen, im Hause umherpusseln und kramen, selbst ihr Feuer machen – daher wurden einige ganz eigenartige alte Burschen mit wunderlichen Gedanken und Gewohnheiten. Nach ihnen nannte man bald jede unverheiratete Mannsperson, die in ein gesetzteres Alter kam, einen »Pfefferschwengel«.

Wer sich für die vollständige Erzählung interessiert, findet hier das dänische Original bzw. hier eine deutsche Übersetzung


Nun ist Sprache ein sehr lebendiges und wandelbares Gebilde. Und so hat sich die übertragene Bedeutung einer „unverheirateten Mannsperson, die in ein gesetzteres Alter kam“ auch noch im Wortschatz gehalten, als der «pebersvend» in seiner Urform längst ausgestorben war. Auch H.C. Andersen war übrigens ein solcher pebersvend in des Wortes neuerer Bedeutung. Und im späten 19. Jahrhundert kam die «pebermø» als weibliches Pendant hinzu. Das dänische Paar pebersvend / pebermø hat schließlich auch in der norwegischen (peppersvenn / peppermø) und eben in der isländischen Sprache (piparsveinn / piparmey) Einzug gehalten.

Und damit zurück zur Titelheldin, der piparmey (bzw. pebermø / peppermø). Wie erwähnt kam diese weibliche Form erst im 19. Jahrhundert auf. Und das hatte einen gesellschaftlichen Hintergrund. Denn damals befanden sich zahlreiche Frauen über dreißig in einer Zwickmühle. Die Frauen dieser Altersklasse waren gegenüber den Männern deutlich in der Überzahl. Die Folge war somit eine stattliche Anzahl unverheirateter Frauen „gesetzten Alters“ (tatsächlich haftete den Menschen jenseits der magischen 30 bereits die Aura des alten Eisens an). Und wer bei einer unverheirateten Frau über dreißig denkt „egal – wozu braucht ein Fisch ein Fahrrad?“ ist einer wesentlichen Sache auf der Spur. Denn zu jener Zeit, als die pebermø sich im Wortschatz etablierte, wurden mit der größten Selbstverständlichkeit und Ausschließlichkeit die Männer als Familienversorger angesehen. Für Frauen war in der Arbeitswelt kein Platz. Junge Mädchen als Mägdchen, also Dienstboten – à la bonne heure. Aber ausgewachsene „Weibsbilder“ in richtigen Berufen – einer Männerdomäne – wollte man sich doch aus- und nachdrücklichst verbeten haben. Dennoch gab es, der Not gehorchend, immer mehr Frauen die sich nicht unterbuttern ließen und die alles daran setzten (auch ökonomisch) auf eigenen Füssen zu stehen. Dazu brauchten sie allerdings ordentlich Pep. In diesem Zusammenhang ein sehr passender Ausdruck – denn „pep“ ist eine Kurzform von „pepper“. 

Letztlich spielten die „Pfeffermädchen“ somit eine wichtige Rolle in der Frauenrechtsbewegung. Sie begannen zunehmend – nicht selten gegen erbitterten Widerstand der Männer – sich im Berufsleben zu etablieren. Und damit verbunden wurde ganz allgemein eine Gleichberechtigung der Frauen in rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht aktuell. Ein Blick auf die Lage im 21. Jahrhundert zeigt einerseits, dass gegenüber der Situation im 18. Jahrhundert wesentliche Verbesserungen erzielt wurden. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die „gute alte Zeit“ offensichtlich in erstaunlich vielen Köpfen noch immer sehr lebendig ist.

Ein Detail am Rande: In den nordischen Ländern ist es ein heute noch häufig gepflegter Brauch, Unverheirateten zum 30. Geburtstag einen Pfefferstreuer oder eine Pfeffermühle zu schenken. 🙂

 


Klangbild: Mendelssohn – Rondo Capriccioso, Op. 14

Felix Mendelssohn Bartholdy • Komposition
Jan Lisiecki • Klavier

Und hier noch eine qualifizierte Zweitmeinung von einem nicht minder talentierten Pianisten. 😉

13 Gedanken zu “Piparmey

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂 Ja, Geschichte und Geschichten im Zusammenhang mit Sprache sind immer wieder spannend. Allerdings hat man nicht immer das Glück, dass eine Wortherkunft so schön erklärt wird wie hier bei H.C. Andersen. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  1. sternenkind11 sagt:

    Das ist ja mal sehr interessant! Diese Hintergründe pusten den Staub vom Bild der alleinstehenden Frau im besten Alter. Wie viel Kraft und Mut es kostet, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen. Das braucht in der Tat „Pfeffer“ :-). Wenn man sich vorstellt, dass bis 1977 in Deutschland Frauen ihre Männer um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie eine Arbeitsstelle antreten wollten. Ähnlich war es mit einem eigenen Bankkonto. Da hat sich glücklicherweise vieles getan. Danke für den Auszug und den Hinweis auf das Märchen von Andersen! Dein Klangbild hast Du wieder einmal sehr passend ausgewählt, das hat ordentlich „Pfeffer“. Würzige Herzensgrüße 😉

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, es ist immer wieder erstaunlich, was man so zutage fördern kann, wenn man an den mit einem Wort verknüpften Fäden ein wenig zieht. 🙂
      Es hat sich in der Tat vieles getan. Und wir können heute kaum mehr erahnen, was dieser Kampf in der Anfangszeit gekostet hat.
      Das Klangbild schien mir in diesem Zusammenhang sehr vielsagend. Es fängt lieblich und nett an, entwickelt aber bald eine erstaunliche Zielstrebigkeit – und in der Schlussphase hat es, wie du sagst, ordentlich Pfeffer. 🙂

      Gefällt 2 Personen

      1. sternenkind11 sagt:

        Du bist ein wahrer Meister im sichtbar werden lassen dieser Verbindungsfäden. Dieser Kampf war wohl schnell ein Kampf um die pure Existenz. Da war wohl bei weitem noch nicht an einen gewertschätzten Platz in der Gesellschaft zu denken. Deinem Klangbild sieht man es anfänglich wirklich nicht an, was für eine gepfefferte Würze es in sich trägt :-). Es ist wie im wahren Leben – unterschätze liebe, freundliche Menschen nicht 🙂

        Gefällt 2 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          In vielen Fällen wird es durchaus zunächst um einen reinen Existenzkampf gegangen sein. Und das war bestimmt doppelt schwer, weil politische Behörden, Ämter, Gerichte usw. auch allesamt männlich besetzt waren.
          Dieses Capriccio mag ich auch abgesehen von seiner Eignung als Klangbild sehr. Bemerkenswert finde ich auch, dass es sich zwar zu beachtlicher Heftigkeit steigert – dennoch bleibt es immer elegant und würdig. 🙂

          Gefällt 2 Personen

  2. halloliebewolke sagt:

    Wow!
    Dank des Blogs „Ruhrköpfe“ bin ich hier gelandet und bin beeindruckt!
    (Keine Bauchpinselei, sondern ernst gemeint.)
    Sehr interessant, ich werde sich öfter mal vorbeischauen!
    Viele, interessierte Grüße
    Susanne

    Gefällt 3 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Über Magd zu Maid und Mädchen, von Pfeffer zu Pep, Du gibst hier wieder einen faszinierenden Überblick! Und die Einsicht, dass die assoziierten Bedeutungen wie eben „Pfeffer“ mit ganz anderen Umständen zu tun haben können, ist ebenfalls ziemlich beeindruckend! Ich habe jedenfalls einiges dazu gelernt, bedanke mich dafür und auch für das ansprechende und teilweise pfefferige Klangbild. Liebe Grüße, Petra

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, manchmal kommt Erstaunliches zutage. Das ein auf den ersten Blick einfaches maskulin/feminin-Paar wie der piparsveinn und die piparmey eine derart unterschiedliche Geschichte im Gepäck haben, ist schon nicht ganz alltäglich. 🙂
      Ähnlich kontrastreich ist auch das Klangbild von den ersten bis zu den letzten Takten. [Das zweite Video wurde zwar eher publiziert – aber das erste dürfte ca. ein halbes Jahr früher entstanden sein. So gesehen ist das zweite wirklich eine Art „Zweitmeinung“.]

      Gefällt 2 Personen

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