Bach på svenska I

Titelbild: Lisa Rydberg & Gunnar Idenstam © Per Åke Persson

 

Jässpôdspolska
(Trad. nach Grins Hans)

Lisa Rydberg • Violine
Gunnar Idenstam • Harmonium

Mit diesem Stück traditioneller schwedischer Tanzmusik beginnt etwas, das ich in eine kleine Beitragsreihe ausarten zu lassen gedenke. Es handelt sich dabei um das Projekt «Bach på svenska» von Lisa Rydberg und Gunnar Idenstam, das ich sozusagen aus verschiedenen Perspektiven zeigen möchte.

Die einleitende Polska hat zwar vordergründig nichts mit Johann Sebastian Bach zu tun. Dennoch sind wir damit mitten im Thema. Wie Gunnar Idenstam im nächsten Video einleitend erläutert, herrschte im 18. Jahrhundert ein reger Austausch an Tanzmusik zwischen den europäischen Ländern. Es wurde fleißig ex- und importiert, wobei manche Tänze in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Namen erhalten konnten. Umgekehrt konnte ein- und derselbe Name auch, je nach Land, unterschiedliche Tanzformen bezeichnen. Wenn wir einige der Tänze mit Namen nennen – Allemande, Bourrée, Chaconne, Courante, Forlane, Gavotte, Gigue, Loure, Menuett, Passepied, Polonaise, Sarabande, Siciliana – kommt eben auch Johann Sebastian Bach ins Spiel. Denn in seinem Werk kommen alle der genannten Tanzformen vor – etliche davon sogar recht häufig. Und in diesem Zusammenhang haben Lisa Rydberg und Gunnar Idenstam eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Wenn man eine Gavotte oder eine Bourrée um eine Kleinigkeit verändert, wird daraus das, was in Schweden „Schottis“ genannt wird. Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt «Bach på svenska» – es soll versuchsweise darstellen, was möglich gewesen wäre, wenn Bach mit schwedischen Musikern in Kontakt gekommen wäre und mit ihnen gemeinsam musiziert hätte.  

Gavotte II 
(aus der Englischen Suite Nr. 3 BWV 808)
Johann Sebastian Bach

Lisa Rydberg • Violine
Gunnar Idenstam • Harmonium


Menuett in G-Dur 

(aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach)
Christian Petzold (Johann Sebastian Bach zugeschrieben)

Lisa Rydberg • Violine
Gunnar Idenstam • Harmonium


Badinerie

(aus der Orchestersuite Nr. 2 BWV 1067)
Johann Sebastian Bach

Lisa Rydberg • Violine
Gunnar Idenstam • Harmonium

Natürlich können wir nicht wirklich wissen, welche klangliche Wirkung ein solches Zusammentreffen tatsächlich gezeitigt hätte. Aber auf jeden Fall bietet sich hier eine schöne Gelegenheit, Musik von Johann Sebastian Bach auf neue Weise zu erleben. Ohnehin habe ich irgendwie das Gefühl, dass bei wahrhaft großer Musik nicht die originell-freien Interpretationen ein Problem darstellen, sondern dass eher die allzu akademisch-salzsäuligen Darbietungen ein Hauch von Totengräberei umweht.

Zum Abschluss dieses ersten Bach på svenska Programms folgt eine weitere traditionelle Polska, um noch einmal hörbar und nachfühlbar zu machen, in welchem musikalischen Umfeld die Bach-Bearbeitungen von Lisa Rydberg und Gunnar Idenstam beheimatet sind.

Polska
(Trad. nach Timas Hans Hansson)

Lisa Rydberg • Violine
Gunnar Idenstam • Harmonium

 


Ergänzend noch zwei Hinweise zu den im Text erwähnten Tanzformen. Bei der Polska handelt es sich nicht um eine regionale oder eigenwillige Schreibweise von Polka. Vielmehr zeigt der Ausdruck an, dass es sich um einen Tanz nach „polnischem Strickmuster“ handelt (also gerne nach Art einer Mazurka oder Polonaise – in einigen Überlieferungen werden solche heute als Polska bezeichnete Tänze auch „polonäs“ genannt).

Der schwedische Schottis wiederum ist zwar sprachlich mit dem Schottisch verwandt. Musikalisch steht er aber eher dem deutschen Rheinländer nahe. 

16 Gedanken zu “Bach på svenska I

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine bezauberte Resonanz. 🙂 Ja, die Energie ist sehr speziell und stark. Diese Tanzmusiken haben ja eine gemeinsame Basis, aber sie haben in verschiedenen Traditionen eine unterschiedliche Entwicklung durchlaufen. Hier werden sie sozusagen wieder zusammengeführt, und die Energie ist stärker als je zuvor.

      Gefällt 1 Person

      1. sternenkind11 sagt:

        Das ist wirklich spürbar. Da sieht man, dass unterschiedliche Entwicklungswege nicht entzweiend, sondern be-reich-ernd wirken können :-). Für mein Gefühl werden diese Tanzmusiken durch die Bewegung der Tanzenden nochmals lebendiger 🙂

        Gefällt 1 Person

        1. Random Randomsen sagt:

          Es ist vielleicht vergleichbar mit einem Fluss, der sich in zwei Arme teilt, die durch ihre jeweiligen Zuflüsse immer grösser werden. Und nach einigen hundert Kilometern fließen die Arme wieder zusammen in einen einzigen mächtigen Strom.
          Ich würde fast sagen, durch die Tanzbewegungen inkarniert der Geist der Musik. Sozusagen. Irgendwie. Jedenfalls ist es eine echte Bereicherung. 🙂

          Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine zustimmende Resonanz. 🙂 Das Titelbild (ich werde es für die nächsten Folgen beibehalten) ist wirklich meisterhaft – es drückt erstaunlich vieles aus, was diese Musik kennzeichnet. Die Dynamik der Musizierenden, aber auch der Hintergrund – sehr vielsagend. 🙂

      Gefällt 1 Person

  1. PPawlo sagt:

    Der erste Eindruck hier ist überwältigend für mich!
    Bach erinnert mich immer wieder an Shakespeare. Zwei geniale Künstler, die in verschiedenen Künsten weiterhin getreu interpretiert werden, aber auch weltweit inspiriert haben und ganz frei und neu den Aufbruch in eine neue Zeit oder Gegend geschafft haben. Bach und Jazz haben sich schon gefunden. Bach und Tanz kenne ich auch schon. Es hat auch einen begeisternden Einfluss auf afrikanische Musik gegeben. Villa-Lobos hat in seinen Bachianas Brasilieras ja auch schon etwas ganz Eigenes geschaffen. Das kommt nun also im schwedischen Kleid tänzerisch und wundervoll anmutig daher! Was für herrliche Musik!
    Ich bin schon total gespannt auf all das, was folgt! Takk!

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine facettenreiche Resonanz. 🙂 Glenn Gould hat mal gesagt (ich gebe das hier sinngemäß und ungefähr wieder), Bach habe nach dem Motto komponiert „schreib’ es so gut, dass nicht einmal ein Tubaquartett es ruinieren kann.“ Und tatsächlich scheint Bachs Musik oft fast eine Einladung zu sein, die Grenzen des Machbaren auszuloten. Wie viele Arrangements gibt es nicht von der berühmten Chaconne? Oder auch das geniale Ave Maria von Charles Gounod. Plötzlich kommt zu diesem Clavier-Präludium eine Gesangsstimme – und man fragt sich, ob Gounod diese Melodie erfunden, oder aus dem Präludium sozusagen „herausgehört“ hat.
      Beim schwedischen Bach kommt ein spezielles Element hinzu. Auf der einen Seite ist Bach in dieser schwedischen Gewandung neu. Aber die Spielweise der beiden erinnert an etwas, das Bach von umherziehenden Spielleuten gehört haben könnte und das ihm vielleicht als Inspiration für seine Tanzsätze gedient hat.

      Gefällt 1 Person

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