Das Urteil

Titelbild: Miles Davis © Michael Ochs Archives/Getty Images

 

Das autobiographische Buch «Possibilities» von Herbie Hancock beginnt mit einer bemerkenswerten Episode, die ich hier in kurzen (Aus)Zügen wiedergeben möchte. Ausgangspunkt ist ein Auftritt des Miles Davis Quintetts¹ in Stockholm Mitte der 60er Jahre. Die Band harmoniert perfekt. Magie. Es geht auf einen der Höhepunkte des Konzerts zu. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes…

Miles starts playing, building up to his solo, and just as he’s about to really let loose, he takes a breath. And right then I play a chord that is just so wrong. I don’t even know where it came from – it’s the wrong chord, in the wrong place, and now it’s hanging out there like a piece of rotten fruit. I think, Oh, shit. It’s as if we’ve all been building this gorgeous house of sound, and I just accidentally put a match to it.²

So weit, so suboptimal. Aber es geschieht noch mehr Unerwartetes.

Miles pauses for a fraction of a second, and then he plays some notes that somehow, miraculously, make my chord sound right. In that moment I believe my mouth actually fell open. What kind of alchemy was this? And then Miles just took off from there, unleashing a solo that took the song in a new direction. The crowd went absolutely crazy.²

Bis zu diesem Punkt ist das eine feine Musiker-Anekdote. Außergewöhnlich. Aber wenn man die beteiligten Personen kennt, ist die ganze Sache auch wieder nicht untypisch. Die Geschichte geht allerdings noch weiter. Herbie Hancock stellt sich nämlich die Frage: Was ist hier geschehen? Und er kommt dabei zu folgendem Resultat.

It took me years to fully understand what happened in that moment onstage. As soon as I played that chord I judged it. In my mind it was the “wrong” chord. But Miles never judged it – he just heard it as a sound that had happened, and he instantly took it on as a challenge, a question of How can I integrate that chord into everything else we’re doing? And because he didn’t judge it, he was able to run with it, to turn it into something amazing.²


Es ist bemerkenswert, dass Herbie Hancock genau diese Episode an den Anfang seines Buches stellt. Erst recht, wenn man sich den Buchtitel «Possibilities» vor Augen hält. Für ihn war dies offensichtlich wesentlich mehr als ein magisch-musikalischer Moment. Denn davon gab es viele in Herbie Hancocks Laufbahn.

Die beschriebene Szene ist ein deutliches Beispiel dafür, wie sehr unsere Vorstellungen unsere Wahrnehmung prägen. Es gibt Dinge, die man erst glaubt, wenn man sie sieht oder hört. Meist ist es aber umgekehrt. Unsere Vorstellung prägt die Wahrnehmung. Hier haben wir auf der einen Seite Herbie Hancock, der völlig konsterniert ist, weil er einen katastrophal unpassenden Akkord gespielt zu haben glaubt. Er kann sich noch nicht einmal über die amüsante Wendung freuen, dass er als Pianist etwas vergeigt habe. Denn diese Wendung existiert ja in seiner Sprache in dieser Form nicht. Auf der anderen Seite steht die Sichtweise von Miles Davis, für den ein Akkord offensichtlich so gut oder schlecht ist, wie das, was er daraus macht. Sein Interesse gilt nicht einer richtig/falsch Einteilung. Der Akkord wurde gespielt. Das ist ein Faktum. Und Miles Davis stimmt sich darauf ein, was er daraus machen kann. Das ist beispielhaft. Miles Davis ist hier gewissermaßen «Miles ahead»³.

Nun habe ich für diesen Beitrag einen Titel gewählt, der durchaus irgendwie an Kafka erinnern mag. Und bis zu diesem Punkt scheint das nicht wirklich einen Sinn zu ergeben. Denn die Episode mit Miles Davis und Herbie Hancock wirkt ja ganz und gar nicht kafkaesk. Allerdings meine ich, dass es bei vielen unserer Alltagssituationen anders aussieht. Es fällt uns meist gar nicht ein (oder höchstens im Traum), Unerwartetes auf sein Potenzial hin zu untersuchen. Wir sehen das Unerwartete als Störung, als Durchkreuzen unserer Pläne. Das böse Leben und die schlechte Welt machen uns einen Strich durch die Rechnung. Unerhört! Die hinter dem Unerwarteten möglicherweise wartenden Möglichkeiten und Chancen werden damit reihenweise zum Tod verurteilt. Sie sind, kaum sind sie aufgetaucht, schon dem Untergang geweiht. Und das Erschreckende daran ist, dass dieses eigentlich absurde Verhalten oft im Normalitätspelz dahergeschlichen kommt. Wir kommen nicht einmal mehr auf die Idee, diese „Absurmalität“ (als Normalität verkleidete Absurdität) zu hinterfragen, weil sie so ein dickes Fell hat.  

Ich gehe nicht davon aus, dass sich hinter jedem Strich durch unsere Rechnungen eine Jahrhundertgelegenheit verbirgt. In meiner Phantasiewelt hege ich aber doch die Vorstellung, dass es sich bei dem, was uns manchmal wie ein notorisches Querulantentum des Lebens vorkommen mag, oft um Chancen und Möglichkeiten handelt. Und vor diesem Hintergrund könnte es sich durchaus lohnen, genauer hinzuschauen, wenn uns Unerwartetes begegnet. Vielleicht verbergen sich dahinter einige «Milestones»³ unseres Lebens?

 


Als Klangbild habe ich nicht jenes Stück ausgewählt, um das es in der beschriebenen Episode geht. Das würde ja nur dann wirklich Sinn machen, wenn eine Aufnahme genau des beschriebenen Konzerts verfügbar wäre. Dagegen habe ich mich für ein etwas später entstandenes Stück entschieden. Eines, das zeigt, wohin diese Offenheit und dieser Wille, unerwartete Dinge geschehen zu lassen, führen können.

Shhh / Peaceful (Miles Davis)

Miles Davis • Trompete
Wayne Shorter • Sopransaxophon
John McLaughlin • E-Gitarre
Herbie Hancock • E-Piano
Chick Corea • E-Piano
Joe Zawinul • Orgel
Dave Holland • Bass
Tony Williams • Schlagzeug
Teo Macero • Editorische Bearbeitung der Aufnahmen

Und hier noch – mit der gleichen Besetzung – eine alternative Version:

 

¹ Miles Davis Quintett 1965 mit Miles Davis, Trompete; Wayne Shorter, Saxophon; Herbie Hancock, Klavier; Ron Carter, Bass; Tony Williams, Schlagzeug

² Die zitierten Passagen stammen aus Kapitel I des Buches «Possibilities» von Herbie Hancock

³ Miles ahead und Milestones sind „zufällig“ die Titel zweier Alben von Miles Davis 🙂

20 Gedanken zu “Das Urteil

  1. sylviawaldfrau sagt:

    Ein sehr gutes Lehrstück hast du da geschrieben und es ist sehr plausibel. Miles Davies war ein genialer Musiker und die Besetzung mit Musikern in deinen Stücken ist vom Feinsten. Ich habe noch viele Schallplatten von einigen der Musiker.

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  2. gkazakou sagt:

    ich habe diese Geschichte mit angehaltenem Atem gelesen. Sie ist einfach genial! Ich begriff auf einmal, worin Genialität besteht. Miles Davis hat es natürlich lange vor mir begriffen. Sogleich traten mir ein Haufen von Situationen vors geistige Auge, wo ich ganz ungenial jemanden, der es in einer Diskussion „vergeigt“ hatte, zurechtwies, anstatt denTon aufzugreifen und in eine gute Richtung weiterzuführen. Wie oft habe auch ich mich „im Ton vergriffen“ und hätt mich gern in ein Mauseloch verkrümelt, und es fehlte der geniale Mensch und Lehrer; der meinen falschen Ton zu einem richtigen gemacht und in einen neuen Wohlklang integriert hätte. Wie anders sähe unsere Welt aus, wenn wir einen missklingenden Ton in eine neue Harmonie einmünden lassen könnten, anstatt ihn abzuwürgen und mit ihm dann auch gleich den Menschen, der ihn hervorbrachte, „vor die Tür“ zu schicken! Inklusion statt Exklusion.
    Lässt sich solche Genialität erlernen? Lässt es sich erlernen, nicht zu urteilen, sondern in allem die darin schlummernden Möglichkeiten zu entdecken und ans Licht zu bringen? Ich werde jetzt Miles Davis mit noch tieferem Verständnis hören. Danke.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine sehr differenzierte Resonanz. Zu Miles Davis habe ich erst auf Umwegen – durch einige der hier beteiligten Musiker – gefunden. Das ist allerdings auch schon einige Jahrzehnte her. Ich hatte somit das Glück, M.D. in den 80ern mehrfach live zu erleben. So eine Bühnenpräsenz habe ich selten erlebt.
      Mir ist die Dimension dieser einleitenden Episode in Hancocks Buch erst so richtig bewusst geworden, als ich beim Lesen schon einige Seiten weiter war. Ganz im Stil des klassischen Treppenwitzes. 😉 So nach und nach dämmerte es mir, was das Beispiel von Miles Davis für unseren Alltag bedeuten könnte. Es ist bestimmt nicht allen gegeben, so souverän zu (re)agieren. Aber wenn man sein Bewusstsein schärft und geduldig übt, kann man, denke ich, doch ein schönes Stück auf diesem Weg vorankommen. Dann kann einem ein solches Kunststück manchmal gelingen. Vielleicht sogar oft. Und wenn man es zwischendurch nicht schafft, ist es eine gute Gelegenheit, sich dafür nicht selber zu verurteilen, sondern sich eher über die bisherigen Erfolge und auf die kommenden Gelegenheiten zu freuen. 🙂

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  3. PPawlo sagt:

    „Unsere Vorstellung prägt die Wahrnehmung.“ D’accord!
    „Unerwartetes auf sein Potenzial hin zu untersuchen.“ :
    Da gibt es die schöne Geschichte, dass eine Kokusnuss auf den Kopf eines Vorbeigehenden fällt. Der eine flucht laut und kickt die Nuss weit weg. Der andere hebt sie auf, schaut sie sich an, öffnet sie, trinkt daraus und nimmt die zwei Hälften als Schalen heim… Ich kann ein Bild, das mich zu einer überraschenden Wende zwingt, das mich vom ursprünglichen Plan abbringt, einfach zerreißen oder aber ich arbeite mit dieser neuen Möglichkeit weiter…….(aus: Im Leben wie in der Kunst: Wenn ich nicht suche, aber finde… ) Der ganze Beitrag setzt sich mit diesem Thema auseinander. 😉
    Improvisationen kommen wohl auch aus diesem Geist zustande… SMiles

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine zustimmende und ergänzende Resonanz und den Link. Die Geschichte mit der Nuss gefällt mir auch insofern besonders gut, weil uns das Leben manchmal recht drastisch daran erinnern kann, dass es auch ein Finden jenseits allen Suchens gibt. Aber wie die Geschichte auch zeigt: Nicht alle machen etwas daraus.
      Allerdings ist es eine Gratwanderung. Unterscheidungsvermögen ist gefragt. Denn manchmal ist es sehr unweise, sich vom Ziel abbringen zu lassen. Wenn das Unerwartete lediglich zur Distraktion taugt, kommt man auch auf keinen grünen Zweig.

      Gefällt 3 Personen

      1. PPawlo sagt:

        „Wenn das Unerwartete lediglich zur Distraktion taugt, kommt man auch auf keinen grünen Zweig.“
        Das ist eine klärende, einleuchtende Feststellung! 😊
        Gott sei Dank macht ja Übung den Meister und der kann immer lässiger die Spreu vom Weizen trennen! 😃

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    2. Random Randomsen sagt:

      Inzwischen habe ich den von dir verlinkten Beitrag gelesen (der aber nicht mehr kommentierbar ist). Da steckt viel Nachvollziehenswertes drin. 🙂 Vieles hängt natürlich davon ab, wie die jeweilige Persönlichkeit tickt. Während manche sich lieber totschlagen ließen, als freiwillig die persönliche Komfortzone zu verlassen, sind andere geradezu süchtig danach, die Grenzen immer weiter auszudehnen. Solchen Extremisten könnte es wahrscheinlich gut tun, sich gezielt zu einer mehr „wohltemperierten“ Schaffensweise hin zu entwickeln.

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      1. PPawlo sagt:

        Die Kommentarfunktion habe ich abgeschaltet, weil irgendwo bei WP steht, dass das sinnvoll bei älteren Artikeln sein kann …gegen Viren…. Ich bin auf der Suche nach dem Grund, warum ich sichere und unsichere Seiten habe…In diesem Fall ist es nun sehr schade!
        Ja, das Ganze bleibt ein Balanceakt auf hohem Grat…mit dem Risiko, von manchem überhaupt nicht mehr verstanden zu werden…

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        1. Random Randomsen sagt:

          Dieses mögliche Problem ist neu für mich. Ich muss zugeben, dass ich auf meinem Blog sehr unbekümmert fuhrwerke und mich um technische Angelegenheiten bisher kaum gekümmert habe.
          Ja, es ist in verschiedener Hinsicht „tricky“. Nicht zuletzt, weil die persönliche Balance ja auch im Lauf des Lebens Veränderungen erfährt. Was jahrelang taugte, funktioniert vielleicht plötzlich einfach nicht mehr.

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  4. sternenkind11 sagt:

    Herzensdank für Deinen stärkenden Beitrag! Ein fantastisches Beispiel dafür, dem was wohl gehört werden will, einen Raum der wertfreien Annahme zu schenken und so die Möglichkeit einer harmonischen Wandlung zu eröffnen. Wir sind frei zu agieren, anstatt einfach „nur“ zu reagieren. Das ermöglicht eine komplett andere Sicht :-). Wir werden zum Schöpfenden. Wohlklingende Grüße zur guten Nacht ⭐

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine zustimmende Resonanz. Ich meine sogar, dass wir auf solche Weise unserer wirklichen Natur näher kommen. Denn die „Urteileritis“ ist eher eine Konditionierung und kein natürlicher Wesenszug. 🙂
      Mit einem lieben Vormittagsgruß 🐻

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      1. sternenkind11 sagt:

        Oh ja, da möchte ich aus tiefem Herzen zustimmen. Dieses „Korsett“ des „so-muss-es-sein“ auch loslassen zu können, eröffnet Raum für die Entstehung ganz neuer, ungeahnter Klangbilder. Deshalb fühle ich mich wohl auch in der Klangheilung so wohl. Summ-lalaliebe-Grüße zurück ❄

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          1. sternenkind11 sagt:

            Ganz genau. Außerdem ist jeder Ton willkommen. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Nur das, was sich gerade ausdrücken möchte. Besonders berührend ist es, wenn man in einer Gruppe zu einem bestimmten Thema klingt, Es entstehen ganz bezaubernde Klangwelten, in der Dissonanzen sein dürfen und über dieses „sein dürfen“ stellt sich mehr und mehr die Harmonie ein. Es entwickelt sich ganz von selbst. Ohne einen Ton zu unterdrücken.

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