XV • Haugebonden

Titelbild: Engler i snøen © Anita Lund • Digitalt Fortalt

 

Beim Adventskalenderfenster Nr. 15 fensterln wir wieder Richtung Norwegen. Das heutige Lied ist inhaltlich eher speziell. Sein Titel bedeutet so viel wie «Der Hügelgrab-Bauer». Und ich gehe davon aus, dass kaum jemand sagen wird: Ach, ja, der gute alte Hügelgrab-Bauer. Hört man von dem auch mal wieder was?

Der haug(e)bonde ist ein Wesen der Anderwelt. In der Überlieferung handelt es sich meist um den Begründer eines Gehöfts, der nun beim Ahnengrab (ein Hügelgrab – gravhaug) seinen Wohnsitz hat. Von der Haugebonden-Ballade sind verschiedene Textversionen überliefert. Die heute gebräuchlichen Varianten stammen fast ausschließlich aus der Telemark. Ähnliche Volksweisen waren aber auch in Küstengebieten bekannt. Aufgrund einiger Textvarianten wird sogar vermutet, dass die besungene Gestalt ursprünglich ein Klabautermann war, der erst später in der Telemark zum sesshaften haugbonde wurde.

Zwar riecht die Geschichte bisher nicht wirklich weihnachtlich. Nun ist es aber so, dass bei den Hügelgräbern häufig ein Hain angelegt wurde, dessen Bäume als heilig galten (oft wurden hier auch Opfer dargebracht). Nur am Heiligen Abend durften dort einige Zweige oder ein Bäumchen geschlagen werden (manche vermuten hier den Ursprung von Adventskränzen und Weihnachtsbäumen). Genau das hat der Bauer in diesem Lied vor – und dabei begegnet er dem haugbonde.

Unter folgendem Link gibt es eine Übersicht aller zum Julekalender 2016 gehörenden Beiträge: 
Julekalender 2016

 

Haugebonden

Die erste Aufnahme stammt aus dem Jahr 2001 – sie wurde in der Sofienberg Kirke in Oslo für eine CD-Produktion gemacht. 

Arve Moen Bergset • Gesang
Annbjørg Lien • Hardangerfiedel
Steinar Ofsdal • Flöte
Bjørn Ole Rasch • Keyboards

 

Nun folgt eine sehr ursprüngliche Aufnahme mit einer Solo-Sängerin.

Øyonn Groven Myhren • Gesang

 

Und zur Abwechslung eine in Text und Melodie etwas andere Variante in einer sehr lebendigen Live-Aufnahme.

Anne Gravir Klykken • Gesang

 

 

14 Gedanken zu “XV • Haugebonden

  1. sternenkind11 sagt:

    Für dieses mystische Thema hast Du ganz zauberhafte Klangbilder gefunden! In Deutschland gibt es ja einige dieser Hügelgräber. Von entsprechendem Liedgut ist mir allerdings nichts bekannt. Das erste Klangbild erinnert mich etwas an Lisa Gerrard ;-). Und wenn ich mir den Ausdruck „Haugebonden“ aus dem Niederländischen betrachtet ansehe, dann könnte ich mit viel Fantasie „huisgebonden“ (korrekt würde es „aan huis gebonden“ heißen) daraus machen – was soviel wie „ans Haus gebunden“ bedeuten würde ;-).

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    1. Random Randomsen sagt:

      So richtig im Liedgut verankert scheint diese mystische Gestalt nur noch in der Telemark zu sein (auch wenn es Spuren an der norwegischen Westküste und auf den Färöern gibt). Die Interpreten der ersten Version stützen sich gleich auf drei verschiedene Quellen. Und es ist durchaus wahrscheinlich dass sich hier verschiedene Volkserzählungen vermengt haben. Begünstigt wird dies dadurch dass der heutige Bauer (bonde) ursprünglich ganz einfach ein Sesshafter (boandi – zu „bo“ = wohnen) war. So kann der Haugbonde durchaus der erste Bauer, der das Gehöft begründet hat, sein. Damit wäre er vielleicht wirklich sogar so etwas wie ein Gebundener. Er kann sich von seinem ehemaligen Hof nicht lösen und geistert an der Stelle herum, wo sein Leib begraben liegt. Es würde aber auch zu einem Klabautermann passen, der das Schiff verlassen hat und nun sesshaft (boandi) geworden ist. Dass er sich dazu einen Grabhügel (haug) aussucht, die ja von Menschen meist eher gemieden werden, ist nicht abwegig. So oder so ist daraus schöne Musik entstanden. 🙂

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      1. sternenkind11 sagt:

        Herzensdank für Deine interessanten Ausführungen! Finde das hochspannend und sehr schlüssig. Wunderbar ist – die Musik kann mensch auch ohne die Hintergrundinfo genießen. Dennoch gewinnt es für mich an Tiefe, die Hintergründe zu erfahren. Liebsten Dank für diese Bereicherung 🙂 ⭐

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        1. Random Randomsen sagt:

          Ja, wirklich gute Musik spricht für sich und findet ihren Weg zum Herzen ohne „Nachhilfe“. Aber Hintergrundinformationen können wertvoll sein, weil sie auch unsere Sicht aufs Leben erweitern. Hier haben wir ja ein Stück Traditionsmusik. Aber wir sehen, das es keine starre Tradition ist, sondern dass gelebtes Leben – und damit stete Veränderung – hinter der Überlieferung steht.

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          1. sternenkind11 sagt:

            Da hast Du vollkommen recht. Hat Platon so ähnlich ausgedrückt – Musik und Rhythmus finden ihren Weg zu den geheimsten Plätzen der Seele. Ganz von alleine :-)! Mich interessieren die Entwicklungen und die daraus resultierenden Veränderungen, da sie uns u. U. kollektiv betreffen. Wissen und Weisheit wurden schon immer auch über Lieder weiter gegeben, ermöglichen uns so Weiterentwicklung und Wandlung. 🙂

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  2. PPawlo sagt:

    Da hast Du wieder einen Schatz ausgehoben! Es scheint aus vielen Elementen gewebt: mittelalterlich, urtümlich, erzählend, wie Kirchengesang, aber auch balladenhaft…von der Wildnis der Natur durchtränkt, wie der Gesang ziehender Gesellen… Eigentlich braucht es viel Zeit, um in all der Einfachheit die feinen Unterschiede herauszuhören, die sich gerade im ersten Lied ergeben und Anfang und Ende ähnlich an-und ausklingen lassen…

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein einfühlsames Echo. Dieses Schätzchen habe ich durch die Interpreten der ersten Version kennen gelernt. Und es fasziniert mich bis heute. Die erste Version ist in verschiedener Hinsicht besonders reichhaltig. Das liegt einerseits am Arrangement. Aber es hat auch damit zu tun, dass hier von den Melodien her mehrere Quellen verarbeitet werden. So taucht etwa bei 2:55 ein wunderschönes neues Motiv auf, das ich in keiner anderen Version je gehört habe. Und diese Musiker verbinden auf besondere Weise ihr enormes Wissen um traditionelle norwegische Musik mit einer beträchtlichen Experimentierfreude.
      Ein schönes Beispiel ist in folgendem Stück zu finden. Hier wird mit typischen Spielweisen verschiedener Regionen gearbeitet. Die Einleitung beginnt in einer für die Region Sunnmøre typischen Spielweise und wechselt mit dem Einsatz der Flöte in eine Telemark-typische Betonung.

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      1. PPawlo sagt:

        Ja, dieses wunderschöne Motiv ist mir als Höhepunkt aufgefallen oder eher, wie es dreiteilg und heiter-losgelöst in immer höhere Dimensionen führt. Die Rolle der Flöte ist dabei besonders bezaubernd! Deine Zugabe im Kommentar gefällt mir auch sehr! Lieben Dank!

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        1. Random Randomsen sagt:

          Diese schöne Melodei und das gekonnte Arrangement tragen auch wesentlich dazu bei, dass es weihnachtsfestlich klingt.
          Die Zugabe ist traditionelle Tanzmusik. Arve Moen Bergset hat «Haslebuskane» übrigens bereits als 15-Jähriger einmal aufgenommen. Da hört man bereits deutlich sein unglaubliches Talent.

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  3. Ulrike Sokul sagt:

    Mir gefällt die erste Klangversion am besten. Sie klingt – musikalisch und stimmlich – in meinen Ohren besonders märchenhaft-geheimnisvoll, mystisch und zauberkräftig!
    Ich danke Dir berührt für die spannende Erschließung neuer Klangräume.
    MONDvolle Grüße zur guten Nacht 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine berührte Resonanz. Die erste Version ist ja auch diejenige, die am deutlichsten festgestimmt klingt. Weihnachten aus alter und uralter Zeit schwingt hier mit. Und doch ist es ein zeitgemäßes Arrangement für unsere heutigen Hörgewohnheiten.
      Mit einem märchenhaften Nachmittagsgruß. 🙂

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