Bitte wenden • II

Ulrike von Leselebenszeichen hat in der Kommentarsektion einen Beitrag über „organische Redewendungen“ angeregt. Also über Metaphern, die sich menschlicher Körperteile bedienen. Ein klasse Idee! Ganz herzlichen Dank dafür. 🙂

Der menschliche Körper ist in der Tat ein beliebter Lieferant für Sprachbilder. Und das ist nicht verwunderlich. Denn körperbetonte Wendungen sind, im wahrsten Sinne des Wortes, naheliegend. Und eben auch leicht fassbar. Wenn jemand sagt «Ich bin ganz Ohr» oder «Das geht mir durch Mark und Bein» bedarf dies keiner weiteren Erklärung.

Tatsächlich gibt es ein so breites Spektrum an „organischen Metaphern“ dass ich mich heute ganz auf das Herz konzentrieren möchte. Und zwar – wie beim ersten Bitte wenden! Beitrag im deutschnorwegischen Vergleich.


Leichten / schweren Herzens
Med lett / tungt hjerte

Dieses Gegensatzpaar macht bereits deutlich, warum die organischen Redewendungen so wirkungsvoll und entsprechend beliebt sind. Man braucht weder besondere Kenntnisse noch ein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen, um sie zu verstehen. Sie lassen sich sozusagen aus eigener Anfühlung nachvollziehen. Ein leichtes oder ein schweres Herz – beides sind sehr starke Empfindungen. Und man würde bestimmt – wenn auch kaum mit einer Waage – physiologische Unterschiede messen können. 


Manchmal wird das Herz allerdings nicht einfach „nur“ schwer. Es kommt ernsthaft zu Schaden. Vielleicht, weil sich jemand ganz und gar

herzlos
hjerteløs

verhalten hat. Da passen vielleicht Äußerungen wie

mir blutet das Herz
mitt hjerte blør

Oder noch schlimmer. Das Herz bricht. Beides lässt sich leicht nachfühlen. Das blutende oder gar gebrochene Herz muss man nicht lang und breit erklären. Diese Metaphern sind im Norwegischen mit gutem Grund ebenfalls gebräuchlich. Allerdings hat letztere dort ihre Besonderheiten, wie an folgenden Beispielen zu sehen ist.

Mir bricht das Herz Mitt hjerte brister
Er bricht ihr das Herz Han knuser hjertet hennes

Wie leicht erkennbar ist, werden im Norwegischen zwei unterschiedliche Verben verwendet. Das ist insofern bemerkenswert, weil es ja auch noch das Verb brekke gäbe, das dem deutschen brechen etymologisch verwandt und deshalb besonders ähnlich ist. Das kommt beispielsweise zur Anwendung, wenn jemand eine Rippe bricht. Aber bei der Herzensbrecherei taugt das nicht. Nun kann man sich diese Unterschiede einfach merken. Und gut ist. Man sagt halt so. Basta. Interessant wird es aber, wenn man sich vor Augen hält, dass briste bzw. knuse nicht einfach zum Spaß (oder um sprachlernwillige Ausländer zu ärgern) so gewählt wurden. Um zu illustrieren, wie das Sprachbild durch die jeweiligen Verben seinen Ausdruck verändert, gebe ich für jedes Verb ein (außerherzliches) Beispiel einer typischen Anwendung.

Das Verb briste wird beispielsweise dann verwendet, wenn ein Damm bricht. Der Damm wird einer Belastung ausgesetzt. Und wenn diese Belastung übermäßig stark wird oder sehr lange andauert wird es zu viel.

Das Verb knuse dagegen wird in der Regel dann verwendet, wenn etwas zertrümmert wird. Dies kann durch Unachtsamkeit geschehen, mit Vorsatz, oder auch in blinder Wut.

Wie man sieht, steckt also eine deutliche Bildersprache hinter dieser Verwendung unterschiedlicher Verben. 


Nun mag man sich fragen, wie es überhaupt möglich sein kann, dass ein Herz bricht. Das Herz ist doch ein ganz und gar elastisches Organ. Es wäre denn, jemand habe 

ein Herz aus Stein
et hjerte av sten

Da haben wir zumindest wieder eine Herz-Metapher, bei der eine schöne deutsch-norwegische Übereinstimmung herrscht. Und das Herz muss nicht einmal unbedingt aus Stein sein. Leider auch nicht mit Bruchsicherheit gesegnet ist

ein goldenes Herz
et hjerte av gull

Übereinstimmung auch hier. So viel Harmonie erinnert irgendwie an die Wendung

ein Herz und eine Seele sein
være ett hjerte og én sjel

Und da haben wir nicht nur eine erneute Übereinstimmung, sondern auch die Erinnerung daran, dass diese Wendungen ja nicht buchstäblich zu verstehen sind – wir bewegen uns ja im Reich der Alltagsmetaphern. 


Der redewendigen Bildersprache ist es allerdings herzlich gleichgültig, ob das physische Herz nun weich oder hart sei. Dennoch. Das gebrochene Herz lässt mir einfach keine Ruhe. Das ist ja ganz typisch. Und so komme ich also nochmals auf die norwegischen Verben briste und knuse zurück. Denn briste geht auf das Germanische brestan zurück – genau wie das deutsche Verb bersten. Möglicherweise ist nur eine zufällige Fügung verantwortlich dafür, dass wir heute von gebrochenem und nicht von geborstenem Herzen sprechen. Etwas anders liegt der Fall bei knuse. Eine deutsche Verwandtschaft scheint es da nicht zu geben. Aber dieses Verb hat dennoch eine kleine Überraschung im Gepäck. Im heutigen Sprachgebrauch denkt man bei knuse zunächst an eingeschlagene Fensterscheiben (zur Not auch Schädel), zerdeppertes Geschirr und ähnliche Herrlichkeiten. In früheren Zeiten hatte dieses Verb dagegen eine Bedeutung im Sinn von (zer)drücken, zusammendrücken. Dass es einen Bedeutungswandel erfahren hat, dürfte zunächst auf den Vorgang des Mahlens zurückgehen – denn hier wurde das Mahlgut zwischen den Mühlsteinen zerdrückt, bis es völlig zerbröselt (knust) war. Auch ein Bild, das in herzensbrecherischen Zusammenhängen recht vielsagend ist.

Nun bin ich, zugegeben, ziemlich ausgiebig auf dem gebrochenen Herzen herumgeritten. Sprachlich gesehen ist das halt einfach eine echte Fundgrube. Aber es gibt schlimmere Gruben. Deshalb sollte man auch

aus seinem Herzen keine Mördergrube machen
ikke gjøre sitt hjerte til en røverkule

Hier gibt es zwar eine gewisse Abweichung – denn die deutsche Mördergrube ist im Norwegischen eine Räuberhöhle. Aber in der Praxis dürfte der Unterschied oft herzlich gering sein. Interessant ist dagegen der Ursprung dieser Wendung. Während zahlreiche bekannte Redewendungen aus Bibeltexten stammen, ist die Wendung von der Mördergrube zwar von der Luther-Bibel inspiriert. Aber sie entspricht weder von Wortlaut noch Bedeutung her dem biblischen Text. Basis ist folgender Abschnitt der Luther-Bibel:

Und Jesus ging zum Tempel Gottes hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen“; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.

Mit der Bedeutung „seine Gedanken und Gefühle offen aussprechen“ hat der biblische Text nichts gemeinsam. Man hat hier eine biblische Formulierung also sehr kreativ umgestaltet.


Wörtlich aus der Luther-Bibel übernommen wurde dagegen die Wendung

wes das Herz voll ist, des geht der Mund über
hva hjertet er full av, løper munnen over

Eben. Man macht aus seinem Herzen besonders dann keine Mördergrube, wenn es um Dinge geht, die einem am Herzen liegen. Und damit kommen wir zu einer nicht übereinstimmenden Übereinstimmung.

Das liegt mir am Herzen
Det er en hjertesak for meg

Zwar kann man diese beiden Herzenswendungen oft in vergleichbaren Situationen anwenden. Dennoch hat die norwegische Formulierung bei weitem nicht die gleiche Bildqualität wie die deutsche Wendung. Dass einem etwas am Herzen liegt, hat sozusagen eine eingebaute Innigkeit. Die Herzensnähe wird spürbar. Dass etwas eine Herzenssache oder Herzensangelegenheit sei, klingt dagegen viel nüchterner. Fast ein wenig distanziert. Ausgerechnet. Und trotz vieler übereinstimmender Einsatzgebiete – die Bandbreite von am Herzen liegen ist definitiv größer. Das geht so weit, dass man sogar jemand anderem etwas ans Herz legen kann. Da hat die hjertesak dann längst den Dienst verweigert.

Wenn einem etwas besonders am Herzen liegt, kommt oft auch das

Herzblut
Hjerteblod

ins Spiel. Und hier schwimmen die beiden Sprachen wieder einträchtig auf einer Wellenlänge.


Damit ist die redewendige Herzlichkeit natürlich noch längst nicht ausgereizt. Dennoch möchte ich für heute einen Schlusspunkt setzen. Und zwar mit einer „halbherzigen“ Wendung. Denn das Herz kommt hier nur in der norwegischen Variante vor.

På fastende hjerte
Auf nüchternen Magen

Da haben wir eine echte Überraschung. Was im Deutschen ein nüchterner Magen ist, wird im Norwegischen zum fastenden Herzen. Wie ist so etwas möglich? Eigenwilliger Humor ist eine Möglichkeit. Plausibler lässt sich die Sache aber damit erklären, dass die Wendung schon etwas älteren Datums ist. Hier ist also nicht explizit ein Blut pumpender Muskel gemeint, sondern der Ausdruck Herz steht gleichsam für das Zentrum aller lebenswichtigen Vorgänge im menschlichen Leib. Bis man es mit den anatomischen Details etwas genauer nahm, hatte man die Wendung på fastende hjerte bereits so ins Herz geschlossen, dass man sich davon nicht mehr trennen mochte. 


Klangbild: Alexander Rybak • Dagdrøm

Beim heutigen Klangbild – das in vielfältiger Weise mit dem Beitragsthema verknüpft ist – handelt es sich um eine klassische Eigenkomposition von Alexander Rybak für Violine und Klavier. Ein Stück, das Alexander kurz vor seinem Violinexamen geschrieben und beim Examen auch gespielt hat. Aber diese Aufnahme hier ist die Uraufführung des Werks. 🙂

https://youtu.be/6TeR1Gtr4Js


Und als Zugabe noch eine etwas spätere Aufnahme mit Stefan Zlatanos am Klavier.

https://youtu.be/M6TQR99sJI8

 

17 Gedanken zu “Bitte wenden • II

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂
      Ja, Alexander Rybak ist zwar vor allem durch seine Popmusik bekannt – aber seine musikalischen Talente sind weit vielseitiger.
      Mit den Wortwurzeln verbinden sich zudem die Wurzeln meiner Blogaktivität. Diese Seite werde ich hier auch weiterhin kultivieren. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  1. PPawlo sagt:

    Herzlichen Dank für den schönen Sonntagsbeitrag! Es bereitet Freude, den sprachlichen Wendungen etwas auf den Zahn zu fühlen und Sprachvergleiche anzustellen…Mir gefällt dazu auch das Musikstück von Alexander Rybak sehr gut! Er variiert die wunderschöne, volkstümliche Melodie bezaubernd und wenn das Klavier die Führung übernimmt, kommt noch einmal eine ganz andere Energie auf! Herzensdank! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein erfreuliches Feedback. 🙂 Es freut mich sehr, wenn diese Sprachvergleiche Freude bereiten. Denn das ist ein nahezu unerschöpfliches Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Damit lässt sich, finde ich, das Sprachverständnis erweitern und gleichzeitig sind tiefe Einblicke in die menschliche Natur möglich.
      Dieses schöne Stück zeigt Alexander Rybak von seiner besten Seite. Es demonstriert ganz wunderbar und lebhaft nachfühlbar, wie sehr ihm die Musik am Herzen liegt (und auch die Person, von der er hier akustisch tagträumt).

      Gefällt 2 Personen

  2. Ulrike Sokul sagt:

    Danke, daß Du meine Kommentaranregung so prompt beHERZigt hast und dann auch noch in Deiner Einleitung gleich zweifach auf meine Websaite verlinkt hast.
    Wieder wurde ich von Dir auf einen herzerfrischenden Redewendungsrundgang mitgenommen.
    Und bei dieser Begleitmusik muß einem ja einfach das Herz aufgehen!
    Gutenachtgruß von mir zu Dir 🙂

    PS:
    Schimpfwörter sind ganz bestimmt ein sehr amüsantes und weites Wörterfeld …

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Ich bedanke mich für deine herzerfreuende Resonanz. Und auch für die wunderbare Anregung, die definitiv kein schlechter ScHERZ war. 🙂 Da ist noch viel Raum für weitere organische Rederundgänge. (wenn auch möglicherweise durch den angedrohten Rundfluch aufgelockert)
      Ganze drei Klangbilder hatte ich in der engeren Auswahl – und sie schließlich beherzt für dieses vierte über Bord geworfen. Und die Herzlichkeit ist Klang geworden…
      Mit einem lieben Gutenachtgruß… 🐻

      Gefällt 1 Person

  3. sternenkind11 sagt:

    Das ist ja ein herzensreicher Beitrag! Es ist wirklich sehr interessant wie Sprache direkt in Bilder umgesetzt wird und just in diesem Moment unvermeidbar zu einem Gefühl führt. Das ist schon ein zu Herzen gehendes Zusammenspiel – fühlbare Bildsprache ;-). Hartelijk bedankt :-)!

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂 Es ist ja auch immer wieder überraschend, welche Register da gezogen werden, damit die Sprachmalerei möglichst lebendig wird. Und wenn das wirklich gut gelingt, überdauern Redewendungen manchmal viele Jahrhunderte.

      Gefällt 1 Person

  4. gann uma sagt:

    Herzig!
    Zum Herzen brechen fällt mir noch der Jäger ein mit dem aufgebrochenen Wild; vielleicht sind frühe anatomische Studien mit der Wahrnehmung des (auf)gebrochenen Herzen verklöppelt.

    Gefällt 1 Person

  5. Maike sagt:

    Hallo,
    der Beitrag hat mir so gut gefallen, dass ich daraus das Thema meiner Bachelorarbeit gemacht habe. 🙂
    Kannst du mir vielleicht sagen woher du die ganzen Herzmetaphern aus dem Norwegischen hast?
    Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine positive Resonanz. 🙂 In der Tat ein spannendes und vielschichtiges Thema. Die meisten der hier aufgeführten Wendungen sind mir im Lauf der Jahre schlicht und einfach „über den Weg gelaufen“. Viele davon lassen sich über gute Wörterbücher verifizieren. Eine sehr nützliche Quelle ist zudem Ein Buch von Gerda Moter Erichsen: Ord og uttrykk på fire språk (erschienen bei Cappelen Akademisk Forlag).

      Liken

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