★ Skrik

Titelbild: Edvard Munch • Skrik (Temperaversion von 1893)

 

Die heutige Sternstunde beginnt zur Abwechslung mal mit einer Zugabe. Denn die bietet eine prima Gelegenheit, eine ganz ausgezeichnete Band kennen zu lernen, von der später noch zu hören sein wird. Es handelt sich hier um ein Lied, das – nicht zuletzt durch den Text und die damit verbundene Geschichte – ebenfalls Sternstundenpotenzial hat. An dieser Stelle – als einleitende Zugabe – zählen vorerst allerdings nur die musikalischen Qualitäten. Denn im Zentrum der heutigen Sternstunde steht eine sehr spezielle Bild – Text – Musik Kombination. Doch zunächst die versprochene Zugabe: 

Sangen om fyret ved Tornehamn

(Text & Musik Kari Bremnes)

Kari Bremnes • Gesang
Hallgrim Bratberg • Gitarre
Bengt Hanssen • Keyboards, Gesang
Sondre Meisfjord • Bass
Helge Norbakken • Schlagzeug


Bevor ich mich dem Gegenstand der heutigen Sternstunde zuwende, ist ein kleines Intermezzo fällig. Eine recht ansehnliche Zahl der potentiellen Sternstunden-Beiträge scheitert daran, dass die Musik nicht im Netz verfügbar ist. Manchmal läuft es aber auch umgekehrt. Alles wäre vorhanden. Aber irgendwie kommt man nicht auf die Idee, etwas daraus zu machen. Doch manchmal hat man Glück. Im Fall von Skrik hat ein humoristischer Blogbeitrag den auslösenden Impuls gegeben. 


Skrik von Edvard Munch genießt zwar einen weltweit hohen Bekanntheitsgrad, wartet allerdings mit einigen Überraschungen auf. Dass es mehrere Originalbilder gibt, fällt möglicherweise deshalb gar nicht so sehr auf, weil beispielsweise im Netz auch Hunderte von Nachahmungen und Bearbeitungen kursieren. Und die Originale sind ja auch nicht in trauter Gemeinsamkeit ausgestellt. Das eine und andere hängt in diesem Museum, das noch andere in jener Galerie. Wieder ein anderes schlummert in privaten Gewölben. Zwischendurch befindet sich das eine oder andere Originalbild in Diebeshänden. Wer kann da noch die Übersicht behalten? 

Zwar kein Geheimnis, aber dennoch nicht übermäßig bekannt ist die Tatsache, dass die erste Version von Skrik in Gedichtform entstand. Interessanterweise existieren auch davon unterschiedliche Versionen. Und da diese zum Teil unterschiedlich übersetzt werden, herrscht eine blühende Vielfalt. Die hier präsentierte Version stammt aus einer Ausgabe, die unter Mitwirkung von Arne Eggum vom Munch-Museum entstanden ist. Und die deutsche Übersetzung habe ich auf dieser Grundlage selber an die Hand genommen.

«Jeg gik bortover veien med to venner – solen gik ned – Jeg følte som et pust av vemod – Himmelen ble plutselig blodig rød – Jeg stanset, lænede meg til gjerdet mat til døden – så ut over de flammende skyerne som blod og sværd over den blåsvarte fjord og by – Mine venner gik videre – jeg sto der skjælvende av angst – og jeg følte som et stort uendelig skrik gennem naturen.»

Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang. Die Sonne ging unter. Ein Hauch von Wehmut berührte mich. Plötzlich wurde der Himmel blutrot. Ich blieb stehen und lehnte mich, todmüde, an den Zaun. Ich blickte über die flammenden Wolken, die wie Blut und Schwerter über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen. Meine Freunde gingen weiter. Ich stand da, zitternd vor Angst, mit einem Gefühl, als ginge ein großer, unendlicher Schrei durch die Natur.

Dieser kurze Text ist sicher für das Bildverständnis ganz aufschlussreich. Aber wie kommt die Musik ins Spiel? Der Musiker und Schriftsteller Ketil Bjørnstad hatte bereits 1993 – also 100 Jahre nach der Entstehung der hier als Titelbild verwendeten Version von Skrik – den Dokumentarroman «Historien om Edvard Munch» veröffentlicht. Sieben Jahre später erschien das (heute noch erhältliche) Album «Løsrivelse» [7029971931239], das insgesamt 15 von Edvard Munch verfasste und von Ketil Bjørnstad vertonte Gedichte enthält. Unter anderem eben auch Skrik, das hier zunächst in einer Live-Version und anschließend in der Studioaufnahme zu hören ist.

 

Skrik (Live-Version)

Text • Edvard Munch
Musik • Ketil Bjørnstad

Kari Bremnes • Gesang
Hallgrim Bratberg • Gitarre
Bengt Hanssen • Keyboards
Sondre Meisfjord • Bass
Helge Norbakken • Schlagzeug

 

Skrik (Studioaufnahme)

Kari Bremnes • Gesang
Ketil Bjørnstad • Keyboards
Bjørn Kjellemyr • Bass
Marius Müller • Gitarre
Paolo Vinaccia • Schlagzeug


Zugaben:

Dass ich die „offizielle“ Zugabe bereits an den Anfang gestellt habe, freut mich ganz besonders, weil dadurch am Beitragsende Raum bleibt für «die Schlafwandlerin» und «zwei Menschen».

Texte • Edvard Munch
Musik • Ketil Bjørnstad

Kari Bremnes • Gesang
Ketil Bjørnstad • Keyboards
Bjørn Kjellemyr • Bass
Marius Müller • Gitarre
Paolo Vinaccia • Schlagzeug

Søvngjengersken

 

To mennesker

8 Gedanken zu “★ Skrik

  1. PPawlo sagt:

    „Skrik“ ist ja reine Lautmalerei !! Das kommt für mich als Schrei ganz stark rüber, vielleicht so wie „scream“ …Mir fällt die norwegische Sprache zunehmend auf in ihrer Schönheit und das jetzt auch mit Kari Bremnes in gut artikulieretn hohen und tiefen Tonlagen. Ich kannte sie nicht.. Dieser Schrei ist ja mehrmals durchdringend in der ersten Aufnahme von Skrik zu hören. Und da wir ja nun auch die Wut (vielleicht auch das Entsetzen?) der Lemminge kennen gelernt haben :), frage ich mich beim Text und beim Bild, ob Licht, Landschaft und Stimmung im Norden nicht neben Bewunderung der Schönheit auch Entsetzen auslösen können, so wie Munch es gemalt hat?? Oder ist es hier allein ein existenzielles Entsetzen, wie wenn der gewohnte Boden unter den Füßen weggezogen wird?
    Hab herzlichen Dank ! Hach, ich sehe gerade das YesMadrigal oben. Das werde ich mir jetzt an diesem dunklen Tag als Gegenpol anhören …

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, das stimmt. Das Wort Skrik ist ja total lautmalerisch und macht dieses Markundbeindurchdringende richtiggehend spürbar. Mir wäre das gar nicht aufgefallen. Es ist seltsam, wie man sich an Worte so gewöhnen kann, dass man ihren besonderen Charakter gar nicht mehr wahrnimmt.
      Die Geschwister Bremnes (auch die Brüder Ola und Lars) sind eine feste Größe im norwegischen Musikleben. Außerhalb der nordischen Länder ist ihre Bekanntheit dagegen nicht so riesig. Da wird halt die schöne Sprache zum Hindernis.
      Bei Munchs «Skrik» trifft, glaube ich, beides zusammen. Ein überwältigender Landschaftseindruck und eine schwankende innere Verfassung. Da ist dann eine Kraft, wie wenn zwei durch ein Gewitter stark angeschwollene Bäche zusammenfließen und mit vereinten Kräften zerstörerisch über die Ufer treten. Zwei gleichzeitige Phänomene – ein äußeres und ein inneres – die jedes für sich gerade noch auszuhalten gewesen wären, schaffen in ihrer Gemeinsamkeit eine verheerende Wirkung. Für meinen Begriff kommt das auch in der grotesken Gestalt im Vordergrund irgendwie zum Ausdruck. Außer sich vor Entsetzen über den Schrei, der in seinem Empfinden durch die Natur geht, bleibt ihm der eigene Schrei im Hals stecken.
      Das schöne Madrigal. 🙂 Keine Ahnung, nach welchen Kriterien WP das mit diesem Beitrag „verknüpft“ hat. Aber es passt als beruhigender Gegenpol. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. PPawlo sagt:

    Dass der Schrei im Hals stecken bleibt, ist für mich neu, aber spannend nachvollziehbar! Für mich war das allerdings bisher so, dass er geschrieen hat und er jetzt entsetzt dem Echo der Natur lauscht. Mit einem Mal kommt durch deine Bemerkung für mich richtig Bewegung ins Bild und die Frage : war da überhaupt ein Schrei und wenn, wer/ was schrie zuerst? Gab es sogar ein Hin und Her? 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Natürlich bleibt das alles nur Spekulation. Man kann vielleicht Indizien finden – oder auch nur zu finden glauben. Aber ich finde es auf jeden Fall anregend, die verschiedenen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Erstens als Erinnerung daran, dass das auf den ersten Blick Wahrscheinliche nicht auch die Wirklichkeit sein muss. Und zweitens, weil ein gellender Schrei vielleicht äußerlich dramatisch wirken würde, aber dieser „nur“ innerlich empfundene Schrei der Natur um ein Vielfaches erschütternder sein kann. Aber auch ein Hin und Her würde mir plausibel erscheinen. Eine Art Rückkopplung, die sich ins Unermessliche steigert.

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  3. PPawlo sagt:

    Für mich geht’s auch eher um die Frage, was macht das Bild mit dir ? was macht es mit mir? Und schon bekommt es noch mal mehr Leben. Sonst bin ich sehr froh, dass vieles in der Malerei nur Spekulation bleiben kann… 🙂 Doch das Bild ist für mich jetzt tatsächlich noch mal lebendiger geworden!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Das finde ich sehr erfreulich. Wenn so ein Bild – unabhängig davon, welche Vorstellungen und Gedanken bereits damit verbunden sind – noch auf neue und vielfältigere Weise erlebt werden kann, ist das ja auch so etwas wie eine Sternstunde. Das passt ja dann hier besonders gut ins Konzept. 🙂

      Gefällt 1 Person

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