Bitte wenden! • I

Wer sich sprachlich gewandt ausdrücken will, wird – wen wundert’s? – häufig Redewendungen verwenden. Alltagsmetaphern haben den Vorteil, dass mit wenigen Worten umfangreiche Assoziationen geweckt werden können. Das setzt allerdings voraus, dass die Metapher bekannt ist. Und bei vielen Redewendungen ist das auch der Fall. Sie werden regelmäßig bis häufig verwendet. So halten sie sich manchmal über Jahrhunderte lebendig. Und wenn sie nicht mehr so ganz genau verstanden werden, findet vielleicht nach und nach eine kleine Umdeutung statt. 

Auf schwankendem Grund bewegen wir uns allerdings oft, wenn wir unsere Alltagsmetaphern in eine andere Sprache übersetzen wollen. Wie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Praxis aussehen können, möchte ich in meiner neuen Beitragsreihe «Bitte wenden!» zeigen. Heute beginne ich mit einigen deutschnorwegischen Beispielen. Während manche Metaphern sich gleichen wie ein Ei dem anderen [linksbündig], kann man es bei anderen [eingerückt] drehen und wenden wie man will – da kann es leicht ausgehen wie im folgenden ersten Beispiel…


Ich verstehe nicht die Bohne

Jeg skjønner ikke bæret

Ein schöner Einstieg. Denn die Wendungen sind zwar nicht identisch – aber sie unterscheiden sich nur in einer Kleinigkeit. Was dem einen die Bohne, ist dem anderen die Beere. In beiden Fällen handelt es sich (wenn nicht jemand bei Beere ausgerechnet an einen Riesenkürbis denkt) um kleine Dinge. Das ist also nicht furchtbar schwer nachzuvollziehen. Und man kann sich diese Verschiebung von Bohne zu Beere auch leicht merken. Dennoch hat die Sache noch einen kleinen Haken. Denn die deutsche Bohne ist vielseitiger als die norwegische Beere. Beispielsweise kann einen etwas nicht die Bohne interessieren oder kümmern. Aber hier verweigert die norwegische Beere ihren Dienst. Also selbst wenn wir in der Zielsprache ein Pendant finden, sind die Anwendungsbereiche nicht immer deckungsgleich.  


Jemandem einen Bärendienst leisten

Gjøre noen en bjørnetjeneste

Diese Wendung habe ich bereits im Beitrag Dienstbär etwas ausführlicher besprochen. Sie ist in deutscher und in norwegischer Sprache deckungsgleich. Und das, obwohl es eigentlich eine aberwitzige Metapher ist. Doch der Grund ist einleuchtend. Die Wendung geht auf eine Fabel von Jean de La Fontaine zurück. Und Metaphern mit einem literarischen Hintergrund tauchen oft übereinstimmend in verschiedenen Sprachen auf. 


Schimpfen wie ein Rohrspatz

Være sint som et lemen

Auch eine tierische Metapher. Allerdings im Gegensatz zum Bärendienst eine, die sich aus alltäglichen Naturbeobachtungen ableitet. Der lautstarke Spatz ist ein durchaus passender Vergleich für einen Menschen, der seinem Ärger Luft macht. Dennoch sagt man in vergleichbaren Fällen in Norwegen, dass jemand wütend wie ein Lemming sei. So passend die Spatzen-Metapher ist – der Lemming ist im Norden für sein hitziges Gemüt bekannt. Seine lautstarken und angriffslustigen Reaktionen auf tatsächliche oder vermeintliche Bedrohungen sind legendär. Manche behaupten sogar, dass Lemminge vor Wut zerspringen könnten. Aber man muss ja nicht jedes Ammenmärchen für bare Münze nehmen.


Ein Angsthase sein

Være en reddhare

Eine völlig andere Feindkontaktstrategie als der Lemming hat der Hase. Flucht und Verstecken. Das lässt sich – auch ohne zum Tiermörder zu werden – wunderbar metaphorisch ausschlachten. Wer einen Menschen als Angsthasen bezeichnet, zeichnet mit einem einzigen Wort ein deutliches Bild. Und der Angsthase ist, wenig überraschend, auch im norwegischen Wortschatz beheimatet. Und mit dem Angsthasen lässt sich auch gleich ein typisches Phänomen der Sprache illustrieren. Denn der Angsthase würde wörtlich übersetzt redselhare heißen. Oder der reddhare wäre ein Ängstlichhase. Der Hase wird also im Deutschen mit einem Substantiv und im Norwegischen mit einem Adjektiv verbandelt. Und der Grund ist ebenso typisch wie einfach: Einfachheit. Man wählt die jeweils kürzere Variante.


Er ist ein alter Hase

Han er en gammel rev

Viele haben Hasen zum Fressen gern. So gesehen hat der Hase viele Freunde. Doch aus seiner Sicht sind das Feinde. Und so ist es nicht ganz einfach, ein alter Hase zu werden. Also ist es nicht weiter erstaunlich, dass der alte Hase als Sinnbild für Erfahrung gilt. Ein alter Hase kauft nicht so einfach die Katze im Sack, denn er weiß längst, wie der Hase läuft. Damit die Metapher auch in Norwegen verständlich wird, muss aus dem Hasen allerdings ein Fuchs werden. Ausgerechnet. Wobei auch das wieder ganz interessant ist. Denn den alten Fuchs kennt man im Deutschen ebenfalls. Während man also in der deutschen Sprache zwischen einem alten Fuchs und einem alten Hasen wählen – und entsprechend nuancieren – kann, muss man in Norwegen mit dem Fuchs vorliebnehmen. Oder auf die Metapher verzichten.


Die Katze im Sack kaufen

Kjøpe katta i sekken

Das ist auf den ersten Blick eine tröstliche Wendung. Denn hier stimmen die deutsche und die norwegische Version wunderbar überein. Und diese Metapher dürfte bereits seit dem Spätmittelalter in Gebrauch sein. Die Devise „Augen auf beim Kauf“ ist also nicht erst mit dem Aufkommen der Fernsehwerbung aktuell geworden. Auf der anderen Seite zeigt dies ja, dass es eine lange Tradition darin gibt, potenziellen Kunden ein X für ein U vorzumachen. Da schwindet die schöne Tröstlichkeit gleich wieder dahin…


Etwas für bare Münze nehmen

Ta noe for god fisk 

Auch hier geht es um Leichtgläubigkeit. Wer nicht so genau hinschaut, dem kann es leicht passieren, dass ihm etwas Wertloses untergejubelt wird. Im einen Fall ist es die Fälschung, die als bare Münze angeboten wird. Im anderen Fall ist es die durchaus nicht mehr fangfrische Ware, die als guter Fisch verkauft wird. Auch wenn bare Münzen und gute Fische zwei Paar Schuhe sind. In beiden Fällen wäre der Betrug eigentlich recht gut zu erkennen. Nur, wer in naiver Gutgläubigkeit viel zu wenig genau hinschaut, wird auf den Schwindel hereinfallen. Also ist diese Metapher – ob in der deutschen oder der norwegischen Version – höchstgradigst für alle Gelegenheiten geeignet, bei denen jemand, ohne zu hinterfragen, den blühendsten Unsinn für die Wahrheit hält.  


In der Not frißt der Teufel Fliegen

I nøden spiser fanden fluer

Man möchte misstrauisch werden. Hier geht es mit dem Teufel zu. Und dennoch herrscht eine harmonische Übereinstimmung. Und dies, obwohl nicht einmal genau bekannt ist, woher diese Metapher eigentlich kommt. Ich möchte jetzt hier nicht den Teufel an die Wand malen. Aber so recht geheuer ist mir das nicht.

Also lege ich jetzt erst mal eine Pause ein. Aber keine Bange. Auch wenn ich nicht das Blaue vom Himmel versprechen will – es wird bestimmt weitere ähnliche Beiträge mit dem Titel «Bitte wenden!» geben. 🙂

 


Klangbild:
Johann Sebastian Bach • Partita Nr. 1 in B-Dur, BWV 825 • Gigue

[https://youtu.be/jUSv0o1V80I]

Maria Tipo • Klavier

 

13 Gedanken zu “Bitte wenden! • I

  1. Mäusemamma sagt:

    Wieder mal ein interessanter sprachlicher Ausflug in die Welt der Redewendungen! Klasse!👍 Gibt es im norwegischen Wortschatz auch eine äquivalente Metapher zum deutschen „die Sau rauslassen“😉? (Ich beziehe mich dabei gerade auf meinen gestrigen Blogbeitrag) Viele Grüße! Claudia

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für diese positive Resonanz. 🙂
      Gute Frage. Eine passende Metapher zum „Sau rauslassen“ gibt es nicht (oder vielleicht im Privatgebrauch, aber nicht im gängigen Sprachschatz). Am ehesten würde man wohl die Wendung «å slippe seg løs» verwenden. Eigentlich „sich loslassen“ im Sinne von „alle Hemmungen fahren lassen“. Auch bei den Hemmungen ist man im Norwegischen nicht so bilderreich. Während man im Deutschen alle Hemmungen über Bord werfen kann (ein sehr eindrückliches Bild), heißt es im Norwegischen schmucklos „kaste alle hemningene“ – also nur: alle Hemmungen (weg)werfen.

      Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Schön, dass du Redewendungen in den Fokus nehmen willst! Wenn ich „schimpfe wie ein Rohrspatz, nicht die Bohne verstehe und eine Katze im Sack kaufe“, wird Sprache erständlicher und lebendiger. Da kann ganz leicht mal der Groschen fallen oder ein Licht aufgehen! Der Sprachvergleich ist auch interessant!
    Die eine oder andere Redewendung wird sicher damit aufgefrischt! Ich freu mich drüber und ich freu mich drauf!
    Und was geschieht da in deinem Bild? Wird da einer um den Finger gewickelt? 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein Echo. 🙂 Ja, solange die Alltagsmetaphern lebendig erhalten werden, können wir damit unsere Sprache abwechslungsreicher und ausdrucksvoller gestalten. Die Kategorie «Rederei» ist ja genau für Wörter und Wendungen da. Und es ist höchste Zeit, diesen Bereich wieder mit neuem Leben zu füllen.
      Mein Titelbild (ein echter Randomsen – in Privatbesitz) illustriert das Problem der unverstandenen Metapher. Der eine bemüht sich sichtlich, sich in einer eleganten Wendung auszudrücken – und für den anderen ist das nur Blabla, das ihn mit vielen Fragezeichen zurücklässt.

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  3. Zeilenende sagt:

    Wenn der Lemming also von der Klippe … dann ist das nicht Doofheit oder Überdruss, sondern todesverachtender Mut? Da brat mir einer einen Storch!
    Sehr schön, die Redensarten. Ein sehr ersprießliches Feld. Das mir sehr viel Freude gemacht hat.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine positive Resonanz. Aufgrund des bisherigen Echos bin ich ja froh, dass ich diesen Redensartenspaziergang als Wiederholungstat geplant habe. 🙂
      Tja, das mit den Klippen ist ja eine Geschichte für sich. Aber todesverachtender Mut, das hat schon was…

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  4. Ulrike Sokul sagt:

    Sehr interessant und amüsant Dein sprachvergleichendes, redewendendes Redewenden!
    Wie schaut es denn mit den Redewendungen „jemandem etwas ans Herz legen“, „sich etwas hinter die Ohren schreiben“, „sich den Kopf zerbrechen“ und „jemandem eine lange Nase machen“ aus?
    Wahrscheinlich böte sich diesbezüglich ein eigener Beitrag zu „organischen“ Redewendungen an …
    Ich jedenfalls leg mich nun mal aufs OHR 😉

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine erfreuliche und anregende Resonanz. 🙂 Organische Redewendungen – das ist eine klasse Idee! Das Herz gibt im Alleingang locker Material für einen Beitrag her. Und das, obwohl es „ans Herz legen“ in dieser Form im Norwegischen nicht gibt. Auch „sich aufs Ohr legen“ müsste man anders umschreiben. „Jeg tar kvelden nå“ (wörtlich: ich nehme jetzt den Abend) würde sich anbieten. Hinter die Ohren schreiben gibt’s dagegen – allerdings bleibt das Ohr im Singular. Kopfzerbrechen sagt man zwar nicht genau so, aber ähnlich: hodebry (wobei „bry“ so viel wie Beschwerde, Plage, Unannehmlichkeit bedeutet). Und auch die lange Nase machen existiert im Norwegischen als „peke nese“. Gar nicht übel, die Ausbeute. 🙂

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