Die beste Meinung

Dieser Text war (bzw. ist) als Echo zum μ-Beitrag Meinungsfreiheit gedacht. Einige Nachgedanken, die zeigen sollen, dass die Meinungsäußerung besser sein kann (oder zumindest könnte) als ihr aktueller Ruf. Irgendwie hat sich dieses Echo allerdings grausam verspätet (vielleicht war es mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs?). Aber nichtsdestotrotz – hier ist es…

Mit dem folgenden Satz hat vor einigen Jahren ein Redner sein Plädoyer in einer Versammlung abgerundet:

«Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung.» 

Dieser Satz mag wie eine überhebliche Provokation klingen. Vielleicht war er sogar genau so gemeint. Möglicherweise war es auch eine eher scherzhafte Bemerkung. Dennoch. Betrachtet man diese Aussage in ihrer Wortwörtlichkeit, drückt sie ganz wunderbar das aus, was eine gelungene Meinungsäußerung ausmacht. Meine Meinung zu diesem Satz klingt deshalb so:

Die einleitende Aussage «das ist meine Meinung» ist ja gewissermaßen eine Produktdeklaration ergänzt durch eine Herkunftsbezeichnung. Das soeben abgeschlossene Plädoyer wird als Meinung deklariert. Nicht mehr – nicht weniger. Es mag vielleicht nicht der Weisheit letzter Sch(l)uss sein. Aber es ist immerhin eine Meinung, die jemand sich gebildet hat. Man hat sich über eine Sache informiert, darüber nachgedacht und sich eben schließlich seine persönliche Meinung gebildet. Und das ist gar nicht so wenig. Das Hauptproblem mit sogenannten Meinungen ist ja der Etikettenschwindel, wenn ein gedankenloser Reflex als „Meinung“ verkauft wird. Nicht umsonst spricht man von Meinungsbildung. Und die etikettenschwindlerische Pseudomeinung ist da oft von gravierenden Bildungslücken (in verschiedener Hinsicht) gekennzeichnet. Es ist dann nicht wirklich eine Meinung, sondern schlichtweg ein Armutszeugnis, das (unter anderem) von einem gravierenden Mangel an Respekt (anderen und sich selber gegenüber) zeugt. Ein minimaler Qualitätsstandard – dem zumindest ein elementarer Prozess der Meinungsbildung zugrunde liegt – muss unbedingt sein, damit eine Meinung als solche durchgehen kann und einen Wert und Nutzen hat.

Und nicht weniger wichtig ist die Herkunftsbezeichnung „meine“ Meinung. In vielen Fällen wäre es ja ehrlicher, zu sagen: «Das ist X-ens oder Y-ens Meinung, die ich, da ich zu faul und/oder doof bin, mir eine eigene Meinung zu bilden, unkritisch übernommen habe.» Es ist dann das, was ich gerne als „Ihrung“ oder „Seinung“ bezeichne. Auch hier gilt – wenn sie echt ist, drückt die Herkunftsbezeichnung „meine Meinung“ einen bestimmten Wert aus. 

Auch der zweite Teil «…ich meine, das sei die beste Meinung» muss nicht zwingend auf eine grenzenlose Überheblichkeit des Redners hindeuten. Die Formulierung „ich meine“ relativiert die ganze Sache ja schon. Und vor dem Hintergrund des zuvor Gesagten ist der Teil mit der „besten Meinung“ eigentlich logisch. Denn niemand macht sich die Mühe, sich eine eigene Meinung zu bilden, nur, um sie hinterher als völligen Unsinn zu deklarieren. Nein. Wer den Meinungsbildungsprozess durchlaufen hat, ist natürlich vom Ergebnis überzeugt. Also stellt dieses «…ich meine, das sei die beste Meinung» sowohl einen Aufruf, als auch eine Einladung dar. Einerseits ist da der Wunsch, ernst genommen zu werden. Denn es macht sich auch niemand die Mühe, sich eine eigene Meinung zu bilden, nur, um sie hinterher von anderen als völligen Unsinn abstempeln zu lassen. Anderseits klingt da die Einladung zum Meinungsaustausch mit. Das ist meine Meinung, das Beste, was ich aktuell zum Thema zu sagen habe – nun lasst in ähnlicher Weise auch eure Meinungen hören. Und wer die Sache wirklich ernst nimmt, ist ja nicht nur von seiner eigenen Meinung überzeugt, sondern ist bereit, zu erkennen und anzuerkennen, dass auch die anderen Meinungsäußerer ihre Meinung zunächst einmal für die beste Meinung halten. 

Der denkwürdige Satz «Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung.» kann also, wenn alle Beteiligten bereit sind, das Beste daraus zu machen, ein Schlüssel dazu sein, wie die freie Meinungsäußerung über einen respektvollen Meinungsaustausch zu einem Konsens führen kann. Aber eben. Das Beste daraus machen muss sowohl für die Meinungsbildung als auch für den gepflegten Austausch der gebildeten Meinungen gelten. Ich bin mir nicht sicher, ob der Grundsatz «wo ein Wille ist, ist auch ein Weg» immer zutrifft. Aber sicher ist: Wo der Wille fehlt, wird auch kein Weg zum Konsens zu finden sein. 

Nun möchte ich zwar nicht behaupten, dass meine Äußerungen zum zitierten Satz «Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung» der Weisheit letzter Schluss seien. Hm. Doch. Eigentlich möchte ich schon… Aber wie auch immer. Eines kann ich jedenfalls reinen Gewissens und mit Überzeugung sagen: Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung. 🙂

 


Klangbild: Carla Bley • Utviklingssang

Carla Bley • Klavier
Steve Swallow • Bass
Andy Sheppard • Saxophon

 

 

15 Gedanken zu “Die beste Meinung

  1. Die Ton-Trägerin sagt:

    Wunderschönes Klangbild!! (Meine Meinung oder eher mein Geschmack?)
    Hat Meinung nur was mit Fakten zu tun oder fließt in sie nicht sowieso immer ein hohes Maß an persönlicher Weltsicht ein? Und beruht die nicht auch auf subjektiven Dingen wie Erfahrungen, Erziehung, Einschränkungen? Gibt es jemanden, der alle Fakten kennt, der somit überhaupt in der Lage ist, „richtig“ zur bewerten und gewichten? Ist die Meinung eines Einsteins „richtiger“ oder „wichtiger“ als die von Frau Müller, weil Einstein kognitiv mehr drauf hat? Oder ist sie gar gefährlicher, falls emotionale oder ethische Komponenten bei der Abwägung keine Rolle spielen? In welchem Maß sollten diese „weichen Faktoren“ berücksichtigt werden? Ist Meinung ein Privileg der Intelligenz? Legt jemand fest, wann eine Meinung den „Mindest-Qualitätsstandard“ erreicht hat, wann genug Zeit / Intelligenz / „Realitäten“ / Abwägungen in den Meinungs-Bildungsprozess geflossen sind? Wer ist wirklich frei von Reaktanz, Prägung oder Anbiederung im Rahmen seiner Meinungsbildung?
    Sind nur spontane Gedanken zum Thema … ich glaub, ich brauch noch Zeit, um mir darüber meine Meinung zu bilden. 😉

    Gefällt 5 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dieses facettenreiche Feedback. 🙂
      Es gibt diesen «Utviklingssang» ja in zahlreichen Versionen. Aber diese hier ist besonders intensiv. Und für mich illustriert sie in sehr eindrücklicher Weise, wie ein Meinungsaustausch gestaltet werden kann.
      Auch Fakten haben, denke ich, viel mit subjektiven Faktoren zu tun. Das beginnt ja schon bei der Auswahl. Welche Fakten hält man für relevant? Nach welchen Kriterien hält man verfügbare Daten für zuverlässig oder eben nicht? Wie interpretiert man diese Fakten? Oft wird das Faktenpferd ja beim Schwanz aufgezäumt. Das heißt, man hat sich bereits subjektiv entschieden und sucht gezielt Daten, die diese Entscheidung stützen. Auch wenn ich es nicht begrüße, wenn auf Fakten gänzlich gepfiffen wird, halte ich es auch für gefährlich, wenn diese überbewertet werden. Wenn beispielsweise jemand Angst hat, ist das ja auch ein Faktum. Und es hilft wenig, wenn man sagt, dass es „objektiv“ dazu keinen Grund gibt. Wer auf die eine oder andere Weise mit Phobien konfrontiert wurde, kann davon einen ganzen Liederabend singen. Es geht letztlich um eine ausgewogene Balance. Und die ist von Fall zu Fall verschieden. Da kommt der gute Wille ins Spiel – die Bereitschaft, sich anzunähern und eben diesen Konsens zu finden. Das ist oft schwierig. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Der Stolperstein ist fast immer der fehlende Wille.
      Den Mindeststandard kann, meine ich, nur jede(r) für sich selbst festlegen. Das ist letztlich eine Frage des Selbst- und Fremdrespekts, ob man sich mit einem Armutszeugnis begnügen will, oder ob man sich um eine „beste Meinung“ (nicht verglichen mit anderen Meinungen, sondern gemessen an den eigenen Möglichkeiten) bemüht.

      Gefällt 3 Personen

  2. PPawlo sagt:

    „Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung“ kommt mir am Anfang Deines Beitrags noch ziemlich vermessen oder provokativ oder selbstironisch vor. Als der Satz am Ende noch einmal erklingt, bin ich schon ziemlich überzeugt von Deinen Ausführungen und der Satz klingt ganz anders. Gut gemacht, Random! 🙂
    Ähnliches passiert in dem ausgewählten Musikstück, das erst mit leichten Dissonanzen beginnt, dann immer mehr zusammen zur Hauptmelodie findet. Ein herrliches Stück!
    Das Wörtchen „beste“ beim Wort „Meinung“ irritiert mich allerdings irgendwie…Warum eigentlich? Ist mir noch nicht klar…Liebe Regenwassergrüße, Petra

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine Resonanz. 🙂 Es steckt wohl eine gewisse Dreistigkeit hinter diesem Satz. Und genau deshalb war es so reizvoll, ihn so „umzustimmen“, dass er einen völlig anderen Klang bekommt.
      Das Klangbild ist einerseits ein unglaublich schönes und intensives Musikstück – und auf der anderen Seite drückt es auf musikalische Weise genau das aus, worauf ich beim Text hinaus will.
      Das Wort „beste“ passt insofern gut, weil es ambivalent ist. Es kann sowohl bedeuten „besser als alle anderen“ – aber auch „das Beste, was ich aktuell zu bieten habe“.
      Mit einem herzlichen (staubtrockenen) Abendgruß. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  3. Mitzi Irsaj sagt:

    Das Zitat klingt im ersten Moment arrogant und überheblich. Ist es aber nicht. Wenn ich selbst meine Meinung für nicht gut halte, dann sollte ich sie nicht äußern sondern noch mal darüber nachdenken.
    Zumal eine Meinung ja eine Meinung und nicht eine Feststellung ist. Man sollte seine Meinung also ruhig öfter vertreten
    Ein feiner Beitrag über Meinungäusserung.

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂 Ja, dieser Satz ist wunderbar. Irgendwie enthält er ja alles, was für eine „gesunde Meinungsäußerung“ wesentlich ist. Und dass er fast automatisch zunächst provokativ wirkt, macht ihn umso wertvoller. Denn der Satz lässt die Zuhörer nicht kalt – und er zeigt sehr schön, dass die Dinge manchmal nicht ganz so sind, wie sie auf den ersten Blick wirken. Und es ist eine prima Mini-Checkliste für die eigene Meinungsäußerung. Ist es wirkliche meine Meinung? Und ist es das Beste, was ich aktuell zu bieten habe? Wenn dem so ist, darf man seine Meinung ruhig (oder meinetwegen auch unruhig) öffentlich kundtun.

      Gefällt 2 Personen

  4. PPawlo sagt:

    So, jetzt habe ich etwas Zeit! 🙂
    Auch wenn ich Deine beste Meinung stehen lassen kann, würde ich eher so etwas wie „Davon bin ich überzeugt“, „In meinen Augen“, ,, „So, wie ich es sehe“ „Nach reiflicher Überlegung …“ sagen. Es kommt wohl auch auf die Person, den Ton und die Gestik dabei an…
    Was mich bei diesem Beitrag noch beschäftigt, ist unsere Gesprächskultur, von der Du ja auch schreibst. Und da kommt bei Deiner ausgewählten Musik vom ersten Augenblick rüber, dass in den Raum gehorcht und aufmerksam zugehört wird. Man spürt Achtsamkeit im Umgang mit einander, von Rechthaberei oder Übertrumpfen keine Spur, kein Alleingang…man geht auf einander zu und ein… Es fließt und entwickelt sich…Und das ist nicht immer selbstverständlich beim Musizieren und schon gar nicht bei Diskussionen und Gesprächen…
    Dir einen schönen Sonntagmorgen! 😉

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine beste Meinung. 😉 Die Formulierung „beste Meinung“ passt sicher nicht für jede Gelegenheit. Und vor allem nutzt sich ja die Wirkung durch zu häufigen Gebrauch ab.
      Ja, besonders mit Blick darauf, was ein Meinungsaustausch sein könnte, ist mir das Klangbild sehr wichtig. Abgesehen vom rein musikalischen Genuss kann es ein Lehrstück in Gesprächskultur sein. Da sind sehr viele Aspekte drin, die du ja auch erwähnst. Und vor allem zeigt es auch, dass ein Meinungsaustausch im Idealfall eben ein Gemeinschaftswerk ist, und nicht ein „ich gegen alle“.
      Mit einem herzlichen Sonntagabendgruß. 🙂

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  5. sternenkind11 sagt:

    Zu welchem Zeitpunkt die Reflexion eintrifft ist bei Deinem Echo eher zweit- oder dritt- oder viertrangig ;-). Steht für mich jedenfalls absolut im Hintergrund. Dein Echo ist fast untypisch facettenreich, reichhaltig und anregend, fühlt sich eher nach einer eigenen Melodie an, die die Vorangegangene harmonisch ergänzt :-).

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für dein Feedback. Es besteht ja auch durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Facettenreichtum und der zeitlichen Verzögerung. Das Echo hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt und einige Extra-Pirouetten gedreht. 😉

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        1. Random Randomsen sagt:

          Danke. 🙂 Ja, manchmal ist die ursprüngliche Grundidee einfach nicht ausreichend. Es passt einfach nicht – und man kann vielleicht nicht einmal genau sagen, warum. Und erst wenn das Endergebnis da ist, merkt man, dass da einige Dinge einfach ihre Zeit zum Reifen brauchten. 🙂

          Gefällt 1 Person

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