★ Höstvisa

Herbstweise ist ein schönes Wort. Während das schwedische höstvisa ein Substantiv mit eindeutiger Bedeutung ist, ließe sich herbstweise auch als Adjektiv deuten. Eine schöne Vorstellung. Ein Mensch, der – noch mit Sommer im Blut und doch schon mit Frost in den Haaren – herbstweise geworden ist. Mit klarem Blick. Die jugendlich-leichtsinnigen Illusionen durchschauend. Aber noch immer träumend. Dabei im Bewusstsein, dass die Zeit drängt. Aber mit dem großen Vorteil, dass man – herbstweise eben – realitätsnah träumt. Man hat nicht mehr so viel Zeit. Aber man braucht auch weniger Zeit, weil man ja Spreu und Weizen bereits getrennt hat…

Irgendwie zu dieser Einleitung und auch sonst ganz passend, trägt das heutige Sternstunden-Lied den Titel «Höstvisa». Es handelt sich um ein finnlandschwedisches Lied, das vor ziemlich genau 51 Jahren erstmals aufgeführt wurde. Das Lied ist im Norden auch heute noch populär. In anderen Gegenden dürfte es dagegen eher wenig bekannt sein. Noch bevor ich näher auf den Text eingehe, gibt es zunächst – als Einstimmung – eine Instrumentalversion. Denn die Musik von Erna Tauro drückt auch ohne Worte sehr deutlich die Stimmung der Höstvisa aus.

Linda Lampenius • Violine
Anna Nygren • Klavier

 


Nun aber zum Text der Höstvisa. Denn dieser Text ist ein poetisches Meisterwerk. Geschrieben hat ihn Tove Jansson. Und wer beim Namen Tove Jansson zunächst an die «Mumintrolle» denkt, denkt goldrichtig. Zwar drehen sich die meisten ihrer Texte um die Mumin-Welt. Aber mit dem Text der Höstvisa hat sie einen jahreszeitlich gefärbten und doch zeitlosen Text geschaffen – poetisch und ausdrucksstark werden Bilder aus einer Jahreszeit mit Impressionen aus einem menschlichen Lebenslauf verwoben.

Höstvisa

Text: Tove Jansson
Musik: Erna Tauro

Vägen hem var mycket lång och ingen har jag mött
nu blir kvällarna kyliga och sena.
Kom trösta mig en smula för nu är jag ganska trött
och med ens så förfärligt allena.
Jag märkte aldrig förut att mörkret är så stort
går och tänker på allt det där man borde.
Det finns så mycket saker, jag skulle sagt och gjort
och det är så väldig lite jag gjorde.

Skynda Dig älskade, skynda att älska
dagarna mörkna minut för minut.
Tänd våra ljus, det är nära till natten
snart är den blommande sommar’n slut.

Jag letar efter nånting som vi kanske glömde bort
och som Du kunde hjälpa mig att finna.
En sommar går förbi, den är alltid lika kort
den är drömmen, om det man kunnat vinna.
Du kommer kanske nångång, förr’n skymningen blir blå
innan ängarna är torra och tomma.
Kanske hittar vi varann, kanske hittar vi då på
något sätt att få allting att blomma.

Skynda Dig älskade, skynda att älska
dagarna mörkna minut för minut.
Tänd våra ljus, det är nära till natten
snart är den blommande sommar’n slut.

Nu blåser storm därute och stänger sommar’ns dörr
det är försent för att undra och leta.
Jag älskar (dig) kanske mindre, än vad jag gjorde förr
men mer än Du nånsin kommer att få veta.
Nu ser vi alla fyrar längs höstens långa kust
och hör vågorna villsamma vandra.
En enda sak är viktig och det är hjärtats lust
och att få vara samman med varandra.

Skynda Dig älskade, skynda att älska
dagarna mörkna minut för minut.
Tänd våra ljus, det är nära till natten
snart är den blommande sommar’n slut.

 


Und damit wird es höchste Zeit für einige ausgewählte Aufnahmen. 

Zunächst einige neuere Versionen.

Den Anfang machen die Von Hertzen Brothers, deren Interpretation einfach alles bietet, was man sich nur wünschen kann. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich um ein finnlandschwedisches Lied – und in dieser Version ist der finnische Unterton in der schwedischen Sprache schön zu hören. Und vom Arrangement her ist hier sommerliche Wärme in stilistischer Perfektion mit herbstlicher Melancholie vereint. 

Besser kann man es eigentlich nicht machen. Das war’s dann.

Aber, halt! Man muss es ja nicht unbedingt besser machen wollen, aber vielleicht einfach anders. Man braucht sich ja nicht auf eine „beste“ Version zu beschränken. Denn Vielfalt macht das Leben immer reicher als superlativfixierte Einfalt. [Dies eine kleine Herbstweisheit von mir.] 

Dass die Höstvisa längst ein Klassiker ist, kommt in dieser Interpretation von Erik-André Hvidsten (Gesang) und Thomas Enroth (Klavier) eindrücklich zum Ausdruck.

 

Dass dieses Lied sich auch mit ganz anderen stilistischen Elementen wunderbar entfalten kann, zeigt diese originelle Interpretation von Magda & Torbjörn.

 

Und nun zwei ältere Versionen mit Anki Lindqvist und ihrer Band Cumulus. Zunächst das schwedische Original – anschließend eine finnische Version in einer Übersetzung von Esko Elstelä.

 


Und weil hier zufällig noch ein wenig Platz verfügbar ist, gibt es eine Freestyle-Übersetzung von mir. Freestyle deshalb, weil penible Wortwörtlichkeit poetische Texte meist verkrüppelt. Also ist das hier eher eine Nacherzählung, als eine Übersetzung. Auch so lässt es sich allerdings nicht vermeiden, dass die im Original angelegten möglichen Textinterpretationen hier teilweise in eine bestimmte Richtung vorgespurt werden. Aber zum Glück hilft uns die Musik, aus der sich ja die Zwischentöne und Untertöne erspüren lassen. 

Herbstweise

Lang war der Heimweg, und
niemandem bin ich begegnet

Nun beginnt die Zeit der kühlen, langen Abende
Komm, tröste mich ein wenig,
denn nun bin ich ziemlich müde

Und urplötzlich so schrecklich allein
Nie zuvor bemerkte ich, wie enorm das Dunkel ist
Nun denke ich an alles, was man sollte
So viele Dinge hätte ich sagen und tun sollen
Und so unglaublich wenig habe ich wirklich gemacht

Eile, Geliebte(r), beeile dich, zu lieben
Die Tage werden kürzer, Minute um Minute
Zünde unsere Lichter an, denn die Nacht ist schon nah
Bald ist der blühende Sommer vorbei

Ich suche nach etwas, das wir
möglicherweise vergessen haben

Und das du mir finden helfen könntest
Ein Sommer geht vorüber, immer ist er all zu kurz
Es ist der Traum von dem, was man gewinnen könnte
Vielleicht kommst du irgendwann,
noch vor der blauen Stunde

Noch bevor die Wiesen dürr und leer stehen
Vielleicht finden wir einander, vielleicht finden wir gar
Eine Möglichkeit, alles zum Blühen zu bringen

Eile, Geliebte(r), beeile dich, zu lieben
Die Tage werden kürzer, Minute um Minute
Zünde unsere Lichter an, denn die Nacht ist schon nah
Bald ist der blühende Sommer vorbei

Jetzt tobt der Sturm da draußen und
schließt des Sommers Tür

Nun ist es zu spät für neugierig staunendes Suchen
Vielleicht liebe ich (dich) nicht mehr so sehr, wie früher
Aber immer noch mehr, als du jemals erfahren wirst
Nun sehen wir alle Leuchttürme
Entlang der langen Küste des Herbstes
Und wir hören, wie die Wellen ziellos wandern
Nur eines zählt jetzt noch – das ist des Herzens Lust
Und dass wir beide beisammen sein können

Eile, Geliebte(r), beeile dich, zu lieben
Die Tage werden kürzer, Minute um Minute
Zünde unsere Lichter an, denn die Nacht ist schon nah
Bald ist der blühende Sommer vorbei

17 Gedanken zu “★ Höstvisa

  1. Ulrike Sokul sagt:

    Ach – solch eine feine Tiefe in Wort und Noten, da habe ich doch gleich mehrfach gelauscht.
    Alle Versionen sind in sich stimmig und gefallen mir.
    Das erste, instrumentale Klangbeispiel von Linda Lampenius ( Violine) & Anna Nygren ( Klavier) und die Version von Erik-André Hvidsten (Gesang) & Thomas Enroth (Klavier) haben für mich eine besondere Herzensreichweite.
    Danke auch für Deine feinfühlige Übersetzung, die ich zwar sprachlich nicht überprüfen kann ;-), aber den musikfühligen TON finde ich darin wieder und außerdem vertraue ich Dir selbstverständlich. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine harmonisch-feingestimmte Resonanz. 🙂
      Die von dir erwähnten Interpretationen zeichnen sich, meine ich, schon durch eine besonders innig-intensive Ausdrucksweise aus. Aber wie du sagst – auch die anderen Versionen sind in sich stimmig. Und ich finde es sehr erfreulich, wie unterschiedlich die besondere Stimmung dieses Liedes adäquat ausgedrückt werden kann. Die Instrumentalversion finde ich deshalb besonders faszinierend, weil dabei deutlich wird, wie sehr die Musik den Text sozusagen verinnerlicht hat. Und genau deshalb meine ich, dass man es durchaus merken würde, wenn die Übersetzung erheblich von den wesentlichen Inhalten des Originaltextes abwiche. (Und ganz lieben Dank für dein Vertrauen) 🙂

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  2. sternenkind11 sagt:

    Lieben Dank für Deine einfühlende poetische Nacherzählung und die sorgfältig ausgewählten, facettenreichen Klangbilder. Mir hilft es, noch tiefer in diese Klang-Wort-schwingung zu tauchen, wenn diese so treffend und liebevoll in die Muttersprache übertragen ist. Dem Finnischen könnte ich ewig lauschen, auch wenn ich die Worte nicht verstehe ;-). Welterusten 😉 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein wohlwollendes Feedback. Bei poetischen Texten hatte ich lange eine gewisse Übersetzungshemmung. Ganz einfach, weil man dem Originaltext nie bis in alle Einzelheiten und Feinheiten gerecht wird. Auf der anderen Seite würden viele Schätze unerschlossen bleiben. Und insbesondere bei Liedern ergibt die Übersetzung gemeinsam mit Originaltext und Musik eben doch ein durchaus taugliches Gesamtpaket.
      Auch dir eine wohlige Nachtruhe. 🙂

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      1. sternenkind11 sagt:

        Von Herzen gerne. Ich bin sehr froh, dass Du deine Übersetzungshemmung so erfolgreich überwunden hast! Ich finde Deine Übersetzungen sehr fein nuanciert, mit sehr viel Gefühl, harmonisch fließend. Auch wenn ich den Originaltext nicht verstehe – die Übersetzung überzeugt :-)!

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        1. Random Randomsen sagt:

          Herzlichen Dank. Das klingt sehr erfreulich. Denn genau das ist mir ja sehr wichtig, dass die Übersetzung nicht nur sozusagen Informationen transportiert, sondern in sich stimmig ist. Wie weit das gelingt, ist für mich selber oft schwierig zu beurteilen – denn das Original lauert ja ständig irgendwo im Hinterkopf. 🙂
          Aber jedenfalls freue ich mich sehr, wenn ich auf diese Weise „liederliches“ Neuland erschließen kann. 🙂

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          1. sternenkind11 sagt:

            Ich danke Dir :-). Denn für mich ist es immer eine große Freude und sehr bereichernd mich von Deinen tiefsinnig, humorvoll-beschwingten und sehr komplexen Beiträgen berühren und inspirieren zu lassen! Freu‘ mich, wenn Du weiter liederlich-poetisches Neuland erschließt und auch für „Weg-Unkundige“ zugänglich machst :-). Fröhliche Sonnengrüße für Dich 🙂

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            1. Random Randomsen sagt:

              Ah. Das ist Musik in meinen Ohren. 🙂 Und es gibt da tatsächlich noch viele Schätze zu entdecken. Einzig die Verfügbarkeit (oder das Fehlen selbiger) von Aufnahmen im Netz macht da hin und wieder einen Strich durch die Rechnung. Aber vorläufig wird es noch ausreichend Titel geben, bei denen alles zusammen passt. 🙂
              Mit einem herzlichen Gutenachtgruß… 🐻

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            2. sternenkind11 sagt:

              Das wiederum ist Musik in meinen Ohren :-). Du bist sicher ein findiger Schatzsucher der fündig wird ;-). Möge die Fülle mit Dir sein ;-). Danke auch für den Teddy den Du mir hingemalt hast :-). Ein herzlicher Gutenachtgruss zurück 🌟🌟

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  3. Maren sagt:

    Hallo! Herrlich, ich liebe skandinavische Sprachen! :))….Erinnert mich immer ein bisschen an meine Kindheit :))…herzlichen Dank für diesen Beitrag und viele Grüße aus st. leonhard südtirol ! Maren

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  4. PPawlo sagt:

    Schon das herbstliche Bild mit seiner Farbfreude und Fülle ist ein einladender Einstieg in deine tiefsinnige Sternstunde . Das schöne, für mich melancholische Lied und sein Text mit deiner Übersetzung berühren mich und machen nachdenklich. Auch wie du den reiferen Menschen beschreibst, gefällt mir sehr gut. 👍Ja, herbstweise zu werden bringt auch Erleichterungen und Klarheit mit sich. Trotzdem lassen sich auch dann noch manche Fehler, Versäumnisse und Verletzungen nicht vermeiden, auch wenn man das gar nicht will. Was aber gerade dadurch wachsen kann, ist eine größere Nachsicht und ein großzügigeres Vergeben, auch weil es neben einem andersartigen Wachsen immer mehr Unzulänglichkeiten gibt , die es zu akzeptieren gilt. ‚Eine Möglichkeit alles zum Blühen zu bringen ‚ ( was für ein schönes Bild!) kann sich auch so entfalten. Lass es dir gut gehen!😊

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein Feedback, das regenbogenfarbenfreudig die gesamte Bandbreite meines Beitrags berührt. 🙂
      Die Einleitung ist aus purer Freude darüber entstanden, dass man bei einer Übersetzung – in diesem Fall die des Titels „höstvisa“ – manchmal auch etwas Zusätzliches gewinnen kann. Daher die kurze Betrachtung darüber, was „herbstweise“ auch bedeuten kann. Und es passt ja auch wieder zum Lied. Und es erinnert mich – auch mit den von dir hier angeführten ergänzenden Gedanken – an die Zeile «well something’s lost but something’s gained in living every day» in Joni Mitchells „Both Sides, Now“.
      Mit einem lieben Gutenachtgruß von mir zu dir. 🙂

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  5. Die Ton-Trägerin sagt:

    Ein sehr schönes Lied – auch wenn ich beim Mitsingen des Originaltextes ziemlich gescheitert bin. 😉 Ich liebe ja Folk in seinen vielen Facetten, nur leider fehlt mir als Sprachunkundige jenseits des englisch- und französischsprachigen Raumes oftmals die Übersetzung, um wirklich völlig in ein Lied abtauchen zu können. Umso schöner, wenn man diese dann frei Haus geliefert bekommt, wie hier in Deinem Beitrag. Und noch dazu mit unterschiedlichen musikalischen Interpretationen. Vielen Dank!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine begeisterte Resonanz. 🙂 Tatsächlich habe ich die Sternstunden-Rubrik zunächst mit französisch- und englischsprachigen Songs gestartet. Aber es gibt so viele tolle nordische Songs – und erstaunlich wenige davon sind übersetzt. In letzter Zeit sind nun also nordische Lieder (meist mit meinen eigenen Übersetzungen) besonders häufig. Bei der Höstvisa war es schön, dass eben ganz verschiedene (auch neuere) Aufnahmen zur Verfügung stehen. Mitsingen in einer fremden Sprache kann schon ganz schön tricky sein. Meine deutschen Übersetzungen sind meist nicht singbar – denn das ist irgendwie die Quadratur des Kreises: Entweder taugt es nicht zum Singen, oder es wird inhaltlich dem Original nicht mehr gerecht. Zwei Ausnahmen gibt’s allerdings bei meinen bisherigen Sternstunden. 🙂

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