★ Æ reise aleina

Als Zugabe ein Link zum Videoarchiv von VGTV – leider mit Werbung am Anfang, aber dafür mit etwas besserer Klangqualität:
http://www.vgtv.no/#!/61324


 

Heute gibt es gewissermaßen eine Retourkutsche zur Sternstunde vom 4. September. Und zwar durchaus im positiven Sinn. Lene Marlin und Ole Paus haben die Rollen getauscht. Heute singt also Lene Marlin einen Song von und für Ole Paus. Und zwar handelt es sich um ein Lied, dessen Thema in der Welt der Songtexte Seltenheitswert hat.

Ole Pausens Originalversion kann ich hier leider nicht anbieten. Der Vergleich wäre durchaus interessant. Denn die beiden Versionen sind wirklich grundverschieden. Deshalb werde ich versuchen, das so weit als möglich zu beschreiben.

In gewisser Weise wird die Perspektive völlig verändert. Und das, obwohl die Ich-Erzählform beibehalten wird. Das Original kommt in flottem Tempo und in einem fast munteren Tonfall daher. Und dies wird durch die musikalische Begleitung noch unterstrichen. Wer den Text nicht versteht (oder nicht darauf achtet) könnte die Originalversion wahrscheinlich sogar für ein unbekümmert-lustiges Lied halten. Da ist ein Kind, das beschreibend von einer Reise erzählt. Und erst, wenn man genauer auf den Text achtet, werden die Untertöne und Zwischentöne spürbar. Da ist etwa die Sache mit der rotierenden Kugel. Wenn wir mit dem Flieger auf der Erde landen, merken wir von dieser Rotation nichts. Aber dieser Hinweis auf die konstante Erdrotation ist ja ein Symbol dafür, dass das Leben eh schon betriebsam genug wäre, auch ohne dass man noch ohne Ende auf und ab und hin und her gescheucht würde. Und ganz abgrundtief ist die Stelle «…wo Erwachsene und Kleinkinder ein Zuhause haben…» 

Lene Marlin setzt in der Interpretation genau hier an. Sie macht diese Einsamkeit des entwurzelten und wie ein Spielball zwischen zwei Welten hin und her gepingpongten Kindes hörbar und deutlich spürbar. Hier öffnet sich das Kind jemandem, dem es vertraut, und zeigt, wie es tief in ihm ausschaut. Das gegenüber dem Original wesentlich reduzierte Tempo, das Arrangement (mit einer siebenköpfigen Band, aber dennoch äußerst sparsam) und vor allem eben die gesangliche Darbietung – all das zeichnet ein eindrückliches und durchaus glaubwürdiges Bild. Man kann sehr genau nachempfinden, was hinter den Worten steckt.

Wie sehr diese Version eben genau das zum Ausdruck bringt, was in den Tiefen des Textes halb verborgen ist, zeigt auch die Reaktion von Ole Paus. Dazu ist zu bemerken, dass Ole Paus nicht jemand ist, der seinen Gesichtsausdruck als Schaufenster der Emotionen benutzt. Aber hier hat sich jemand sein Lied zu Herzen genommen und bringt nun sehr einfühlsam Licht auch in die heimlicheren Ecken. Und davon bleibt der Autor des Liedes (und natürlich auch das übrige Publikum) ganz und gar nicht unberührt. 

Die Schreibweise des Titels – Æ reise aleina – ist an Lene Marlins Version angepasst. Denn sprachlich macht der Text eine Reise von Oslo (Ole Paus) nach Tromsø (Lene Marlin). Das passt ja gut zum Inhalt. Den Text habe ich jedoch in der Originalversion wiedergegeben – einschließlich der hier nicht gesungenen zwei Strophen. Diese gehören ja auch zum Urtext – und ich habe sie auch in meiner Übersetzung berücksichtigt. Dass Lene Marlin diese zwei Strophen weggelassen hat, passt allerdings zum Gesamtkonzept. Denn hier geht es darum, ein Gefühl zu vermitteln, und nicht mehr um eine ausführliche Beschreibung von Details.

 


Jeg reiser alene

Text & Musik: Ole Paus

Jeg reiser alene
Jeg flyr over land og by
Før kom barna med storken
Men nå tar vi fly

Jeg reiser alene
Jeg flyr over fjell og fjord
Fra mamma i sør
Til pappa i nord

Og under meg er hele jorden
Der voksne og småbarn har et hjem
Men hvis du spør meg, om hvor jeg bor hen
Så er det i SK305

Vi reiser alene
En flyvende barnehær
Vi er utstyrt med bamser
Og en koffert med klær

Og foran i flyet bor generalen
Han fører alle barna fra hjem til hjem
Og nede på jorden i terminalen
Står mamma eller pappa eller gud vet hvem

Jeg reiser alene
Stjernene titter frem
De er ganske mange
Men vi er flere enn dem

Vi er så mange, at du vil ikke tro det
Og purseren han er min beste venn
Og så lander vi på en snurrende klode
Og så spretter vi til himmels igjen

Jeg reiser alene
Jeg flyr over land og by
Før kom barna med storken
Men nå tar vi fly

 


Ich reise allein

Ich reise allein
Ich fliege über Land und Stadt
Früher kamen die Kinder mit dem Storch
Aber heute nehmen wir den Flieger

Ich reise allein
Ich fliege über Berg und Fjord
Von Mama im Süden
Zu Papa im Norden

Und unter mir ist die ganze Erde
Wo Erwachsene und Kleinkinder ein Zuhause haben
Aber fragst du mich, wo denn ich wohne
Ist die Antwort: SK305

Wir reisen allein
Ein fliegendes Kinderheer
Wir sind ausgerüstet mit Teddybären
Und einem Koffer mit Kleidung

Und vorne im Flieger wohnt der General
Er führt alle Kinder von Heim zu Heim
Und unten auf der Erde, im Terminal
Steht Mama, oder Papa, oder Gott weiß wer

Ich reise allein
Am Himmel werden Sterne sichtbar
Und es sind ganz viele
Doch sie sind längst nicht so zahlreich wie wir

Wir sind so viele, du wirst es gar nicht glauben
Und der Purser, der ist mein bester Freund
Und dann landen wir auf einer rotierenden Kugel
Und schon bald steigen wir erneut himmelwärts

Ich reise allein
Ich fliege über Land und Stadt
Früher kamen die Kinder mit dem Storch
Aber heute nehmen wir den Flieger

 


Die gleiche Gruppe wie vor zwei Wochen – aber ein noch schöneres Bild • ©TV2

hvgm2-2
Kurt Nilsen • Ole Paus • Marion Ravn • Lene Marlin • Morten Abel • Anita Skorgan • Magnus Grønneberg 

 


Als Zugabe singt Lene Marlin einen Song von Morten Abel. Und der Titel (und nur der) ist Programm. Don’t forget me. Ein guter Rat. Denn Lene Marlin kommt wieder. Mark my words. 🙂

12 Gedanken zu “★ Æ reise aleina

  1. sternenkind11 sagt:

    Danke für Deinen zartfühlenden reisebegleitenden Worte. Der Gesang von Lene Marlin geht tief ins Herz und bewegt. Zart und gewaltig. Ein eindrucksvoller Impuls einmal inne zu halten. Diese laute, schnelle Welt können wir nicht anhalten, aber in uns Räume der Stille und der Zentrierung finden. Das ist wichtig auf so einer rotierenden Kugel, für die kleinen aber auch die großen Wesen auf diesem Erdenrund ;-). Bin übrigens ganz verliebt in den Teddy auf Deinem Titelbild :-). Hab‘ einen zauberhaften Sonntag 🌟

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für diese schöne Resonanz. Ja, Lene Marlin bringt hier mit ihrer konzentriert-eindrucksvollen Interpretation viele Saiten zum Klingen, und damit bringt sie die unterschiedlichen Facetten dieses sehr speziellen Liedes zu voller Blüte. Ihre Darbietung berührt unmittelbar und lädt aber auch dazu ein, das Lied in sich nachklingen zu lassen.
      Der Teddy freut sich übrigens riesig über dein Kompliment, und er lässt dich ganz knuddel-herzlich grüßen. 🐻
      Auch dir einen Wunder-vollen Sonntag. 🙂

      Gefällt 4 Personen

      1. sternenkind11 sagt:

        Von 💜 gerne! Sie hat die Gabe diese facettenreichen Empfindungen erklingen zu lassen. Vielleicht auch deshalb, weil sie diese in sich selbst findet… Die Klänge, der Text, schwingen sicher noch eine Weile in mir nach. Wie gut, dass es Menschen gibt, die diese Empfindungen so in Wort und Klang betten können, um denen Gehör zu verschaffen, die es selbst nicht ausdrücken können oder nicht gehört werden. Danke Dir, dass Du auch die beiden nicht gesungenen Strophen übersetzt hast. Es gibt dem ganzen noch mehr Gewicht. Ganz lieben Dank für die knuddel-herzlichen Grüße von Teddy ☺. Ich knuddel ihn ganz herzlich zurück :-). Sternenzaubergrüße 🌃

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        1. Random Randomsen sagt:

          Damit sprichst du genau einen Gedanken aus, den ich auch hatte. Auch wenn sie vordergründig die im Text ausgedrückte Erfahrung nicht teilt, hat sie doch zahlreiche Erlebnisse, die auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge schwingen. Und dadurch kann sie die Empfindungen ganz echt (und folglich absolut glaubwürdig) vermitteln.
          Ja, es ist ein großes Geschenk, wenn begnadeten Menschen ihre überreichen Talente nutzen, um auch den stumm Leidenden eine Stimme zu geben.
          Teddy brummt zufrieden und glücklich. 🙂
          [P.S.: Offensichtlich hat der Spam-Filter auch auf deiner Seite einen meiner Kommentare verschluckt]

          Gefällt 2 Personen

          1. sternenkind11 sagt:

            Authentizität berührt, wie Du so treffend bemerkst – bestimmte Erlebnisse, wenn auch äußerlich unterschiedlich erlebt – schwingen in einer ähnlichen Frequenz. Ein Mensch der seine ganz persönlichen Erfahrungen liebevoll annimmt, kann dies ganz ehrlich und echt vermitteln und dem Gegenüber einen Raum der Annahme schenken. Einfach „nur“ mit der eigenen Präsenz. Und so wird man zum Präsent 😉 :-). Danke für den Hinweis zum verschluckenden Spam-Monster ;-). Hab‘ Deinen wertvollen Kommentar ganz schnell befreit ;-). Kopfstreichler für den glücklichen Teddy und Dir einen wundervollen Start in die Woche 🙂

            Gefällt 2 Personen

            1. Random Randomsen sagt:

              Diese Authentizität und die damit verbundene ganz besondere Präsenz sind wohl eines der größten Geschenke, das Künstler ihrem Publikum machen bzw. sein können. Und letztlich ist es ja unser aller Bestimmung, auf die eine oder andere (weise) Weise Lebens-Künstler zu sein. 🙂
              Auch dir eine zauberhafte Woche. 🐻

              Gefällt 1 Person

            2. sternenkind11 sagt:

              Das empfinde ich auch so. Lebens-Künstler zu sein bedeutet für mich SchöpferIn meines eigenen Lebens zu sein. Da darf ich immer wieder meiner Kreativität freien Lauf lassen ;-). Danke für die lieben Wünsche :-)!

              Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Traurig-schön ist dein sonntäglicher Beitrag heute mit einer hochsensiblen , sehr berührenden Interpretation des Liedes. Rührend auch die mitfühlende Aufmerksamkeit von Ole Paus! Ja dieses Bild des kleinen Mädchens, das mit Koffer und Teddy von einem Ort zum anderen fliegt um Vater und Mutter zu sehen und sich mehr noch im Flugzeug daheim fühlt, trifft tief! Schade dass die Originalversion nicht verfügbar ist ! Dank für deine schöne Präsentation und die Übersetzung! Dass es mehr solch einsame Kinder gibt als Sterne geht mir nicht aus dem Sinn! Liebe Grüße Petra🐞

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, das ist eine ganz große Stärke dieser Interpretation. Die Geschichte versinkt nicht einfach in einem Trauersumpf, sondern hat eher etwas Bittersüßes, das zum Nachempfinden und Nachdenken anregt. Abgesehen von diesem umwerfend guten Text und einer kongenialen Interpretation wird der Sternstunden-Charakter noch dadurch verstärkt, dass man auch die Reaktion des Urhebers mitbekommt.
      Auch wenn der Vergleich mit der Anzahl der Sterne hier eine subjektive Empfindung des erzählenden Kindes wiedergibt – es sind wirklich nicht wenige Kinder, die ein solches Schicksal teilen. Und es ist gut, dass dies (ausnahmsweise) in einem so hochkarätigen Lied thematisiert wird.
      Mit einem herzlichen Gutenachtgruß. 🐻

      Gefällt 3 Personen

  3. Ulrike Sokul sagt:

    Lene Marlin gefällt mir auch mit diesen Liedern sehr gut; nachdem Du sie mir ja bereits in Deinem Beitrag vom 4.September schmackhaft gemacht hast.
    Ich bin geHÖRigt beindruckt, wie fein differenziert und klar dosiert Du immer wieder die textlichen, musikalischen und emotionalen Facetten eines Liedes als Gesamtkunstwerk beschreiben kannst und dadurch dem tieferen Verständnis eines Werkes und eines Interpreten dienst.
    Herzlichen DANK für Deine begeisternden und interessanten Fingerzeige bzw. Ohrmuschelneigungen! 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Lieben Dank für deine feine Resonanz. Lene Marlin hat eine ganz großartige Fähigkeit, die ganze Bandbreite eines Liedes zu vermitteln. Und dazu gehört eben – wie man hören und spüren kann – viel mehr, als nur eine schöne Stimme. Bereits ihre ersten Popsongs, mit denen sie berühmt wurde, hatten einen ganz eigenen Charme. Aber die heutige Lene Marlin, die sich auch entschieden von Fremdeinflüssen emanzipiert hat, singt schlichtweg in einer ganz anderen Liga. (Dazu habe ich noch mehr Beweise auf Lager)
      Bei diesen Sternstunden-Beiträgen sehe ich gewisse Parallelen zu deinen Buchrezensionen. Zuvörderst ist das halt einfach eine Herzensangelegenheit. Und das lässt sich nur schwer verbergen, zumal dies ja auch dezidiert NICHT die Absicht ist. 😉 Und dann geht es ja darum, diese Herzensangelegenheit zu vermitteln, also möglichst viele Aspekte zu beleuchten, aber so, dass die Entdeckerfreude geweckt und nicht mit übermäßigem Nähkästchengeplauder eingeschläfert wird. Und es freut mich kolossal, wenn dies auch wie geplant rüberkommt. 🙂 🐻

      Gefällt 3 Personen

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