RaWel 5 • Meinungsfreiheit

Freie Meinungsäußerung halte ich, mit Verlaub, für ein Unding. Zwar sollte man sie nicht verbieten. Bewahre! Denn selbst der kümmerlichst verstandesbegabte Zeitgenosse müsste* ja zumindest einsehen, dass seine geistigen Armutszeugnisse übel genug sind, auch ohne dass er sie Gott und der Welt unter die Nase reibt.

Hingegen begrüße ich es sehr, wenn Menschen sagen, was sie denken. Denn dies setzt ja per definitionem einen VorGang voraus, auf den bei Meinungsäußerungen bedauerlich oft verzichtet wird.

 

*Anm. d. Red.: Hier scheint, mit Verlaub, ein gänzlich frommer Wunsch Vater des Gedankens zu sein. Die Menschen tun ja oft nicht einmal, was sie müssen, geschweige denn, was sie müssten

 


Klangbild: Ligeti • Fanfares

György Ligeti • Komposition
Yuja Wang • Klavier

15 Gedanken zu “RaWel 5 • Meinungsfreiheit

  1. fraggle99 sagt:

    Gerade gestern erst hat der Berliner AfD-Kandidat, dessen Namen ich völlig berechtigterweise umgehend vergessen habe, sinngemäß gesagt, „die Bürger“ seien halt der „Meinung“, dass hierzulande einiges schieflaufe. Das sei so ein „Gefühl“. Auch wenn die Realität vielleicht anders aussehe, müsse man das ernst nehmen…!

    Auch wenn die Realität anders aussieht, muss man also solche Meinungen und Gefühle ernst nehmen! Ich soll tatsächlich gefühlte Realitäten ernst nehmen?

    Wenn ich aber z. B. öffentlich kundtue, das Gefühl zu haben, von diversen amerikanischen Geheimdiensten verfolgt zu werden, mit dem Ziel, mich in Guantanamo einzuknasten oder mir andere Dinge einbilde, die nicht da sind, dann wird mir mein Umfeld nahelegen, einen Arzt auszusuchen. Aber bei oben genanntem Fall ist das natürlich etwas völlig anderes…

    Grundsätzlich würde ich mir auch wünschen, dass einige Menschen ihre Meinung doch lieber für sich behalten, das gewährleistet, dass sie auch später noch eine haben! 😉

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    1. Random Randomsen sagt:

      Meinungen und Gefühle ernst zu nehmen, auch wenn die Realität anders aussieht, wäre ja unter Umständen sogar eine gute Sache. Dann nämlich, wenn man ehrlich wäre, und versuchen würde, darauf hinzuwirken, dass diese Meinungen und Gefühle besser mit der Realität in Einklang gebracht werden. Aber man schürt ja im Gegenteil realitätsferne Ängste und Gefühle noch, weil sich daraus so prachtvoll politisches Kapital schlagen lässt.
      Vielleicht hängt dieser Drang zum Mitteilen von Meinungen auch damit zusammen, dass es oft gar keine eigene Meinung ist. Und die Leute denken: Huff! Was mir gar nicht gehört, möchte ich lieber nicht für mich behalten. 😉

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  2. Erika sagt:

    Eine Weise, ältere Dame sagte vor vielen Jahren zu mir: „hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben. Da braucht es nur noch Intelligenz und Taktgefühl, um zu entscheiden wann man Philosoph sein möchte müsste sollte.

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  3. Zeilenende sagt:

    Wenn Wissen wirklich wahre, gerechtfertigte Meinung eines Menschen ist, kann es aber hin und wieder nicht schaden, mal ein wenig Meinung herauszuhauen, um das Gespräch zu beleben. Es bedarf dann von Seiten der Zuhörerschaft allerdings die Einstellung, diese Meinungsäußerung aufzunehmen und sich am Rechtfertigungsprozess (zustimmend oder ablehnend) zu beteiligen. Vielleicht kann man die arme Meinung ja doch läutern.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Man kann. Aber das klappt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Was mich erbittert, ist, wenn das Recht auf freie Meinungsäußerung als Einladung zur ungehemmten Verbreitung von unreflektiertem Schwachsinn oder auch von Lügen missbraucht wird. Es liegt – meine ich (!) – im Wesen der Meinung, dass die Hemmschwelle für die Äußerung einer Meinung eben nicht unvorhanden, sondern sogar besonders hoch sein sollte. Erstens sollte man zumindest überlegen, was man sagt. Es gibt ja auch den Ausdruck Meinungsbildung. Und eine Meinung bildet man nicht, indem man den ersten Gefühlsreflex unmittelbar ausposaunt. Und zudem stellt man durch einen minimalen Denkprozess auch sicher, dass man eben wirklich eine Meinung äußert und nicht bloß eine „Ihrung“ oder „Seinung“ nachplappert. Und, ja, es gehört unbedingt die von dir erwähnte Bereitschaft zum konstruktiven Dialog dazu. Also: Können könnte man schon – nur wollen mag man oft nicht. 🙂

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      1. Zeilenende sagt:

        Meinung, Ihrung, Seinung. Das hat mir den Tag versüßt. Vielleicht sollten wir es besser Vorstellung nennen, dann ist man nämlich vorab gefordert. Da muss erstmal was von einem selbst gestellt werden, nämlich eine Idee. 🙂

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  4. PPawlo sagt:

    Ein anderer Aspekt: Ich bin Menschen begegnet, die mancher „dumm“ genannt hat, die aber eine Ausstrahlung der Güte, Kindlichkeit und Bescheidenheit mit ihren spontanen, nicht durchdachten Gefühlsmeinungen verbanden, dass es mich berührte und etwas von einer anderen Stärke ahnen ließ.
    „Dumm“ was ist das? Nicht nur etwa weniger intelligent, sondern eben auch laut, übertrump(f)end ,
    rechthaberisch, voll von sich überzeugt, dass er/sie Recht hat…Gefühlte Meinungen werden da schon mal wichtigtuerisch, aggressiv, lauthals und triumphierend hinausposaunt. Und das Erstaunen und Erstarren ringsherum gibt diesen Schwachen ein gutes Machtgefühl und ein Gefühl von Stärke…
    Das stört Gespräche, Veranstaltungen, Feste…Deine gewählte Musik spricht eher von diesen Menschen, meine ich. Sie hören einander gar nicht zu, alle reden durcheinander. Denken kann man da eh nicht… Sinnlosigkeit erfüllt den Raum…Das ist für mich nur so ein Gefühl…das ich noch mal durchdenken muss.;)

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine spannend facettierte Resonanz. 🙂 Genau so, wie man nicht vorschnell eine kaum durchdachte Meinung ausposaunen sollte, muss man das Phänomen Dummheit aus verschiedenen Winkeln sehen. Einen meiner ersten μ-Beiträge habe ich dem Satz gewidmet: „Was uns als Dummheit erscheint, ist manchmal vielleicht einfach eine Art von Intelligenz, die wir nicht verstehen.“ Auf der anderen Seite tun sich offenkundig intelligente Menschen manchmal schwer damit, mit dieser Intelligenz intelligent umzugehen.
      Die Bandbreite an unbedachten Meinungsäußerungen und auch der Gründe dafür ist riesig. Grundsätzlich aber finde ich eben, dass der Grundsatz „erst denken – dann reden“ immer gelten sollte. Sei es, um eben den Äußerungen wenigstens ein gewisses Mindestniveau zu schenken – oder eben, um einzusehen, dass man die eine oder andere Meinung besser für sich behält.

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  5. PPawlo sagt:

    Das versteh ich gut. Nur frage ich mich, ob ein Gedankenaustausch mit lauter Leuten mit gut durchdachten Meinungen (wie ich’s ja meist erlebe) nicht zu statisch ist. Jeder hat eben seine Meinung. Der nächste Satz beginnt mit „Aber“…Da mag ich z.B. Gespräche viel lieber, in denen man gemeinsam auch spontan-unbedacht auf Suche nach Anrworten, Meinungen und Fragen geht. Diese gespräche gibt’s leider selten…:)

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    1. Random Randomsen sagt:

      Gut, Gespräche im privaten Rahmen sind etwas anderes. Das können von mir aus (wenn ich nicht dabei sein muss) auch Stammtische sein. Kritisch wird’s für mich, wenn das genau so unvergoren in den öffentlichen Raum getragen und publiziert wird.

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