♫ 17

Heute möchte ich ein Format wieder aufgreifen, das ich bereits beim Beitrag SixBach verwendet habe. Dieses Format habe ich damals mit folgenden Worten vorgestellt:

Ich möchte ein musikalisches Werk sozusagen als ‚Bildergalerie‘ präsentieren. Denn genau so, wie ein einzelnes Foto das Sujet nie in seiner Gesamtheit abbilden kann, wird eine einzelne Interpretation nie alles ausdrücken, was in einer musikalischen Komposition angelegt ist. Erst die Abbildung aus verschiedenen Perspektiven vermittelt eine klarere Vorstellung des Sujets.

Für den heutigen Beitrag habe ich die Klaviersonate Nr. 17 (Op. 31, Nr. 2) von Ludwig van Beethoven ausgewählt. Bei SixBach habe ich das „Material“ auf den ersten Satz einer Partita beschränkt. Ich hatte schon immer eine besondere Schwäche für das Adagio von Beethovens Klaviersonate Nr. 17 (dessen Anfang auch prompt als Titelbild dient). Und es wäre locker ein halbes Dutzend hörenswerter Adagios zu finden gewesen. Dennoch finde ich es besonders interessant, dieses Adagio im größeren Zusammenhang zu hören. Das ist von der Komposition und vor allem von der Interpretation her äußerst spannend. Also das gesamte Werk – dafür weniger Aufnahmen. Somit habe ich mich hier auf drei Aufnahmen (plus eine spezielle Zugabe) beschränkt.

Bei meiner Auswahl der Aufnahmen habe ich nicht in erster Linie auf möglichst unterschiedliche Interpretation geachtet. Meine Auswahl umfasst schlicht und vermessen drei Interpretationen, die ich sehr schätze. Dennoch – diese Interpretationen klingen nicht zum Verwechseln ähnlich. Das Kriterium einer gewissen interpretatorischen Bandbreite ist also – wie von Geisterhand – durchaus erfüllt (wobei es auch keine kleinen Geister sind, deren Hände hier im Spiel sind). 

Auch bei Beethoven würde sich die Frage nach der Wahl des Instrumentes stellen. Aber anders als bei Bach lässt sich diese Wahl bei Beethoven enger eingrenzen. Beethoven auf dem Cembalo wäre zwar irgendwie originell. Aber es gibt gute Gründe, warum es nicht von Cembalo-Aufnahmen der Klaviersonaten Beethovens wimmelt. Aber zumindest das Fortepiano könnte in Frage kommen. Aus historischer Sicht wäre das sogar das „richtige“ Instrument. Aber mir sind meine historischen Ohren irgendwie abhanden gekommen. Und es gibt auch niemanden, der mir welche nachbauen könnte. Vielleicht hat es wirklich ganz einfach mit Hörgewohnheiten zu tun. Aber bei Beethoven finde ich das Fortepiano zwar interessant – nur die richtig große Begeisterung will sich nicht einstellen (Bei dieser Sonate betrifft das ganz besonders das Adagio. Ausgerechnet.). 

Bei einem Werk dieses Umfangs kann es durchaus eine gute Idee sein, die Interpretationen jeweils eines Satzes zu vergleichen. Damit die Anfänge dieser Sätze leicht zu finden sind, habe ich unten die jeweiligen Anfangszeiten aufgelistet. Die Zeitangaben zum ersten Satz habe ich allerdings irgendwie verschlampt (vielleicht war’s auch ganz einfach handelsübliche Faulheit). Dennoch habe ich – man ist ja nett – zumindest einen Hinweis: Wer nicht zu lange sucht, wird schneller finden. 😉

I Largo/Allegro, d-Moll
II Adagio, B-Dur
Grimaud 8:14
Gilels 9:23
Pires 8:47
Bilson 8:27
III Allegretto, d-Moll
Grimaud 15:54
Gilels 18:44
Pires 16:09
Bilson 15:45


Meine Textbeiträge ergänze ich üblicherweise um ein Klangbild. Dies ist in erster Linie ein Klangbeitrag. Also gibt es diesmal ergänzend ein Textbild. Der am Ende des Beitrags wiedergegebene Text dürfte ungefähr eine Vorstellung davon vermitteln, in welcher Verfassung Ludwig van Beethoven zur Zeit der Komposition des hier vorgestellten Werkes war.

 


Hélène Grimaud

 


Emil Gilels

 


Maria João Pires

 


Und als Zugabe die Version von Malcolm Bilson auf einem historischen (bzw. nach historischem Vorbild gebauten) Instrument

 


Das Heiligenstädter Testament von Ludwig van Beethoven

Für meine Brüder Karl und (Johann) Beethoven.
O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir! Ihr wisst nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet.
Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens. 
Selbst grosse Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt; aber bedenket nur, dass seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert. 
Von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern wird oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.
Wollte ich auch zuweilen, mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines Gehörs dann zurückgestossen, und doch wars mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub.
Ach, wie wär es mir möglich, dass ich die Schwäche eines Sinnes zugeben sollte, der bei mir in einem vollkommenern Grade als bei andern sein sollte, einen Sinn, den ich einst in der grössten Vollkommenheit besass, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige, von meinem Fache gewiss haben noch gehabt haben. – O, ich kann es nicht. Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte. Doppelt wehe tut mir mein Unglück, (indem ich dabei verkannt werden muss). Für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergiessungen nicht statthaben.
Ganz allein fast, nur soviel, als es die höchste Notwenigkeit fordert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen.
Wie ein Verkannter muss ich leben; nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heisse Ängstlichkeit, indem ich befürchte, in Gefahr gesetzt zu werden, meinen Zustand merken zu lassen. – So war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande zubrachte. Von meinem vernünftigen Arzte aufgefordert, soviel als möglich mein Gehör zu schonen, kam er fast meiner jetzigen natürlichen Disposition entgegen, obschon, vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingegrissen, ich mich dazu verleiten liess.
Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte. 
Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. 
Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper, dass eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen kann. – Geduld – so heisst es, sie muss ich nun zur Führerin wählen: ich habe es. – Dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluss sein, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen. Vielleicht geht’s besser, vielleicht nicht: ich bin gefasst. – Schon in meinem 28. Jahre gezwungen, Philosoph zu werden, ist es nicht leicht, für den Künstler schwerer als für irgend jemand. – 
Gottheit, du siehst herab auf mein Inneres, du kennst es; du weisst, dass Menschenliebe und Neigung zum Wohltun drin hausen. O Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, dass ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden. – 
Ihr meine Brüder Karl und (Johann), sobald ich tot bin, und Professor Schmidt lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, dass er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget Ihr dieser meiner Krankengeschichte bei, damit wenigstens soviel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde. – 
Zugleich erkläre ich Euch beide hier für die Erben des kleinen Vermögens (wenn man es so nennen kann) von mir. Teilt es redlich und vertragt und helft Euch einander. Was ihr mir zuwider getan, das wisst Ihr, was Euch schon längst verziehen.
Dir, Bruder Karl, danke ich noch insbesondre für Deine in dieser letztern, spätern Zeit mir bewiesenen Anhänglichkeit. Mein Wunsch ist, dass Euch ein besseres, sorgenloseres Leben als mir werde. Empfehlt Euren Kindern Tugend: sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld; ich spreche aus Erfahrung. Sie war es, die mich selbst im Elende gehoben; ihr danke ich nebst meiner Kunst, dass ich durch keinen Selbstmord mein Leben endigte. – Lebt wohl und liebt Euch! – 
Allen Freunden danke ich, besonders Fürst Lichnowski und Professor Schmidt. – Die Instrumente von Fürst Lichnowsky wünsche ich, dass sie doch mögen aufbewahrt werden bei einem von Euch; doch entstehe deswegen kein Streit unter Euch. 
Sobald sie Euch aber zu was Nützlicherm dienen können, so verkauft sie nur. Wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe Euch nützen kann! – So wärs geschehen. – Mit Freuden eil ich dem Tode entgegen. – 
Kömmt er früher, als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunstfähigkeiten zu entfalten, so wird er mir trotz meinem harten Schicksal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen. – Doch auch dann bin ich zufrieden: befreit er mich nicht von einem endlosen leidenden Zustande? – Komm, wann du willst: ich gehe dir mutig entgegen. – Lebt wohl und vergesst mich nicht ganz im Tode. Ich habe es um Euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an Euch gedacht, Euch glücklich zu machen; seid es!

 

8 Gedanken zu “♫ 17

  1. finbarsgift sagt:

    Großartig!

    Ich liebe Interpretationsvergleiche, denn sie zeigen den Unterschied zwischen dem Werk des Komponisten an sich und den diversen Aufführungen davon…

    Keine zwei sind gleich!

    Das krasseste Beispiel, das ich kenne, ist eine Scheibe des Pianisten Christian Zacharias, Sohn des noch bekannteren Geigers, auf der er über zehn Live-Aufführungen ein und derselben Scarlattischen Sonate gepresst hat: alle sind sie verschieden!!

    Jedes mal der gleiche Interpret der gleichen Musik! Also spielen eigentlich auch noch Zeit und Ort bei Interpretationsvergleichen eine Rolle!!

    Liebe musikalische Septembergrüße vom Lu

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank. 🙂 Ja, es ist, als hätte der Komponist durch das jeweilige Werk nicht ein Einzelwesen, sondern eine neue Art von Lebewesen geschaffen. Und jede Interpretation ist eine Verkörperung – ein dieser Art zugehörendes Lebewesen. Genau das wird durch die Vergleiche deutlich. Größe, Zeichnung, Intensität der Farben, usw. All das variiert immer. Und doch kann es nicht beliebig abweichen. Genau so, wie unser Freund, der Oleanderschwärmer, weder klein wie ein Blattlaus, noch groß wie ein Adler sein kann. 🙂
      Danke für die Erinnerung an die K.55 Aufnahmen von Christian Zacharias. Ich mag die sehr, habe sie allerdings doch einige Jahre nicht mehr gehört. Eine ganz wunderbare Idee. Denn sie zeigt Aspekte der Interpretation, derer man sich zwar bewusst sein kann, die man aber nie in einem solchen Panorama hören kann. Das Instrument hat ein Wörterl mitzureden. Die Akustik des Saals. Und eben die persönliche Verfassung des Interpreten, der ja eben keine Maschine ist und nicht nach dem „Welte-Mignon Prinzip“ spielt. Und da kommt auch das Publikum ins Spiel, mit dem der Interpret ja interagiert. Insofern ist es sehr interessant, dass die K.55 Sonate immer als Zugabe aufgenommen wurde. Also zu einem Zeitpunkt, an dem längst diese magische Einheit zustande gekommen ist – oder sich Interpret und Publikum bereits gründlich auseinandergelebt haben.
      Mit einem harmonischen Sommernachmittagsgruß. 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. finbarsgift sagt:

        Ein wundervoller Vergleich von dir mit den Verkörperungen und Lebewesen und dem Änderungspotential nur zwischen Delta und Epsilon, aber so ist es wirklich!!

        Du musst dir mal den letzten Satz der Kreisleriana von Schumann anhören, und zwar erst in der Interpretation von Hélène Grimaud und dann von Waleri Afanassjew,

        extremer Unterschied im Tempo, unglaublich, wie weit hier Delta und Epsilon auseinander liegen…

        Liebe Morgengrüße vom Lu

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        1. Random Randomsen sagt:

          Vielen Dank. 🙂
          Die erwähnten Kreisleriana-Beispiele zeigen eindrücklich, wie weit sich die Bandbreite dehnen lässt. Seltsamerweise fand ich bei der Version von Afanassjew beim ersten Hören zwar diese „Bleischuh-Eleganz“ etwas befremdlich, aber die Aufnahme insgesamt doch recht ausdrucksvoll. Aber der Eindruck nutzt sich bei wiederholtem Hören rasch ab. Und ich höre meinen „Musikmagen“ knurren: Wo bleibt der Nährwert?
          [Nachdem der Kreisleriana-Kreisel erst einmal in Bewegung war, habe ich dagegen noch einige andere Versionen „mitgenommen“ – wenn man damit mal anfängt]

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  2. PPawlo sagt:

    „Schlicht und vermessen“ , wie Du selbst sagst, 😉 präsentierst Du uns wieder tief Ergreifendes und voll bezaubernde Musik, die in und mit den Tiefen kämpft und im Adagio schlicht, bescheiden und ergreifend zur Versöhnung und noch weiter gelangt .Wie Beethoven überhaupt mit seiner Taubheit weiter komponieren konnte, ist ein schwer vorstellbares Phänomen. Eigentlich ein Wunder. Und dass er in einem solchen Stimmungstief , wie wir es in seinem Text vorfindent, im Adagio in solche Höhen aufschwingt , ist auch eins. Sein tiefer Glaube und seine Erfahrungen mit der Kunst schenken ihm dies. Über die Kunst sagt er ja“ Oh glückseliger Augenblick, wie glücklich halte ich mich, dass ich dich herbeischaffen, dich selbst schaffen kann!“ und die folgenden Zitate (aus meinem schnell hergeholten Zitatenbuch ;)) zeigen auch, wie er sein Leid überwinden kann: Musik ist für ihn“ höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“ und „Mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann kein bös‘ Schicksal haben: wem sie sich verständlich macht, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die andern schleppen.“ Herzlichen Dank! 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank. 🙂 Beethovens Taubheit ist zwar bekannt – man bringt diese allerdings meist mit dem Spätwerk in Verbindung. Dass Beethoven aber bereits so früh mit so gravierenden Widrigkeiten zu kämpfen hatte, ist einem weniger deutlich bewusst. Der hier wiedergegebene Text zeigt steht ja nicht am Anfang, sondern ist erst nach längerer Leidenszeit entstanden. Und dennoch: Nach diesem Text folgte noch eine Schaffensperiode von 25 Jahren, in der mehr als ¾ seiner Werke entstanden sind.
      Ja, es ist ein Wunder. Oder eigentlich eine ganze Perlenkette von Wundern. Offensichtlich war dieser Mensch von einem Geist beseelt, der nicht von dieser Welt ist.
      Mit einem klangvollen Sommernachmittagsgruß. 🙂

      Gefällt 2 Personen

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