★ Tu ne me dois rien

Meine Sternstunden-Rubrik ist ja ein sehr eigenes Gebilde. Geboren wurde die Idee zu dieser Rubrik durch ein Chanson von Jacques Brel – Sur la place – das jedoch nicht der erste Beitrag dieser Rubrik war.

Auch heute steht mal wieder ein französisches Chanson auf dem Programm. Und auch dieses hat seine eigene Geschichte, die zur Landung in der Sternstunden-Rubrik geführt hat. Spontan hätte ich behauptet, das Lied Tu ne me dois rien „schon lange“ zu kennen. Und das wäre theoretisch auch gut möglich. Das Chanson ist 1991 auf CD (diese runden, silberfarbenen Dinger – nein, nicht die, mit denen man Boule spielt… echt, ey!) erschienen. Und so alt bin ich nun auch wieder nicht, dass 25 Jahre nicht eine wirklich lange Zeit wären. Allerdings bin ich auf Stephan Eicher erst 1999 aufmerksam geworden. Und Tu ne me dois rien habe ich erst weitere 10 Jahre später kennen gelernt. Von potentiell 25 Jahren sind also nur sieben übrig geblieben. Aber „schon lange“ kennen passt dennoch. Irgendwie. Auf der anderen Seite ist „kennen“ auch wieder übertrieben. Irgendwie. Denn dass der Text von dem französischen Schriftsteller Philippe Djian stammt, war mir gar nicht bewusst – bis ich für diesen Beitrag sicherheitshalber die Quellen recherchiert habe.

Ach, ja, der Text des Chansons… Dieses Stichwort erinnert mich zum Glück daran, was ich eigentlich mit diesem Beitrag wollte…

 


Tu ne me dois rien

Text • Philippe Djian
Musik • Stephan Eicher

Je ne t’entends pas très bien
il y a si longtemps
d’où m’appelles tu? D’où vient
ce besoin si pressant
de m’écouter soudain?
Les poules auraient-elles des dents?

Ma voix t’a-t-elle manqué
après bientôt un an?
Ce serait une belle journée
et il n’y en a pas tant
je sais me contenter
de petites choses à présent

On enterre ce qui meurt
on garde les bons moments
j’ai eu quelquefois peur
que tu m’oublies vraiment
tu as sur mon humeur
encore des effets gênants

Mais tu ne me dois rien
j’ai eu un mal de chien
à me faire à cette idée
à l’accepter enfin
est-ce qu’au moins tu m’en sais gré?
Chacun poursuit son chemin
avec ce qu’on lui a donné
mais toi tu ne me dois rien

Tu ne m’as pas dérangé
je vis seul pour l’instant
mais je ne suis pas pressé
tu sais, je prend mon temps
tout est si compliqué
tout me parait si différent

On ne refait pas sa vie
on continue seulement
on dort moins bien la nuit
on écoute patiemment
de la maison les bruits
du dehors l’effondrement

Je vais bien cela dit
appelle moi plus souvent
si tu en a envie
si tu as un moment
mais il n’y a rien d’écrit
et rien ne t’y oblige vraiment

Mais tu ne me dois rien
j’ai eu un mal de chien
à me faire à cette idée
à l’accepter enfin
est-ce qu’au moins tu m’en sais gré?
Chacun poursuit son chemin
avec ce qu’on lui a donné
mais toi tu ne me dois rien

 

 

Das hier eingefügte Video stammt von Universal Music France. Da ich mir aber unsicher bin, mit wie viel Salz dieses Universal zu genießen ist, füge ich hier zusätzlich zwei „Sicherheitslinks“ ein. Beide stammen von privaten Kanälen. Und beide verwenden (wie das eingefügte Video) die Studioversion des Chansons, wobei beim ersten Link auch der „clip officiel“ zu sehen ist – dagegen ist beim zweiten Link die Klangqualität etwas besser.

[https://youtu.be/lMokTdX3DS8]

[https://youtu.be/eNdlTVB11do]

 

Wer audiomasochistisch veranlagt ist, wird bei YouTube verschiedene Live-Versionen von Tu ne me dois rien finden. Aber eben – die Klangqualität dieser Aufnahmen setzt eine ausgeprägte Leidensfreudigkeit voraus. Es gibt allerdings eine Ausnahme. Die folgende Version ist klanglich ganz in Ordnung – und darüber hinaus von der Interpretation her ganz interessant:

 

 


Bei den französischen Sternstunden habe ich die Texte bisher – mit einer Ausnahme – nicht übersetzt. Einerseits bin ich davon ausgegangen, dass ja „alle“ Französisch verstehen. Anderseits habe ich eben meine Bedenken gegenüber den Veränderungen, die ein Text durch die Übersetzung zwangsläufig erfährt. Etwa, indem man gezwungenermaßen etwas Mehrdeutiges in ein Eindeutigkeitskorsett zwängt. Oder indem eine Übersetzung die Interpretation in eine im Original nicht zwangsläufig vorgegebene Richtung lenkt. Dennoch habe ich mir gedacht, eine Übersetzung könne ja nicht schaden. Es gibt ja keinen Lesezwang. Aber vielleicht kann es ja interessant sein, einen Blick zu riskieren – si tu en a envie, si tu as un moment. 😉 Mein deutscher Text ist keine wörtliche Übersetzung – und bei zwei Passagen bin ich so weit gegangen, dass ich eine erklärende Anmerkung für notwendig hielt.

 

Du schuldest mir nichts

Ich verstehe dich nicht so gut.
Es ist so lange her.
Von wo rufst du an? Woher kommt
dieses dringende Bedürfnis,
mich urplötzlich zu sprechen?
Sollten die Fische fliegen gelernt haben?¹

Hast du, nach bald einem Jahr,
meine Stimme vermisst?
Das wäre ein schöner Tag.
Davon gibt’s gegenwärtig nicht so viele.
Ich habe gelernt, mich mit
kleinen Dingen zufrieden zu geben.

Was stirbt, wird begraben.
Die schönen Momente bewahren wir.
Manchmal fürchtete ich, du könntest
mich tatsächlich vergessen.
Beunruhigend, welchen Einfluss du
noch immer auf meine Stimmung hast.

Aber du schuldest mir nichts.
Es ist mir unglaublich schwer gefallen,
mich an diesen Gedanken zu gewöhnen
und ihn letztlich zu akzeptieren.
Bist du mir wenigstens dankbar dafür?
Jeder geht seinen Weg mit dem,
was man ihm gegeben hat.
Aber du schuldest mir nichts.

Du hast mich nicht gestört.
Ich lebe gegenwärtig allein. 
Aber ich habe es nicht eilig. 
Ich lasse mir Zeit, weißt du. 
Alles ist so kompliziert. 
Alles kommt mir so verändert vor.

Man fängt nicht so einfach ein neues Leben an.
Man setzt es lediglich irgendwie fort.
Nachts schläft man weniger gut

und lauscht geduldig
den Echos einer
zusammengebrochenen Welt.²

Es geht mir gut. Und außerdem
kannst du mich gerne häufiger anrufen,
wenn du magst und wann immer
du einen Augenblick Zeit hast.
Aber das ist völlig unverbindlich und
du bist wirklich zu nichts verpflichtet.

Denn du schuldest mir nichts.  
Es ist mir unglaublich schwer gefallen,
mich an diesen Gedanken zu gewöhnen
und ihn letztlich zu akzeptieren.
Bist du mir wenigstens dankbar dafür?
Jeder geht seinen Weg mit dem,
was man ihm gegeben hat.
Aber du, du schuldest mir nichts.

 


Bemerkungen:

¹ Im Prinzip geht es ja hier darum, durch eine Metapher eine an Unmöglichkeit grenzende Unwahrscheinlichkeit auszudrücken. Da die Hühner und ihre Zähne in der deutschen Sprache ohnehin nicht gebräuchlich sind, habe ich eine Metapher gewählt, die eine zur hier erzählten Geschichte passende Symbolik enthält. Das Herz des Erzählers schwimmt gleichsam in Tränen, das ist sein heutiger Normalzustand – aber der Gedanke, dass sie ihn angerufen haben könnte, weil sie ihn vielleicht, unter Umständen, möglicherweise ein ganz klein, klein wenig vermisst haben könnte, versetzt sein Herz in Höhenflüge. Diese Symbolik ist zwar in der Formulierung des Originaltextes nicht angelegt – aber sie scheint mir zum Text zu passen.

² Hier habe ich zugegebenermaßen ganz tief in die Interpretationskiste gegriffen. Eine wörtliche Übersetzung wird ja nicht zuletzt durch die Vieldeutigkeit von effondrement vereitelt. Meine deutsche Version beruht auf dem Gesamteindruck des Textes. Ich sehe hier einen Menschen vor mir, für den durch eine Trennung eine Welt zusammengebrochen ist. Es liegt zwar ein Hauch von Akzeptanz in der Luft (tu ne me dois rien) – aber dazu scheint sich der Kopf gegen erbitterten Widerstand des Herzens durchgerungen zu haben. Dass die Zeit alle Wunden heilen soll ist – nach knapp einem Jahr – keine Lebensweisheit, sondern blanker Hohn. Einen Dreck tut sie, die Zeit. So schaut’s aus. Und so verbringt dieser Mensch zahlreiche schlaflose Nächte. Die Erschütterung des Zusammenbruchs hält ihn wach. Die Geräusche im Haus sind zwar weniger geworden. Das ist wahr. Aber genau diese Nahezu-Geräuschlosigkeit macht schmerzlich klar, was fehlt: Die vertrauten Geräusche, die seelenfriedenverheißende Geborgenheit ausstrahlen. Und es bleibt diesem Menschen vorerst nichts anderes übrig, als dies mit einer durch Unabänderlichkeit erzwungenen Geduld zu ertragen. So ungefähr sieht vor meinem inneren Auge der Hintergrund aus, der zu dieser Freestyle-Formulierung «Nachts schläft man weniger gut und lauscht geduldig den Echos einer zusammengebrochenen Welt» geführt hat. 

 


Für alle, die Stephan Eicher noch nicht so wirklich kennen – was zwar keine Schande, aber schade ist – habe ich noch zwei Zugaben. 

Stephan Eicher • Rivière

 

Stephan Eicher • Déjeuner en paix

 

 

17 Gedanken zu “★ Tu ne me dois rien

    1. Random Randomsen sagt:

      Das freut mich sehr. 🙂
      Dieses „Gesamtpaket“ ist ja weit von der ursprünglichen Sternstunden-Idee entfernt, die schlicht und einfach Originaltext + Musik ohne eigenes Beigemüse sein sollte. Aber von der Auswahl eines Songs bis zum fertigen Beitrag kommt allerhand eigendynamisches Zeugs ins Spiel. Und wenn der fertige Beitrag für mein Empfinden stimmt und auch gut rüberkommt, räume ich der Eigendynamik liebend gerne ihren Spielraum ein.

      Gefällt 5 Personen

    2. Ralph Winter sagt:

      Vielen Dank für deine Mühe und deine Hingabe…bin ein ewiger Djian-Fan aber leider ohne nennenswerte Französisch-Kenntnisse…-Ahnungen vielleicht; um so dankbarer bin ich für deine Übersetzung, die sich mit meinem Empfinden dieses Songs deckt. Merci.

      Gefällt 1 Person

      1. Random Randomsen sagt:

        Lieben Dank für dein erfreutes und erfreuliches Echo. 🙂 Die Übersetzung poetischer Texte ist ja immer eine Gratwanderung – umso mehr freut es mich, wenn das Ergebnis hilfreich ist und dazu beitragen kann, den Kunstgenuss zu erhöhen. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine Resonanz. 🙂
      Eine Erläuterung zu meiner eigenwilligen Formulierung war ja unverzichtbar. Und bei einem Text von diesem Format fand ich es angebracht, diesen eine Satz aus einer größeren Perspektive zu beleuchten. 🙂

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  1. PPawlo sagt:

    Es ist immer wieder schön, deine sonntäglichen „Grüße“ auszupacken! Und wieder ein schönes Lied, ein begabter Interpret und ein guter Text! Und eine gelungenen Präsentation! Herzlichen Dank! 🙂

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Dankeschön für dein Feedback. Nachdem die Sternstunden eine Weile dünn gesät waren, ist der Sonntag inzwischen fast schon zum traditionellen Sternstunden-Tag geworden. 🙂
      [Ein besonderer Clou wäre vielleicht eine Kombination der Kinder im Aufwind mit einer Sternstunde?]

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    1. Random Randomsen sagt:

      🙂
      Ja, zwei phantastische Alben von einem großartigen Musiker. Manchmal tut es einfach gut, alte Schätze wieder auszugraben. Es geht ja auch nicht darum, die Früherwarallesbesserleier erklingen zu lassen. Aber was zeitlos gut ist, ist und bleibt zeitlos gut. 🙂

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