★ Farmors hus

Die Norwegerin Wenche Myhre ist ja auch im deutschen Sprachraum keine Unbekannte. Das heißt, doch, eigentlich schon. Denn hier wird sie ja Wencke genannt. 🙂
Ob als Wenche oder Wencke – irgendwie erweckt sie in mir gemischte Gefühle. Während ich ihr (und dem, was sie in ihrem Leben schon alles geleistet hat) grundsätzlich mit großem Respekt und Sympathie begegne, muss ich doch einräumen, dass mich einige ihrer gute-Laune-auf-Teufel-komm-raus Nummern ziemlich nerven. Dass sie damit vielen Menschen Freude bereitet, zweifle ich nicht an. Aber es ist einfach nicht mein Ding. Nicht wirklich. Wenche Myhre hat aber auch ganz andere Lieder gesungen. Und damit meine ich GANZ andere.

Eines davon – mit dem Titel Farmors hus – möchte ich heute hier vorstellen. Es ist 1976 auf dem Album Wenche veröffentlicht worden (interessanterweise erschien 1985 ein weiteres Album mit dem gleichen Titel). Das 76er Wenche-Album wurde sogar mit dem renommierten Spellemannprisen ausgezeichnet. Aber das Lied Farmors hus war nie in Wenche Myhres Konzertrepertoire. Und so ist es mit den Jahren (bzw. Jahrzehnten) nach und nach fast völlig in Vergessenheit geraten. Ein Juwel – vergraben in der Rumpelkammer der Musikgeschichte.

Unni Wilhelmsen hat inzwischen fast schon einen Zweitwohnsitz in meiner Sternstunden-Rubrik. Sie war Gast bei der Joni Mitchell Sternstunde Both Sides Now und zudem mit Won’t Go Near You Again mit einem eigenen Sternstunden-Beitrag vertreten. Und sie hat eben auch das folgende Lied nach Jahrzehnten wieder ausgegraben.
[Die Reihenfolge ist wie gewohnt: Originaltext – Video – meine sinngemäße deutsche Übertragung]

 


Farmors hus

Text & Musik: Jan Eggum & Arne Schulze

Et lys er tent i farmors hus
Et vindu stengt mot vintersus
En gnist av liv på skraphaugen av gapende stål
Rest av et gammelt bål

En dør blir låst i farmors hus
Det siste vers i siste blues
En rynket, utslitt kropp skal gå til hvile for godt
Hun var en fredens enke, pyntet i grått
Ingenting har hun fått

Farmors hus er som en blomst i ørkensand
Som en sommerfugl i teknologens nett
Farmors hus er som den siste dråpe vann
I en kilde som kun farmor selv har sett

Et barn har levd i farmors hus
En mann har hevet fylte krus
En husmor har sett mann og barn bli trette og små
Uten å spørre noen eller forstå
Så hun dem alle gå

Farmors hus er vår samvittighet og skam
Rustne spiker, morkne planker står for fall
Farmors hus kan ikke stå mot ulveglam
Små kontorer, store murer. Tørre tall.

Et lys ble slukt i farmors hus
En kvinnes livsverk lagt i grus
Et barnebarn skal fødes på en utbrent ruin
Glemme sin jord og leve i en kabin
Hvem er et menneske og hvem er maskin?
Hvem er et menneske?

Unni Wilhelmsen • Gesang, Gitarre

Hier – für den Fall, dass das YT-Video nicht funktioniert – der Link von TV2:
http://www.tv2.no/v/1010174/

 

Das Original wäre ebenfalls durchaus hörenswert, ist aber leider im Netz nicht aufzutreiben. Unni Wilhelmsen hat jedenfalls das Lied nicht völlig „umgebaut“ – primär ist ihre Version von etwas mehr Tempo und deutlich sparsamerer Instrumentierung gekennzeichnet.

 


Omas Haus

Es brennt ein Licht in Omas Haus
Ein Fenster hält den Wintersturm auf Abstand
Ein Funke Leben auf dem Schrotthaufen
Reste eines längst erloschenen Feuers

Eine Türe wird zugesperrt in Omas Haus
Die letzte Strophe im letzten Blues
Ein faltiger, erschöpfter Körper geht nun zur letzten Ruhe
Sie war eine Witwe des Friedens, in Würde ergraut
Nichts wurde ihr geschenkt

Omas Haus ist wie eine Blume im Wüstensand
Wie ein Schmetterling im Netz des Technologen
Omas Haus ist wie der letzte Wassertropfen
Einer Quelle, die nur sie selbst gesehen hat

Ein Kind hat in Omas Haus gelebt
Ein Mann hat gefüllte Becher gehoben
Eine Hausfrau hat Mann und Kind müde und klein werden sehen
Ohne zu fragen, ohne zu verstehen
Hat sie alle gehen sehen

Omas Haus ist unser Gewissen, unsere Schande
Rostige Nägel, morsche Bretter künden Verfall
Omas Haus hat dem Wolfsgeheul nichts entgegenzusetzen
Kleine Büros, dicke Mauern. Trockene Zahlen.

Ein Licht erlischt in Omas Haus
Das Lebenswerk einer Frau – dem Erdboden gleich gemacht
Ein Enkelkind soll in einer ausgebrannten Ruine zur Welt kommen
Seine Wurzeln vergessen und in einer anonymen Behausung leben
Wer ist ein Mensch, und wer ist eine Maschine?
Wer ist ein Mensch?

 


Als Zugabe gibt’s gleich nochmals eine Rarität.
Wenche Myhre singt Striking von Unni Wilhelmsen.

 

Auch dazu sicherheitshalber der TV2-Link:
http://www.tv2.no/v/1018944/

 


Und als zweite Zugabe singt Henning Kvitnes ein Lied, das zum aktuellen Konzertrepertoire von Wenche Myhre gehört. Ein sehr persönliches und nachdenkliches Lied – mit schwedischem Text – das vom Leben im Rampenlicht erzählt.
Aktuell ist nur der TV2-Link verfügbar:
http://dbtv.no/4707973741001

 

16 Gedanken zu “★ Farmors hus

  1. PPawlo sagt:

    Nanu, ist hier so wenig los??
    Herzlichen Dank für deinen Beitrag und, dass du jeweils eine zweite Möglichkeit bietest, die Lieder zu hören. Sonst hätte ich gar nichts anhören können…
    Wenche Myrrhe ist mir von früher als Schlagersangerin bekannt. Im letzten Video kommt sie ganz anders als ich mich erinnere rüber. Mit einer schönen, tiefen Stimme, sehr präsent, und natürlich .
    Vor allem gefällt mir aber in deinem Beitrag—natürlich neben deiner Präsentation ;)!—das Bild der alten Hütte und der Text des Liedes z.B.
    Omas Haus ist wie eine Blume im Wüstensand
    Wie ein Schmetterling im Netz des Technologen
    Omas Haus ist wie der letzte Wassertropfen
    Einer Quelle, die nur sie selbst gesehen hat
    Hier zeigt sich ein Respekt vor dem Reichtum, der Weisheit und der Verletzlichkeit des Alters, wie wir ihn selten fühlen.

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein wie immer höchst willkommenes Feedback. 🙂
      Tja – Sommerloch, wie’s ausschaut.
      Die TV2-Aufnahmen sind tatsächlich eine wertvolle Quelle. Es gäbe viele nordische Perlen. Aber gute Aufnahmen auf YT sind selten – und oft verschwinden sie nach kurzer Zeit, oder sie sind nur eingeschränkt verfügbar.
      Die Schlager haben sie bekannt gemacht. Aber die knallroten Gummiboote und sauren Äpfel (usw.) sind Segen und Fluch. Und es lohnt sich, die andere Seite von Wenche Myhre kennen zu lernen.
      Der Text von «Farmors hus» drückt so vieles aus. Und man kann es Wenche Myhre ansehen, dass dieser Text nach so vielen Jahren (und entsprechender Lebenserfahrung) heute für sie eine viel tiefere Bedeutung hat.

      Gefällt 3 Personen

      1. PPawlo sagt:

        🙂 Danke!
        Vielleicht spielt der Text ja auf mehr an als ich verstehe ?
        So ganz versteh ich z.B. „eine Witwe des Friedens“ und „Eine Hausfrau hat Mann und Kind müde und klein werden sehen “ nicht…Was sagt dir das denn ?

        Gefällt 2 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Danke für diese Frage. 🙂 So ein Text lebt ja davon, dass Dinge mehr angedeutet als ausgesprochen werden – was verschiedene Interpretationen zulässt. Daher nutze ich gerne die Gelegenheit, ein wenig auf Spurensuche zu gehen.
          [Manchmal muss man beim Übersetzen „vorinterpretieren“, weil man sich für eine von verschiedenen möglichen Übersetzungen entscheiden muss. Aber das ist hier nicht der Fall.]
          „Müde und klein“ würde ich für Kind und Mann unterschiedlich deuten. Der Mann ist offensichtlich vor der hier beschriebenen Oma verstorben. Darauf deutet nicht nur der Ausdruck „Witwe“ hin – auch sonst würde die Situation wohl anders aussehen, als im Lied beschrieben, wenn ein überlebender Ehemann da wäre. Also deute ich „müde und klein“ beim Mann so, dass ihn die Kräfte verlassen haben und in verschiedener Hinsicht immer weniger von ihm übrig geblieben ist.
          Beim Kind sehe ich es etwas anders. Offensichtlich ist es ein Einzelkind, und zwar ein Sohn (et barn ist explizit ein einzelnes Kind – und farmor ist eine Großmutter väterlicherseits). „Müde und klein“ könnte sich auf die Zeit beziehen, bevor der Sohn das Elternhaus verlassen hat. Er hat das bisher gewohnte Leben satt (wird müde) und ist für die Mutter immer weniger zugänglich. Bildlich gesprochen verschwindet er für sie, wie jemand der weggeht und für die Zurückgebliebenen scheinbar immer kleiner wird. Schon bevor er physisch das Elternhaus verlässt, entfernt er sich innerlich immer weiter.
          Die „Witwe des Friedens“ verstehe ich so, dass sie als verheiratete Frau die Friedfertigkeit auch unter schwierigen Umständen (der Text deutet an, dass der Mann vielleicht oft etwas gar „durstig“ gewesen sein könnte) bewahrt und diese Herzensqualität auch als Witwe gepflegt hat. So im Stil: Der Tod hat sie und ihren Mann geschieden – aber vom Frieden hat sie sich nie getrennt.
          [Die Formulierung „fredens enke“ könnte zudem eine Andeutung auf Wendungen wie „Frieden senke sich…“ sein. „La freden senke seg…“ – mit einem kleinen Handgriff wird „freden senke“ in „fredens enke“ verwandelt.]

          Gefällt 2 Personen

  2. kinder unlimited sagt:

    Ich hatte irgendwie geahnt, dass Wenke eine tolle Saengerin sein muss, die verhunzt wird….auch dass sie mit Gitte Haening Projekte macht, fand ich verwunderlich, da Gitte ja eine wirklich gute Jazz Saengerin ist……so oder so danke fuer deinen super informativen Beitrag, der ein Genuss war , zu lesen bzw. hoeren! LG Ann

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Tausend Dank für deine Resonanz. Bei Wenche Myhre zeigen sich deutlich die zwei Seiten der Musikindustrie. Sie hatte mit 13 ihren ersten Plattenvertrag und ist früh sehr bekannt geworden. Anderseits entsteht dadurch eine Schablone, die nicht leicht zu durchbrechen ist. Einen ganz anderen Weg ist Unni Wilhelmsen gegangen. Sie hat seit Beginn ihrer Karriere die Kontrolle behalten und sogar ihr eigenes Label gegründet. Damit hat sie die künstlerische Freiheit behalten, ihr Ding durchzuziehen. Aber das hat natürlich auch seinen Preis.

      Gefällt 2 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Hab herzlichen Dank für deine ausfühlichen Antworten! Auf die bei „müde und klein“ wäre ich überhaupt nicht gekommen. Um so interessanter scheint sie mir. Ich dachte da eher daran, dass beide sich daheim auch von ihren schwachen Seiten zeigen können und angenommen werden…Wer weiß, was noch alles hineinzudeuten ist…Bei der Witwe des Friedens dachte ich das Gleiche wie du und mit deiner Sprachuntersuchung beweist du es ja förmlich, und doch frage ich mich, ob es nicht auch anspielt auf das Sterben in Friedenszeiten, nicht nur im Krieg…Aber das ist vielleicht zu weit hergeholt… Lass es dir gut gehen! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Unabhängig davon, welches die ursprünglichen Gedanken des Textverfassers gewesen sein mögen finde ich es sehr anregend, diese verschiedenen Deutungsansätze zu erörtern. Vielleicht decken sie sich gar nicht mit den Gedanken des Urhebers und stimmen dennoch mit seinen Intentionen überein. Entweder weil sie in eine ähnliche Richtung zielen – oder weil es vielleicht sogar die erklärte Absicht war, möglichst viele verschiedene Deutungen anzuregen. 🙂

      Gefällt 1 Person

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