★ Va det du, Jesus?

Wie vor einer Woche angekündigt, gibt es heute eine norwegische Sternstunde. Ausnahmsweise beginne ich einen Sternstundenbeitrag nicht mit dem Originaltext des vorgestellten Liedes, sondern mit einer Einleitung.

Zunächst möchte ich erwähnen, dass ich auf dieses Lied erst durch eine Coverversion aufmerksam geworden bin. Zwar hatte ich das Original zuvor bereits gehört. Aber es war mir nicht als besonders bemerkenswertes Lied aufgefallen. Auf Åge Aleksandersens CD Levva Livet von 1984 ist es eines von neun Liedern. Und es fügt sich dort relativ unauffällig in einen Reigen, dem mehrere seiner größten Klassiker angehören. Zudem fehlt dieser Version die Intensität und Dramatik, die dem Lied eigentlich innewohnen. Genau diese Qualitäten hat Bjarne Brøndbo erkannt und, gemeinsam mit seiner Band, umgesetzt. Vom Tempo her deutlich zurückgenommen, aber dafür mit einem dramatischen Klangbild. Und mit einer überzeugenden Intensität und Echtheit gesungen. 

Eine kurze Bemerkung noch zur Schreibweise des Liedtextes. Der Text ist in einem Dialekt (Trøndersk) verfasst. Und damit gibt es hier keine offizielle Rechtschreibung. Auf Åge Aleksandersens Website ist eine gemäßigte Variante zu finden. Aber ich habe hier die von Bjarne Brøndbo verwendete Schreibweise wiedergegeben. Denn diese liegt näher bei der tatsächlichen Aussprache und bringt also die herbe Schönheit dieses Dialekts besser zum Ausdruck. Sozusagen als Kompensationsmaßnahme habe ich dafür meine eigene deutsche Übersetzung am Ende des Beitrags hinzugefügt.  

Nun aber zur Hauptsache, also zum Inhalt dieses Liedes. Bereits beim Titel fängt das ganz gut an. Denn Åge Aleksandersen und Jesus – das will irgendwie nicht so recht in eine Schublade passen. Und nicht zuletzt deshalb passt die Kombination sehr gut. In keiner der (mittlerweile) vier Strophen wird Jesus erwähnt. Und nicht nur das. Es scheint auch nicht wirklich einen Zusammenhang zu geben. Die vier Strophen zeichnen jeweils ein Stimmungsbild tatsächlicher Ereignisse. Vier düstere Kapitel der Menschheitsgeschichte. Vier menschliche Tragödien, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben. Es wird keine fortlaufende Geschichte erzählt. Es sind vier zeitlich und geografisch getrennte Momentaufnahmen. Fast beliebig aus der Weltgeschichte gepflückt. Man würde tatsächlich tausende irgendwie vergleichbare Momente finden. Und das ist sehr geschickt gemacht. Denn es geht nicht primär um die einzelnen Ereignisse, sondern um ein Prinzip dahinter.

Und hier kommt auf eine ganz spezielle Weise Jesus ins Spiel. Denn Åge Aleksandersen verbindet die abgebildeten Ereignisse mit seiner wiederholten Frage: «Warst das du, Jesus?» Also sinngemäß – wurde einmal mehr ein Moment der Kreuzigung wiederholt? Für Åge Aleksandersen steht der Name Jesus als Synonym für ein Versprechen und eine Chance auf Leben. Darauf haben wir, zumindest dem Namen nach, unsere Gesellschaftsordnung und Kultur aufgebaut. Aber wenn es ans Eingemachte geht, gewinnen lebensfeindliche Handlungsweisen immer wieder die Oberhand. Genau darum geht es Åge Aleksandersen in diesem Lied. Die Diskrepanz zwischen unserem Anspruch und unseren Lippenbekenntnissen auf der einen Seite – und den tatsächlichen Handlungen und ihren Auswirkungen auf der anderen Seite.

Ein ganz spezielles Detail im Refrain scheint mir auch noch bemerkenswert. Die letzte Zeile beginnt mit vi (also wir). Aleksandersen zeigt nicht mit dem Finger auf Verantwortliche und sagt: Da schaut, was sie angerichtet haben, die Hundsbuam, die miserabligen! Er nimmt ein «wir» in die Verantwortung. Die Hände in Unschuld zu waschen ist zu billig. Er verweist damit in gewisser Weise wieder darauf, dass die in den Strophen angetönten Ereignisse nur Beispiele sind. Dass dergleichen immer und immer und immer wieder vorkommt. Und irgendwo hängen wir mit drin. Du und ich.  

Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf die vierte Strophe richten, die erst viel später entstanden ist. Åge Aleksandersen verfasste sie im Juli 2011 – unmittelbar nach den Terroranschlägen in Oslo und auf der Utøya. Anlass dazu war, dass sich einer von Åges Freunden unter den Ermordeten befand. Trotz diesem persönlichen Hintergrund hat diese Strophe aber eine Aussage, die weit über das Private hinausgeht. Eine Botschaft, die alle Betroffenen gleichermaßen umarmt

Die Botschaft von Åge Aleksandersen lief ja bereits in den ersten drei Strophen darauf hinaus, dass das eigentliche, lebensbejahende und hoffnungsvolle Erbe einer christlichen Kultur oft auf der Strecke bleibt, während gleichsam die Kreuzigungsmomente in einer Endlosschleife wiederholt werden.
Auch wenn der Terror des 22. Juli 2011 die Tat eines Einzelnen war. Dieser Einzelne hat erstaunlich viele und teilweise erschreckend nahe geistige Verwandte. Viele davon haben sich äußerlich zwar pflichtschuldigst davon distanziert. Aber, wie ein kluger Mann vor langer Zeit sagte: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Und in dieser Hinsicht ist es schon sehr vielsagend, dass viele, die angeblich unsere christlich-abendländische Kultur schützen möchten, ausgerechnet unter diesem Deckmantel bedenkenlos die elementarsten Grundsätze der Nächstenliebe über Bord zu kippen bereit sind. 


Chronologie

1968:
Die erste Strophe nimmt direkten Bezug auf den Inhalt einer Rede, die Martin Luther King jr. kurze Zeit vor seiner Ermordung hielt. 

1969:
Die zweite Strophe thematisiert die Selbstverbrennung von Jan Palach aus Protest gegen die Besatzung der Tschechoslowakei durch die Armeen des Warschauer Paktes.

1982:
Strophe Nummer drei bezieht sich auf ein Genozid, das als Massaker von Sabra und Schatila bekannt wurde.

1984:
Die Originalversion von «Va det du, Jesus?» erscheint auf dem Album Levva livet! von Åge Aleksandersen.

2002:
Eine Coverversion von «Va det du, Jesus?» erscheint auf dem Album Salmer på ville veier von Bjarne Brøndbo.

2011:
Die vierte Strophe entstand 27 Jahre nach Erstveröffentlichung des Liedes. Åge Aleksandersen schrieb sie unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Utøya.


Hier noch – für die Copy-Paste Fraktion – die Links im Textformat:
https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_King
https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Palach
https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Sabra_und_Schatila
http://viglemmerikke.no/ofrene.html


Va det du Jesus?

Text & Musik: Åge Aleksandersen

Hainn sa likhet og frihet
for svart og for kvit.
Ingen storm uten vind.
Dæm mått kjæmp skoill dæm vinn.
Hainn vesst tida va knapp,
ingen uka og år.
Ingen brainn uten ild,
blodet rinn fra dett sår.

Å, va det du Jesus
Va det dæ vi mista igjen
Å, va det sjangsen til livet, 
vi lemlæsta no igjen

Navnet var Palach
og byen var Prag.
Eitt sænka flagg 
på ein gryanes dag
Eitt skrik ut mot verden,
ei rose, ei bønn.
Eitt laind og ei mor,
bøyd i sorg for sin sønn.

Å, va det du Jesus
Va det dæ vi mista igjen
Å, va det sjangsen til livet, 
vi lemlæsta no igjen

Sønn av ein snekker,
født av ei mor
som kvær einaste kveilld sa:
“Det blir fred på jord”
Vart kailt terrorist,
men var kun åtte år.
Sabra, Chattila
Et verkanes sår.

Å, va det du Jesus
Va det dæ vi mista igjen
Å, va det sjangsen til livet, 
vi lemlæsta no igjen

Sangen din stilne 
på en sommerdag. 
Sorgen den ramme 
som blytunge slag. 
Drømmen din myrdes 
på det simpleste vis. 
Men tanken din seire 
mot feighet og svik.

Å, va det du Jesus
Va det dæ vi mista igjen
Å, va det sjangsen til livet, 
vi lemlæsta no igjen

 

Leider sind von diesem Lied kaum brauchbare Aufnahmen im Netz zu finden. Auch die grossartige Version von Bjarne Brøndbo ist auf YT und ähnlichen Kanälen nicht vorhanden. Wenigstens kann der Titel über folgenden Link gehört werden (der über die WP-App allerdings möglicherweise nicht funktioniert und dann wohl oder übel in einem Browser geöffnet werden muss): 

Bjarne Brøndbo • Va det du Jesus

Da die Aufnahme aus dem Jahr 2002 stammt, ist hier natürlich die ursprüngliche Version mit drei Strophen zu hören.

Die Mitwirkenden bei dieser Aufnahme sind:
Bjarne Brøndbo • Gesang, Gitarre
Geir Sundstøl • Gitarre, Dobro, Banjo
Terje Tranaas • Keyboards
Eirik Øien • Kontrabass
Stein Erik Tafjord • Tuba
Rune Arnesen • Schlagzeug, Perkussion
Jarle Førde • Trompete
Helge Førde • Posaune

 

Wer gerne das Original von 1984 hören möchte, hat via folgenden Link die Gelegenheit dazu:

Åge Aleksandersen • Va de du, Jesus?


Warst das du, Jesus?

Er sprach von Freiheit und Gleichheit
für Schwarze und Weiße.
Kein Sturm ohne Wind.
Sie würden für den Sieg kämpfen müssen.
Er wusste – die Zeit war knapp,
keine Wochen und Jahre.
Kein Brand ohne Feuer.
Eine blutende Wunde.

O, warst das du, Jesus?
Warst das du, den wir erneut verloren?
O, war es die Chance auf Leben,
die wir erneut zunichte gemacht haben?

Sein Name war Palach,
und die Stadt war Prag.
Eine gesenkte Flagge
im Morgengrauen.
Ein Aufschrei an die Welt,
eine Rose, ein Gebet.
Ein Land und eine Mutter
in Trauer um ihren Sohn.

O, warst das du, Jesus?
Warst das du, den wir erneut verloren?
O, war es die Chance auf Leben,
die wir erneut zunichte gemacht haben?

Sohn eines Zimmermanns,
geboren von einer Mutter,
die jeden Abend sagte:
«Es wird Frieden auf Erden geben.»
Er wurde als Terrorist bezeichnet,
obwohl er erst acht Jahre alt war.
Sabra, Chattila
eine schwärende Wunde.

O, warst das du, Jesus?
Warst das du, den wir erneut verloren?
O, war es die Chance auf Leben,
die wir erneut zunichte gemacht haben?

Dein Lied verstummte
an einem Sommertag.
Die Trauer schlug zu
mit bleischweren Schlägen.
Dein Traum wurde auf
gemeinste Weise ermordet.
Aber dein Gedanke siegt
über Feigheit und Verrat.

O, warst das du, Jesus?
Warst das du, den wir erneut verloren?
O, war es die Chance auf Leben,
die wir erneut zunichte gemacht haben?

 

6 Gedanken zu “★ Va det du, Jesus?

  1. Mitzi Irsaj sagt:

    Ich kann das Lied über mein Handy gerade nicht hören und werde es später nachholen. Dein Text „funktioniert“ aber auch ohne die musikalische Untermalung. Funktionieren im Sinne von – Stoff zum nachdenken und Strophen die einen stillen Nachklang haben.
    Mit „christlich-abendländische Kultur“ habe ich in den meisten Zusammenhängen ein Problem. Viel zu oft sehe ich da nichts christliches und möchte nachfragen, wie christlich den bitte von jenen, die sich unter diesem Deckmantel verkriechen, definiert wird. Schade, denn da gäbe es einiges was es wert wäre sich darauf zu konzentrieren. Es müsste nicht mal christlich sein. Die Werte der Hauptreligionen unterscheiden sich kaum. Auch nicht die Missachtung dieser und die Verdrehung zu skurrilen und erschreckenden Weltbildern.

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein Feedback. 🙂
      Ja, der Link scheint mobil nicht zu funktionieren. Aber dafür ist die Klangqualität ganz ordentlich. Vielleicht ist es ja ganz gut, wenn die inhaltliche Botschaft des Textes sich zunächst ein wenig setzen kann. Denn insbesondere die Brøndbo-Version ist sehr eindrücklich gesungen und arrangiert.
      In dem von dir erwähnten stillen Nachklang sehe ich auch eine ganz besondere Stärke des Textes. Eben weil der Text nicht detailliert erzählt, sondern mehr stichwortartige Impressionen vermittelt, hat er einen besonders starken Nachhall.
      Bei den echten Werten gibt es tatsächlich eine große Übereinstimmung. Und man trifft auch immer wieder Menschen, die genau diese Werte sehr ernst nehmen und nicht mit ideologisch gefärbtem „Lärm um Nichts“ um sich schmeißen. Interessanterweise kommen solche Menschen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – oft sehr gut miteinander zurande.
      Was ich oft beobachte, wenn von „unserer christlichen Tradition“ schwadroniert wird, ist eine Art von „à la carte Christentum“. Man zitiert gerne Bibelstellen, wenn sie irgendwie in den eigenen Kram passen. [Während man die unbequemen Passagen liebend gern ignoriert.] Was im einen Fall „Gottes Wille“ sein soll, ist im anderen Fall „natürlich nicht wörtlich“ zu verstehen. Da ist man auch mit großem Eifer „christlich“, wenn man Angehörige anderer Religionen diskriminieren will. Aber wenn wirklich ein Akt christlichen Menschseins gefordert wäre, herrscht eine Haltung von: „Sorry, Mann, ich war ja letzten Sonntag in der Kirche, aber jetzt passt es grad ganz schlecht – jetzt hab ich wirklich gar keine Zeit, Christ zu sein.“

      Gefällt 3 Personen

      1. Mitzi Irsaj sagt:

        Das was du im letzten Absatz beschreibst, beobachte ich auch oft. Christlich wird wie ein Accessoire benutzt und abgelegt, wenn es zu umständlich oder zu kompliziert zu werden droht.
        Eigentlich witzig, dass mir die Melodie bei einem Lied nicht fehlt. Aber in diesem Fall ist es tatsächlich so, dass sie im ersten Moment wohl nur ablenken würde und das wäre schade.
        Danke für das abtauchen in einen guten Text, den ich so nie entdeckt hätte.

        Gefällt 1 Person

        1. Random Randomsen sagt:

          Ja, der Vergleich mit einem Accessoire trifft die Sache recht gut.
          Technik sei Dank ist hier mein ursprüngliches Sternstunden-Konzept wirksam geworden. Zunächst einfach die Worte wirken lassen und erst in einer zweiten Stufe die Musik ins Spiel bringen. 🙂

          Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Auch ich habe das Lied nicht hören können , aber der Text bot ordentlich Gedankenfutter.
    Die Chance auf Leben zunichte“ machen… dazu tragen wir Menschen in unseren Gesellschaften und leider immer wieder bei, in uns selbst und um uns herum. Die erwähnten extremen Gewalttaten sind nur die Spitze davon. Ein bewusstes „Lebenschancen ermöglichen“ dagegensetzen, das wär doch was…Das bleibt mir von diesem Artikel vor allem hängen.

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine Resonanz und die ergänzenden Gedanken. Schade, dass der Link zu den Aufnahmen nur eingeschränkt funktioniert. Aber eben – der Text allein hat’s ja wirklich in sich. Ja, die Chancen auf Leben hegen, pflegen, fördern, manchmal auch fordern. Da gibt’s einiges an Potenzial. 🙂

      Gefällt 1 Person

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