The Nursery Rhyme Concerto

Für viele Menschen ist Musik offensichtlich nur theoretisch wichtig. Ein Streifzug durch irgend eine beliebige Hitliste genügt, um festzustellen, dass akustisches Müllschlucken ganz eindeutig ein Volkssport ist. Nun mag man einwenden, über Geschmack lasse sich nun mal nicht streiten. Dazu muss ich wiederum einwenden, dass – o doch! – sich über Geschmack sogar ganz hervorragend streiten lässt. 😉 Aber es ist müßig, überhaupt über musikalischen Geschmack streiten zu wollen, wenn die Musik so gut wie unvorhanden ist. Das wäre so ähnlich, als wollte man mit jemandem über ausgewogene Ernährung diskutieren, der ausschließlich Marshmallows und Gummibärchen futtert. So im Stil: «Ich mag ja die roten Gummibärchen am liebsten. Aber ich glaube, die grünen sind gesünder. Jedenfalls esse ich fünf Mal täglich ein grünes.»

Geradezu furchterregend ist das, was gerne als kindgerechte Musik angeboten wird. In der Regel glaube ich ja nicht an Verschwörungstheorien. Aber wenn es um Musik für Kinder geht, bin ich überzeugt, dass vieles ganz bewusst als Trainingseinheit in akustischem Frühmüllschlucken erzeugt wird. Ein Zuchtprogramm für künftige Generationen gänzlich unkritischer musikalischer Allesfresser.

Dieser Beitrag ist sozusagen im Domino-Effekt aus einer CD-Empfehlung entstanden:
Zwischen den (Noten)Zeilen lesen
von Mein Name sei MAMA.
Die Autorin beschreibt darin nicht nur die wohlbekannte Kinderliedmisere, sondern zeigt anhand eines konkreten Beispiels, dass es auch anders geht. 

Zunächst weckte die empfohlene CD die Erinnerung an eine beliebte Live-Nummer des legendären Keyboarders Rick Wakeman. Nicht unbedingt stilistisch betrachtet – aber vom Programm her. Wakeman spielt dabei die Themen mehrerer bekannter Kinderlieder im Stil einiger (meist mehr, manchmal auch weniger) berühmter Komponisten. Aber auch andere Musiker haben sich auf sehr kreative und teilweise höchst anspruchsvolle Weise mit Kinderliedern befasst. Deshalb dachte ich mir, ich könnte mit einer kleinen Rundreise die Bandbreite dieser Kreationen zumindest andeutungsweise vorstellen. 

The Nursery Rhyme Concerto von und mit Rick Wakeman.

 

Wechseln wir zu einem kleinen und unscheinbaren Instrument, das viele aus der Kinderzeit noch gut in (möglicherweise schlechter) Erinnerung haben. Die dänische Flötistin Michala Petri zeigt in einem eigenen Arrangement von Mads Doss, was sich mit einer simplen Melodie und einer einfachen Blockflöte alles anstellen lässt.

 

Machen wir nun einen geographisch kleinen und stilistisch etwas größeren Sprung.
Die schwedische Gruppe Black Ingvars hat ein ganzes Album mit Kinderliedern aufgenommen. Hier kommt Pippi Langstrumpf im unverkennbaren Swedish Dancemetal Stil.  

 

Pippi kann aber auch ganz anders. Hier macht sie gemeinsame Sache mit dem dänischen Bassisten Niels-Henning Ørsted Pedersen

 

Und NHØP wiederum kann natürlich auch ganz anders. Hier mit einem Klassiker aus Dänemark: En elefant kom marcherende

In der Einleitung hören wir Anna und Marie im Originalton. Danach schlüpft NHØP in die Rolle des Dickhäuters. Ole Kock Hansen (Klavier) und Lennart Gruvstedt (Schlagzeug) lassen sich nicht zweimal bitten und bewegen sich ebenfalls stilsicher über das feine Spinnengewebe.

 

Und wenn wir nun schon bei der Fauna sind, dürfen der Fuchs und die Gans auch nicht fehlen.

Variationen über Fuchs, du hast die Gans gestohlen von und mit Franz Lehrndorfer.

 

Der Fuchs ist kein Kostverächter und lässt sich auch ein Huhn nicht entgehen. Selbst der Stacheldraht* vermag das Hühnchen nicht zu schützen. Pål sine høner in der Version von Glittertind

* In Norwegen wird Musik in dieser (und ähnlicher) Stilrichtung gerne als piggtrådmusikk – also Stacheldrahtmusik – bezeichnet.

 

Eine Entenmutter mit ihren Jungen hätte ich auch noch im Angebot. Björk Guðmundsdóttir (auch unter dem Namen Björk keine Unbekannte) singt und mundharmonisiert hier das isländische Lied Börnin við tjörnina, begleitet von Þórður Högnason am Bass.

 

Und zum Abschluss noch ein etwas kleineres Federvieh, das in einem Arrangement von Siegfried Ochs geflogen kommt. Auch hier finden wir das von Rick Wakeman angewendete in the style of Prinzip (das ja keine ganz neue Erfindung ist). Siegfried Ochs zeigt hier nicht weniger als dreizehn Komponisten den Vogel.

Es spielt die Nordwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung von Werner Andreas Albert – zwischendurch abgelöst von Ernst Günter Scherzer (Klavier).

 


Titelbild: En elefant kom marcherende © Materialecentret

 


Klangbild: «hvafornoe?»   😉

Ach, so. Das Klangbild. Richtig. Das darf natürlich nicht fehlen. Wie wär’s mit einem Wiegenlied, zu dem der Dovregubben mit verrückten Diamanten jongliert?

 

12 Gedanken zu “The Nursery Rhyme Concerto

  1. Mein Name sei MAMA sagt:

    Wow! Vielen Dank für die Links – ich bin schon sehr gespannt! Diesen wunderbaren Klangregen werde ich mir mit den Kindern gemeinsam anhören sobald die Kleine wieder wach ist (wer vor 6 Uhr aufsteht, darf um 9 Uhr auch schon wieder schlafen – außer sie heißt Mama).
    Die Gummibärengeschichte zu Beginn verwirrt mich allerding: Die Bärchen haben doch DESHALB so viele verschiedene Farben, damit die ausgewogene Ernährung auch wirklich gelingt! Immer schön ein rotes, ein grünes, ein gelbes, ein oranges ….Und wenn ich links eine Handvoll Marshmallows in die Waagschale werfe, kann ich sie recht gut mit einzelnen, rechts hinzugefügten Gummibärchen austarieren – ergo: alles ausgewogen. Aber mich betrifft dieses Gleichgewichtsdilemma eh nicht, weil ich sowieso nur Schokolade mag.
    So, und jetzt lausche ich den Klängen von Björk & Co 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Es ist wirklich erstaunlich, welche Bandbreite sich da zeigt – teilweise recht humoristisch, aber oft auf musikalisch beeindruckendem Niveau.
      Dem isländischen Lied wollte ich schon seit einiger Zeit einen eigenen Beitrag widmen. Mit Übersetzung. Die unter der Tarnkappe des Zeitmangels gut versteckte Faulheit hat dieses Vorhaben bisher allerdings erfolgreich vereitelt.
      Sehr attraktiv finde ich das Elefantenlied – weil es mein intellektuelles Potenzial nicht überfordert. Da kommt ein Elefant auf dem feinen Spinnennetz heranmarschiert (!) und findet das so furchtbar spannend, dass er gleich einen weiteren Elefanten holt. Zwei Elefanten marschieren… usw.
      Die Sache mit den Gummibärchen finde ich theoretisch einleuchtend (nur finde ich die Viecher praktisch einfach ungenießbar – Seidenzuckerl sind mir lieber).

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  2. PPawlo sagt:

    Erstaunlich, was du wieder alles zusammengestellt hast!
    Wenn’s ums Seelenfutter geht, ist das Beste für unsere Kinder gerade recht, ja!! Und da gibt es ja auch eine breite Auswahl von großen Komponisten, wie du’s ja zeigst! Der Karneval der Tiere, in dem auch ein Elefant vorkommt, oder Vivaldis Jahreszeiten sind auch weitere Beispiele. Auch wenn sich über Geschmack streiten lässt ( lustig verpackte Bemerkung von dir!), ist für Kinder solche Musik auch eine gute Übung zu verstehen, wie verschieden der Geschmack sein kann und darauf nicht mit Häme zu reagieren…Dir eine gute Woche!

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für die schöne Resonanz. Für diese Auswahl habe ich mich sogar lediglich auf Bearbeitungen bekannter Kinderlieder beschränkt. Was du aber hier antönst, ist nicht zu unterschätzen: Viele Komponisten haben Werke für Kinder geschrieben. Dazu gehören – neben zahlreichen anderen – auch der Young Person’s Guide to the Orchestra von Benjamin Britten oder Peter und der Wolf von Sergej Prokofiev. Das wäre ja auch mal einen Beitrag wert. 🙂
      Und, ja, ich fände es wünschenswert, wenn Kinder nicht durch persönliche Vorlieben der Eltern einer Monokultur ausgesetzt wären, sondern unvoreingenommen eine gewisse Geschmacksvielfalt erleben dürfen.
      Danke – auch dir eine schöne Woche. 🙂

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  3. finbarsgift sagt:

    Ein klasse Post, Random!

    Die Hörbeispiele sind ja wirklich äußerst interessant, vor allem wusste ich noch gar nichts von dem besonderen Concerto des fänomenal guten Rick Wakeman…

    Dass du bzgl der sogenannten Musik aktueller Hitparaden voll und ganz meiner Meinung bist, wundert mich nicht…

    Im Vergleich zu allem, was man dort vorfindet, ist Handy von Wishbone Ash ja geradezu überirdisch göttlich, das ich heute über Mittag mal wieder hörte!

    Dir einen schönen Tag!
    Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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    1. Random Randomsen sagt:

      Ganz herzlichen Dank für dein Feedback. Rick Wakeman ist ja unheimlich vielseitig (bei Gelegenheit werde ich ihm wohl einen eigenen Beitrag widmen). Ein echter Keyboard-Wizard. Ganz besonders eindrücklich finde ich seine Soloauftritte. Wie hier mit einem Piano-Arrangement eines älteren Yes-Songs:

      Handy – das ist Ashbach Uralt. 😉 Aber sehr bekömmlich. Ich muss zugeben, dass ich von Wishbone seit meinem Umstieg von Vinyl auf CD nichts mehr im Repertoire habe. Dafür habe ich unlängst Gentle Giant wieder ausgegraben.
      Mit schlafliederlichem Gutenachtgruß. 🙂

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        1. Random Randomsen sagt:

          Bonjour Lu! 🙂
          Ja, es mag das vinylophile Herz entzweiknirschen – aber ich habe tatsächlich nach einigen Jahren Probezeit den gesamten Vinyl-Bestand weggegeben. Der Punkt war einfach, dass ich mich relativ bald mit dem CD-Klang (und den Möglichkeiten der Player) angefreundet habe. Die Vinyl-Platten habe ich mit der Zeit überhaupt nicht mehr benutzt – und da machte es für mich keinen Sinn mehr, die noch zu horten.

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