Sei Staat!

Es ist, finde ich, schon sehr vielsagend, dass wir anlässlich von Wahlen unsere Stimme abgeben. Die Gewählten werden anschließend nach Belieben fuhrwerken. Und sie werden sich auf ihre demokratische Legitimation berufen. Das Volk hat uns seine Stimme gegeben. Jetzt sind wir das Volk. Also untersteht euch ja nicht, uns irgendwie hineinzuregieren. Man vertritt die Auffassung, das Volk (also die Menge) habe sich der Einmengung zu enthalten. Ausgerechnet. Das große Schweigen im Wählerwald. Totenstille…

Was will man aber eigentlich mit den Stimmen anfangen, die man möglicherweise erschleimt, erschwindelt oder erschlichen hat? Braucht man sie für Debatten, in denen es nicht um konstruktive Diskussionen und schon gar nicht um Lösungen geht (wär‘ ja noch schöner – gelöste Probleme würden ja bedeuten, dass man künftig mit anderen Themen auf Stimmenfang gehen müsste. Bewahre!)? Braucht man viele Stimmen, damit man lauter sein kann als die anderen (selbst, wenn unlautere Methoden im Spiel sind)? Und wer besonders laut ist, hat besonders recht? Und die Lautesten haben am rechtesten?

Vielsagend ist auch, dass oft verkündet wird, Nichtwähler sollten sich hinterher bloß nicht beklagen. Aha! Also entweder die Stimme abgeben – oder sie behalten, aber nicht erheben dürfen. Aber was ist, wenn die Auswahl als nicht echt empfunden wird? Wenn jemand das Gefühl hat, zwar wählen zu dürfen, aber nicht wirklich eine Wahl zu haben? Wenn man bestenfalls das kleinste Übel wählen könnte, aber selbst das kleinste Übel noch als zu groß empfindet?  

In gewissen Weltgegenden hört man gelegentlich die Aufforderung ’sei Staat!‘ Was dies bedeutet, dürfte bei vorhandenem und nicht auf Standby geschaltetem gesundem Menschenverstand eigentlich sonnenklar sein. Es ist das Gegenteil der beispielsweise von Sowjet-Zar Putin gelebten Maxime ‚l’État, c’est moi!‘ Denn die Aufforderung ’sei Staat!‘ richtet man nicht an Staatsoberhäupter, sondern an Menschen wie dich und mich. Es ist die stete Erinnerung daran, dass wir alle diesen Staat bilden, formen, prägen. Und es ist die Aufforderung, dies aktiv zu tun. 

Besonders perfide finde ich es ja, dass man hier über sprachliche Verrenkungen abzuwiegeln versucht. Keine nachdrückliche Einladung zu gelebter Demokratie soll ’sei Staat!‘ sein, sondern schlicht und einfach die Aufforderung, still zu sein. Aha! Da haben wir’s wieder. Wer die Stimme abgegeben hat, soll gleichsam entmündigt sein. ‚Sei stad!‘, so wird behauptet, laute die korrekte Formulierung. Und ’stad‘ sei ein Adjektiv, das ’still‘ bedeute. Und dieses ’stad‘ soll sogar noch eine sprachliche Verwandtschaft zu ’stet‘ aufweisen. Da hört sich doch alles auf! Als ob es jemanden gäbe, der stets still sein könnte. Wollte. Und vor allem sollte. Außerdem ist genau in den Gegenden, denen man dieses ’stad‘ als ’still‘ unterjubeln will, die Endung ‚d‘ bei standarddeutschem ‚t‘ gang und gäbe. Beispielsweise ‚oid‘ für ‚alt‘. Oder ‚guad‘ für ‚gut‘. Und da möchte man nun plötzlich spitzfindig werden und behaupten, dass, was wie ’stad‘ klinge, ja nie und nimmer ‚Staat‘ sein könne. Nix da. Aussprache hin oder her. Gemeint ist so oder so ’sei Staat!‘.

Abgesehen davon gibt es genügend Formulierungen, um jemanden zum ‚Halten der Sprechwerkzeuge‘ aufzufordern. Wozu mit zweideutigen Formulierungen um sich schmeißen (oder eben eine einfache Wendung wie ’sei Staat!‘ umzweideuten), wenn sich mit einem nonchalanten ‚Gusch!‘ die gewünschte Wirkung erzielen lässt? Nein und nochmals nein. Sei kein Statist in deinem Leben – sei Staat!

Ich war bis ins hohe Alter ein stilles Kind. Die oft gehörte, freundlich-wohlwollende Aufforderung ’sei Staat!‘ habe ich deshalb weitgehend ignoriert. Nicht aus böswilliger Widerborstigkeit. Ich hab‘ mich einfach nicht getraut. Ich war auch nicht wirklich ein stilles Kind. Das hat nach außen so gewirkt. Denn ich war nur inwendig laut. Bisher.

Allerdings. Nur laut werden kann ja auch nicht gemeint sein, mit diesem ’sei Staat!‘ Nur weil irgendein Büffel einen Käs‘ daherredet gibt’s noch lange keinen Mozzarella. Anderseits kann ’sei Staat!‘ ja auch bedeuten, dass man eben nicht jedem Büffel jeden Käs‘ ohne Widerrede durchgehen lässt. Man braucht gewiss nicht auf jeden Mist einzugehen. Aber in manchen Fällen ist schulterzuckend-uneinverstandenes Stillschweigen ganz und gar keine taugliche Lösung. Da bedeutet ’sei Staat!‘ eben alles andere als still zu sein.  

[Übrigens: Wenn ’stad‘ so viel wie ’still‘ bedeuten würde, müsste ja ein ‚Staderer‘ ein besonders stiller Mensch sein. Womit ja wohl bewiesen wäre, dass die Gleichung ’stad‘ = ’still‘ Unsinn sein muss.]

Würden wir uns den Spaß machen, den Ausdruck wirklich im traditionellen Sinne von ’sei stad‘ zu lesen, könnten wir eines feststellen: Der Ausdruck lässt sich zwar irgendwie regional einigermaßen eingrenzen. Aber er beschränkt sich nicht nur auf ein einziges Land. Und vielleicht ist es sogar eine gute Idee, dies auch auf die Lesart ’sei Staat!‘ zu übertragen. Beispielsweise, indem wir uns in unserem persönlichen Staatsein nicht durch nationalistisch verzierte Tellerränder beschränken lassen. Denn eines ist sicher: Die kapitalen Verbrecher dieser Welt – ganz egal, ob ihr religionskarikierender Fundamentalismus nun islamistisch oder kapitalistisch gefärbt ist – sind sehr geschickt darin, in ihrem Tun grenzüberschreitend zu operieren. 

Und genau hier kommt noch ein anderer Aspekt ins Spiel. Wer die Aufforderung ’sei Staat!‘ in sein tägliches Leben integrieren will, hat einen zweiten ‚Wahlzettel‘ zur Verfügung. Selbst wenn wir uns naiv stellen und vorstellen möchten, dass Demokratie mehr als eine Posse wäre. Wenn wir dubiose Parteienfinanzierung (sei stad!!) und anderweitig variationsreiche Einflussnahme auf die gesetzgeberische Entscheidungsfindung zumindest gedankenträumerisch einfach ausblenden. Die Erdenzerstörer und Ausbeuter können immer in Länder ausweichen, deren Machthaber sich vor Blut und Dreck an den Händen nicht scheuen.

Auch hier gilt: ‚Sei Staat!‘ Denn hier kommt das zum Zug, was ich die Suppenkasper-Methode nenne. Wer als Konsument öfters sagt ’nein, diese Suppe ess‘ ich nicht!‘ und den Anbietern damit in die Suppe spuckt, kann viel direkter und effizienter Einfluss nehmen, als dies über politische Prozesse je möglich sein wird. Auch hier sind die Wahlmöglichkeiten begrenzt. Das ist wahr. Aber wer sich politische Einflussnahme viel Geld kosten lässt, wird auch sehr empfindlich darauf reagieren, wenn das Geld der Konsumenten nicht mehr in seine Richtung fließt. Auch hier lässt sich manchmal nur das kleinere Übel wählen. Aber immerhin. Wer als Konsument konsequent bewusst wählt – und vor allem, wenn viele dies tun – kann über seinen Geldfluss durchaus einen gewissen Einfluss nehmen. SKK. SchlauKäuferKultur. 🙂

 


Mein heutiges Titelbild widme ich allen Menschen, deren Verhältnis zum und Teilhabe am Staat in erster Linie durch persönliche Integrität geprägt ist. Menschen, deren ethisches Lebensprinzip sich nicht nach der Maxime richtet: Erlaubt ist, was nicht explizit und unaustricksbar verboten ist. Allen Menschen, deren Mitmenschlichkeit sich nicht darauf beschränkt, von der Allgemeinheit möglichst viel zu einem möglichst billigen Preis zu bekommen. Allen Menschen, die Menschenwürde leben und respektieren und vielleicht sogar lieben.
L’État, c’est vous! ❤  

 


Und weil das mit dem Wählen gar nicht immer so einfach ist, habe ich für diesmal drei Klangbilder ausgewählt. Bemerkenswert finde ich, dass die Gewählten uns dabei ihre Stimme geben.

Klangbild: Emeli Sandé • Read All About It Pt. 3

 

Klangbild: Georg Danzer • Der oide Wessely

 

Klangbild: Dmitri Shostakovich • Nocturne aus dem Streichquartett Nr. 15 (Rubio Quartet)

15 Gedanken zu “Sei Staat!

  1. Zeilenende sagt:

    So viel so wahr. Ein schöner Appell. Danke dafür. Eine Anmerkung zum Wortspielen habe ich noch für dich.
    Im Rheinland gibt es staatse Kerls. „Staat“ ist hier das Dialektwort für „stattlich“. Es braucht für gute Politik eben doch ein gewisses Format. Vor Allem geistig. Um unabhängig zu sein.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. Dieser Beitrag ist ein schönes Beispiel für Eigendynamik. Eigentlich als eher ‚kurzer Spuk‘ geplant, sind nach und nach immer mehr Facetten hinzugekommen. Auch wenn das Thema damit längst nicht erschöpfend behandelt ist.
      Danke für die rheinländische Ergänzung meines Wortschatzes. 🙂 Macht hier für mich durchaus Sinn. Politiker von Format sind ein Segen für ein Land. Aber auch Staatsbürger von Format sind nicht ohne. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Erika sagt:

    Als Bayer habe ich selbstverständlich dein „Sei Staat“ bayerisch verstanden und mich gefragt, ob man das tatsächlich so schreibt. Antwort erhielt ich später von dir.
    Ausgewandert und Analphabetin kann ich eh nicht mitreden und bin stad.
    Danke für die Gaudi.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Im Prinzip ist der ganze Beitrag aus einem ‚was wäre, wenn?‘ Gedanken entstanden. Am Anfang stand lediglich der amüsante Gedanke, jemand könnte ein ’sei stad!‘ als ’sei Staat!‘ auffassen. Diesen Gedanken habe ich ein wenig weiter verfolgt – und ich war selber überrascht, wie weit man dabei gehen kann. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Öha! Darauf werde ich mir bei nächster Gelegenheit was einbilden. 🙂 Vielen Dank fürs Feedback. Die Idee zum Beitrag ist in einer unruhigen Nacht entstanden. Vielleicht sind deshalb nach und nach so viele beunruhigende Elemente hineingeraten?

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  3. PPawlo sagt:

    Mit deinem Titelbild und der Widmung am Schluss, komme ich zu der Folgerung : Auch jetzt sind wir schon „Staat“ und haben auch einen, der uns wiederspiegelt…
    Wenn wir uns alle an der eigenen Nase ziehen und nur deine letzten Zeilen beherzigen, wäre das schon mal ein Aufbruch in Richtung eines anderen „Sei Staat“!
    Nun wage ich trotz Danzers Lied ein „Gratuliere!“ und Dank für deine Gedanken, Bild und Klangbilder, die wieder bunt gemischt wunderbar zusammenpassen!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine Resonanz – einmal mehr mit feinen Zwischentönen. 🙂 Es freut mich auch besonders, dass die Klangbilder Anklang finden und als das verstanden werden, was sie sind. Denn sie sind ja mehr als bloßer Zierrat.
      Die Folgerung bezüglich des Titelbildes ist absolut richtig. Einen weiteren Gedanken möchte ich noch anfügen. Dass eine Primel abgebildet ist, bedeutet zweierlei. Primula kommt ja von Primus. Und die Staatsbürger von Format – auch wenn sie nicht Premier sind – halte ich für die wahren ‚Ersten‘ im Staat. Und Primeln blühen früh – ohne Rücksicht darauf, dass sie nochmal vom Schnee zugedeckt werden könnten (und oft auch werden). Und damit sind sie für mich Sinnbild für jene Menschen, die tun, was mit ihrer persönlichen Integrität übereinstimmt. Jetzt. Und die nicht zaudern, abwägen, berechnen, nach linksundrechts schielen, undundund…

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  4. PPawlo sagt:

    Dass Primeln sich buchstäblich nicht unterkriegen lassen von Schneelast und Kälte ist ein schöner Gedanke und ein schönes Sinnbild!! Und schön, dass diese Primeln locker gruppiert zusammenstehen!
    Deine Anregung zur „Schlaukäuferkultur“ ist auch nicht zu verachten! z-B. auch mit mehreren hintereinander in ein Geschäft zu gehen mit der gleichen An-und Nachfrage, kann einiges in Bewegung setzen!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Es gibt wirklich einige bemerkenswerte Parallelen zwischen den aktiven ’sei Staat!‘-Menschen und den Primeln. Und beide sollte man weder geringschätzen noch unterschätzen. 🙂
      Danke für die Rückmeldung zur SKK. Auch wenn man vielleicht nicht immer erfolgreich sein wird. Es lässt sich damit einiges bewegen.

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