Snack im Mund?

Alles fließt.* Diese markante Feststellung trifft auch auf Sprache in verschiedener Hinsicht zu. Wörter kommen und (ver)gehen. Die Grenzen zwischen Sprachen verlaufen fließend. Oder es gibt auch Phänomene wie den Redefluss…

Dennoch kommt es manchmal vor, dass Sprache gleichsam zu einer festen Form gerinnt. Es entstehen feste Wendungen, die viel mehr sind, als die Summe ihrer Teile.
Beispiel?
Gut. Thema Liebe.
Sie: „Sag mir, dass du mich liebst.“
Nun könnte er ja ein Gedicht rezitieren. Also, jetzt nicht unbedingt das mit dem ‚In die Ecke, Besen, Besen…‘ Sondern ein Liebesgedicht. Ist ja klar. Oder zumindest ein liebes Gedicht. Er könnte auch aus dem Stegreif ein eigenes Gedicht… Oder eine poesiebeflügelte Metapher…?
Doch er beweist, dass ein Mann ein Mann ist. Er spricht die magischen Worte. DIE magischen Worte:
„Aber das weißt du doch!“
[Jaja. Alles fließt…]

Allerdings möchte ich heute lieber nicht über Liebe und so Zeugs reden. Es gehört nämlich zum Wesen der Sprache, dass man auch über ganz andere Dinge reden kann. Übers Reden, beispielsweise. Ganz konkret über folgende Situation: Jemand redet. Und jemand anderes (das ist so typisch – es ist immer jemand anderes) fällt ihm ins Wort. Dann mengt sich noch ein Dritter ein. Und der Vierte, der eigentlich zu Ruhe und Disziplin mahnen möchte, macht das Stimmengewirr nur noch schlimmer.

Im Englischen würde man hier auf die eine oder andere Weise sagen, dass ‚alle gleichzeitig reden‘ (wahlweise mit ’speak‘ oder ‚talk‘, ‚at once‘ oder ‚at the same time‘). Das ist natürlich zutreffend gesagt. Aber vielleicht ein wenig farblos. Möglicherweise typisch. Britische Nüchternheit. 🙂

Es geht aber auch anders. Ich möchte zwei Beispiele anführen, die auf verschiedene Weise ähnlich sind. Und zwar aus der deutschen und der norwegischen Sprache. Natürlich lässt sich der oben skizzierte Sachverhalt auf sehr unterschiedliche Weise beschreiben. ‚Sie zeigten eine ausgeprägte Synchronizität im verbalen Ausdruck ihres Mitteilungsbedürfnisses.‘ Beispielsweise. Das ist vielleicht nicht falsch. Aber es lässt sich auch nicht auf den ersten Blick erkennen, ob die Formulierung wirklich richtig ist. Und vor allem drückt sie auf auffallend umständliche Weise erschreckend wenig aus. Mit gutem Grund eindeutig häufiger dürfte die Formulierung gewählt werden, dass alle durcheinander redeten.

Kurz und präzise. Das würde auf ‚gleichzeitig reden‘ allerdings auch zutreffen. Ist ‚durcheinander reden‘ einfach die beliebtere, oder auch irgendwie die bessere Formulierung? Auf jeden Fall ist es eine Wendung, die erstaunlich viel aussagt. Durcheinander. Das Wort drückt vieles aus. Das Stimmengewirr schwingt mit. Und vor allem: Es drückt Un-Ordnung aus. Ich will jetzt nicht schon wieder den Ausdruck ‚typisch‘ bemühen. Aber so gänzlich undeutsch ist das ja nicht, dass man ausgerechnet diesen Aspekt des Ungeordneten als störend hervorhebt. Und es macht die Formulierung eindeutig stärker. Gleichzeitig zu reden, muss ja noch gar nichts bedeuten. Das kann auch choreographiert sein. Aber durcheinander reden bringt ganz klar zum Ausdruck: So kann die Kommunikation nicht funktionieren. Man hat förmlich das Bild vor Augen, wie sich die roten Fäden der Sprechenden heillos ineinander verheddern.

Auch die Norweger haben eine bestimmte Formulierung, die besonders häufig verwendet wird. ‚Alle snakket i munnen på hverandre.‘ Das mag vielleicht zunächst wie ‚Snack im Mund‘ klingen. Und mit vollem Mund spricht man nicht. Unhöflich. 
Die Norddeutschen werden aber im ’snakke‘ wahrscheinlich ihr (verwandtes) ’schnacken‘ wiedererkennen. Und richtig. Auch die norwegische Wendung hat mit ‚reden‘ zu tun. Und zwar, wörtlich, einander in den Mund reden. Auch diese Wendung betont bilderreich verschiedene Aspekte des gleichzeitigen Redens. Erstens deutet sie auf einen fehlgeleiteten Redefluss hin. Der sollte ja vom Mund des Redenden über das Gehör zum Verstand des Publikums gelangen – auf dass die Rede verstanden und vielleicht sogar begriffen werde. Fließt die Rede von einem Mund zum anderen, kann dies bestimmt nicht gelingen. Einander in den Mund zu reden hat aber auch einen unappetitlichen Aspekt (man denke insbesondere an feuchte Aussprache). Man tritt dem anderen irgendwie zu nahe. Das ist ausgesprochen unhöflich. Und vielleicht tritt an die Stelle des Begreifens schon alsbald die Handgreiflichkeit.

Nur so nebenbei erwähnt: Wer bei ’snakke‘ tatsächlich an ‚Snack‘ denkt, liegt nicht wirklich daneben. Denn vom Ursprung her ist der ‚Snack‘ ein lautmalerischer Ausdruck (genau wie ’schnappen‘). Und damit auf einer Wellenlänge mit dem ebenso lautmalerischen ’snakke‘ oder ’schnacken‘. Oder auch schnattern, gackern, schnackeln, schnack…so, es reicht! [Nicht, dass ich am Ende doch noch bei der Liebe lande. Oder zumindest bei ’so Zeugs‘.]

Um die Sache abschließend zusammenzufassen: Wenn alle gleichzeitig reden, gibt das ein unhöfliches Durcheinander. Aber so lange alle nur reden und keiner was sagt, ist der Schaden ja vielleicht nicht so groß. 😉


* Mir fällt jetzt grad so spontan gar nicht ein, von wem die Aussage ‚alles fließt‘ stammt. Vielleicht von Johann Sebastian BACH? Das wäre zumin…
Hä!? Herr Aklit? Was ist mit Herrn Aklit? Ich kenne keinen Herrn Aklit…
Und überhaupt. Was ist denn das für ein Benehmen, einem einfach so ins Wort zu fallen? Wo sollte das hinführen, wenn alle durcheinander redeten, wie’s ihnen grad einfällt?


Klangbild:
Modest Mussorgsky • Der Marktplatz von Limoges
(Bilder einer Ausstellung)

Alice Sara Ott • Klavier (mit ‚Promenade‘ und Anfangsakkord der ‚Katakomben‘)

I Musici de Montreal • Yuli Turovsky

 

 

16 Gedanken zu “Snack im Mund?

  1. Zeilenende sagt:

    „Liebe und so Zeugs“ …Nur weiter so. Ich bin stolz auf dich. 🙂 Ansonsten … Wenn alle durcheinander reden, entsteht ja ein herrlicher Tohuwabohu … oder Tohubawohu? Wie dem auch sei, dieser Tobuhahowu mag auf den ersten Blick unentwirrbar sein, aber man höre und staune … Es sind die einzelnen Gespräche von Partygästen und Marktfrauen, die kreischend Fische, frrrrrrische Fische, direkt aus dem Fluss geangelt, in dem alles fließt. Wie sie da hineingekommen sind, wer weiß das schon. Herausgezogen haben sie womöglich die Fischerchöre … Die das Durcheinander-reden musikalisch kunstvoll beherrschen. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      …so Zeugs. Ja. So viel Ehrlichkeit muss sein. 🙂
      Dein Tohuwabohu ist ein lebendig gezeichnetes Bild des positiven Durcheinanderredens. Schön auf einer Wellenlänge mit dem Klangbild. Allerdings gibt es z.B. in Diskussionen auch das, was ich die ‚Kackophonie (!) der Rechthaberei‘ nenne. (da muss man dann durchaus froh sein, wenn man nicht plötzlich sogar Reste eines fremden Snacks im Mund hat…)

      Liken

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂
      Man muss den Fehler einfach da suchen, wo man ihn haben will – irgendwas findet man immer. 😉
      Wenn jemand ein Brimborium um etwas macht, kann dies durchaus zum ’snakke i munnen på hverandre‘ führen. Also einen Zusammenhang sehe ich da schon.

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  2. PPawlo sagt:

    Ein Kompliment für deinen herrlichen Witz und deine gelungenen Wortspiele! Du findest sicher auch noch eine Erklärung , was „Schnake“ (für Mücke) und das englische Wort „snake“ mit all dem zu tun haben?? 😉 Aber für mich sind die Auswahl deiner Klangbilder wieder das ganz Besondere. Das Durcheinander auf dem Marktplatz erinnert mich an einen Hühnerhof …Und das zweite Video ist ganz besonders interessant für mich, weil es auch malerisch den Klang einzufangen versucht und das verblüffend gekonnt! Ich habe mir schon die weiteren Videos der Videokünstlerin angeschaut…TOLL!!!
    Also wieder reichlich Beifang!! Danke!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂 Bei der Schnake ist die Sachlage unklar. Aber die ’snake‘ geht, wie die deutsche Schnecke, auf ein altes Verb für ‚kriechen‘ zurück. Da ergibt sich sogar ein gewisser Zusammenhang – weil manche ja beim ’snakke‘ durchaus eine Schleimspur hinterlassen können. 😉
      Beim Klangbild mussten es diesmal zwei Versionen sein. Das erste ist O-Ton Mussorgsky. Und das zweite ist eine der zahlreichen Orchesterversionen, die ich auch klanglich sehr gelungen finde. Allerdings stand hier schon das Video im Vordergrund. Denn dass ein Musikwerk, das durch ein Gemälde inspiriert wurde, wiederum eine Anregung zur Bildkunst gibt, ist schon speziell. Und das Video ist wirklich sehr gut gemacht.
      Auch eine schöne Ton-Bild-Geschichte ist das hier:

      Gefällt 2 Personen

  3. PPawlo sagt:

    Aha! Damit kommen wir der Erklärung, warum sich „snake“ in seiner Bedeutung allmählich von einer „Schnecke“ zu einer „Schlange“ gewandelt hat, auch näher: beim Durcheinandersprechen wird auch viel übertrieben und angegeben! 😉
    Ja, diese von Musik begleiteter Sandmalereien sind faszinierend! Und dann alles dem Verfall übergeben oder es einfach wegzuwischen wie hier, ist eine zusätzliche Leistung!
    Vielleicht habe ich auch einen Beifang für dich: Hast du schon bemerkt, dass ich mich auch in Videos übe, bei denen die Musik mit den Bildern sozusagen gleichberechtigt ist? Für dich als Schnee-und Eisliebhaber würde ich z.B. meinen „Eisiger Zauber“ empfehlen oder überhaupt bei größerem Interesse auf Home den Videoclipbutton für mehrere Videos drücken….Einen schönen Tag!

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Genau. Eine harmlose Geschichte mit zwei Schnecken im Garten wird plötzlich zu einem Kampf auf Leben und Tod – einer allein gegen zwölf riesige Würgeschlangen im Urwald. 🙂
      Stimmt, diese Vergänglichkeit von Vornherein bewusst in Kauf zu nehmen… Aber es passt natürlich zum Sand.
      Danke für den Tipp. In deiner Video-Sektion war ich bisher noch gar nicht auf Pirsch. Den ‚eisigen Zauber‘ habe ich mir jetzt allerdings angesehen. Absolut mein Ding! Made my day. Merci. 🙂

      Gefällt 2 Personen

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