Zeitumstellung

Kleines Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, wir würden unvermittelt aus einer menschenfernen Welt (nennen wir sie einfach mal ‚astéroïde B 612‘, da ja alle Dinge irgendwie benamst werden müssen) in der Menschenwelt auftauchen. Und stellen wir uns weiter vor, wir würden zwar den menschlichen Basiswortschatz kennen, aber erstmals dem seltsamen Ausdruck Zeitumstellung begegnen. Mit menschenweltfernem Sinn würden wir vielleicht fast automatisch unterstellen, dass es sich dabei um einen sinnvollen Ausdruck handeln müsse.

[Mir selber ist, wenn ich dies als kurzes Intermezzo hier einflechten darf, der menschenweltferne Sinn nicht völlig fremd. So glaube ich beispielsweise jeden Morgen erneut unverdrossen an das Gute im Menschen. Ein Glaube allerdings, der zugegebenermaßen bis zum Abend oft erheblich an Kraft verliert…]

Im Glauben an den Sinngehalt des Ausdrucks Zeitumstellung würde ich also in einem ersten Schritt dessen Komponenten untersuchen. Nehmen wir uns zunächst die Umstellung vor. Der Gedanke ist nicht völlig abwegig, dass dieses Wort auf das Verb umstellen zurückgeht. Das wirkt auf den ersten Blick verzwickt – denn wir wissen ja nicht, ob hier umstellen oder umstellen gemeint ist. Im Zusammenhang mit einer Zeitumstellung dürfte die Sache allerdings klar sein. So schön sich beispielsweise ‚Ergib dich, Zeit, du bist umzingelt…‘ als Gedichtanfang machen würde – die Wahrscheinlichkeit ist einfach zu hoch, dass die Zeit hier nicht umstellt, sondern umgestellt werden soll.

Eine solche Umstellung kann man sich ohne viel Fantasie vorstellen. Möbel umstellen, beispielsweise. Im Arbeitszimmer. Den Schreibtisch an die Nordwand stellen. Die Nordwand als Arbeitsplatz – das klingt nach Abenteuer. So wird’s gemacht. Nur die Bücherregale müssen ein wenig verrückt werden. Sodala. Geschafft. Damit hätten wir schon eine lebendige Vorstellung des Ausdrucks Umstellung.

Beim Begriff Zeit ist es nicht ganz so einfach, ein lebendiges Bild zu generieren. Verwirrend vielfältig ist der Begriff. Zeitpunkte, Zeiträume, Zeitalter, Urzeit, Uhrzeit… Zeit ist etwas, das man haben kann (oder zumindest könnte). Sie kann aber auch geraubt, gestohlen, gefressen oder gar totgeschlagen werden. Zeit ist Geld, heißt es auch. Das ist insofern interessant, weil das Wort Geld vom althochdeutschen Ausdruck gelt stammt, was so viel bedeutet wie ‚Zahlung, Lohn, Vergeltung‘. Steckt hinter der Wendung Zeit ist Geld vielleicht der Gedanke, dass dem Menschen im Lauf der Zeit alles vergolten werde? Und, wenn ja, war hier der Wunsch Vater des Gedankens – oder ist die Wendung aufgrund geduldiger Beobachtung entstanden? Auch die Ewigkeit gehört irgendwie zum Zeitbegriff. Ist Ewigkeit nun einfach mordsmäßig (weil unendlich) viel Zeit? Oder löst sich der Zeitbegriff im endlosen Meer der Zeitpunkte gleichsam auf?

Vielleicht hilft ein alter Trick. Der Blick auf die Wurzel des Wortes. Das Wort Zeit geht zurück auf das althochdeutsche ‚zīt‘, was so viel bedeutet wie ‚Abgeteiltes‘ oder ‚Abschnitt‘. Ich könnte jetzt nicht behaupten, dass damit für mich das Rätsel des Wortes Zeit gelöst wäre. Nur so viel – Zeit wäre also auf jeden Fall nichts Ganzes. Aber wird hier etwas (zu) Großes in hantierbare Abschnitte unterteilt? Ähnlich, wie wenn man einen Laib Brot in Scheiben schneidet? Oder entsteht Zeit durch eine sinnlos lustmördermäßige Zerstückelung der Ewigkeit? Und würde Zeitumstellung dann bedeuten, die durcheinander geratenen Stücke wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen zu wollen?    

Vielleicht hilft ein anderer alter Trick. Der Blick auf andere Sprachen. Da ich unlängst den Schreibtisch an die Nordwand gestellt habe, ist der Blick auf die nordischen Sprachen nahezu unvermeidlich. Hier finden wir das Wort ‚tid‘ in der dänischen, norwegischen und schwedischen Sprache. Das Word geht auf das altnordische ‚tíð‘ zurück, das sowohl einen Zeitpunkt als auch einen Zeitraum bezeichnete. Die nordische ‚tid‘ ist nicht nur klanglich verwandt mit der deutschen Zeit. Auch von der Bedeutung her herrscht eine wunderschöne Übereinstimmung. Das wäre an sich eine feiernswürdige Feststellung. Nur bleibt damit der Begriff der Zeit genau so verwirrend vielschichtig wie zuvor.

Vielleicht liefert uns die ‚tid‘ doch einen brauchbaren Hinweis. Denn das Wort erinnert an die Tide, also an die Gezeiten. Damit verbunden ist die Vorstellung von etwas regelmäßig Wiederkehrendem. Das ist bestimmt ein wichtiger Aspekt des Zeitbegriffs. Aber hilft uns das bei der Frage nach der Umstellung weiter? Kaum. Die Gezeiten lassen sich ja nicht einfach umstellen. Und wenn – was wäre damit gewonnen? Ob sich Ebbe und Flut abwechseln oder ob Flut und Ebbe wechselweise aufeinander folgen…
Interessant dürfte vielleicht sein, dass es die ‚tide‘ auch in der englischen Sprache gibt. Zumindest bei den Gezeiten macht sich eine Verwandtschaft des Englischen zu den anderen germanischen Sprachen bemerkbar.

Ansonsten scheint die englische Sprache bei der Benennung der Zeit eigene Wege zu gehen. Die Zeit heißt hier ‚time‘. Und ‚time‘ ist ein erschreckend vielseitiges Wort. Es deckt nicht nur die Bandbreite von ‚Zeit‘ oder ‚tid‘ ab. Es hat auch noch zusätzliche Bedeutungen, wie sie etwa in einer Wendung wie ‚one more time‘ zum Ausdruck kommen (um nur ein Beispiel zu nennen). Außerdem gibt es das Wort ‚time‘ nicht nur als Substantiv, sondern auch als Verb und sogar als Adjektiv. Und es kommt noch schlimmer.

Denn ‚time‘ wiederum gibt es auch in der dänischen und der norwegischen Sprache. Mit anderer Aussprache als im Englischen, allerdings. Und auch mit einer anderen Bedeutung. Denn ‚time‘ bedeutet hier ungefähr so viel wie das deutsche Wort ‚Stunde‘. Und zwar sowohl als uhrzeitliche 60-Minuten Stunde als auch in Wendungen wie ‚Deutschstunde‘. Der deutsche Ausdruck ‚Stunde‘ wiederum findet sich auch in den nordischen Sprachen. Hier allerdings als ’stund‘ – mit der Bedeutung ‚Weile‘ oder ‚Augenblick‘. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die ’stund‘ weit weniger, aber auch deutlich mehr als eine Stunde dauern kann.

Aufschlussreich mag hier vielleicht noch der Blick auf die Wurzel der ‚Stunde‘ sein. Denn die ‚Stunde‘ ist dem ‚Stehen‘ verwandt und bezeichnete ursprünglich eher einen Zeitpunkt als einen Zeitraum. Diese Bedeutung ist noch in Ausdrücken wie ‚von Stund an‘ oder auch beispielsweise der ‚Todesstunde‘ erkennbar. Hier geht es ja ganz eindeutig um einen ZeitPUNKT.

Puh! Dieses ganze Zeitzeugs ist doch echt kompliziert. Welcher Aspekt könnte denn bloß in der Zeitumstellung gemeint sein? Da habe ich, glaube ich, Glück. Denn dies ist nicht mein erster Kontakt mit menschenweltlichen Dingen. Und meine daraus erwachsene Menschenkenntnis hat mich gelehrt, dass der Mensch bei allen Umstandskrämereien im Grunde doch sehr einfach gestrickt ist. Die Zeitumstellung wird also aller Wahrscheinlichkeit nach keine furchtbar komplizierte Angelegenheit sein.

Also stelle ich mir den der Zeitumstellung zugrundeliegenden Zeitaspekt ganz einfach als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor. Die Umstellung könnte dann bedeuten, dass jemand, der bisher in der Vergangenheit gelebt hat, ab sofort in der Gegenwart lebt. Das macht Sinn. Verdächtig viel Sinn sogar, wenn man’s genau nimmt. Aber für die Genauigkeit sind die Zeitmesser zuständig. Und genau davon möchte ich heute nichts wissen. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass hier jemand in meinem Beitrag mit einem MESSER herumfuchtelt…


Klangbild: Time After Time
© Cindy Lauper & Rob Hyman

Miles Davis • Trumpet
Kenny Garrett • Alto Saxophone
Adam Holzman • Keyboards
Robert Irving III • Keyboards
Joseph ‚Foley‘ McCreary • ‚Guitar‘
Darryl Jones • Bass
Ricky Wellman • Drums
Mino Cinelu • Percussion

17 Gedanken zu “Zeitumstellung

  1. Zeilenende sagt:

    Ich habe es gerade Mutter Zeilenende vorgelesen und sie hat lang und ausdauernd gelacht. Sie hält dich für ähnlich bekloppt wie mich, sagte das aber in vorsichtig bewunderndem Ton, dass du dir viele Gedanken gemacht hättest und so logisch aneinander gereiht. Sie könne das nicht. Insbesondere die Nordwand gefiel ihr.
    Mir gefiel das Zerstückeln, das in der Ewigkeit aufhört. Ich betrachte religiöse Ewigkeit ja als Zustand jenseits von Zeit. Und damit unvorstellbar, weil wir Zeitlosigkeit … Naja, also ich kann sie mir nicht vorstellen. Aber auch Gegenwart ist schon ein Problem. Wann ist die überhaupt? Du siehst mich ähnlich verwirrt wie Mutter Zeilenende. 🙂

    Frohe Ostern in diesem Sinne.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein Feedback und auch an Mutter Zeilenende für das schöne Kompliment. 🙂
      Der Gedanke des Zerstückelns geht auf den witzigen Ausdruck ‚Zeitmesser‘ zurück. Natürlich hat mess- und koordinierbare Zeit ihren Sinn. Dennoch ist es eine wohltuende Vorstellung, dass ein Menschenleben mehr sein könnte als nur die Summe seiner Momente. Dazu scheint es mir auch wichtig, dass es Dinge im Leben gibt, die sich nicht einfach in die AbSchnitte eines Stundenplans zwängen lassen.
      Es kommt hin und wieder vor, dass Zeitlosigkeit in einem Menschenleben erlebbar ist oder sich zumindest erahnen lässt. Ob das dann allerdings bereits eine Art Schnupper-Ewigkeit ist?
      Und die Gegenwart? Auch keine simple Angelegenheit. Ich habe versucht, durch das Beitragsbild einen Hauch von Gegenwart auszudrücken. Eine Art von Gegenwartskonzept ließe sich eventuell auch in einem Musikstück sehen. Das aktuell erklingende Klanggebilde wäre dabei die Gegenwart, die allerdings nur im Kontext dessen, was schon erklungen ist und was noch erklingen wird einen Sinn ergibt. (Ob das Konzept ‚Gegenwart‘ dadurch wirklich wesentlich verständlicher wird, ist allerdings eine andere Frage)

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  2. Ulrike Sokul sagt:

    Diese außerirdische „Zeitlupe“ ist sehr einleuchtend und wortfacettenreich sowie fein musikalisch grundiert.
    Und Dein Intermezzo zum „Guten im Menschen“ hat mich ein wenig entspannt, da ich mich sogleich mit dieser auch meiner idealistischen Haltung weniger alleine fühle.
    Intergalaktische Grüße :mrgreen:

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank, liebe Bücherfee, für deine einfühlsame Resonanz.
      Dieses Vertrauen in das Gute im Menschen (das zwar manchmal auf den ersten und zweiten Blick nicht zu erkennen, aber dennoch vorhanden ist) ist vielleicht nicht ganz von dieser Welt. Und dieser Kern des Guten ist ja möglicherweise auch nicht (nur) von dieser Welt. 🙂
      Sternenglitzerzwinkernd gutenachtgrüßt der kleine Schneeprinz 😉

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  3. chris sagt:

    Gut geschrieben – das Video als Schmankerl noch das i-Tüpfelchen!
    Meine Zeit ist immer die selbe – aber rein technisch gesehen mag
    ich die Sommerzeit. Die hellen Abende sind angenehm. 😉

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. 🙂 Ein Klangbild gehört bei mir traditionell zu jedem Beitrag. Und das hier schien mir (auch abgesehen vom Titel) sehr gut zu passen. Ich habe M.D. in den 80er einige Male live erlebt. Diese Aufnahme finde ich besonders gelungen.
      [Rein technisch ist Sommer nicht so meins. Aber für Feierabendsonnenliebhaber ist die ‚verrückte‘ Uhrzeit sicher angenehm.]

      Liken

      1. chris sagt:

        Von mir aus könnten sie die Sommerzeit das ganze Jahr lassen. Dann wäre es im Winter etwas länger hell. Morgens ist mir egal ob es hell oder dunkel ist. 😉 Ich habe M.D. auch live gesehen – mit Marcus Miller am Bass.

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        1. Random Randomsen sagt:

          Hab gar nicht so drauf geachtet – aber da gibt’s eine ganze Reihe Marcus Miller Videos, die alle auf TV-Sendungen basieren.
          Stimmt. Als ich den das erste Mal mit einer Bassklarinette gesehen habe, dachte ich, dass solle eine Show-Einlage werden. Aber nix da – das ist ‚echte Ware‘. 🙂

          Gefällt 1 Person

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