Karfreitagsbeifangsbeitrag

Hin und wieder kommt es vor, dass man im Netz ganz unerwartet und unbeabsichtigt einen schönen Fang an Land zieht. Genau das ist im Zusammenhang mit meinem letzten Beitrag geschehen. Jacques Brel hat zwar in erster Linie ganz hervorragende Chansons geschrieben und interpretiert. Aber er hat auch noch andere Sachen gemacht. Und eine davon, die mir eben kürzlich ins Netz gegangen ist (oder vielleicht war’s auch umgekehrt), möchte ich hier gerne vorstellen: Es geht um die musikalisch kolorierte Geschichte Peter und der Wolf von Sergei Prokofjew.  

Die Geschichte als solche (eine deutsche Übersetzung habe ich weiter unten eingefügt) gibt ja nicht wahnwitzig viel her (obwohl sich einiges hineininterpretieren lässt). Aber die musikalische Untermalung macht vieles wett. Und noch mehr hängt vom Erzähler ab. Gerade hier zeigt sich diese besondere Fähigkeit von Jacques Brel (die ja auch in seinen Chansons immer wieder zum Ausdruck kommt) – diese ganz besondere Lebendigkeit des Besungenen, Beschriebenen, Erzählten…

Zunächst die klanglich bessere Version:

 

Und hier ein echtes Video – klanglich nicht sonderlich berauschend, aber die Mimik von Jacques Brel (sein Auftritt beginnt bei ca. 6:40) ist nicht ohne:


Peter und der Wolf

Text • Sergei Prokofjew
Übersetzung • Lieselotte Remané

Früh am Morgen öffnete Peter die Gartentür und trat hinaus auf die große, grüne Wiese. Auf einem hohen Baum saß Peters Freund, ein kleiner Vogel. „Wie still es ringsrum ist“, zwitscherte der Vogel fröhlich. Aus dem Gebüsch am Zaun kam eine Ente angewatschelt. Sie freute sich, dass Peter die Gartenpforte offen gelassen hatte, und beschloss, im Teich auf der Wiese zu baden. Als der kleine Vogel die Ente sah, flog er zu ihr hinunter, setzte sich neben sie ins Gras und plusterte sich auf. „Was bist du für ein Vogel, wenn du nicht fliegen kannst“, sagte er. „Was bist du für ein Vogel wenn du nicht schwimmen kannst“, erwiderte die Ente und plumpste ins Wasser. So stritten sie lange miteinander. Die Ente schwamm auf dem Teich, und der Vogel hüpfte am Ufer hin und her. Plötzlich machte Peter große Augen: Er sah die Katze durch das Gras schleichen. Der Vogel streitet sich mit der Ente, dachte die Katze, da werde ich ihn mir gleich fangen. Und lautlos schlich sie auf Sammetpfoten näher. „Hüte dich!“, rief Peter, und augenblicklich flog der Vogel auf den Baum. Die Ente, die mitten auf dem Teich schwamm, quakte die Katze böse an. Die Katze ging um den Baum herum. Lohnt es sich, so hoch hinaufzuklettern?, dachte sie. Wenn ich oben bin, ist der Vogel doch schon weggeflogen. Der Großvater kam heraus. Er ärgerte sich über Peter, der auf die Wiese gegangen war und die Gartenpforte offen gelassen hatte. „Das ist gefährlich“, sagte er. „Wenn nun der Wolf aus dem Walde kommt, was dann?“ Peter achtete nicht auf des Großvaters Worte. Jungen wie er haben doch keine Angst vor dem Wolf! Aber der Großvater nahm Peter bei der Hand, machte die Gartenpforte fest zu und ging mit ihm ins Haus. Wahrhaftig – kaum war Peter fort, da kam aus dem Wald der riesengroße graue Wolf. Flink kletterte die Katze auf den Baum. Die Ente schnatterte und kam aufgeregt aus dem Wasser heraus. Aber so schnell sie auch lief, der Wolf war schneller. Er kam näher und näher, er erreichte sie, er packte sie und verschlang sie. Und nun sah es so aus: Auf einem Ast saß die Katze, auf einem anderen der Vogel – weit genug weg von der Katze. Und der Wolf ging um den Baum herum und starrte sie mit gierigen Blicken an. Peter stand hinter der geschlossenen Gartenpforte, sah alles, was da vorging, und hatte nicht die geringste Angst. Er lief ins Haus, holte ein dickes Seil und kletterte auf die Gartenmauer. Ein Ast des Baumes, um den der Wolf herumlief, reckte sich über die Mauer. Peter ergriff ihn und kletterte daran geschickt in den Baum hinüber. „Flieg hinab“, sagte Peter zu dem kleinen Vogel, „und dem Wolf immer dicht an der Nase vorbei, aber sei vorsichtig, dass er dich nicht fängt.“ Mit den Flügeln berührte der Vogel fast die Nase des Wolfes, während der Wolf wütend nach ihm schnappte, aber immer vergebens. Ach, wie der kleine Vogel den Wolf ärgerte, und wie der Wolf ihn zu fangen versuchte! Aber der Vogel war geschickter, und der Wolf konnte nichts ausrichten. Inzwischen hatte Peter eine Schlinge gemacht und ließ sie behutsam hinunter. Er fing den Wolf am Schwanz und zog die Schlinge zu. Als der Wolf merkte, dass er gefangen war, sprang er wild umher und versuchte sich loszureißen. Aber Peter hatte das andere Ende des Seils am Baum festgemacht, und je wilder der Wolf umhersprang, umso fester zog sich die Schlinge um seinen Schwanz zusammen. Da kamen die Jäger aus dem Wald. Sie waren dem Wolf auf der Spur und schossen mit ihren Flinten nach ihm. „Es lohnt sich nicht mehr zu schießen“, rief Peter vom Baume herab. „Der kleine Vogel und ich haben den Wolf doch schon gefangen! Helft uns nun, ihn in den Zoo zu bringen.“ Und nun stellt euch den Triumphzug vor: Peter vorneweg. Hinter ihm die Jäger mit dem grauen Wolf. Und am Schluss des Zuges der Großvater mit der Katze. Der Großvater schüttelte missbilligend den Kopf und sagte: “Aber wenn nun Peter den Wolf nicht gefangen hätte – was dann?“ Über ihnen flog der kleine Vogel und zwitscherte: „Seht nur, was wir beide, Peter und ich, gefangen haben!“ Und wenn man ganz genau hinhört, kann man die Ente im Bauche des Wolfes schnattern hören, denn der Wolf hatte sie in der Eile lebendig hinuntergeschluckt.

Und als Zugabe eine musikalisch sehr überzeugende Version mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Karl Böhm und mit Karlheinz Böhm als Erzähler:

 


Beitragsbild: Auch das Titelbild ‚Peter und der Wolf‘ ist mir gewissermaßen ins Netz gegangen. Leider fehlte eine Quellenangabe. Und die Signatur auf dem Bild ist mir auch unbekannt. Also muss ich wohl oder übel – bis auf weiteres – auf eine Urheberrechtsangabe verzichten.  

7 Gedanken zu “Karfreitagsbeifangsbeitrag

  1. stern21 sagt:

    Merci für die Entdeckung einer neuen Facette von Jacques Brel. Als animierter Vorleser amüsiert und berührt er mich. Immer wieder blitzt in seiner ausdruckssstarken Mimik der kleine Junge auf, der er gewesen ist, der den Schalk im Nacken hat. Die Blickintensität ist sehr stark, wahrscheinlich auch durch die Schwarz-Weiß-Aufnahme. Rundum gelungen und eine absolut sehens- und hörenswerte Abwechslung an diesem eher trüben Karfreitag, danke fürs Teilen!

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Gerne. Es freut mich, dass dir der Beifang schmeckt. Die Tonaufnahme stammt von 1970. Die Bild-Ton-Aufnahme dagegen entstand bereits 1963. Jacques Brel war damals 34 Jahre alt. Die drei Töchter waren zwölf, zehn und fünf Jahre alt. Es ist durchaus anzunehmen, dass Brel in der ‚erzählerischen Hochform‘ seines Lebens war. 🙂 Auch die Bildregie der damaligen Zeit ist ein Glücksfall. Heute würde das wahrscheinlich niemand mehr so machen. Diese fast schon unverschämt direkte Kameraposition bringt ja die Mimik besonders zur Geltung. Und auch die Schwarz-Weiß-Aufnahme ist ein Vorteil – das sehe ich genau so. Ein echtes Brel-Juwel, das viel Farbe in einen grauen Tag bringen kann. 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. PPawlo sagt:

    Herzlichen Dank für deinen „Beifangsbeitrag“ Peter und Wolf mit Jacques Brel als genialen Erzähler! Mit so viel Charme und sprühender Lebendigkeit!
    Dass er ein begabter Schauspieler ist, habe ich jetzt erst nach deinem ersten Beitrag entdeckt! Zu meiner Freude gibt es noch so viele YouTube Videos mit seinen Liedern ! Und die werden gut besucht! Und eine neue Biographie ist auch im März erschienen…
    Es freut mich sehr, dass er nicht vergessen ist ! Und dass auch du dafür sorgst!

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine Resonanz. Es gibt ja viele ganz unterschiedliche Versionen von ‚Peter und der Wolf‘. Aber die soeben entdeckte Brel-Version musste ich unbedingt teilen. Die ist so schlicht gemacht – ohne Firlefanz und Tingeltangel – und doch so lebendig und ausdrucksstark.
      Danke auch für den Hinweis auf die Biografie. Ich habe das gar nicht bemerkt, weil ich immer nur nach französischen Brel-Büchern Ausschau gehalten habe. Irgendwie kam ich gar nicht auf die Idee, dass ein deutscher Autor eine Brel-Biografie schreiben könnte. Obwohl das natürlich eine glänzende Idee ist. 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. PPawlo sagt:

    Ja, das ist eine sehr schöne Version!
    Jens Rosteck, der Autor der Biografie „Der Mann, der eine Insel war“, lebt in Frankreich und ist ein hochkarätiger Buchautor. Wenn sein Buch dann noch zum Bestseller wird, macht’s mich neugierig… und ich werde es bald in Händen halten!!
    Gestern habe ich noch das Youtubevideo “ Jacques Brel, dernière ligne droite aux Marquises“ angeschaut. Da es von dem letzten tragischen Lebensabschnitt und dem Versuch der versuchten Verwirklichung seiner Träume handelt (auf Französisch) , ist es sehr berührend. Ob du’s schon angeschaut hast?
    Also noch einmal herzlichen Dank dafür, dass deine Artikel mich erneut in die Welt von Jacques Brel eintauchen ließen!

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Jens Rosteck kannte ich bisher überhaupt nicht. Bei Wikipedia habe ich gesehen, dass der auch Werke von Erik Satie herausgegeben hat.
      Das ‚dernière ligne‘ Video habe ich noch nicht gesehen. Danke für den Hinweis. 🙂
      Jacques Brel kannte ich die längste Zeit eigentlich fast nur dem Namen nach – erst letztes Jahr habe ich ihn so richtig entdeckt. Durch die Hintertür, wenn man so will. Da dies eng mit der Entstehung der Sternstunden-Rubrik (und damit dieses Blogs) verbunden ist, werde ich diese Geschichte demnächst in einem eigenen Beitrag erzählen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..