Aus der Feder von…

In den Medien gibt es wahnwitzig viele Berichte über bekannte Menschen. Einige verdanken diese Bekanntheit ihren Aktivitäten (Künstler, Sportler, etc.). Andere werden in eine bestimmte Familie geboren und dadurch automatisch bekannt (Königskinder und so). Und gar nicht so wenige sind (soweit ich das erkennen kann) lediglich dafür bekannt, bekannt zu sein. Unter diesen Bekanntheiten gibt es immer wieder faszinierende und inspirierende Persönlichkeiten. Aber die meisten davon finde ich urfad. Und die einschlägigen Geschichtchen erst recht. Da würde ich noch mit größerem Vergnügen meinen Nachbarn beim nicht-zuhause-Sein zugucken. 
Aber lamentieren ist doof. Da schaffe ich lieber einen Ausgleich und schreibe einen Beitrag über eine wirklich interessante Persönlichkeit. Meine Tastatur!

Nein. Ich beliebe nicht zu scherzen. Und wer glaubt, dass es vielleicht doch wesentlich interessanter wäre, in irgend einem Kasbladl zu lesen, dass die neue Haarfarbe von Ixine Üppsilonstochter vielleicht und möglicherweise unter Umständen (nichts Genaues weiß man noch nicht, aber es könnte ja sein, eventuell…) ein Hinweis darauf sein könnte, dass sie nach 71 Stunden elendiglichsten Singledaseins endlich das Glück mit der 748. Liebe ihres Lebens gefunden hat… Nur zu!

Denjenigen, die jetzt nicht im Sauseschritt zum Zeitschriftenhändler düsen, möchte ich hier eine Kleinigkeit erzählen. Auch auf die Gefahr hin, dass demnächst die Zwangsjackenfraktion vor meiner Wohnungstür steht – ich halte meine Tastatur nicht nur für eine interessante Persönlichkeit. Ich habe ihr sogar einen Namen gegeben: Feder.

Hier schwingt durchaus die als Titel verwendete Wendung mit. Natürlich ist es schön, wenn ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass dieser oder jener Text aus meiner Feder stammt. Auf der anderen Seite habe ich nicht die geringste Sehnsucht nach einem Federkiel als Schreibgerät. Dennoch beinhaltet der Ausdruck Feder verschiedene Aspekte, die für mich beim Schreiben einfach wichtig sind.

Die zum Schreiben verwendeten Federkiele stammten häufig von Gänsen. Oft von Hausgänsen, nehme ich an. Diese stammen von Graugänsen ab. Und die wiederum sind (auch heute noch vorwiegend) Zugvögel. Zwischen ihren Brutplätzen und den Winterquartieren legen sie jedes Jahr oft mehrere tausend Kilometer zurück. Da kommen Qualitäten zum Zug, die mir auch beim Schreiben wichtig scheinen.

Da ist zunächst eine gewisse Grenzenlosigkeit. Gänse sind keine Nationalisten. Unsere Grenzen sind ihnen egal. Ihnen geht es um eine bestimmte Qualität des jeweiligen Lebensraumes. Und ähnlich sollte es beim Schreiben sein. Hier ist es wichtig, sich nicht durch Gewohnheiten begrenzen zu lassen. Denkgewohnheiten, als normal betrachtete Perspektiven, ausgeleierte Formulierungen. Alles (meist) unnötige Begrenzungen. Es gibt dieses Bonmot von Karl Valentin: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Es gelingt vielleicht nicht immer, etwas grundsätzlich Neues zu sagen. Wahrscheinlich gelingt dies sogar äußerst selten. Aber es lässt sich vielleicht etwas Bekanntes auf neue Weise sehen. So, dass selbst etwas vermeintlich in- und auswendig Vertrautes noch für ein Aha-Erlebnis gut sein kann.

Während ihrer Reise ist es für die Wildgänse zunächst einfach wichtig, dass die Richtung stimmt. Sie haben ihr Ziel nicht ständig vor Augen. Was sie vor Augen haben, sind die Risiken und Chancen auf ihrer gegenwärtigen Position. Gibt es Bedrohungen? Gibt es Futterstellen? Gibt es Rastplätze? Und Ähnliches ist mir beim Schreiben wichtig. Es gibt einen Ausgangspunkt. Und es gibt eine Idee. Und dann muss zunächst einfach die Richtung stimmen. Es muss nicht einmal unbedingt darauf hinauslaufen, dass der Weg das Ziel ist. Man kann durchaus das Ziel Ziel sein lassen und dennoch auf dem Weg Gedanken und Betrachtungen aufpicken, die sich irgendwie sinnvoll mit dem Ziel vereinbaren lassen.

Leichtigkeit. Eine Vogelfeder ist, mit gutem Grund, sehr leicht. Federleicht, könnte man sagen (tut man ja auch). Klar gibt es in technischen Monstermaschinen bestimmt auch zentnerschwere Stahlfedern. Aber das sind ja keine Schreibgeräte. Die Leichtigkeit von Schreibfedern ist für mich eine wichtige Erinnerung daran, beim Schreiben eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren. Man mag sich fragen: Ist das bei bestimmten Themen überhaupt angebracht? Ja. Ist es. Der Ton muss stimmen. Keine Frage. Aber besonders bei schweren Themen scheint es mir wichtig, sich nicht durch diese Schwere runterziehen zu lassen. Man muss das Schwere ernst nehmen, durchaus. Leichtigkeit bedeutet überhaupt nicht, etwas auf die leichte Schulter zu nehmen. Leichtigkeit schafft eine respektvolle und konstruktive Distanz.

Der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl kann dies sehr schön illustrieren. Mitleid ist in gewisser Weise respektlos, weil es keine Distanz zum leidenden Menschen wahrt. Und es ist kontraproduktiv, weil man sich leicht in einem Wettlauf des Allesmöglichstschrecklichfindens überbietet. Mitgefühl wahrt eine respektvolle Mindestdistanz und reduziert den leidenden Menschen nicht zum armen Hascherl. Genau deshalb kann es leichter Trost spenden und auch Perspektiven aufzeigen. Natürlich beschränkt sich die Leichtigkeit des Schreibens nicht auf diesen Mitleid/Mitgefühl Gegensatz. Aber das Beispiel illustriert etwas Grundsätzliches. 

Schließlich gibt es noch einen technischen Feder-Aspekt bei der Tastatur. Es geht um diesen Feder-Mechanismus, der bewirkt, dass die Tasten wieder in ihre Ausgangsposition zurückkehren. Wenn dieser Mechanismus kaputtgeht, kann es vorkommen, dassssssssssssssssssss… Eben. Der Buchstabe wird sinnlos wiederholt. Loslassen ist wichtig. Und das gilt nicht nur für den mechanischen Aspekt. Wenn man ein Thema oder einen Gedanken nicht wieder loslassen kann, kommt (meist schon nach sehr kurzer Zeit) nichts Sinnvolles mehr heraus. Bewusstes und konzentriertes Denken ist wichtig. Aber zwischendurch ist ein Thema im Unter- oder Überbewussten besser aufgehoben. Es kann also sehr sinnvoll sein, darauf zu achten, ob man mit seiner Denke irgendwo festhängt. Wie eine ungefederte Tastaturtaste. 

Das mag ja alles schön und gut sein. Oder mehr als das. Also schöner und besser. Aber muss man deswegen seine Tastatur gleich Feder nennen? Müssen muss man freilich gar nix. Aber können kann man.
Und es hilft.
Mir. 🙂


Klangbild: Scherzo in b-moll op. 31
Komponist • Frédéric Chopin
Pianist • Krystian Zimerman

13 Gedanken zu “Aus der Feder von…

  1. Mitzi Irsaj sagt:

    Feder, ist für deine Tastatur ein passender Name. Die Assoziationen die einem dazu einfallen, in Verbindung zur Entstehung und den Anspruch an einen Text zu bringen, mehr als gelungen. Das es geht und es sinnvoll ist beweist du hier ja regelmäßig.
    Der Text ist klasse! Ich finde es großartig wie du mit den Wörter spielst, von einem Punkt zu einem anderen springst und das eigentliche Thema als roten Faden behältst.
    Besonders schön, deine Gedanken zu Mitleid und Mitgefühl.

    Gefällt 4 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für diese umwerfende Resonanz. 🙂 Da ich ja inzwischen weiß, was so alles in deinen eigenen Texten steckt, freut mich dein Kompliment ganz besonders.
      Die Gedanken zu Mitleid und Mitgefühl sind ein Beispiel für etwas auf dem Weg Aufgepicktes. Die gehörten nicht zur ursprünglichen Feder-Idee. Aber sie passten einerseits gut als Illustration des Leichtigkeits-Aspektes und geben anderseits dem Text einen zusätzlichen Nährwert.

      Gefällt 2 Personen

  2. Zeilenende sagt:

    Das, was Mitzi gesagt hat. 🙂

    Ich mag die Hommage an die Tastatur. Sie ist ja ohnehin vernachlässigt, während Füllfederhalter ja häufiger eine Hommage gewidmet bekommen. Dabei war die Feder revolutionär. Wahrheiten (zumindest die aufbewahrenswerten) müssen nicht mehr in Stein gemeißelt werden, die Feder hat die Gedanken befreit … Leichter gemacht, wie du sagst … Und flotter. Das, was man an der Tastatur gelegentlich schmäht. Dabei erlaubt sie es, so viele Gedanken aufzunehmen, ohne sie sogleich in einen Gedanken zu zwingen. Und am Ende steht ja doch was. Auch das zeigt dein Text.

    Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich müsste meine Feder zumindest mal wieder reinigen. Aber wenn ich das nächste Mal schreibe, werde ich an Feder und dich denken.

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein Feedback und die ergänzenden Gedankengänge. 🙂

      Stimmt. Füllfederhalter haben ja teilweise fast schon Halbgottstatus erhalten. Und die Tastatur ist bisher eher eine Art Stiefkind geblieben. Dabei hat die Tastatur genau diesen genialen Vorteil, den du in deinem klugen und schönen Satz mit den Gedanken beschrieben hast.

      Tja, eine ungereinigte Tastatur bietet möglicherweise ein gutes Trainingsgelände fürs Immunsystem. 😉 Putzfimmelig wie ich bin, wische ich meine Feder regelmäßig mit einem feuchten Mikrofasertuch ab. Bei weißen Tasten ist das auch der Optik sehr zuträglich.

      Da wünsche ich dir extra viele federleichte (und doch inhaltsschwere) Gedanken beim nächsten Schreiben.

      Gefällt 1 Person

  3. Ulrike Sokul sagt:

    Es macht Freude, Deinen thematischen Umkreisungen, assoziativen Randschnörkeln und Deinem feingesponnenen TextGEWEBE zu folgen – federleicht und zugleich gehaltvoll, heiter und zugleich konzentriert-geordnet sowie harmonisch-musikalisch untermalt.
    Tastaturbefiederte Grüße von Ulrike

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ein großes Dankeschön an dich für dieses wohlklingende Loblied. 🙂 Der Ausdruck ‚feingesponnenes TextGEWEBE‘ gefällt mir besonders gut, weil er gewissermaßen dem ansonsten negativ besetzten ‚Hirngespinst‘ eine neue und positive Bedeutung verleiht. Mit federleicht lächelndem Gutenachtgruß, b@

      Gefällt 2 Personen

  4. PPawlo sagt:

    Ich kann Ulrike nur zustimmen! Und sie drückt das auch noch herrlich aus!
    Musiker haben oft zu ihren Instrumenten eine solch innige Beziehung wie du zu deiner „Feder“.
    Das kam mir sogleich beim Lesen deines Essays in den Sinn. Das zeigt für mich, wie wichtig und erfüllend das Schreiben für dich ist!
    Die Eigenschaften, die du deiner Feder zuschreibst, findet man ja auch in deinen Texten, d.h. für mich sie unterstützt und hindert dich nicht bei Richtung und Platz für Assoziatives, Leichtigkeit, Respekt und „Mindestdistanz“…
    Nennst du eigentlich jede Tastatur „Feder“ oder findest du bei jedem neuen Computer auch einen neuem Namen für deine Tastatur? Es ist übrigens ein sehr schöner Name!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine schöne Resonanz. 🙂 Ja, Ulrike hat das in ihrer eigenen zauberhaften Art ausgedrückt.
      Die ‚Feder‘ ist meine erste namhafte Tastatur. Oft habe ich Notebooks verwendet. Da ergibt sich automatisch eine andere Tastaturwahrnehmung. Die ‚Feder‘ benutze ich nun aber bereits seit etlichen Jahren, denn ich nehme sie jeweils von einem Computer zum nächsten mit. Das hat auch damit zu tun, dass sie mir besonders liegt. Mit klobigen und lärmigen Tastaturen kann ich nicht viel anfangen. Die Feder ist elegant und kompakt und mit einem federleichten Anschlag. Und sie hat mich bereits bei sehr vielen Projekten unterstützt. Da ist die Assoziation zum Musiker und seinem Instrument durchaus zutreffend.

      Gefällt 1 Person

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