Wenn das Pferd zur Ratte wird…

…muss der Wurm drin sein.

Man sieht leider auf diesem Bild gar nicht recht, ob der Wurm wirklich im Pferd drin ist. Oder vielleicht doch in einem der Bücher? Oder gar im Bücherregal? Möglicherweise hinter den Büchern in der Rückwand…
Ein echtes Rattespiel! Und damit haben wir also auch noch die Ratte mit ins Bild einbezogen. Irgendwie. Dadurch ist in diesem zwar reichlich grob gestrickten Beitragsbild – und sprachlich nicht ganz stubenrein – der ganze Beitrag zusammengefasst. Einen Text bräuchte es eigentlich gar nicht. Aber ohne Text sieht der Beitrag furchtbar leer aus. Die Alternative wäre vielleicht, das Foto nicht als Titelbild zu verwenden, sondern in den Beitrag einzufügen. Dabei ist es allerdings nicht ganz unwahrscheinlich, dass am Ende dieser Operation Bild und Beitrag futsch sind. Damit wir also für einige entspannende Minuten heile Welt spielen können, schreibe ich jetzt hier einfach noch ein wenig Text, damit die Sache nach einem ganz normalen Beitrag ausschaut.

Wenn es um besonders lesefreudige Menschen geht, gibt es einen in den germanischen Sprachen lückenlos verbreiteten Ausdruck: Bücherwurm. In der deutschen Sprache ist der Wurm teilweise negativ besetzt. Wurm kann auch als Schimpfwort verwendet werden. Dennoch betrachte ich – seit meiner Kindheit ein Bücherwurm – diesen Ausdruck nicht als beleidigend. Wie üblich macht auch hier der Ton die Musik. Aber grundsätzlich klingt es für mich nicht negativ. Ich betrachte es auch nicht als störend, dass es dazu keine weibliche Form gibt. Ausgerechnet. Aber Bücherwürmin – das würde vielleicht ausnahmsweise gehen, in ausgeprägt scherzhaftem Ton. Als standardsprachlicher Ausdruck? Lieber nicht.

Das Wort Bücherwurm gibt es auch als
– bogorm (DK)
– bookworm (EN)
– bókaormur (IS)
– boekenworm (NL)
– bokorm (NO)
– bokmal (SE)

Diesen Wörtern gemeinsam ist erstens ihre wortwörtliche Übereinstimmung. All diese Ausdrücke bestehen aus einer Kombination von Buch und Wurm. Und die zweite Gemeinsamkeit ist, dass sie vorwiegend figurativ verwendet werden. Am eindeutigsten gibt der schwedische Ausdruck bokmal einen Hinweis auf die Herkunft des Ausdrucks. Denn ein mal ist kein Wurm wie etwa der Regenwurm. Es handelt sich dabei um eine Larve. Und im Falle des bokmal eben um eine Larve, die sich auch in Büchern aufhalten kann. So wie etwa die Larve des Brotkäfers. Ein winziges Viecherl, das sich nahezu unentdeckt durch die Buchseiten frisst. Und genau das macht die Metapher so treffend. Der klassische Bücherwurm verschwindet regelrecht in seiner Lektüre. Er ist zwar noch sichtbar – aber er ist so in seine Tätigkeit vertieft, dass er dennoch seiner Umwelt gleichsam abhanden gekommen ist. Und es gibt noch ein interessantes Detail – auch wenn dies wahrscheinlich bei der Entstehung des Ausdrucks nicht ausschlaggebend war. Denn diese Larve verwandelt sich mit der Zeit in ein Wesen mit Flügeln. 🙂

Kniffliger wird es, wenn es um sinnverwandte Ausdrücke geht. In der deutschen Sprache gibt es noch den Ausdruck Leseratte. Und der Ursprung dieses Ausdrucks liegt im Dunkeln. Dabei mangelt es natürlich ganz und gar nicht an Erklärungsversuchen. Ratte wird auch als Schimpfwort verwendet. Aber der Leseratte haftet in der Regel nicht der pejorative Missklang der ’nur-Ratte‘ an.
Eine mögliche Begründung für die Leseratte ist die, dass Ratten Allesfresser sind. Und das trifft in der Tat manchmal auch auf Leseratten zu, wenn sie eben jede Lektüre verschlingen, derer sie habhaft werden können. Aber eben nur manchmal. Manche Leseratten sind ausgesprochen wählerisch was ihr Lesefutter angeht. Von ‚alles‘ kann nicht die Rede sein. Und ‚fressen‘ trifft in diesen Fällen den Kern der Sache auch nicht.
Eine andere Erklärung lautet, dass Ratten als kluge Tiere gelten. Aber auch hier gilt: Es kann bei der Leseratte Parallelen geben. Betonung auf kann.

Ähnlich sieht es beim norwegischen Ausdruck lesehest (wörtlich: Lesepferd) aus. Auch hier gibt es zwei gängige Erklärungen. Zweifelsfrei gesichert sind beide nicht. Abwegig sind sie aber keineswegs. Und vielleicht haben beide bei der Entstehung des Lesepferdes mitgewirkt. Eine Erklärung ist die, dass es eine Art Schaukelstuhl mit spezieller Buchhalterung gegeben haben soll. Diese besondere Vorrichtung wäre dabei für Mütter entwickelt worden, die ihrem Kind etwas vorlesen und es gleichzeitig durch die Bewegung des Schaukelstuhls in den Schlaf wiegen wollten. Dieses Konstrukt soll manchmal lesehest genannt worden sein – vielleicht, weil es entfernt an ein Schaukelpferd erinnerte. Die zweite Erklärung geht davon aus, dass beispielsweise ein sehr arbeitsamer Mensch auch ‚arbeidshest‚ (also Arbeitspferd) genannt wird. Oder ein sehr lerneifriger Mensch wird als ‚pugghest‚ bezeichnet. Und ein ‚lesehest‚ ist ja auch jemand, der sehr fleißig liest. Der Zusammenhang zwischen pugghest und lesehest dürfte durchaus gegeben sein. Aber dabei stellt sich die Frage, welches der beiden Wörter denn nun zuerst da war. 

Das Lesepferd gibt es auch im Dänischen als læsehest und im Isländischen als lestrarhestur. Und hier taucht ein kleiner Hoffnungsschimmer auf. Viele isländische Wörter gehen ja auf altnordische Ausdrücke zurück – möglicherweise lässt sich hier ein Ursprung erkennen. Aber Fehlanzeige. Lesepferde sind ja eher neumodische Viecher. Und so haben die Isländer etwas gemacht, was sie mit Pferden sonst nicht tun. Sie haben das Lesepferd importiert. Lestrarhestur ist schlicht und einfach eine ‚Islandisierung‘ des dänischen læsehest.    

Etwas weniger bekannt dürfte der Ausdruck Leseesel sein. Dennoch kann ich, mit gutem Grund, über Herkunft und Bedeutung dieses Wortes sehr genau Auskunft geben. Ursprünglich ist dieser Ausdruck entstanden, weil ich für ein Projekt eine Figur namens Else Leseesel erfunden habe. Mit diesem hübschen Namen lassen sich die Ausdrücke Anagramm und Palindrom leicht und einprägsam illustrieren. Lese und Esel sind Anagramme von Else. Und in der Kombination Leseesel ergeben sie ein Palindrom. Eine Eselsbrücke wie aus dem Bilderbuch. Außerdem lässt sich der Ausdruck sowohl in deutscher als auch in norwegischer Sprache verwenden. Praktisch.

Der Leseesel hat aber insbesondere als Nachwuchs-Synonym für den Bücherwurm oder die Leseratte (bzw. das lesehest) einiges zu bieten. Der Esel wird ja auch als Lasttier eingesetzt. Also hätten wir einen lesehest-Aspekt damit schon mal abgedeckt. Außerdem sind Esel ausgesprochen kluge und aufmerksame Tiere. Leseesel lesen also nicht einfach maß- und wahllos drauflos. Sie lesen aufmerksam und denken mit. Und Esel können eigenwillig sein. Folglich kann man echte Leseesel weder zur Lektüre zwingen noch ihnen Art und Umfang ihres ‚Leseguts‘ vorschreiben. Und ein echter Leseesel ist natürlich in seiner Lesetätigkeit nahezu unstörbar…

Wenn das Pferd zur Ratte wird und in beiden der Wurm drin ist… Einen echten Leseesel kümmert das nicht. Ein Leseesel liest…

…und liest…

…und liest…

…und liest…

…und liest…

…und liest…

…und liest…

[Pst! Der Beitrag ist längst zu Ende.]

…und liest…

…und liest…

…und liest…

[Hallo!]

…und liest…

…und liest…

…und liest…

[Haaaalloooooo!!]

…und liest…

…und liest…

…und liest…

[Tja. Eindeutig ein echter Leseesel.]


Klangbild  • Après une lecture du Dante
Komponist • Franz Liszt
Pianist • Vitaly Pisarenko

 

 

21 Gedanken zu “Wenn das Pferd zur Ratte wird…

  1. Erika sagt:

    Ich bin immer ganz fasziniert von deiner Wort-Verdreherei und deinen Ideen.
    Leseratte, Bücherwurm, Leseesel – da bin ich dabei. Und aus irgendeinem Grund ist mir während dem Lesen „Lenny der Bücherwurm“ in den Sinn gekommen, den ich als Kind leidenschaftlich gerne gesehen habe und er vermutlich auch für meine Büchermangelphobie verantwortlich ist, falls die Rohrpost mal verstopf ist. Doch dann gibt es ja immer noch Dich! Danke dir für den Lesespass.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für die schöne Resonanz. Als ob Sprache nicht eh schon vielfältig wäre kann ich’s nicht lassen, immer alles zusätzlich noch ein wenig zu drehen und wenden. Sprache ist für mich sowohl Lebensmittel als auch Lieblingsspielzeug. 🙂
      Lenny den Bücherwurm kenne ich nicht. Die Büchermangelphobie dagegen schon. Deswegen bin ich sehr froh über den E-Book Reader – weil ich damit (auch unterwegs) immer gaaaanz viele Bücher griffbereit habe (mehr als genug – und doch nie zu viele).

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    2. Ulrike Sokul sagt:

      Liebe Erika,
      Du meinst bestimmt Lemmi aus „Lemmi und die Schmöker“ … nachfolgend ein informativer Link für alle, die diese hervorragende LeseANIMATION für Kinder in den 70er Jahren verpaßt haben:
      http://www.lemmi-und-die-schmoeker.de/index.php

      Ich habe diese Sendung als Kind geliebt, u.a. auch wegen der – für damalige Sehgewohnheiten – sensationellen, märchenhaften SPEZIALEFFEKTE, die Bücher von Papier in Leben verwandelten.

      Nachtaktive Grüße 😉
      von Ulrike

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  2. Zeilenende sagt:

    Uff … So viel neues gelernt. Mir war gar nicht bewusst, dass der Bücherwurm so verbreitet ist. Schön zu sehen, dass wir einen weiten Verbreitungsraum haben. Das spricht für unsere Anpassungsfähigkeit. Auch wenn wir es wohl gern kühl mögen, wahrscheinlich auch zwielichtig … und mit einem Kamin in der Nähe. Dabei ein Stück Käse mampfend, um auch die Ratte in uns zufrieden zu stellen. Oder so lieber einen Haferkeks für das Pferd, resp. den Esel? Wer weiß.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Meistens freue ich mich ja darüber, dass die Dinge in den verschiedenen Sprachen ganz unterschiedlich ausgedrückt werden. Das fördert immer wieder neue Aspekte zutage. Aber so ein durchgehend identischer Ausdruck wie der Bücherwurm – das ist schon ein besonderes Erlebnis.
      Der Haferkeks dürfte in diesem Fall ein universal verwendbares Knuspergut sein, das auch die Ratte oder die Brotkäferlarve zufriedenstellt. 🙂

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  3. sternenkind11 sagt:

    Leseesel gefällt mir außerordentlich gut :-)! Danke für die spannende Exkursion in die nordischen Sprachen! Faszinierend wie das Sprachliche miteinander verwoben ist…. Also, Beitrag weder futsch noch „normal“, findet das Lesetier in mir ;-).

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank. Es freut mich, dass der Beitrag weder futsch noch normal wirkt.
      Dass dir der Leseesel gefällt kann ich mir sehr gut vorstellen. Immerhin ist mir durch deine eigene Esel-Hommage bewusst geworden, wie viele positive Eigenschaften ein Esel mit lesefreudigen Menschen gemeinsam hat. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank, liebe Bücherwurmine. 😀
      Schön, das mein ‚Lesezoo‘ sowohl informativ als auch leselustig rüberkommt. Der bókaormur ist schon der Bücherwurm mit dem klangvollsten Namen. Geheimnisvoll und durchaus drachenverwandt.
      Danke für die Buchempfehlung – werde ich mir gleich ansehen.

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  4. stern21 sagt:

    Seit gestern lässt mich eine eselige Lesefrage (oder heißt es lesige Eselfrage?) nicht mehr in Ruhe lesen:
    Es war einmal ein Leseesel
    Der kam zu spät zur Esellese
    Da ließen die Esel das Lesen
    Und fragten: Wo bist du gewesen? 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für das köstlich-leseselige Gedicht. 🙂
      [Vielleicht hatte der Leseesel ein heimliches Treffen mit einem Lesepferd. Da würde es mich nicht wundern, wenn in absehbarer Zeit auch noch ein Lesemaultier auftaucht.]

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      1. stern21 sagt:

        LeSELIG ist eine wunderbare Wortschöpfung und wieder steckt der Esel mittendrin! [Das kann kein Zufall sein.] Deine Vermutung für die Verspätung des Leseesels klingt sehr plausibel in meinen Ohren. Nur ein besonders wichtiges Rendez-vous kann der Grund dafür sein.
        Diese Eselei wirft ständig neue Fragen auf:
        Es war einmal ein Eselsohr
        Das kam mir sehr lebendig vor:
        Es wackelte auf Seite 8
        Und wieherte und hat gelacht
        Was hat es sich dabei gedacht? 🙂

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        1. Random Randomsen sagt:

          Genau. Wenn ein echter Leseesel zu spät zur Esellese kommt, kann nie und nimmer handelsübliche Unpünktlichkeit dahinter stecken. Ich freue mich schon auf den Lesemaulesel, der mault, wenn die Esellese zu spät beginnt. 🙂
          Richtig, das Eselsohr in Büchern ist ein weiteres Indiz dafür, dass Esel und Lesen zusammengehören. Wahrscheinlich lacht das Eselsohr deshalb – weil dieser Zusammenhang bisher niemandem aufgefallen ist. 😀

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  5. stern21 sagt:

    Faszination Esel : 😉

    Ich kenne einen Esel
    Gewiss, er wohnt in Wesel
    Doch Bürgermeister war er nie
    Das sei, grinst er, noch Utopie…

    [Zum Hintergrund: Es gibt die alte Kinderfrage `Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?` und die (prophetische?) Echoantwort darauf `Esel!`.]

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    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, ein Esel als Bürgermeister das wäre oft ein großer Fortschritt. 😉 Aber das ist wirklich noch Utopie.
      Leider stehen die Esel in der literarischen Tradition oft in einem schlechten Licht da. Ob in den Fabeln von Aesop und La Fontaine oder auch bei Wilhelm Busch und sogar in einem Kanon von Mozart: immer geistert irgendwo das Bild des dummen Esels herum.
      Gerechtigkeit widerfährt dem Esel dagegen beim spanischen Autor Juan Ramón Jiménez in einem Werk, das unter dem Titel ‚Platero und ich‘ auch in deutscher Sprache erschienen ist.

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