Höllenlärm • Lärmhöllen

Dies ist, wie versprochen, mein zweiter Beitrag in der Blogparade von Mutterchaos zum Thema Geräusche. Hier die Links zu den originalen Mutterchaos-Beiträgen:
Blogparade • Lieblingsgeräusche
Blogparade • Hassgeräusche

Während es im ersten Teil um Lieblingsgeräusche ging, ist hier nun also vom Gegenteil die Rede. Da stellt sich die Frage: Warum empfinden wir Geräusche als übermäßig störend? So gnadenlos nervtötend, dass sie Menschen zum totalen Ausrasten bringen können?
Auf der einen Seite gibt es die ganz persönlichen Aversionen. Auf der anderen Seite gibt es für grundsätzlich tolerierte Geräusche so etwas wie einen kritischen Grenzwert. Dieser ist individuell verschieden und umstandsbedingt variabel. Selbst Geräusche, die man zwar nicht mag, aber zumindest toleriert, können einen kritischen Stör-Grenzwert überschreiten, wenn sie:
– Besonders laut und durchdringend werden
– Über längere Zeit andauern
– Sich zu Lärmproduktionsgemeinschaften zusammenrotten
Mit anderen Worten: Sobald ein Höllenlärm daraus wird, hört wohl so ziemlich für jeden der Spaß auf. Für diesen Beitrag habe ich aus dem handelsüblichen Höllenlärm einige ganz besondere Lärmhöllen herausgepickt. Der Tradition gehorchend (also wie beim letzten Geräusche-Beitrag) habe ich die Sache wieder hübsch gruppiert:


Arbeit

Arbeitsgeräusche wären zunächst ja grundsätzlich einmal positiv besetzt. Rein theoretisch, zumindest. Immerhin wird (wenigstens wenn man bei der Sinnfrage nicht kleinlich ist) meistens etwas Sinnvolles geleistet. Aber eben. Arbeitsgeräusche sind selten rein. Und schon gar nicht theoretisch. Und erst recht nicht diese hier:

  • Motorsäge
    Die arme Motorsäge. Im Grunde ist sie ein nützliches Tier. Aber sie bringt nun wirklich alle Voraussetzungen mit, um mich gegen sich aufzubringen. Ihr Geräusch ist laut und durchdringend. Und ihr Einsatz beschränkt sich selten auf wenige Minuten. Vom Lärmfaktor her ist sie zwar kaum schlimmer als Motormäher (schwacher Trost). Und ganz bestimmt weniger extrem als Mähdrescher und so Zeugs. Aber eben. Motorsägen hinterlassen meist eine Spur der Verwüstung. Im Wald. Und das nehme ich ihnen – über den Höllenlärm hinaus – sehr übel (und die Motorsäge kann ja nicht einmal etwas dafür. Aber ich bin jetzt einfach mal unfair. Punkt.).
  • Baustelle
    Das Dröhnen schwerer Baumaschinen, Bohren, Hämmern, Fräsen und Gefolge sind eh immer eine Zumutung. Wenn sich dergleichen aber zu einem Kakophonieorchester zusammenschließt, das sich womöglich monatelang in Lärmorgien überschlägt… Übelst!

Verkehr

Wer, wie ich, kein Benzin im Blut hat, kann sich mit Motorengeräuschen generell nicht anfreunden. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob man selber mitverkehrt oder nicht (was gibt’s jetzt da zu lachen?). Schiffsmotoren beispielsweise finde ich als Reisegeräusch gar nicht unattraktiv. Auf der anderen Seite der Skala befinden sich dagegen folgende Lärmhöllen: 

  • Dummheit
    Das mit Abstand störendste Verkehrsgeräusch ist für mich der Lärm der Dummheit. D.h. wenn mit (möglicherweise auch noch krankhaft übermotorisierten) Motorfahrzeugen so umgegangen wird, dass sinn- und rücksichtslos Lärm erzeugt wird.
  • Straßenbahn
    Vor etlichen Jahren habe ich, ziemlich kurzzeitig, unmittelbar an einer Straßenbahnstrecke gewohnt. Erdbeben. Jeden täglichen Tag. Von frühmorgens bis Mitternacht. Es gibt Menschen, die sich angeblich daran gewöhnt haben wollen. Ich gehöre nicht dazu. Definitiv.
  • Kampfflugzeuge
    Fluglärm ist ja in jedem Fall von der heftigeren Sorte. Aber Kampfflugzeuge sind ein akustisches rotes Tuch für mich. Das schlägt sämtlichen weltweit existierenden, existiert habenden und noch existieren werdenden Fässern die Böden aus. 

(Allzu)Menschliches

  • Schpeim*
    Das Geräusch als solches wäre vielleicht gar nicht so schlimm. Aber es lässt sich kaum von der damit verbundenen, abgrundtief unleckeren Tätigkeit trennen. Besonders schlimm, wenn durch geringe räumliche Distanz noch olfaktorische Faktoren mitspielen. Ansteckend. Vernichtendes Urteil: einfach zum *Kotzen.
  • Lunge-aus-dem-Leib Husten
    Husten ist natürlich immer irgendwie unangenehm. Für die Hustenden ebenso wie für die Behusteten. Grenzüberschreitend ungemütlich wird’s aber, wenn die Husterei derart ausartet, dass die Frage berechtigt ist: Hustest du noch, oder…äh… (zurück zum oberen Abschnitt).
  • Feuerwerk
    Rein optisch wäre gegen Feuerwerk ja nichts einzuwenden. Und das Krachen könnte man dafür vielleicht gelegentlich noch in Kauf nehmen. Aber ganz besonders beliebt scheinen Feuerwerkskörper zu sein, die nur krachen – erst noch besonders heftig – und optisch überhaupt nichts hergeben. Was soll der Witz an der Sache sein? Kommt mir vor wie ein Auto, das extra viel Lärm erzeugt aber dafür nicht fährt. Beschäuert!

Musik

„Musik wird störend oft empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Dieser Satz von Wilhelm Busch wirft eine ganz grundsätzliche Frage auf: Ist Musik denn überhaupt ein Geräusch? Die Verbindung Musik/Geräusch ist nicht ganz einfach. Einige würden Musik ohne zu zögern ihren Lieblingsgeräuschen zuordnen. Ich habe sie bei meinen eigenen Lieblingsgeräuschen nicht aufgeführt. Denn Musik hat ihrem Wesen nach eine ganz andere Qualität als Geräusche. Dennoch hat der ‚Großraum Musik‘ eben nicht nur mit der musisch-musikalischen Seite, sondern ganz eindeutig auch mit Geräuschen zu tun. Etwa beim Üben. Ganz besonders aber beim folgenden Trio:

  • Müllmusik
    Grundsätzlich bin ich in vielen verschiedenen Musikrichtungen zuhause. Dabei wiederum ist vieles zwar nicht meine Wellenlänge – aber wenn die musikalische Qualität stimmt, geht das in Ordnung. Aber manchmal ist eine musikalische Darbietung einfach unter aller Sau. Und dann gibt es noch gewisse Musik-Genres, die vom musikalischen Standpunkt gesehen auf so erbärmlichem Niveau sind… Müllmusik, eben.
  • Musikmüll
    Musikmüll ist nicht zu verwechseln mit Müllmusik. Musikmüll ist ein Abfallprodukt echter Musik. Musikmüll entsteht dann, wenn von Musik nur noch zusammenhanglose Klangfetzen (oder in diesem Fall eher Geräuschfetzen) zu vernehmen sind. Zu den Klassikern in diesem Bereich gehören Musik-Überreste aus Nachbarwohnungen oder von Open-Airs. Musikmüll wird aber auch produziert, wenn öffentliche Räume sinnlos mit Musik beschallt werden. Auch was eigentlich Musik wäre, wird so zu Akustikmüll umfabriziert.
  • Rückkopplung
    Dieses schrille Kreischpfeifen ist ein absoluter Nervenkiller. Vor allem bei so richtig fett verstärkerbestückten Musikanlagen. 

 


Stille

Wer von Lärm geplagt wird, wünscht sich oft nur noch eines: Ruhe!
Verständlich. Geht mir auch so.

Dennoch.
Es gibt eine besondere Art der Stille. Keine wohlklingende Stille. Wohlklingend? Wohl klingend. Wohl wohlklingend. Unsere übliche Stille ist ja nicht absolut still. Es gibt Unterschiede im Charakter der Stille. Die Stille in einer leeren Kirche ist eine andere als die Stille im Wald oder auf einem Berggipfel. Was aber, wenn es auf einmal nur noch still ist?
Im Sinne eines Nachgedankens möchte ich hier auf einen lesens-/hörenswerten Blogbeitrag verweisen:
Singen ohne zu hören 

 

 


[Beschäuert = so grenzenlos bescheuert, dass man erschauert]

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6 Gedanken zu “Höllenlärm • Lärmhöllen

  1. PPawlo sagt:

    Hier habe ich auch noch mal vorbeigeschaut, weil mich der Gedanke, Stille könnte etwas Negatives sein, ganz schön verblüfft. Nur einmal habe ich eine Frau kennengelernt, die bei totaler Stille Panik bekam…In deinem Text klingt schon an, dass Stille auch etwas ganz Positives sein kann.
    So langsam beginne ich, den Schrecken der Stille nachzuempfinden. Allerdings mit den Assoziationen vom Ende der Welt und des Lebens. In meinem Leben kenne ich das – wohl Gott sei Dank- nicht !
    Und hier stellvertretend mal für all deine interessanten, differenzierten, humorvollen Darstellungen, Wortspiele und dein vielfältiges Gedankenfutter herzlichen Dank!

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für deine schöne Resonanz. Es freut mich sehr, dass dir mein ziemlich bunt gemischtes Gedankenfutter zusagt. 🙂
      Stille hatte ich ja auch schon bei meinen Lieblingsgeräuschen erwähnt. Denn es gibt ja sehr wohltuende Arten von Stille. Man möchte ja meinen, Stille sei Stille. Aber so lange man hören kann, gibt es keine absolute Stille. Der Geräuschpegel ist so gering, dass es einem still vorkommt. Aber es ist eine hörbare Stille. Erschreckend wird es dann, wenn die Stille daher rührt, dass jemand nichts mehr hört. Lärm kann zwar extrem belastend sein. Unentrinnbare Stille aber eben auch.

      Gefällt 1 Person

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