Skitprat

Im heutigen Beitrag geht es um einige sehr beliebte Dinge: Skifahren, Holz vor der Hütte, Kegelscheiben und dergl. Dieses ‚dergl.‘ hat es allerdings in sich. Einige dürften bereits beim Titel hellhörig geworden sein. Zwar lässt sich auch hier ein ‚Ski‘ erkennen. Aber es braucht nicht einmal übermäßig viel Fantasie um sich vorzustellen, dass dieser Titel sich aus ’skit‘ und ‚prat‘ zusammensetzt. Und das erste Wort erinnert verdächtig an ’shit‘. Und das ist kein Zufall. Dieser Beitrag behandelt eine umfangreiche sprachliche Verwandtschaft. Und die Verwandtschaft kann man sich ja nicht aussuchen…

Fangen wir mit dem Titel an. Das Wort stammt aus dem Schwedischen und wird verwendet, wenn jemand einen unverdünnten Blödsinn daherredet. ‚Prat‘ kann für sich allein so viel wie ‚Plauderei‘ bedeuten. Aber eben auch ‚Quatsch‘, ‚dummes Gerede‘. Obwohl ‚prata‘ durchaus auch gemütliches Plaudern bezeichnen kann, ist das Wort tendenziell eher negativ besetzt. Wird es mit ’skit‘ verstärkt, sieht die Sache erst recht übel aus.

Den Titel habe ich mit Bedacht und Sorgfalt ausgewählt. Erstens als Hinweis darauf, dass die hier angesprochene Wortfamilie in allen germanischen Sprachen zuhause ist. Zweitens, weil es ein relativ grober Ausdruck ist – obwohl das Schwedische generell über einen eher moderaten Fluchwortschatz verfügt. Und der Titel lenkt, drittens, den Blick auf ein sonderbares Phänomen. Es gilt als vulgär und ist ganz allgemein verpönt, Scheiße zu sagen. Obwohl das Wort als Kraftausdruck von vielen Menschen mehr oder weniger häufig verwendet wird. Es ist nach wie vor ein Tabuwort. Und genau diesem Umstand verdankt es natürlich seine Wirkung als Kraftausdruck. Scheiße reden dagegen ist gesellschaftlich viel eher salonfähig. Auch der himmelschreiendste Schwachsinn wird – teilweise frenetisch – bejubelt, wenn er bloß der eigenen Gesinnung entspricht. Hauptsache Wasser auf die eigene Mühle. Selbst wenn es aus der Kloake stammt.

Nun war doch eigentlich eingangs von beliebten Dingen die Rede. Und jetzt sind wir urplötzlich in der Scheiße gelandet. Tja. So schnell kann’s gehen. 😦

Dennoch. Der Zusammenhang ist hier durchaus intakt. Fangen wir doch gleich mal beim Holz vor der Hütte an. Gerüchteweise soll dieser Ausdruck auch eine metaphorische Bedeutung haben. Das wäre mir jetzt allerdings eher neu. Also beschränke ich mich auf das tatsächlich (zumindest im Idealfall) vor einer Hütte vorhandene Holz. In eher nördlichen Gefilden des deutschen Sprachraums wird oft der Ausdruck ‚Schiet‘ für Scheiße verwendet. In einigen Mundarten der eher südlichen Gefilde wird mit genau gleicher Aussprache (wenn auch mit uneinheitlicher Schreibweise) ein Holzscheit bezeichnet. Aber was hat – Mundart hin oder her – ein Scheit mit Schiet zu tun? Vielleicht, weil mancherorts getrockneter Mist als Heizmaterial verwendet wurde (und wird)? Man hätte also mit ‚Schiet‘ geheizt und dort, wo als Alternative Holz verfügbar war, einfach den gleichen Ausdruck weiter verwendet. Keine abwegige Idee. Dergleichen kommt in der Sprache häufiger vor. 

Hier liegt der Fall aber anders. Die Ähnlichkeit der Ausdrücke geht auf einen gemeinsamen Stamm zurück. Und der Schlüssel dazu ist das Verb ’scheiden‘ – dieses hatte ursprünglich die Bedeutung von (ab)schneiden, spalten, trennen. Das ‚Scheit‘ entsteht, indem man bedarfsgerechte Stücke von einem Baumstamm abspaltet, also scheidet. Und ‚Schiet‘ ist ja ganz einfach etwas, das man aus-scheidet. Damit ist die Scheiße sprachlich genau gleich aufgebaut wie das sinnverwandte Exkrement. Das geht ja zurück auf das lateinische excernere = ausscheiden. In beiden Fällen wird der genau gleiche Vorgang auf die genau gleiche Weise beschrieben. Aber Scheiße gilt als derb – Exkrement dagegen als bildungssprachlich. Nobelscheiße, gleichsam. Sauber, sauber. Aber wie so oft gilt auch hier: Der Ton macht die Musik. Der Ausdruck Exkrement wirkt nun mal weniger aufdringlich – irgendwie verhüllend. Und in der Praxis ist das nicht anders: Ob jemand auf offener Straße oder im Häusl seine Notdurft verrichtet ist ja auch nicht unbedingt egal. 😉

Nun aber weiter zum nächsten Familienmitglied. Da haben wir Glück. Unsere mit reichlichem Vorrat an Spaltholz ausgestattete Hütte ist nämlich eine Schihütte. Und zwischen einem Scheit und einem Ski besteht – zumindest sprachlich gesehen – kein Unterschied. Denn das aus dem Norwegischen stammende Wort ’ski‘ geht auf das altnordische skíð zurück, das ein gespaltenes Holzstück bezeichnete. Und – Ironie des Schicksals – so mancher Ski ist früher oder später genau so im Ofen gelandet wie sein Sprachzwilling, das Scheit. Und auch hier zeigt sich wieder dieses sprachtypische Phänomen: Der Ausdruck Ski wird auch für diejenigen Exemplare verwendet, die von Materialien und Fertigung her mit dem ursprünglichen Wortstamm eigentlich nichts mehr zu tun hätten. Denn das Wort Ski hat sich längst für das Endprodukt eingebürgert. Und so lange das wie ein Ski aussieht und sich wie ein Ski benutzen lässt, wird wohl niemand auf die Idee kommen, dem Teil einen neuen Namen zu verpassen.  

Zur gleichen Verwandtschaft wie das Scheit und der Ski gehören auch der Schiefer und, zumindest in Norwegen, der Löffel. Der heißt dort ’skje‘ – und auch dieser Ausdruck kommt, wie beim Ski und beim Scheit, vom Abspalten eines Holzstücks. Denn die ursprünglichen Löffel waren, in jeder Hinsicht, aus einfachem Holz geschnitzt. Diese Entstehungsgeschichte des Löffels findet sich auch im englischen ’spoon‘ – das ist zwar sprachlich nicht verwandt mit dem norwegischen ’skje‘. Dagegen besteht eine sprachliche Verwandtschaft zum deutschen ‚Span‘ – womit einiges darüber ausgesagt ist, wie die ursprünglichen Löffel beschaffen waren.

Dieses sowohl in Scheit und Ski als auch im skje enthaltene Abspalten klingt sogar im Griechischen noch verwandt: σχίζειν (schízein) = spalten. Nicht ohne Grund wurde die Schizophrenie in früheren Zeiten ‚Spaltungsirresein‘ genannt.

Sogar das Schiff geht in seinem Ursprung auf den gleichen Wortstamm zurück – wohl, weil die ersten schiffsähnlichen Fahrzeuge aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestanden. Wieder geht es ums Abspalten. Nur, dass der Vorgang hier in umgekehrter Weise stattfand. Während das Scheit und der Ski dadurch entstanden, dass das Benötigte vom Baumstamm abgetrennt wurde, entstanden die ersten Schiffe dadurch, dass man das Überflüssige entfernte. Ob hier auch ein Zusammenhang mit dem manchmal für ‚urinieren‘ verwendeten Ausdruck ’schiffen‘ besteht, weiß ich allerdings nicht. Immerhin wird beim Bieseln ja auch etwas ausgeschieden. Völlig abwegig wäre die Idee also nicht. 

Nicht nur der Apfel, sondern auch die ‚Scheibe‘ fällt nicht weit vom Stamm. Denn dieses Wort bezeichnete ursprünglich eine vom Baumstamm abgeschnittene runde Platte. Das Prinzip ist ähnlich wie beim Scheit. Nur dass die Form eine andere ist. Zwei Dinge sind hierbei bemerkenswert. Zum einen, wie weit von der ursprünglichen Bedeutung sich das Wort ‚Scheibe‘ im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat. Die wenigsten Scheiben erinnern heute noch an runde Holzplatten. Und zum anderen, dass wir diesen Ur-Scheiben auch das  Verb ’scheiben‘ verdanken. Ausdrücke wie ‚Scheibtruhe‘ oder ‚Kegelscheiben‘ haben ja damit  zu tun, dass etwas rollend fortbewegt wird. Heute werden die Verben ’scheiben‘ und ’schieben‘ synonym verwendet. Im Mittelhochdeutschen gab es noch die Unterscheidung zwischen ’schīben‘ (rollend fortbewegen, rollen lassen, wälzen, drehen, wegrollen, fortwälzen) und ’schieben‘ (schieben, stoßen, aufschieben, verschieben), wobei Letzteres eben nicht explizit diese auf der Scheibe basierende rollende Fortbewegung ausdrückte. 

Müssig zu erwähnen, dass auch die Scheidung zur selben sprachlichen Wortfamilie gehört. Moment mal. ScheiDUNG? Sind wir also schon wieder in der Scheiße gelandet? So’n Schiet aber auch. :/

Um noch einmal auf den Titel zurück zu kommen. Grundsätzlich finde es weniger schlimm, Scheiße zu sagen als Scheiße zu reden. Dennoch – es wäre vielleicht nicht unklug, sich gelegentlich der folgenden Zeilen zu erinnern…


Die Scheisse

© Hans Magnus Enzensberger

Immerzu höre ich von ihr reden    
als wäre sie an allem schuld.
Seht nur, wie sanft und bescheiden     
sie unter uns Platz nimmt!       
Warum besudeln wir denn    
ihren guten Namen        
und leihen ihn
dem Präsidenten der USA,    
den Bullen, dem Krieg   
und dem Kapitalismus?

Wie vergänglich sie ist, 
und das was wir nach ihr nennen
wie dauerhaft!       
Sie, die Nachgiebige,    
führen wir auf der Zunge       
und meinen die Ausbeuter.   
Sie, die wir ausgedrückt haben,   
soll nun auch noch ausdrücken    
unsere Wut?

Hat sie uns nicht erleichtert? 
Von weicher Beschaffenheit        
und eigentümlich gewaltlos 
ist sie von allen Werken des Menschen       
vermutlich das friedlichste.   
Was hat sie uns nur getan?


Klangbild: Ane Brun • The Puzzle

Text • Ane Brun
Musik • Ane Brun
Gesang • Ane Brun
Gitarre • Ane Brun

 

Ane Brun • Vocals & Acoustic Guitars
Nina K • Backing Vocals & Keys
Andreas Werliin • Drums & Percussion 
Martin Hederos • Keys, Violin, Accordion & Backing Vocals
Dan Berglund • Bass 
Johan Lindström • Guitars, Keys & Backing Vocals
Ola Hultgren • Drums, Percussion & Backing Vocals
Linus Jackson • Backing Vocals

 


Titelbild: Vedstabling © unbekannt

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8 Gedanken zu “Skitprat

  1. Mitzi Irsaj sagt:

    Wenn ich dir schreibe, dass dein Text ganz hervorragend zu meinem Sonntags-Milchkaffee gepasst hat, dann ist das ein großes Kompliment. Da bin ich nämlich eigen. Da will ich etwas plätscherndes, nicht zu anspruchsvolles, aber auch einesfalls zu seichtes. Es sollte mich interessieren, ein Stück mitnehmen, vielleicht zum Schmunzeln bringen und es darf gerne auch etwas hängen bleiben. Für den restlichen Sonntag oder überhaupt.

    Ein feiner Sonntags-Kaffee Text.
    Beste Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Das ist auf jeden Fall nicht nur ein großes, sondern auch ein sehr schönes Kompliment. Vielen Dank. Wenn der Text alle von dir genannten Eigenschaften mitbringt, kann ich den zufrieden schnurrend als erfolgreichen Beitrag betrachten.
      Die Bemerkung mit dem ‚Kaffee Text‘ finde ich gelungen. Es geht ja in dem Text um die Wurzeln verschiedener Ausdrücke. Und diese Art der Beiträge wurzelt faktisch ein Stück weit in Diskussionen am Kaffeetisch. Daher auch dieser eher lockere ‚Kekskrümel-im-Mundwinkel Erzählton‘. 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Zeilenende sagt:

    Es ist Sonntag, ich habe frei. Und da lese ich gemütlich einen Blogbeitrag, nichts Böses ahnend. Und muss am Ende feststellen, dass ich was gelernt habe. Obwohl ich doch frei habe! Unding. 🙂
    Wieder einmal ein sehr schöner Streifzug durch die Sprachen. Verwandt mit excernere ist ja auch noch secernere, von dem die schönen Wörter „sekretieren“ und „Sekret“ herkommen. Da wären wir dann bei Verschlusssachen, die auch schon einmal unangenehm ans Tageslicht kommen. *g*

    Eine Frage brennt mir trotz des Artikels noch unter den Nägeln:
    „Vielleicht, weil mancherorts getrockneter Mist als Heizmaterial verwendet wurde (und wird)?“
    Trocknet der Seehofer seine Reden? Ich dachte, das wird wie alle Dampfplauderei direkt in die Turbine geleitet.

    Gefällt 3 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, das war hinterhältig von mir. Ausgerechnet einen solchen Beitrag ausgerechnet an einem Sonntag zu posten. Und für dich ist das ja besonders bitter. Da gibt Seamus mal fünf Minuten Ruhe (weil er wahrscheinlich irgendwo einen noch weitgehend unbenaschten Honigtopf gekapert hat), und statt wohliger Entspannung gibt es ein Verbalkarussell, bei man am Ende vor lauter Aus- und anderen Scheidungen kaum mehr weiß, wo vorne und wo hinten ist. 😉 Ich würde mich ja sogar schämen – aber erfahrungsgemäß fehlt mir dafür jede Begabung.
      Diese ganze Sekret-Geschichte ergäbe möglicherweise auch einen spannenden Beitrag. Zeile um Zeile (ohne Punkt und ohne Komma und ohne Ende) Geheimnisse ausplaudern, dass allen die Spucke (!) wegbleibt. 🙂
      Die Idee mit den getrockneten Reden als Heizmaterial erscheint mir als vielversprechender Beitrag zur Energiewende. Das würde ich gleich zum Patent anmelden. Einiges müsste man wahrscheinlich als Sondermüll ausSCHEIDen (schon wieder). Aber wir reden ja hier von gigantischen Mistmengen – da bleibt noch genug Heizmaterial über.

      Gefällt 2 Personen

          1. Zeilenende sagt:

            Da ist Wahlkampf? Total an mir vorbeigegangen. Seitdem die es irgendwie geschafft haben, Trump ins Dschungelcamp zu locken, interessiert mich das restliche Unterhaltungsprogramm der USA nicht mehr so sehr.

            Gefällt 2 Personen

            1. Random Randomsen sagt:

              Ach so. Dschungelcamp. Jetzt wird mir einiges klar. Ich hatte das ja echt für Wahlkampf gehalten. Wobei – die Unterschiede sind ja auch nicht sooo riesengroß. Da muss man schon sehr genau hinschauen. Und gerade bei Trump spielen ja die kleinen, feinen Nuancen und Schattierungen eine ganz grosse Rolle.

              Gefällt 1 Person

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