Die Laufrichtung ändern

Gewohnheit spielt im Zusammenhang mit Sprache eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ohne verlässliche Gewohnheiten wäre eine sprachliche Verständigung kaum möglich. Allerdings verändern sich die menschlichen Lebensumstände kontinuierlich – und die Gewohnheit von gestern, die eben noch eine geschmeidige Kommunikation ermöglicht hat, steht plötzlich quer in der Sprachlandschaft. Bei einzelnen Wörtern ist die Sache oft sehr einfach. Manche sind sehr allgemein gehalten und daher durch Veränderungen nicht so leicht anfechtbar. ‚Tisch‘ ist dafür ein schönes Beispiel. Tische können sehr unterschiedlich gestaltet und für unzählige Verwendungszwecke geeignet sein. Ein solches Universalwort lässt sich durch technische Veränderungen oder Modeströmungen nicht so einfach vom Tisch wischen.

Andere Ausdrücke sind bedeutend enger gefasst. Damit riskieren sie, zusammen mit dem durch sie bezeichneten Gegenstand früher oder später vom Zahn der Zeit zunichte genagt zu werden (wie die Zeit mit nur einem Zahn nagen kann, ist mir zwar ein Rätsel – aber das scheint die Zeit nicht zu kümmern und schränkt ihr Nagen ganz offensichtlich in keiner Weise ein).
‚Kohlepapier‘ ist grundsätzlich ein Ausdruck, dessen Zukunft so düster ausschaut wie die Farbe besagten Papiers. Denn dieses Produkt ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Wer, wenn nicht einige wenige Ewiggestrige, wollte damit heutzutage noch etwas anfangen? Dennoch ist der ‚Geist des Kohlepapiers‘ auf ganz eigenartige und sehr humorvolle Weise in unserer Sprache erhalten geblieben. Und zwar ausgerechnet bei der E-Post, die ja mit zu den bedeutendsten Totengräbern des Kohlepapiers gehört. Die Bezeichnung ‚CC‘ geht auf die Abkürzung ‚carbon copy‘ zurück – also den mittels Kohlepapier angefertigten Durchschlag eines Schriftstücks. Und noch viel schöner ist das Kürzel ‚BCC‘ oder ausgeschrieben eben ‚blind carbon copy‘

Wieder andere Wörter allerdings sind einfach sang- und klanglos verschwunden. Was für Wörter das sind? Ja, woher soll ich das wissen? Die sind ja verschwunden. 😉

Wie aber verhält es sich mit Wendungen? Der Ausdruck Rede-Wendung impliziert ja eine gewisse Flexibilität. Und wie es sich konkret mit der Wendigkeit einer Wendung verhält, möchte meine Wenigkeit anhand eines Beispiels untersuchen (Und zwar hier und jetzt – bevor der Zahn der Zeit wieder alles zsammfrisst).     

Gewohnheit von gestern ist dabei ein schönes Stichwort. In der deutschen Sprache haben Wendungen mit ‚von gestern sein‘ in erster Linie die Bedeutung von rückständig oder altmodisch sein. Man hat sich so sehr an diese Bedeutung gewöhnt, dass es kreative Erweiterungen des Ausdrucks gibt. Beispielsweise die gesteigerte Version ‚von vorgestern‘. Oder – besonders gelungen – die Bezeichnung ‚Ewiggestrige‘ für notorisch rückständige Personen. Diese Verknüpfung des Ewigen mit dem Gestrigen – da ist ein ganz subtiler Humor im Spiel.
Aber liegt diese Bedeutung des Rückständigen und Veralteten in der Natur der Wendung? Oder ist hier eine Gewohnheit am Werk, die vielleicht gestern (oder vorgestern) noch ganz anders ausgesehen hat?

Meine Masche dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Mal so ganz unschuldslammfromm zu den germanischen Sprachkollegen rüberlinsen und dann so tun als wäre man sowas von baff über die völlig unerwarteten Entdeckungen, die man da scheinbar ganz zufällig zutage befördert hat. Ich merke schon. Ich habe mich durchschaut. Egal. The Show must go on!
Also. In anderen germanischen Sprachen finden wir Wendungen wie

– I wasn’t born yesterday. (EN)
– Jeg er ikke født i går. (NO)
– Ég er ekki fædd í gær. (IS)
Drei Beispiele – eine Gemeinsamkeit: Die ‚Gestrigkeitswendung‘ bezieht sich immer darauf, dass man nicht gestern geboren ist. Und daraus ergibt sich auch die Bedeutung: Mir macht man nichts vor. Ich weiß, wie der Hase läuft. Man befindet sich nicht erst seit gestern in dieser Welt und verfügt also über ausreichend Erfahrung und Kenntnisse, um mit einer Anforderung fertig zu werden oder um sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Da besteht ganz offensichtlich ein kleiner, feiner Unterschied zur deutschen Variante. Wie ist das zu erklären? Um einer solchen Frage auf den Grund zu gehen, gibt es ebenfalls eine wohlbekannte und erprobte Masche: Die Suche nach dem Ursprung.

Wenn man sich die Herkunft der Wendung ‚von gestern sein‘ anschaut, ist zunächst nicht viel Überraschendes festzustellen. Als Ursprung dieser Formulierung wird die Bibel angegeben (Hiob 8.9): „Wir sind von gestern nur und wissen nichts.“ Das scheint ja ganz gut zu passen – wer von gestern ist, hat schlichtweg keine Ahnung. Wenn wir aber diesen einen Satz in einen um eine Winzigkeit größeren Kontext stellen, ergibt sich ein ganz anderes Bild. 

„Ja, frag nur das frühere Geschlecht und merk dir, was die Väter erforschten. Wir sind von gestern nur und wissen nichts.“

Da weht der Wind plötzlich aus einer ganz anderen Richtung. Von gestern nur bedeutet also, dass jemand noch über zu wenig Erfahrung und Erkenntnisse verfügt. Von gestern meint hier also nicht veraltet, sondern ganz im Gegenteil noch zu neu. Das ist nicht ganz das, was wir heute mit der Wendung ‚von gestern‘ verbinden. 

Hat man somit etwas falsch gemacht in der deutschen Sprache? Nein. Die Wendung ‚von gestern‘ hat einfach ganz offensichtlich im Verlauf der Sprachgeschichte das gemacht, was ihr Name ohnehin andeutet – sie hat eine Wendung vollzogen, die Laufrichtung geändert. [Anders ausgedrückt: Das ‚von gestern‘ von gestern ist nicht das ‚von gestern‘ von heute] Damit ist sie ein Abbild der jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Man muss nicht sehr weit zurück in die Vergangenheit gehen, um der Wendung ’nicht von gestern sein‘ im Sinne von ‚mehr können und wissen, als die anderen einem zutrauen‘ zu begegnen (also ganz und gar auf einer Wellenlänge mit ‚I wasn’t born yesterday‘ und verwandten Wendungen).

Jahrhunderte oder möglicherweise Jahrtausende lang war es eine Tugend, auf das zu hören, was die Altvorderen sagten. Über Generationen gewachsene Lebenserfahrung (und vielleicht streckenweise sogar Weisheit) zählte mehr als die aus dem Augenblick geborenen Einfälle der Unerfahrenen. Diese Tugend hat in der jüngeren Menschheitsgeschichte gleich doppelt Prügel bezogen. Erstens hat man Unmengen von wissenschaftlichen Erkenntnissen gewonnen, die vieles von dem widerlegt haben, was jahrhundertelang als gesichertes Wissen galt. Dadurch wurde das Vertrauen ins Wissen von gestern erschüttert und diese Skepsis hat sich auch auf Bereiche ausgedehnt, die vielleicht durchaus noch gegenwartstauglich wären. Und zweitens haben in vielen Bereichen des menschlichen Lebens rasante Entwicklungen stattgefunden. Ob es um technische Dinge geht oder beispielsweise auch um Geschäftsmodelle – wer nicht à jour ist, kann blitzschnell weg vom Fenster sein. Dies kann Einzelpersonen betreffen oder auch ganze Firmen oder Industriezweige. Kurz gesagt: Von gestern sein kann leicht ans Eingemachte gehen.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der moderne Mensch alles, was irgendwie nach ‚von gestern‘ riecht, scheut, wie der Teufel das Weihwasser. Auch das macht sich im Sprachgebrauch bemerkbar. Das Neueste, der Superlativ von ’neu‘ ist nicht neu genug – es muss schon das Allerneueste sein. Vor diesem Hintergrund ist klar: Sprachlich gesehen hat man tatsächlich nichts falsch gemacht. Man hat eine schon etwas ältere Redewendung neu interpretiert, damit sie mit den heutigen Gegebenheiten im Einklang steht. 

Über die rein sprachlichen Aspekte hinaus bleibt dennoch eine unbequeme Frage. Hat man auch alles richtig gemacht? Vielleicht kann ja diese Reise zu den Wurzeln des Ewiggestrigen ein Anlass sein, sich bewusst zu machen, dass wir eben auch ‚von gestern nur‘ sind. Das gilt für unsere Erde und unser Sonnensystem – entstanden aus Sternenstaub, von dem wir kaum ahnen, woher er kommt und welche Erscheinungs- und Lebensformen daraus schon hervorgegangen und wieder vergangen sind. Das gilt für den Menschen als Spezies, der ja doch im Vergleich zu anderen Erdenbewohnern eher zum ’neumodischen Zeugs‘ gehört. Und das gilt für uns heute lebende (manchmal vielleicht sogar lebendige) Menschen, die wir ja gewissermaßen einfach eine der neueren Ausgaben einer doch schon beachtlich langen Modellreihe sind.

So gesehen ist es vielleicht nicht völlig falsch, wenn wir zuweilen aus dieser Jagd nach dem Allerallerneuesten ausscheren und unseren Blick auf den etwas größeren Zusammenhängen ruhen lassen.

Denn wie sagt man so schön: Ewig währt am längsten…


Klangbild: Rick Wakeman • Soul Mortality

10 Gedanken zu “Die Laufrichtung ändern

  1. Juan de la Peña sagt:

    Wunderbare Kombinationen !! Wenn du Koch wärst, würd ich zum Dauergast in deinem Restaurant werden.. Wie du auf die Geschichte mit Hiob gestossen bist, würde mich sehr interessieren!
    Da kommt mir bei der Vorstellung, mich von dir bekochen zu lassen, noch ein Gedanke an einen weiteren biblischen Text, welcher im Laufe der Zeit vielleicht seine Bedeutung geändert haben könnte: Die Geschichte von Esau, der hungrig sein Erstgeburtsrecht an Jakob abtritt, fùr nichts weiter als ein Liensengericht! Da kommt mir als Schwabe natürlich erstmal die Pampe von Linsen und Spätzle in den Sinn. Und diese Interpretation konnte ich auch einige Male bei den Hirten unserer christlichen Seelen durchscheinen hören. Diese Vorstellung, gepaart mit meiner Verachtung Esau gegenüber, blieben mir jahrelang erhalten, bis dass ich eines Tages die ersten Einblicke in die nahöstliche, nordostafrikanische Küche bekam. Seitdem denke ich ein wenig anders, dass Esau wenigsten kein totaler Idot war – er hatte es ja wirklich nicht mit Linsen und Spätzle zu tun, sondern höchstwahrscheinlich mit einer magisch, exotisch verzaubernd duftenden Mahlzeit, die ihm – etwa wie David beim Anblick Bathshebas – alle Sinne raubte!
    In dieser Anekdote geht es jedoch vielleicht eher um ein kulturelles Ändern der Laufrichtung von Geschichtsinterpretationen …. Sei’s drum, ich wurde ja im Restaurant Randomsens inspiriert!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank! Der Vergleich mit dem Kochen passt ja durchaus. So ein Beitrag soll ja verschiedene Zutaten stimmig verbinden. Es soll kein Nullachtfuffzehnfraß entstehen – aber es soll auch nicht ausgefallen um jeden Preis sein. Es soll geschmacklich reizvoll sein aber auch der Nährwert darf nicht fehlen. Das bringt mich sogar auf eine Idee, über die ich aber noch denken muss. 😉
      Nun aber zur Frage nach Hiob. Wie auch in der Bibel stand Hiob bei der Idee zu meinem Beitrag nicht ganz am Anfang. Auslöser war in diesem Fall das Isländische „ekki fædd í gær,“ durch das mir diese unterschiedliche Bedeutung der verschiedenen ‘Gestrigkeitswendungen’ erst auffiel. Der Hinweis auf Hiob ist in Wörterbüchern zu finden – allerdings eben nur dieser eine Satz. „Wir sind von gestern nur…“ Und da ich mich ungern mit einem einzigen Satz abspeisen lasse, wollte ich eben auch den Kontext kennen lernen.
      Deine Anekdote zeigt, wie sehr der persönliche Hintergrund die Interpretation eines Textes beeinflusst. Ich kann mir das lebhaft vorstellen. Das Linsengericht wird mit einer Ekelmatsche assoziiert. Und folgerichtig wird der arme Esau zum Vollpfosten gestempelt. Und sie zeigt vor allem auch, dass eine Interpretation von einem fixen Standpunkt aus kaum gelingen kann, sondern dass sie ein Annähern und Eintauchen erfordert. Ob man oberflächlich bei den Worthülsen verbleibt oder zumindest annähernd zum Kern vordringt entscheidet wesentlich darüber, ob die eigene Resonanz verständnisvoll-reflektiert oder überheblich-urteilend ausfällt.

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  2. ninahagn sagt:

    Interessant, wie sich solche Bedeutungen im Laufe der Zeit ändern 🙂 .
    Das erinnert mich daran, dass oft der eine oder andere Mitschüler sich fragte, was einem denn Geschichte (als Fach) bringen würde, das sei ja alles längst vorbei, nicht „zeitgemäß“. Diesen Mitschülern dürfte aber mittlerweile klar geworden sein, dass Geschichte sehr wohl Einfluss auf das Heute hat, im Speziellen die Frage, ob man daraus lernt, oder eben nicht.
    Ich denke zumindest ein Blick ins Gestern schadet nicht, auch um Lösungen für ganz aktuelle Probleme zu finden (solange man nicht auf die radikalen, menschenverachtenden Lösungen zurückgreift, natürlich, es sollte schon mit einem Filter aus humanistischen Werten betrachtet werden…) solange man nicht das Heute und das Aktuelle aus den Augen verliert.
    Eine Mischung aus Wertschätzung für Erfahrung und Aufnahmefähigkeit für Neues und Entwicklungen ist sicher kein schlechter Ansatzpunkt.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Diese Veränderungen sind ein ganz spannender Aspekt der Sprache. Dinge werden angepasst – oder sie verschwinden. Schade, dass viele Jahrhunderte der Sprachgeschichte nur dürftig dokumentiert sind.
      Uje, diese Vorbehalte gegenüber dem Fach Geschichte kommen mir sehr bekannt vor. 😉 Und ich muss einräumen, dass sie bis heute nur teilweise ausgeräumt sind. Zumindest, wenn es um die Weltgeschichte geht, kann ich mich des Verdachts einer oft tendenziösen Geschichtsschreibung nicht erwehren. Auch hat mich immer dieser Fokus auf die ‚großen Männer‘ gestört. Es gibt zwar Geschichtsbücher, die das Augenmerk auf das Alltagsleben der Menschen richten. Aber die sind eher selten. Häufiger ist diese Perspektive in historischen Romanen. Aber da ist die Faktenlage wieder oft zweifelhaft.
      Anderseits würde ich nicht eine Nanosekunde lang daran zweifeln, dass Geschichte wiederholt wird. Man ist entweder unfähig oder unwillig, aus den Fehlern von früher zu lernen. Eine größere Flexibilität wäre dringend notwendig, damit man eben den Spagat zwischen Erfahrung und Aktualität schafft.

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      1. ninahagn sagt:

        Da sieht man mal, wie jung „wir“ eigentlich noch sind ^^ so gesehen ist das Netz auch vom dokumentarischen Wert her nicht uninteressant, denn dadurch wird die Basis der Sprachgeschichte viel ausgeprägter, vor allem was den persönlichen Sprachgebrauch betrifft. Schwerer auszuwerten allerdings auch.

        Naja, tendenziöse Geschichtsschreibung hat ja auch eine sehr lange Tradition, im Prinzip so alt, wie die Geschichtsschreibung selbst. Ob nun einfach „aus der eigenen Warte heraus“ geschrieben oder vorsätzlich verfälscht (Chronist war ja auch ein Brotjob und das Brot musste irgendwo her kommen). Auch „Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben“ ist ein Satz, der da gut reinpasst.
        Ich denke der Umstand mit der Fokussierung auf die „großen Männer“ ist auch ein entscheidender Grund für das Desinteresse vieler Schüler, denn das hat ja oft wirklich „nichts mit ihnen zu tun“. Ich hatte in der Oberstufe für zwei Jahre eine ganz ausgezeichnete Geschichtslehrerin, die natürlich auch die großen Erignisse und Persönlichkeiten behandelt hat, aber immer mit tiefgehenden Informationen und Spekulationen über die Auswirkungen auf die breite Bevölkerung. Das Interesse an Geschichte in der Klasse stieg rasant und sie war, trotz ihrer anfänglichen Probleme, die Klasse im Griff zu haben, ohne laut zu werden (die allerdings vermutlich mangelnder Erfahrung geschuldet waren und sich im Laufe der Zeit gelegt haben) ganz klar zumindest unter den Top 3 unserer Lieblingslehrer anzusiedeln.

        Ja, es ist schon traurig, mitanzusehen, wie wir akut Fehler wiederholen, die nicht mal hundert Jahre alt sind…

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        1. Random Randomsen sagt:

          In verschiedener Hinsicht führt das Netz hier zu einer Revolution. Während in Bezug auf die meisten Epochen das Problem vorwiegend darin besteht, überhaupt Dokumente zu finden, liegt die Schwierigkeit nun urplötzlich darin, aus einer Überfülle ohne übermäßigen Zeitaufwand eine taugliche Auswahl zu treffen. Oft wird ja auch kritisiert, dass viele Leute ’schlecht‘ schreiben, womit meist gemeint ist, dass die Orthografie oft nicht sonderlich berauschend sei. Es stimmt wohl, dass teilweise schlichtweg geschlampt wird. Man muss aber auch sehen, dass etwa noch in der Generation meiner Großeltern die meisten Menschen nach dem (frühen) Schulabgang kaum mehr geschrieben haben. Vielleicht noch Karten zur Weihnacht – wobei die Wahl dann oft auf Karten mit vorgedrucktem Text fiel. Die mussten dann nur noch ergänzt werden durch ein „…wintschn enk Franz-Joseph und Kathrin.“ Heutzutage schreiben viele Menschen. Manche davon mehr schlecht als recht. Das ist wahr. Aber immerhin. Und viele wollen ja auch ganz bewusst kein Standarddeutsch schreiben. Die wollen nicht nur reden, sondern auch schreiben wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sprachlich gesehen ist das nicht uninteressant. Und als Zeitzeugnisse sind solche Dokumente eben auch wertvoll. Eines der Probleme der Geschichtsschreibung ist ja, dass nur eine Elite überhaupt schreiben konnte. Und – selbst ohne böse Absicht – deren Sicht der Dinge war ja oft eine gänzlich andere als die des gemeinen Volkes.
          Ich will meinen Geschichtslehrern absolut keine Vorwürfe machen. Aber mein Geschichtsinteresse ist erst durch die Sprache einigermaßen erwacht. Man kann ja die Geschichte der Wörter und Wendungen schlecht ergründen, ohne dabei auch einen Blick auf den Mist zu werfen, auf dem diese gewachsen sind. 🙂

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          1. ninahagn sagt:

            Das ist allerdings wirklich spannend, das Thema Datenanalyse (und darum gehts hier ja im Grunde) und Datenvisualisierung ist nicht umsonst eine große Sache im Moment. Ich bin ja auch gespannt, ob und wie sich Geschichtsschreibung verändern wird (ich denke, wenn ich noch so 30 bis 50 Jahre packe werden schon Unterschiede sichtbar werden).
            Das hatte ich noch gar nicht so bedacht, dass ja das regelmäßige Schreiben vor nur wenigen Generationen gar nicht so verbreitet war, zumindest nicht in den Gesellschaftsgruppen, bei denen Schreiben nicht zum Berufsleben gehörte. Kann sein wir jammern heute auf hohem Niveau, denn immerhin: Die Leute lesen und schreiben viel, nicht immer orthographisch korrekt und sicher viel, viel, Blödsinn, aber sie tun es. Und der „Untergang der Kultur“ wird ja sowieso traditionell mindestens einmal pro Generation prophezeit. Das mit dem Schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ist sicher auch ein interessanter Punkt, gerade Dialekte kommen so wieder zu vermehrter Aufmerksamkeit.
            Das ist vielleicht noch ein Problem – mangelnde Interkonnektivität der Schulfächer. Eine weitere hervorragende Lehrerin von mir versuchte mal, ein komplett fächerübergreifendes Projekt mit uns auf die Beine zu stellen. Was ihr auch ausgesprochen erfolgreich gelang. Zum Dank wurde sie vom halben Kollegium gemobbt und musste mit Burn-Out gehen. Soweit ich weiß zog sie sich danach komplett aus dem Lehrbereich zurück. Schade.
            Jedenfalls haben wir allesamt (also die Schüler) extrem viel aus dem Projekt gelernt und die Inhalte einerseits interessanter gefunden als im Normalfall und sie andererseits besser behalten.

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            1. Random Randomsen sagt:

              Die Schreibhäufigkeit hat sich über wenige Generationen enorm entwickelt. So furchtbar lange ist es ja noch nicht her, dass der Schulbesuch (und damit auch das Erlernen von Lesen und Schreiben) freiwillig war. Wobei hier natürlich der freie Wille der Eltern zählte. Und so wirklich frei war dieser Wille manchmal – der Not gehorchend – auch nicht. Später der obligatorische Unterricht – für die meisten aber sehr, sehr elementar. Und auch als alle Schulabgänger mehr oder weniger schreibkundig waren, ist dieses Wissen nicht selten innerhalb weniger Jahre versandet. Wenn man also fair bleiben will, muss man die Schreibergebnisse zahlreicher Menschen mit einem Nahezu-Analphabetismus vergleichen. Und da orte ich eindeutig Fortschritte (auch wenn da zweifellos noch Luft nach oben ist). Auf der anderen Seite müssen sich die Gern-und-viel-Schreiber von heute nicht verstecken. Wenn wir uns nur schon auf WP ein wenig umschauen ist leicht zu erkennen, dass der Weltuntergang (zumindest was Stil und Orthographie vieler Schreibenden angeht) noch weit entfernt ist.
              Das Schreiben im Dialekt bringt vielleicht manchmal seltsame Blüten hervor. Aber es zeigt schön die Bandbreite der verschieden gewachsenen Schnäbel. Es gibt so viele lokale Varianten oder auch kurzlebige Szene-Ausdrücke – selbst der eifrigste Mundartwortschatzsammler müsste da kapitulieren.
              Interkonnektivität der Schulfächer ist ein schönes Stichwort. Ich schätze, dass das in Zukunft ein wichtiges Thema sein wird. Nicht zuletzt, weil dies mit modernen Medien wahrscheinlich besser funktioniert und eben schon gute Resultate bringen könnte. Konflikte mit Gralshütern tradierter Unterrichtsmethoden kann ich mir da aber schon vorstellen. Auch beim Einsatz moderner Medien wird ja immer noch nicht selten mit neuen Werkzeugen alte Schule betrieben. Und manchmal sind es sogar die Eltern, die sich gegen echte Neuerungen stemmen. Aber eigentlich nie die Schüler. 🙂

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            2. ninahagn sagt:

              Klar, Luft nach oben ist (fast) immer und irgendwer findet sich immer um sich über den Niedergang der Kultur zu beschweren. Ich denke aber, dass wir uns im Großen und Ganzen was das Schreiben betrifft in eine gute Richtung entwickeln. Da gilt es eben auch, Potentiale zu nutzen, vor allem im Netz, da schreiben nun mal die meisten.

              Sprache lebt ja und damit zu spielen ist an sich eine gute Sache. Variationen, die keinen Sinn machen werden sich vermutlich eh nicht durchsetzen und die, die es tun, bereichern letztendlich unseren Wortschatz.

              Ich hoffe es sehr, eben deshalb weil ich selbst erlebt habe, wie effektiv und motivierend das sein kann. Ansätze gibt es ja mittlerweile zuhauf.
              Was die Medienpädagogik betrifft, ja, Gralshüter ist ein schönes Stichwort, aber ich hab schon die Hoffnung, dass da immer wieder junge Pädagogen nachkommen, die alte Methoden hinterfragen und den vollen Umfang an Möglichkeiten nutzen wollen, die der Fortschritt bietet (sicher nicht immer sinnhaft, aber experimentieren muss eben auch sein – Mut zum Fehler ist ja aktuell auch recht groß als Thematik). Dass Eltern da oft nicht so gern mitziehen versteh ich irgendwo, da ist die Einstellung „better safe than sorry“ häufig. Klar, die wollen das Beste für ihre Kinder und die Ausbildung in den ersten Lebensjahren entscheidet ja vehement über deren Zukunft und leider ist das System nicht so durchlässig, dass man sowas ohne größere Umstände später nachholen kann. Da muss sich nicht nur die mentalität ändern, sondern eben auch die Umstände.

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            3. Random Randomsen sagt:

              Anfangs habe ich auch in vielen Fällen gedacht: ‚Diese Schreibe ist unter allem Schweinehund.‘ Bis mir eben aufgegangen ist, dass man ja den Maßstab der veränderten Situation anpassen muss.
              Die Lebendigkeit der Sprache zeigt sich auch ganz schön in der Jugendsprache. Da wird ausgiebig – manchmal sehr originell – mit Sprache experimentiert. Das meiste ist nicht sehr langlebig. Aber das ist ja meist auch nicht gewünscht.
              Ein Problem der Eltern ist manchmal auch, dass sie ihre Kinder gerne beim Lernen unterstützen möchten. Und da wäre es halt einfacher, wenn das nach der ihnen bekannten Methode ablaufen würde.
              Mut zum Fehler gehört unbedingt dazu. Denn langfristig ist das Treten an Ort der allergrößte Fehler. Da ist hin und wieder ein suboptimales Experiment das kleinere Problem.

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