Ein reiner Zufall

Als Dr. Amandus Seligman den kahlen Raum betrat und den Mann sah, der mit hängendem Kopf teilnahmslos auf einem Stuhl saß, wusste er eines mit ziemlicher Sicherheit: Das war keiner von den normalen Verrückten. Dr. Seligman hatte, in jahrzehntelanger Praxis geschult, einen nahezu untrüglichen Blick für die unterschiedlichen Grade und Erscheinungen geistiger Verwirrung entwickelt. Gut, mit dem apathischen Häuflein Mensch auf diesem Stuhl stimmte etwas nicht – soviel war klar. Aber er war sauber und ordentlich gekleidet und wirkte auch sonst nicht verwahrlost. Vor allem ging von dem Mann eindeutig das aus, was Dr. Seligman eine „vernünftige Ausstrahlung“ nannte. Was er bisher von den Polizeibeamten über den Mann erfahren hatte, passte allerdings nicht ganz zu diesem Eindruck. Also versuchte er, mit dem Unbekannten ein Gespräch aufzunehmen. Er wollte ihm ein Lebenszeichen entlocken. Doch dieser umgab sich mit einer Mauer des Schweigens – wenn es auch nicht die Sprachlosigkeit geistiger Umnachtung zu sein schien, sondern eher eine trotzige Haltung, genährt durch Verzweiflung und Selbstmitleid.

Jedenfalls hatte Dr. Seligman Feuer gefangen. Der Mann interessierte ihn. Und so war er entschlossen, nicht von ihm abzulassen, bis er herausgefunden hatte, welches Unheil diesen Menschen in eine Sackgasse getrieben hatte.

Das Unheil hatte sich am Vormittag in Gestalt eines elegant gekleideten Herrn angekündigt, der gegen 9 Uhr im dunkelblauen Mercedes auf dem Werksgelände einer traditionsreichen Druckfarbenfabrik vorfuhr. Der gepflegte Herr war Vorstandsmitglied des Stammhauses. Sein seltenes Erscheinen betraf in der Regel nicht die Belegschaft, oder zumindest nicht direkt. In jüngster Vergangenheit hatte er jeweils für einige Stunden mit der Werksleitung konferiert und diese meist in gedämpfter Stimmung zurückgelassen.

Diesmal aber war alles anders. Man versammelte das Personal fast vollzählig in Halle B. Diese war zwar baufällig und düster, bot aber für eine Zusammenkunft von rund 150 Personen den nötigen Raum. Der elegant gekleidete Herr begrüßte die Versammelten mit einer nichtssagenden Formel und schickte sich unverzüglich an, ihnen möglichst vorsichtig eine Tatsache beizubringen, die, mit welchen Worten auch vorgetragen, doch unfehlbar schockierend wirken musste. Obwohl die Angestellten wenig Neues erfuhren, schlug die plötzliche Gewissheit wie ein Blitz ein. Gebäude und Anlagen ihrer Fabrik waren hoffnungslos veraltet und reparaturbedürftig. Das hatte längst jeder gewusst. Und die mögliche Konsequenz einer Schließung des Werks hatte auch bereits gerüchteweise die Runde gemacht. Aber jetzt war es schreckliche Gewissheit. Das Todesurteil war ausgesprochen. Und es gab nur drei Monate Galgenfrist.

Da warb der ‚Herr Stammhaus‘ nun freilich vergeblich um Verständnis. Seine Aussagen wie „…man muss halt das große Ganze im Auge behalten…“ oder „…wir müssen Prioritäten setzen…“ trugen ihm wenig Sympathie ein. Und die Ankündigung eines großzügigen Sozialplans war den meisten zu wenig greifbar, um beruhigend zu wirken. Immerhin konnte er zu seiner Genugtuung feststellen, dass die Belegschaft sich ruhig verhielt. Es wurden nur wenige und ganz sachliche Fragen an ihn gerichtet und es gab nicht die mindesten Anzeichen für Tumult und Aufruhr. Doch befand er sich im Irrtum, wenn er annahm, die Menschen verhielten sich aus vernünftiger Einsicht still. Vielmehr herrschte durchaus einiger Aufruhr – der aber blieb vorerst unter der Oberfläche. Denn jeder fand sich auf sich selbst zurückgeworfen, mit allerhand quälenden persönlichen Fragen beschäftigt, und allein deshalb wenig geneigt, sich heftig zu äußern. So kehrten die meisten nach dieser unerfreulichen Versammlung wie betäubt an ihre Arbeitsplätze zurück, die ­­sie nun also nur noch für wenige Wochen besetzen würden.

Bereits während der Mittagspause in der Kantine erwies sich, dass die Stimmung durchaus explosiv war. Herbert Gutensohn, ein massiger Mittvierziger, Herr über die Abfüllanlagen des Werkes, ließ die Faust auf den Tisch donnern, dass die Gläser klirrten. „Prioritäten setzen“, rief er aus. „Die Geschäftsleitung will Prioritäten setzen. Und da gehört unsereins halt nicht dazu, zu diesen Prioritäten. Es gibt uns ja nicht einmal, in den Köpfen dieser Herrschaften. Da sind keine Menschen mit Familie. Deren Wünsche, Träume, Sorgen, Ängste – das alles existiert doch gar nicht. Ich will euch mal sagen, was wir für die sind: Kostenfaktoren sind wir, nichts als Stolpersteine auf dem Weg zum Profit.“ Grimmig blickte er in die Runde, aus der zustimmende Bemerkungen laut wurden.

„Was willst du machen?“, entgegnete Felix Lohner trostlos. Der ange­lernte Lacksieder stocherte lustlos in seinem Essen. „Schimpfen hilft da auch nichts mehr. Es ist nun mal schon so, wie’s eben ist.“ Trübsinnig starrte er vor sich hin.

„Ganz recht, mein Junge“, rief Gutensohn aus und ließ seine mächtige Pranke auf Lohners Schulter niederfahren. „Aber ich weiß schon, was da hilft. Und darum geh‘ ich jetzt nach Hause. Für die drei Monate können die sich meinetwegen ’nen anderen Hampelmann suchen. Wozu hat man denn schließlich mal ein Handwerk gelernt? Ein richtiges Handwerk, versteht ihr. Ich fang‘ nochmal an, ganz von vorne fang‘ ich nochmal an, versteht ihr. Aber diesmal…“, er blickte triumphierend, „diesmal auf eigene Rechnung. Meine Prioritäten setz‘ ich in Zukunft selber – und zwar ab sofort.“ Und damit stürmte er hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Felix Lohner seufzte tief. „Das müsste man können“, murmelte er niedergeschlagen. „Einfach nochmal anfangen…ganz von vorne anfangen…“ Aber er fühlte sich, bei aller Bewunderung, durchaus nicht berufen, es dem unternehmungslustigen Gutensohn gleichzutun. Vielmehr quälte ihn die Gewissheit, dass er dergleichen nie zustande bringen würde. Ein Gedanke, der seine ohnehin schon düstere Stimmung reichlich nährte. Er wusste nämlich überhaupt nicht, was er nun mit sich anfangen sollte. Es litt ihn nicht, stillzusitzen, aber er konnte sich auch durchaus zu keiner Aktivität aufraffen. Immerhin kehrte er schließlich an seinen Arbeitsplatz zurück und versah, wenn auch unaufmerksam und fahrig, seinen Dienst.

Nach Feierabend entfernte er sich rasch vom Werksgelände. Er wusste, dass sich einige Kollegen im Wirtshaus an der Ecke treffen würden. Und genau dazu hatte er am allerwenigsten Lust. Die Männer würden mit derben Redensarten ihrem Zorn Luft machen, sich betrinken und schließlich vielleicht gar Aufruhr stiften und Unfug treiben. Wozu sollte das dienen? Er hatte sich zwar oft als ’stiller Gesellschafter‘ dem ausgelassenen Treiben in der Kneipe angeschlossen. Aber heute stand ihm der Sinn nicht danach. Ihm ging der entschlossene Gutensohn nicht aus dem Kopf. Zwar war er weit davon entfernt, ähnliche Pläne zu schmieden. Aber zumindest über sich und seine Lage gründlich nachdenken, das wollte er.

So streifte er, in Gedanken versunken, durch ein fast menschenleeres Quartier. Er hatte sich bisher kaum Rechenschaft darüber gegeben, dass er mit seiner Arbeit dazu beitrug, die Umwelt im Übermaß zu belasten. Natürlich hatte er gewusst, dass das veraltete Werk mittlerweile eine Dreckschleuder war. Alle hatten es gewusst. Aber er hatte…alle hatten jeden Gedanken daran verdrängt. Wer Monat für Monat eine Familie durchbringen musste, tat gut daran, nicht zu intensiv darüber nachzudenken, was, genau, er denn eigentlich machte.

Aber nun war ja alles anders. Der Vorstand des Stammhauses hatte Prioritäten gesetzt. Gut. Also durfte auch er nun Prioritäten setzen. Die­sen Luxus konnte er sich jetzt leisten. Der Arbeitsplatz war ja ohnehin beim Teufel. Er konnte sich also erlauben, den Tatsachen ins Auge zu blicken und die Dinge beim Namen zu nennen. Inzwischen war Felix Lohner bei der St. Michaelskirche angelangt und setzte sich auf die kalten Stufen, die zum Hauptportal führten. Dies schien ihm gerade der rechte Ort, ein Rudel schlafender Hunde zu wecken und nach Herzenslust bellen zu lassen.

Immerhin hatte der junge Mensch aus Stammhausen einen Sozialplan in Aussicht gestellt. Damit würde zumindest ein Überleben selbst unter widrigsten Umständen gesichert sein. Ein Überleben freilich, dessen Berechtigung ihm äußerst fragwürdig erschien, wenn nicht eine sinnvolle Tätigkeit die materiell abgesicherte Existenz mit Inhalt füllen würde. Er erinnerte sich wieder, nicht ohne Neid, des forschen Gutensohn. Und er sah sich dagegen im ungünstigsten Licht. Hatte er je ein richtiges Handwerk gelernt, mit dem er sich auf eigene Faust durchschlagen konnte? Nein! Als angelernter Arbeiter verfügte er über einige Berufserfahrung. Aber damit war er auf eine ganz bestimmte und eng begrenzte Funktion festgelegt. Und diese würde sich in wenigen Wochen in Luft auflösen.

Zorn regte sich in ihm. Mit achtzehn Jahren hatte er, vermittelt durch seinen Onkel Jakob, eine Stelle als Hilfsarbeiter in der Druckfarbenproduktion angenommen. Siebenundzwanzig Jahre hatte er – für den mickrigen Lohn eines angelernten Arbeiters – in einer düsteren und stickigen Fabrikhalle gerackert. Und nun stellte man ihn, mit allen anderen, vor die Tür. Ein schäbiger Sozialplan – das war alles, was den großen Rechenkünstlern einfiel. Plötzlich begann Lohner zu keuchen. Atemnot! Er rang krampfhaft um Atem. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er japste, schnappte nach Luft. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, keine Hilfe zu erwarten. Glücklicherweise ging der Anfall rasch vorüber. Es war nicht das erste Mal. Er würde nun doch einen Arzt aufsuchen müssen. Schwer atmend saß er da, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn – und plötzlich ging ihm ein Licht auf. Luft! Luft – nichts war so wichtig im Leben. Kaum ein paar Minuten würde ein Mensch ohne Luft überleben. Aber keiner machte sich auch nur den leisesten Gedanken darüber, wo er seinen nächsten Atemzug herholen sollte. Über alle möglichen und unmöglichen Dinge waren die Menschen immer sehr besorgt. Und in dieser Sorge waren sie imstande, ohne eine Sekunde innezuhalten, das zu zerstören, was sie am dringendsten brauchten. Felix Lohner erhob sich von seinem unkomfortablen Sitz – er wusste genau, was er jetzt zu tun hatte.

Als er eben im Begriff war, sich von der Kirche zu entfernen, nahm er in einer Nische des Seitenschiffs eine Gestalt wahr. Übermächtig ragte sie hoch, schneeweiß, mit mächtigen Schwingen und langem Schwert: Die Figur des Schutzpatrons dieser Kirche – der Erzengel Michael. Felix Loh­ner versank in den Anblick der Figur, die er doch schon tausendmal gesehen und nie richtig wahrgenommen hatte. Diesmal aber war alles anders. Die Gestalt wirkte wie mit geheimnisvollem Leben erfüllt. Ein undefinierbares Sehnen regte sich in seinem Herzen – er fühlte Schmerz und Freude zugleich. Für Augenblicke waren alle Sorgen vergessen. Doch bald regte sich wieder der alte Gram. „Du, Engelsfürst“, rief Lohner aus, „nun zeig doch, ob du mehr bist, als kalter Stein. Tu was!“ Plötzlich glaubte er, eine leise Bewegung wahrzunehmen. Er trat näher an den blendendweißen Erzengel heran. Aber es regte sich nichts. Nur die Augen schienen ihm zu folgen. Aber das war natürlich ein Trick des Bildhauers – das machten sie immer so, immer. „Unsinn“, brummte Felix Lohner unwirsch, „man muss sich selber helfen.“ Und damit strebte er raschen Schrittes Richtung Innenstadt.

Sobald er eine der belebten Straßen in der Altstadt erreichte, unternahm er einen ersten Versuch, seine wichtige Erkenntnis unter die Leute zu bringen. Er wandte sich zunächst nicht an einzelne Personen. Denn seine Weisheiten waren ja für alle bestimmt. Auf offener Straße begann er einen Vortrag über das, was wirklich lebenswichtig war: Luft. Aber kein Mensch beachtete ihn – die Passanten behandelten ihn wie Luft. Man hielt ihn wohl für einen Betrunkenen. Und von einer Menschheit, die sich nicht einmal ihrer dringendsten Bedürfnisse bewusst war, durfte freilich auch niemand erwarten, dass sie einen Propheten von einem Betrunkenen unterscheiden konnte.

Felix Lohner hielt inne. So ging das nicht. Wenn er zu allen sprach, fühlte sich keiner betroffen. Er musste die Sache anders anpacken, die Menschen direkt ansprechen. Das war zwar umständlicher, aber bestimmt wirkungsvoller. Er entdeckte ein junges Pärchen, das mit Zärtlichkeiten sehr beschäftigt war. Er steuerte direkt auf die beiden zu: „Wisst ihr eigentlich, was das Wichtigste ist im Leben?“, sprach er die beiden direkt an. „Luft“, rief er aus, „jawohl, Luft.“

„Klar doch“, entgegnete das Mädchen, „und Liebe.“ Damit gingen die beiden, herzlich lachend, weiter.

Kaum hundert Meter weiter begegnete er einem greisenhaften Mann in einem abgetragenen Uniformmantel, der, auf einen Stock gestützt, durch die Straßen schlurfte. Dieser Mann würde doch gewiss Zeit und Muße genug haben, um über die wesentlichen Dinge des Lebens nachzudenken. „Wissen Sie“, sprach ihn Felix Lohner deshalb rundheraus an, „wissen Sie eigentlich, was Sie am dringendsten brauchen?“

Der Alte blieb stehen, starrte ihn mit trüben Augen feindselig an, schüttelte unwillig den Kopf, hob drohend den Stock, ließ eine unvollständige Reihe gelber Zähne sehen und rief mit brüchiger Stimme: „Ich weiß nur, was du ganz dringend nötig hast, Bürschchen.“ Lohner, der sich nicht mit dem Alten anlegen wollte, entfernte sich rasch.

Schließlich erregte etwas Lohners Aufmerksamkeit, das ihn zum sofortigen Handeln herausforderte. Ein gepflegter Herr mit einer riesengroßen Einkaufstüte war eben im Begriff, in seinen dunkelblauen Mercedes einzusteigen, den er direkt vor einem Feinkostladen parkiert hatte. „Erlauben Sie“, sprach Lohner ihn an, „wissen Sie eigentlich, was Sie da tun?“ Der Angesprochene musterte ihn kurz. „Ich bin Ihnen“, entgegnete er eisig, „wohl keine Rechenschaft schuldig.“ Damit schickte er sich an, den Wagenschlag zu öffnen. Doch Felix Lohner war nicht gewillt, diesen Herrn so ohne weiteres ziehen zu lassen. Diesen Herrn nicht. Was erlaubte der sich eigentlich? Verpestete mit seiner Benzinschleuder die Luft. Konnte er nicht, wie andere Leute auch, wenigstens in der Innenstadt zu Fuß gehen?

Felix Lohner vertrat dem gepflegten Herrn den Weg. „Und ob Sie mir Rechenschaft schuldig sind“, erklärte er in sachlichem Ton, „immerhin ist es auch meine Atemluft, die Sie mit ihrem Schlitten verdrecken.“

„Reden Sie keinen Schwachsinn“, rief der graumelierte Herr aus, „gehen Sie sofort aus dem Weg, au-gen-blick-lich!“ Damit versuchte er, Felix Lohner vom Wagen wegzudrängen. Dabei geriet seine Einkaufstüte ins Rutschen und plumpste mit einem hässlichen Geräusch zu Boden. Augenblicklich färbte eine undefinierbare Flüssigkeit die Tüte dunkel. „Sehen Sie, was Sie angerichtet haben“, rief er mit schriller Stimme, „Sie, Sie…Hampelmann! Das werden Sie mir bezahlen.“ Damit stürzte er sich wie ein Ringkämpfer auf Felix Lohner, der, völlig überrumpelt, das Gleichgewicht verlor und in die Auslage einer Parfümerie stürzte. Es krachte, schepperte, klirrte – und Felix Lohner saß in einem Scherbenhaufen, aus dem ein vielfältig zusammengesetztes Gemisch der angepriesenen „Düfte für Engel“ zum Himmel stank. Unversehens fand Lohner sich von einem wahren Hexensabbat umgeben. Eine Horde Menschen umringte ihn, rief, schimpfte, fluchte, kreischte… Ehe er seine Lage recht begriffen hatte, standen zwei Polizeibeamte vor ihm, die ihn unwirsch aufforderten, mitzukommen. Von diesem Moment an zog er es vor, zu schweigen.

Felix Lohner war den Künsten des gewieften Dr. Seligman schließlich erlegen: Er hatte ihm die Ereignisse in groben Zügen geschildert. Dr. Seligman dachte einen Augenblick nach. Dieser Mann hier war in der Tat völlig normal. So normal, dass er bei einem für ihn außerordentlichen Ereignis mit einer ganz normalen Kurzschlusshandlung reagiert hatte. Dass sich dergleichen wiederholen würde, war unwahrscheinlich. Allerdings könnte der Mann, bliebe er für längere Zeit ohne sinnvolle Beschäftigung, durchaus dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten. Doch ihm kam da eine Idee…

„Hören Sie“, begann Dr. Seligman, „Sie kommen mir eigentlich wie gerufen. Das heißt, zumindest, wenn Sie wirklich arbeiten wollen, wenn Sie vielleicht eine ganz andere Arbeit auszuüben nicht abgeneigt wären…“

Felix Lohner blickte gespannt auf, antwortete jedoch nicht auf die etwas umständliche Einleitung.

„Es ist nämlich so“, fuhr Seligman fort, „dass wir für unsere Klinik jemanden suchen, der sich gewissenhaft um die Umgebung kümmert. Wir haben einen ganz hübschen Garten, massenhaft Sträucher, Hecken und jede Menge Bäume im Park. Die Bäume sind besonders wichtig, sie sind doch gewissermaßen die Erweiterung unserer Lungen, nicht wahr? Jedenfalls möchten wir, dass jemand die Anlagen wirklich pflegt. Wenn Sie also wollen, versuchen Sie’s doch einfach. Sie können ja nichts verlieren.“

Felix Lohner blieb stumm. Dr. Seligman fürchtete bereits, sein „Kunde“ könnte doch einer von den schwierigen Fällen sein. Doch dann sah er diesen Blick – da war ein Leuchten, ein Strahlen: Die Augen hatten „ja“ gesagt, lange bevor Felix Lohner seine Sprache wiederfand.

„Ja, ja…selbstverständlich, gerne…sehr gerne“, sagte er schließlich. „Es ist eine Fügung des Schicksals“, fügte er nachdenklich hinzu.

„Es ist ein Zufall, ein reiner Zufall“, stellte Dr. Seligman mit wissen­schaftlicher Nüchternheit fest. Und damit hatte er, wie Felix Lohner fand, natürlich recht. Es war ein Zufall, so rein, wie ihn wohl nur die Hand eines Erzengels herbeiführen konnte.


Und damit die Frage nach dem Zufall nicht so uneindeutig stehen bleibt, möchte ich die Diskussion mit folgendem Schlusswort beenden:

Zufall ist Zufall – so…oder so. 🙂

 


Klangbild:
Claude Debussy • Brouillards
(Préludes – deuxième livre, no. 1)

Célimène Daudet • Klavier

 

28 Gedanken zu “Ein reiner Zufall

  1. Ulrike Sokul sagt:

    Ich kann mich mit Albert Einsteins Aussage: „Der Zufall ist Gottes Weg, anonym zu bleiben.“ anfreunden. Ich habe schon einige „Zufälle“ erlebt, die sich so anfühlten.
    Und jemand, der Dr. Amandus Seligman heißt, muß ja schon für glückliche Fügungen zuständig sein. 😉
    Engelhafte Gutenachtgrüße von Ulrike

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    1. Random Randomsen sagt:

      Liebe Ulrike, mir gefällt diese bedachtsam-achtsam ausgewählte Formulierung „Ich kann mich mit Albert Einsteins Aussage … anfreunden.“ Es ist kein vollmundiges „Jawoll! So und nicht anders isses!“ Eher eine sympathiebeflügelt offene Annäherung. Eine angenommene Einladung, dem eigenen (Er)Leben sehr bewusst nachzuspüren und immer wieder neue Facetten aufzuspüren. Die daraus resultierenden Einsichten können dabei sehr unterschiedlich ausfallen – und das ist bestimmt kein Zufall.
      Mit schneeflockenleicht zufallenden Grüßen. 🙂

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  2. ninahagn sagt:

    Auf deine Geschichten freu ich mich immer ganz besonders, und zurecht. Ich mag diesen Punkt, dass ein ganz „normaler“ Mensch durch eine Situation, die ihn überfordert in einen Gedankengang getrieben, der eigentlich sehr logisch und schlüssig und sinnvoll ist (es IST paradox, dass wir Menschen uns um alles mögliche Gedanken machen, das essentiellste aber, die Luft, die wir atmen, systematisch zerstören) in ein Verhalten getrieben wird, das von außen in seiner eigenartigen Logik einfach nicht nachvollziehbar ist. Jeder Mensch trägt das Potential zum „Wahn“ in sich und manchmal muss man sich schon fragen, ob die „normalen“, die „angepassten“ nicht irgendwo die sind, die im Wahn leben, wenn man sich mal so anschaut an was für ein System sie sich da anpassen. Ist ein kleines Bisschen Wahnsinn nicht manchmal ein Zeichen psychischer Gesundheit?
    Was den Zufall betrifft. Alles ist Zufall, worauf es in so einem Fall aber, meiner bescheidenen Meinung nach, ankommt, ist die Deutung dieses Zufalls. Die Empfindung des schicksalhaften kann ja zu regelrechten Höhenflügen animieren. So gesehen kann das Schicksal, an das ich nicht glaube, auf psychischer Ebene doch sehr starken Einfluss gewinnen, selbst wenn man nicht daran glaubt (es kann sich ja trotzdem so anfühlen).

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    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für diese facettenreiche Resonanz. Meist werden in unserem Sprachgebrauch ja die gegensätzlichen Ausdrücke ’sinnvoll‘ und ’sinnlos‘ verwendet. Dabei meine ich (ohne Anspruch auf die beste Meinung), dass unser Leben sich vorwiegend in der graubunten Zone zwischen diesen Extremen abspielt. Sinnvoll oder sinnlos – beide sind, obwohl nicht grundsätzlich unmöglich, in den meisten Fällen Karikaturen der Wirklichkeit. Vor allem aber kann etwas Sinnreiches, wenn es sich nicht laufend weiter entwickelt, mit der Zeit sinnentleert werden. Die Fabrik ist ein Symbol dafür. Die war ja irgendwann mal neu und auf dem Stand der Technik. Aber weil man sie zu lange unverändert belassen hat, ist sie heute nur noch Schrott.
      Normalität ist zwar eine gesellschaftliche Basisingredienz – aber sie hat ihre gefährlichen Seiten. Einerseits, weil kollektiver Wahn im Gewand der Normalität unerkannt und scheinbar harmlos daherkommt. Und im individuellen Bereich, weil jemand, dessen Leben zu sehr auf Schienen verläuft, durch ein außerordentliches Ereignis oft komplett aus der Bahn geworfen wird.
      Was den Zufall betrifft. Alles ist ja irgendwie mit allem verknüpft und verbandelt – also haben wir (manchmal deutlicher und oft fast unmerklich) eine Hand mit im Spiel, in welche Richtung der Zufall fällt. Allerdings sollte man diesen persönlichen Einfluss auch nicht überschätzen. In diesem Sinne hätte ich mein Schlusswort auch so formulieren können: Zufall ist Zufall – mal so und mal so…

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      1. ninahagn sagt:

        Gut, wertende Begriffe befinden sich ja meist im Extrembereich, da zeigt sich vielleicht auch ein bisschen das Problem in der Sprache, das tatsächliche Leben abzubilden, denn ein Wort für jeden kleinen Graubereich jedes wertenden Begriffes, da käme ganz schön was zusammen. So beschränkt man sich eben auf das Abbilden der Extreme, die Graubereiche muss man dann im Zweifelsfall dazu erklären ^^.

        Es ist wohl oft ein gröberes Problem, wenn nicht „mit der Zeit gegangen“ wird, was ja nicht heißt, jede neueste Mode mitzumachen, wohl aber immer mal wieder kritisch zu hinterfragen, was noch „zeitgemäß“ ist und wo man sozusagen updaten muss, damit die Dinge gut funktionieren. Ein weiteres Beispiel ist die katholische Kirche, die nun wirklich sehr langsam und schleppend und wohl nie gänzlich im 21 Jahrhundert ankommt, es funktioniert, irgendwie, aber nicht GUT und Menschen leiden deswegen (wobei das natürlich nicht auf die Katholiken beschränkt ist, kommt eigentlich bei so gut wie jeder Glaubensrichtung vor).

        Normalität ist ja auch an sich ein Gewöhnungs- bzw. Anpassungsverhalten, was ja gut ist (ohne wären wir wohl längst ausgestorben) aber du hast schon recht, das kann eben auch sehr negative Konsequenzen haben.

        Klar, man beeinflusst ja selbst jeden Tag durch die eigenen Handlungen, was einem widerfährt, manches wird wahrscheinlicher, anderes unwahrscheinlicher.

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        1. Random Randomsen sagt:

          Interessanter Punkt mit dem Extrembereich der wertenden Begriffe. Ich sehe das auch so, dass die Sprache nicht alle Graustufen originalgetreu abbilden kann. Noch dazu, weil gewisse Formulierungen individuell mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen befrachtet werden. Gerade bei Wertungen habe ich aber oft die Beobachtung gemacht, dass die Wertenden in ihrem Urteil extremer sind, als es sprachbedingt sein müsste. Wie oft wird beispielsweise aus einer reinen Annahme, bei der ‚wahrscheinlich’ noch übertrieben wäre, ein ‚bestimmt’. Um es bildlich auszudrücken: Die Sprache bietet für 100 Graustufen vielleicht nur zehn Ausdrücke an – aber die Sprachnutzer entscheiden sich überhäufig für schwarz oder weiß.

          Von religiösen Institutionen verstehe ich ähnlich viel wie eine Katze vom Eierlegen. Deswegen verlagere ich die Problematik des mit-der-Zeit Gehens in den musikalischen Bereich. Ich habe viele Diskussionen um historische Aufführungspraxis älterer Musik erlebt. Ich mag es, wenn Musik auf historischen Instrumenten gespielt wird. Und ich finde es auch gut, dass man der Frage nachgeht, wie die Musik zu jener Zeit gespielt wurde. Aber man darf dabei nicht vergessen, dass im Publikum keine Menschen aus Bachs oder Mozarts Zeit sitzen. Würde man also das Klangbild der damaligen Zeit völlig originalgetreu reproduzieren, wäre das Erlebnis für die Hörerschaft ein ganz anderes als für das damalige Publikum. Durch äußerliche Sklaventreue zum Werk würde man dessen Geist verraten. Diesen Geist dem heutigen Publikum unverfälscht zu vermitteln ist letztlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber man kann versuchen, sich dem so gut als möglich anzunähern. Das verlangt ein hohes Maß an Integrität – und es wird von Fall zu Fall unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen. Da hat auch das Publikum eine Hand mit im Spiel. Sensible Künstler spüren oft: Für dieses Publikum muss ich das so und so spielen.

          Die Welt ist wahrscheinlich viel subtiler und vielfältiger verbunden als wir ahnen. Ich denke, dass da die moderne Physik in absehbarer Zeit noch ein (ge)wichtiges Wörterl mitreden wird. Ich glaube zwar eher nicht, dass ein Mensch immer für alles was ihm widerfährt selber verantwortlich ist. Aber ich meine anderseits, dass unser Mitwirken (und damit unsere Mitverantwortung) am Lauf der Welt umfassender ist, als wir uns dies vorstellen.

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          1. ninahagn sagt:

            Auch ein interessanter Punkt, auch wenn ich denke, dass es da durchaus zwei Richtungen gibt (natürlich wieder mit x Graustufen dazwischen ^^), diejenigen, die du genannt hast, die aus einem „wahrscheinlich“ ein „todsicher“ machen, vermutlich, um ihren Aussagen mehr Gewicht zu verleihen und diejenigen, die aus einem „sicher“ lieber ein „wahrscheinlich“ machen, weil sie sich nicht festlegen wollen. Ganz allgemein ist Objektivität (soweit sie sich mit den Möglichkeiten der Sprache beschreiben lässt) wohl eher selten im alltäglichen Gebrauch und leider auch im professionellen Umfeld oft vernachlässigt.
            Interessanterweise nutze ich in der Alltagssprache oft die Ausweichroute Mathematik (obwohl ich darin wahrlich keine Leuchte bin) und gebe vieles in Prozenten und Zahlenverhältnissen an. Da die nun eher geschätzt sind, sind sie von „objektiv“ allerdings auch recht weit entfernt ^^. So oder so, ob im Extrem oder auf detailierte Abbildung von Graustufen bedacht, gesteuert ist die Ausdrucksweise wohl immer von (bewussten oder unbewussten) Hintergedanken und Motiven.

            Bezüglich Musik fällt mir dabei (natürlich) die Strömung der Mittelaltermusik in der heutigen Zeit ein. Gerade da ist ein sehr bunter Mix aus Originaltreue und spielerischer Neuinterpretation (bis hin zur Vermischung mit elektronischen und digitalen Elementen) sehr verbreitet, was sie mir durchaus sympathisch macht. Ich denke, wie du, dass beides seinen Platz hat, die Annäherung ans Original, u.a. aus historischer Neugierde, und die Verspieltheit, die neue Richtungen schafft und ein Motor der Weiterentwicklung sein kann, vor allem dann, wenn beides ineinandergreift 🙂 .

            Das erinnert mich an eine Unterhaltung mit einer Chatbekanntschaft vor vielen, vielen Jahren. Die Bekanntschaft vertrat beinah schon radikal das System der Kausalität und schlussfolgerte daraus, dass wir als Menschen überhaupt keinen Einfluss auf unser Leben und unsere Umwelt haben, da alles von eben dieser Kausalitätskette komplett gesteuert ist. Sämtliche Versuche, dem Ganzen den Absolutheitsanspruch zu nehmen gingen ins Leere (dazu sei zu erwähnen, dass jene Bekanntschaft schwer depressiv war und diese Kausalitäts“verehrung“ vermutlich ein Zeichen von Kapitulation vor der eigenen Situation). Du hast durchaus recht, inwieweit wir Einfluss nehmen, bewusst und unbewusst, ist nicht eindeutig geklärt. Ein interessanter Punkt hierbei ist natürlich das Phänomen der Quantenzustände und der Einfluss des Beobachters darauf (aber ich gestehe ehrlich – so ganz verstanden hab ich das noch nicht). Freier Wille und „Entscheidungsfindungszeit“ in unseren Muskeln und Nerven ist auch so ein Punkt (Nervenreaktionen finden ja im Prinzip schneller statt als die bewusste Entscheidungsfindung, wobei da „bewusst auch wieder eine Definitionsfrage aufwirft – ist jetzt nicht speziell akurat dargestellt, ist eine Weile her, dass ich mich damit beschäftigt hab ^^). Meine Einstellung dazu ist (angelehnt an das Prinzip der Multiversen) dass jede unserer Aktionen (und auch die jedes Tieres, Blattes, Bakteriums…) eine unendliche Reihe an möglichen Reaktionen in Gang setzt (manche davon in unserem Universum, manche in so neu gebildeten anderen). Inwieweit da technisch gesehen von Verantwortung gesprochen werden kann bleibt festzulegen. Ganz praktisch gesehen ist es jedenfalls so oder so keine schlechte Idee, für seine eigenen Taten Verantwortung zu übernehmen, sich aber auch nicht für alles, was einem widerfährt verantwortlich zu fühlen. Und aus seinen Fehlern zu lernen ist sicher auch keine blöde Herangehensweise ^^.

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            1. Random Randomsen sagt:

              Was für ein schöner, facettenreicher Kommentar. 🙂
              Die Sache mit den zwei Richtungen hat was. Wobei Untertreibungen tendenziell wohl weniger leicht zu erkennen sind als Übertreibungen. Bei Letzteren ist zudem die Inflation ein Problem. Wer oft genug ‚wahrscheinlich’ oder gar nur ‚vielleicht’ als ‚todsicher’ ausgegeben hat, wird sich damit abfinden müssen, dass man seine Aussagen immer ein wenig ‚herunterrechnet’.
              Die Zahlenmethode finde ich nicht unklug, weil sie doch recht differenzierte Abstufungen ermöglicht. Übrigens verlieren auch präzise berechnete Zahlen diesen Nimbus des Absoluten, sobald man darüber sprechen will, was diese Zahlen denn zu bedeuten haben.
              In der Musik haben wir heute die erfreuliche Situation, dass junge, sehr gut ausgebildete Musiker sowohl den Wurzeln nachgehen als auch Neues ausprobieren. Da wird sicher noch einiges an Bewegung in die älteren Musikrichtungen kommen (wobei darunter auch kurzlebige Modeströmungen sein werden).
              Bei einer schweren Depression stehen wir vor der heiklen Frage: Hat die radikale Kausalitätsgläubigkeit dazu beigetragen – oder dämpft es die Unerträglichkeit? Vielleicht sogar beides kombiniert.
              Mit Begriffen wie Verantwortung (oder in der Folge auch Schuld) muss man extrem vorsichtig sein. Auch hier herrscht ein auffallender Hang zum Extremismus. Viele Menschen blenden ihre Mitverantwortung an Dingen des Weltgeschehens zunächst einmal sehr geschickt aus. Und hier meine ich wirklich Mitverantwortung – denn wenn es um unsere Lebensweise (und nicht zuletzt unser Konsumverhalten) geht, oder auch Äußerungen im öffentlichen Raum, ist der Ausdruck Verantwortung schon angebracht. Auf der anderen Seite kann ein einzelnes Ereignis urplötzlich maßlose Schuldzuweisungen nach sich ziehen: Du bist (oder ich bin) an ALLEM Schuld.
              In anderen Bereichen ist unser Einfluss weniger offensichtlich. Aber man kann dem sehr gut nachspüren (ohne dabei zwingend von Verantwortung zu sprechen). Es ist ja auch nicht so eindeutig geklärt, inwieweit sich ein Individuum vom Ganzen abgrenzen lässt. Vielleicht sind wir wirklich wie Wassertropfen im Meer – mehr Meer als einzelne Tropfen. Und nur unsere Sichtweise macht, dass wir uns als einzelnen Tropf(en) wahrnehmen.

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            2. ninahagn sagt:

              Das ist wohl wahr, auch ich kenne den einen oder anderen, bei dem ich etwas „runterrechnen“ muss, diejenigen, die eher untertreiben, sind da schwerer einzuschätzen.

              Man sehe sich einfach mal eine Statistik an und dann deren Grundlagen ^^ da z.B. ist nicht immer alles „absolut“, statistische Unschärfe kann, so klein sie wirken mag, im Großen doch wieder große Auswirkung haben. Andererseits hat Statistik auf das Individuum auch ganz anderen Einfluss als auf große Gruppen, z.B. die statistische Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes ist wohl wenig tröstlich für den, der neben den brennenden Triebwerken sitzt.

              Dann darf man ja auf einiges hoffen, was die Musik betrifft 🙂

              Als ich ihn kennenlernte war er ja schon in dieser Spirale drin, mit Sicherheit kann mans also nicht sagen. Ich denke es ist natürlich beides möglich. Im Prinzip kann es sogar eine Art Selbstgeißelung darstellen, je nachdem, wie es ausgeprägt ist.

              Das mit der Verantwortung ist natürlich bei der Menge an Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen, ein schwieriges Thema, die Möglichkeiten, verantwortungsvoll zu leben so vielseitig wie die Dinge, an denen man irgendwo mitschuld ist. Das kann ganz schön überfordern. Da die Scheuklappen anzulegen ist eine zwar unkluge, aber verständliche Reaktion. Der Spagat, soweit verantwortungsvoll zu leben, wie es die Umstände ermöglichen und sich dennoch nicht von dem Bewusstsein übermannen zu lassen, dass man noch viel mehr tun könnte, ist kein so einfacher.
              Das mit den Schuldzuweisungen, oh ja… vor allem in Beziehungsdingen wird das gern mal zum Selbstläufer ^^. Durch Erfahrungen in Kindheit und Jugend bin ich kein großer Fan von Schuldfragen, weil sie oft der Problemlösung vehement im Wege stehen. Es entstehen Diskussionen, wer woran wieviel schuld ist und das artet oft so aus, dass man gar nicht dazu kommt, Lösungsansätze zu formulieren, weil das soll ja dann der „Schuldige“ tun sollte (Stichwort: Verantwortung).

              Unser Einfluss aufeinander äußert sich ja sehr offensichtlich in der Gruppendynamik. In großen Gruppen mit gemeinsamen Zielen verhält das Individuum sich ja ganz anders als alleine, die Hemmschwelle ist geringer, die Emotionen sind verstärkt, das Wir-Gefühl, im Guten wie im Schlechten, steuert unser Verhalten zumindest mit. In der Gruppe werden wir also tatsächlich wie Tropfen im Meer.

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            3. Random Randomsen sagt:

              Neben einer individuellen Tendenz zu Über- oder Untertreibungen gibt es ja auch noch sprachliche Eigenheiten. Manche sagen ’nicht schlecht‘ bei Dingen, die sie ganz hervorragend finden. Nicht im Sinne einer bewussten Untertreibung, sondern einfach aus Gewohnheit. Und bei anderen bedeutet ’super‘ eigentlich nicht viel mehr als ’naja, geht so‘.
              Wie wenig die Einzelperson von statistischen Wahrscheinlichkeiten hat, zeigt sich deutlich bei sehr seltenen Krankheiten. Die Krankheit kann noch so selten sein – wer davon betroffen ist, ist deshalb nicht weniger krank. Noch dazu gibt es bei seltenen Krankheiten auch oft keine erprobten Therapien.
              Nicht nur aber auch bei Depressionen sind ja Ursachen und Wirkungen oft schwer voneinander zu trennen. Eine Depression kann beispielsweise körperliche Beschwerden verursachen – es kommt aber auch vor, dass ein körperliches Problem die Ursache der Depression ist. Und wer das Vertrauen ins Leben erst einmal gründlich verloren hat, ist übel dran.
              Mit Verantwortung muss man sich ja auch nicht das Leben unlebbar schwer machen. Ein guter Ansatz kann es sein, immer mal wieder innezuhalten und sich zu fragen: Was tue ich da eigentlich? Meist spürt man dann – ohne dass man alle Details und Zusammenhänge kennt – ob man auf dem richtigen Weg ist.
              Ein ganz übles Beispiel für Gruppendynamik ist der Mob. Ich habe oft provokativ die Frage gestellt: Wer ist schlimmer? Ein Dieb oder einer, der nur deshalb nicht stiehlt, weil er Angst vor einer Strafe hat? Meine These war immer, dass Letzterer charakterlich ärmer ist, weil er zwar genau so kriminell gesinnt ist, wie der Dieb, aber zusätzlich noch feige ist. Dennoch meine ich, dass im täglichen Leben die positive Gruppendynamik überwiegt. In vielen Lebensbereichen gibt es immer wieder Teams, die sich gegenseitig beflügeln. Dazu gehört für mich übrigens auch die wechselseitige Inspiration in WP-Blogs. 🙂

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            4. ninahagn sagt:

              Und wie dann die jeweilige sprachliche Eigenheit ankommt ist auch wieder eine ganz eigene Frage, denn da mischt sich natürlich auch rein, wie man selbst Sprache benutzt, z.B. meint einer mit „cool“ vielleicht wirklich genau das, während der Empfänger es sonst eher wie „ganz nett“ benutzt, wie kommt nun dieses cool gemeinte „cool“ bei ihm an?
              Allerdings, gerade seltene Krankheiten sind ein fantastisches Beispiel dafür (zum Glück stört es mich ja nicht, aber Therapien für Visual Snow? Fehlanzeige, viel zu selten ^^)
              Das ist natürlich sehr wahr und überhaupt hängen ja das Physische und das Psychische sehr eng zusammen, wie man zum Glück mehr und mehr erkennt und ganz, ganz langsam auch in die medizinische Praxis einfließen lässt.
              Bezüglich Verantwortung sind wir glaub ich langsam bei einem klaren Konsens angelangt ^^
              Gruppendynamik, wie alles, hat natürlich zwei Seiten. Die Frage mit dem Dieb ist interessant. Ich glaube, dass sie so einfach nicht zu beantworten ist, denn die Hintergründe für die Tat (bzw. den Wunsch zur Tat) sind so vielseitig, bleiben dabei aber außen vor. Im Grunde zustimmen (auch wenn ich nicht weiß, ob ich mich mit dem Ausdruck „charakterlich ärmer“ anfreunden kann) kann ich dir in den Fällen, in denen das Adrenalin, der Nervenkitzel prioritär ist. Steht wiederum Armut an vorderster Stelle sehen die Dinge schon wieder anders aus. Auf den Mob bezogen dürfte aber der Fall mit dem Nervenkitzel häufiger vertreten sein.

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            5. Random Randomsen sagt:

              Bei sprachlichen Eigenheiten kommt ja irgendwo auch wieder die Gruppendynamik ins Spiel. Innerhalb bestimmter Szenen gleichen sich die verschiedenen Ausdrucksweisen einander an. Ausdrücke wie ‚krass‘, ‚fett‘, ‚cool‘ oder Ähnliches lassen sich dann einigermaßen einordnen. Ich habe auch schon ‚krank‘ als absoluten Positiv-Superlativ gehört. Manche Formulierungen bürgern sich ja mit der Zeit auf ziemlich breiter Ebene ein. Wenn du heute sagst, dass ein Konzert ‚der Wahnsinn‘ war, wissen die meisten Leute in etwa, was gemeint ist. Obwohl Wahnsinn, gemäß Duden, so viel bedeutet wie ‚psychische Störung‘ oder ‚grenzenlose Unvernunft‘.
              Visual Snow ist ein gutes Beispiel. Aber stell dir mal vor, es würde dich zum Wahnsinn (!) treiben. Halleluja! :/
              Die Dieb-Frage ist natürlich letztlich unbeantwortbar, weil es immer zu viele unbekannte Größen gibt. Aber „charakterlich ärmer“ ist eine Formulierung mit erfrischend provokativer Wirkung. Mir geht es damit eigentlich in erster Linie darum, dass man sich manchmal auf eine (juristisch gesehen) weiße Weste nicht allzu viel einbilden sollte. Ich will nicht zwanghaft Verbrecher weißwaschen und brave Bürger schweinehundisieren. Aber in den Graustufen der Realität sind die krassen Gegensätze der Schwarzweiß-Seher eben manchmal nur Nuancen. Interessant finde ich, dass uns die Sprache hier entlarvt. Man redet beispielsweise von Schwarzweiß-Fotos. Ich bin jetzt extra mal kleinkariert und sage: Ich habe noch NIE ein Schwarzweiß-Foto gesehen. Und selbst dort, wo es wirklich nur schwarz oder weiß gibt, ist das nicht das alleinige Kriterium. Etwa beim Klavier: Wenn es um die Klangfarbe geht, ist schwarz oder weiß nicht von Bedeutung. Die Töne der weißen Tasten klingen nicht heller als diejenigen der schwarzen. 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Merci. Das freut mich sehr. Eine faszinierende Komposition in einer sehr ansprechenden und überzeugenden (wohltuend untautologischen) Interpretation. Das Klangbild soll tatsächlich die Geschichte miterzählen – es ist schön, dass das so rüberkommt. 🙂

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        1. Random Randomsen sagt:

          Die Idee, mit Bildern und Klangbildern zusätzlich zum Text etwas auszudrücken, war ja auch nicht von Anfang an da. Zunächst waren da Textbeiträge mit Text und Musikbeiträge mit Musik. Basta. Erst nach ca. 25 Beiträgen kam diese Idee, Bilder und Klänge zu verwenden – und zwar nicht als rein dekorative Elemente, sondern als vollwertige Mitglieder des jeweiligen Beitrags. Daraufhin habe ich sogar einige Beiträge nachträglich bebildert und beklangbildert (aber noch immer nicht alle).

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          1. ninahagn sagt:

            Find ich jedenfalls eine sehr interessante Herangehensweise, solltest du auf jeden Fall beibehalten und vertiefen, das macht das Leseerlebnis multimedialer und vertieft vielleicht auch die Auseinandersetzung mit dem Gelesenen 🙂

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            1. Random Randomsen sagt:

              Für mich ist es wichtig, weil ich ohnehin viele Dinge in Klang ‚übersetze’. Und auch wenn nicht immer das optimale Klangbild verfügbar ist – es kann doch dem Inhalt des Textes eine zusätzliche Dimension verleihen und vor allem auch ein Hinweis darauf sein, beim Text nicht zu sehr an der wortwörtlichen Oberfläche kleben zu bleiben.

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            2. ninahagn sagt:

              Ja, genau, an das Mädchen erinnerst du mich, was auch sonst ;-P
              Ich glaube ich bin akut zu viel im Stress dafür, weit bin ich noch nicht gekommen, aber mal sehen, im Grunde denke ich, dass es ein Buch ist, das mir sehr gut gefallen könnte.

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            3. ninahagn sagt:

              Seh ich auch so, habs jetzt erst mal vertagt und les erst mal Vonneguts „Player Piano“, da tu ich mir akut leichter. Zum stillen Mädchen kehr ich zurück, wenn ich wieder den Kopf dafür hab (macht ja keinen Sinn und zerstört am Ende nur die Freude daran, sich durchzuquälen)

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            4. Random Randomsen sagt:

              Ich habe damals auch nach weniger als 100 Seiten abgebrochen und mehr als ein halbes Jahr später wieder von vorn angefangen. Es braucht einfach ausreichend Zeit und etwas freien Speicherplatz unter der Schädeldecke. 🙂

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  3. PPawlo sagt:

    Eine Frage, die ich mir schon länger stelle und die für mich gut unter diesen Artikel passt:
    Random heißt im Englischen ja auch Zufall.
    Nennst du dich deswegen Random Randomsen?
    Möge dir eine gute Woche zufallen;)!

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    1. Random Randomsen sagt:

      Berechtigte Frage. Dieser Name war nicht unbedingt geplant. Eigentlich hatte ich mir für meinen neuen Blog einen kurzen, prägnanten Namen gewünscht. Aber meine Wunschnamen waren allesamt bereits vergeben. Irgendwann reichte es mir, und ich dachte: da kann ich genau so gut einen ‚random‘ Namen wählen. Aus diesem Gedanken heraus ist Random Randomsen letztlich entstanden.
      Auch dir wünsche ich eine von glücklichen Zufällen bereicherte Woche. 🙂

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