Wir sind Vogelbauer

Hm. Wir sind Vogelbauer? Dieser Satz mag, das kann ich verstehen, etwas seltsam wirken. Aber er ist sprachlich und inhaltlich korrekt, was man ja von vergleichbaren Sätzen nicht immer behaupten kann. Das Wort Vogelbauer kann als obsolet gelten. Und da orte ich erwachendes Interesse. Obsolet? Man weiß zwar nicht ganz genau, was das bedeutet. Aber es klingt irgendwie schlüpfrig. Ist bestimmt irgend ein Schweinkram. Pfui Teufel, wie herrlich! Aber da meldet sich die Logik (die olle Querulantin) und wendet ein: Wenn’s ein Schweinkram wär‘, würde man’s doch längst kennen. Auch wieder wahr. Recht hat sie halt sehr oft, die Logik – diese alte Querulantetante… 

Das Wort Vogelbauer kann durchaus sehr unterschiedliche Assoziationen wecken. Ich helfe hier mit einer Beschreibung meiner eigenen Vorstellungen gerne der individuell-kreativen Assoziationserweckung ein wenig nach.

Beim Wort Vogelbauer tauchen vor meinem inneren Auge Berufsbilder auf. Beispielsweise der Vogelbauer. Oder der Vogelbauer. Da diese beiden als rein sprachliche Bezeichnung identisch ausschauen, kann es klug sein, sie etwas näher zu beschreiben. Und – falls jemand das noch nicht bemerkt haben sollte – klug sein ist mein Markenzeichen (und so tun als ob…mein zweiter Vorname).
Also beschreibe ich.

Da wäre zunächst der Vogelbauer. Also einer, der Vögel baut. Es gibt doch Millionen und Abermillionen von Vögeln. Und irgendwo müssen die ja herkommen. Und selbst bei einem – zumindest im Vergleich zu einem Vogel – simplen Flugobjekt wie einem Flugzeug gilt ganz selbstverständlich: Jemand muss das Teil bauen. Es gibt zwar immer wieder so Kram zum Selberbauen. Aber solcher Plunder baut sich nie und nimmer selber. Ich hatte mal ein Selbstbau-Modellflugzeug. Gut zureden, drohen, schimpfen…nix hat geholfen. Das blöde Viech hat sich partout nicht selbst gebaut. Geflogen ist das Ding letztlich dennoch. In den Müll. Ungebaut. Die meisten Vögel dieser Welt fliegen dagegen wirklich. Aber sowas von… Also muss die auch jemand gebaut haben. Die wachsen doch nicht einfach so aus dem Boden. Oder?

Man könnte sich unter der Bezeichnung Vogelbauer durchaus jemanden vorstellen, der Vögel anbaut. Es gibt doch Gemüsebauern, Weinbauern, usw. Ein Vogelbauer wäre da eine wunderbare Ergänzung. Ich stelle mir das sehr attraktiv vor. Wenn man beispielsweise an einem im Sommerwind wogenden Papageitaucherfeld vorüberspazieren könnte. Im Hintergrund ein Schwanensee… Andere stellen sich das vielleicht auch sehr attraktiv vor und denken: ‚Wow! Einer, der sein Geld mit Vögeln verdienen kann. Wie geil ist das denn?‘ [Sind wir schon wieder in der Ecke? Der Geist des Schweinkrams ist ein zähes Luder…]

Manche Assoziationen sind aber schlichtweg Illusionen. Und wer seine Illusionen lieb hat, tut gut daran, zur realen Welt einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Denn die böse Welt kann jede noch so heiß geliebte Illusion eiskalt zerfetzen und dabei – sozusagen als Kollateralschaden – im gleichen Zug ganze Weltbilder zum Einsturz bringen. Manchmal holt einen die reale Welt trotz Sicherheitsabstand wieder ein. Und genau das geschieht hier durch das zweite Berufsbild.

Denn der landwirtschaftliche Bauer hat mit dem Vogelbauer durchaus etwas zu tun. Inwiefern? Um diese Frage zu beantworten kann es klug sein, das Wort Bauer etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Warum heißt der Bauer Bauer? Auf den ersten Blick scheint die Sache einfach. Bauern betreiben beispielsweise Ackerbau, Weinbau, Gemüsebau… Sie bauen etwas an. Daher der Name. Aha.
Aber Bauern können auch Tiere züchten. Und da redet man ja nicht von Rinderbau, Ziegenbau, etc.  

Die Frage ist also gar nicht ganz so leicht zu beantworten. Möglicherweise hat man genau deshalb versucht, uns Wörter wie Agronom oder Landwirt unterzujubeln. Diese Bezeichnungen hätten – so der Plan – den Bauern meuchlings aus unserem Sprachgebrauch entfernen sollen. Und wird ein Wort nicht mehr benutzt, fragt erfahrungsgemäß auch kaum jemand mehr nach der Herkunft. Aber da hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Den LandWirt, in diesem Fall. Denn der bezeichnet sich nach wie vor am liebsten als Bauer. Und damit bleibt die Frage nach der Herkunft des Wortes unverändert aktuell.

Ich versuch’s jetzt einfach mal mit einem Trick, der schon mehrfach funktioniert hat. Schauen wir nach, wie der Bauer in anderen germanischen Sprachen genannt wird. Zunächst ein Blick auf die nordischen Länder. Das Bild ist übersichtlich: bonde (DK, NO, SE) bzw. bóndi (IS). Und speziell beim Isländischen kann man sich darauf verlassen, dass sich ein gleich lautendes oder ähnliches Wort bereits im altnordischen Sprachschatz befindet. Und tatsächlich – der bóndi war in der ursprünglich-altnordischen Bedeutung der über einen eigenen Wohnsitz verfügende freie Mann. Und diese Bezeichnung ging zurück auf das ebenfalls altnordische búa (wohnen). Und hier finden wir die Parallele zu unserem Bauern. Der geht nämlich von althochdeutsch gibūro über mittelhochdeutsch (ge)būre auf das Wort būr (Wohnung) zurück. Damit wird schon mal klar, warum der Vogelkäfig auch Bauer genannt wird. Und da wird auch die Verwandtschaft zum Bau erkennbar, wie ihn (nicht nur) Dachse und Füchse bewohnen.

Dieses altnordische búa ist verwandt mit dem althochdeutschen būan, das eine ganze Reihe von Bedeutungen hatte (bauen, wohnen, bewohnen, anbauen). Wir sehen also: Diese ganze Suppe kommt aus einem einzigen Topf. Und darin schwimmt unter anderem auch der englische Ausdruck husband. Der wiederum geht nämlich zurück auf altenglisch hūsbonda, zusammengesetzt aus hūs (Haus) und būan (wohnen, bewohnen).

Und damit schließt sich der Kreis. Die meisten von uns haben einen Wohnsitz. Und die meisten von uns haben auch einen Vogel. Die einen, weil sie nicht ganz normal sind – und die ganz Normalen haben ja erst recht einen Vogel. 

Vor diesem Hintergrund wird klar: Wir sind Vogelbauer.
[Sag ich doch.]

P.S.: Irgendwie unheimlich ist mir die reale Welt schon. Wenn selbst in meinen zwei an den Haaren herbeigezogenen Vogelbauer-Assoziationen noch ein Bezug zur Realität steckt. 


Klangbild: CHESS • Pity the Child
Musik und Text: © Benny Andersson • Tim Rice • Björn Ulvaeus
Gesang: Murray Head • Anders Ekborg (på svenska)


Titelbild: Fugleskremsel • © Random Randomsen

 

 

 

6 Gedanken zu “Wir sind Vogelbauer

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. Die Einfälle sprudeln seit eh und je reichlich. Sie irgendwie in eine brauchbare Form zu fassen ist eine andere Geschichte. Jedenfalls freue ich mich sehr, wenn das ansprechend (und erheiternd) rüberkommt.

      Gefällt mir

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank. Diese Thematik wollte ich schon länger mal in einen Beitrag packen. Das fand ich ganz spannend, dass da eine recht große Wortfamilie in einem gemeinsamen ‚Bau‘ beheimatet ist. Manchmal liefert eben der Blick über die eigene geschlossene Anstalt hinaus das passende Stichwort… 😉

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