Erdmutter

Der heutige Beitrag ist einzig und allein einer Berufsbezeichnung gewidmet. Das wirkt vielleicht nicht besonders spektakulär. Und es dürfte wohl auch kein besonders ergiebiges Thema sein. Viele dieser Begriffe erzählen in einem einzigen Wort, womit die Berufsausübenden sich bei der Ausübung eben dieses Berufes befassen. Ein Krankenpfleger pflegt Kranke. Eine Schneiderin schneidert. Ein Schuhmacher macht Schuhe. Eine Lehrerin lehrt. Ein Ingenieur…äh…egal… So weit, so langweilig. Hin und wieder gibt es zwar Bezeichnungen, denen eine spezielle Aura anhaftet. Chauffeur beispielsweise ist eine visionäre Bezeichnung. Sie stammt aus dem Französischen – und zwar von ‚chauffer‘ (heizen). Der Chauffeur war also ursprünglich der Heizer. Dieser Begriff stammt aus der Zeit der dampfbetriebenen Fahrzeuge. Und ohne den Heizer, der kräftig Kohlen schaufelte und damit dem Dampfkessel einheizte, wären die Fahrzeuge nicht weit gekommen. Die Zeiten sind längst vorbei. Und die Bezeichnung ‚Chauffeur‘ könnte irgendwie überholt wirken. Aber ein Chauffeur lässt sich nicht gern überholen. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass auch die heutigen Chauffeure (ob sie dies nun beruflich betreiben oder nicht) noch als Heizer gelten können – nur heizen sie heute das Klima auf. Man hat also dem ursprünglichen Ausdruck eine neue Dimension verliehen. Und genau diesen Gedanken der neuen Dimension nehmen wir jetzt einfach einmal mit auf die heutige Reise. Und damit bin ich also – obwohl es zwischenzeitlich ganz danach hätte ausschauen können – mit dem Chauffeur doch nicht vom Thema abgekommen.

Aber so langsam stellt man sich vielleicht schon die Frage: Was hat der Titel mit einer Berufsbezeichnung zu tun. Erdmutter befindet sich jedenfalls nicht in den Top 10 der Berufswünsche. Esoteriker werden den Begriff vielleicht im Sinne einer Erdgöttin auffassen, was ja nicht unbedingt als Beruf angesehen werden kann. Obwohl es durchaus ein attraktiver Berufswunsch sein könnte, Göttin zu werden. Baumarktophile Zeitgenossen dagegen könnten auf die Idee kommen, es handle sich um eine Mutter, mit der die Erde auf der Erdachse befestigt wird. Auf den ersten Blick hat das was für sich. Man stelle sich das nur mal bildlich vor: Die Erde würde von ihrer Achse runterflutschen und irgendwo in den Tiefen des Weltalls verschwinden. Es könnten allerdings auch die Höhen sein – weil man bei diesem bescheuerten Universum ja eh nie recht weiß, was jetzt oben und was unten ist. Aber die Erde scheint ganz offensichtlich keiner technischen Befestigung zu bedürfen. Und überhaupt – dieses technische Teil aus dem Baumarkt ist ja sowieso kein Beruf. Aber es gibt schon wieder einen Hinweis auf den Beruf der Erdmutter. Wie sehr ich auch versuche vom Thema abzukommen – es will einfach nicht gelingen. Denn die Schraubenmutter hat ihren Namen daher, weil sie eben die Schraube umschließt wie ein Mutterschoß das werdende Kind.

Nun befinden wir uns also, zumindest gedanklich, im Mutterschoß. Und ein solcher Aufenthalt kann naturgemäß kein Dauerzustand sein. Irgendwann wird es also höchste Zeit, diesen Mutterschoß zu verlassen. Und genau hier hat unsere Titelheldin ihren großen Auftritt. In der deutschen Sprache wird sie meist Hebamme genannt. Diese Bezeichnung klingt für uns heute möglicherweise etwas wunderlich. Aber der Ausdruck hat einen ganz und gar praktischen und verständlichen Hintergrund. Er stammt aus einer Zeit, in der die meisten Frauen ihre Kinder auf dem Erdboden gebaren. Und auch an eine professionelle Geburtshelferin war damals kaum zu denken. DIY war angesagt. Also hat eine ältere Verwandte die notwendige Unterstützung geleistet (notwendig war hier durchaus wörtlich zu verstehen – die Not abwenden). Und die hat denn auch das Neugeborene vom Erdboden aufgehoben. Daher stammt die althochdeutsche Bezeichnung hevanna.
hevan = heben
ana = Ahnin
Die (ungerechtfertigte) Umdeutung zur Hebamme erfolgte erst später.

Einen vergleichbaren Hintergrund wie die hevanna haben auch die norwegische jordmor oder die dänische jordemo(de)r. Und hier kommen wir jetzt also endgültig zur Erdmutter. Denn obwohl dem Ausdruck ganz prosaisch dieses Hochheben eines Neugeborenen vom Erdboden zugrunde liegt, hat er letztlich einen poetischen Unterton.
jord = Erde
mor = Mutter
Also Erde & Mutter = Erdmutter

Ich könnte mich sehr damit anfreunden, wenn die Erdmutter als Synonym für Hebamme in der deutschen Sprache verwendet würde. Für mein Sprachempfinden klingt die Hebamme doch irgendwie verdächtig nach Baumarkt. Schwer zu erklären. Aber es klingt nicht gut. Es fühlt sich im Mund nicht gut an. Es schmeckt nicht gut. Es degradiert die Frauen mit ihrem schönen und wichtigen Beruf zu einem Werkzeug. Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Kind bei dem traumatischen Erlebnis, die Geborgenheit des Mutterschoßes zu verlassen, von den kundig-fürsorglichen Händen einer Erdmutter in Empfang genommen wird. Und es würde auch die menschliche Komponente in einem zunehmend technisierten Umfeld betonen. Man würde also auch einem Ausdruck – und diesmal sogar im positiven Sinn – eine neue Dimension verleihen. 

Um diese Ausführungen abzurunden möchte ich einen liebevollen Gedanken an eine jordmor mit dem schönen Namen Liv senden. Liv musste leider ihren Beruf aufgrund einer heimtückischen Krankheit viel zu früh aufgeben. Der Vorname kann unterschiedlich gedeutet werden. Aber nach aktuellem Wortschatz bedeutet ‚liv‘ Leben. Kann es eine schönere Kombination geben, als eine Erdmutter die Leben heißt?


Klangbild • Herborg Kråkevik • Den fyrste song
play-herborg-fyrstesong
Text • Per Sivle 
Melodie • Lars Søraas

Alternative Interpretation von Nina Pedersen (Gesang) und Carlo Cossu (Violine)
play-nina-fyrstesong

 

 

8 Gedanken zu “Erdmutter

  1. Ulrike Sokul sagt:

    Deine klimatischen und erdigen Worterkundungen sind tiefinteressant und zugleich herrlich amüsant.
    Es ist eine Freude, Dich zu lesen!
    Deine musikalische Kostprobe konnte ich leider nicht abrufen, da sie in Deutschland nicht freigeschaltet ist.
    Es erscheint dann folgender Text auf YT: “ Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es Musik von UMG enthalten könnte, über deren Verwendung wir uns mit der GEMA bisher nicht einigen konnten.“
    Das ist übrigens bei einigen Deiner Musiklinks der Fall 😦

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Herzlichen Dank für dein wunderbares Feedback zu meinem Text. Es freut mich sehr, wenn ich höre, dass meine Absichten auch rüberkommen. Es kann ja leicht passieren, dass der Humor überbordet und ins Alberne abdriftet. Oder dass man mit den verschiedenen Informationssträngen ein grauenhaftes Gewirr anrichtet.
      Die Sache mit den Musiklinks ist in vielfacher Hinsicht vertrackt. Manche funktionieren einfach auf mobilen Geräten nicht. Manchmal ist das Problem länderspezifisch. Und manche Musikindustrieriesen scheinen ziemlich rigoros Inhalte ihrer Sklaven zu blockieren. Da funktioniert ein Link vielleicht einige Wochen – dann ist aus die Maus. -_-
      Für das Klangbild zur Erdmutter habe ich inzwischen noch eine ebenfalls sehr ausdrucksstarke Aufnahme anderer Künstler (sicherheitshalber auf Soundcloud) verlinkt.

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für deine einfühlsame Resonanz. 🙂
      Eben so schön wie ‚jordmor‘ ist übrigens auch die isländische Bezeichnung: ljósmóðir (ljós = Licht; móðir = Mutter). Das ist das Schöne an der Sprachenvielfalt in unserer Welt. Sie ermöglicht immer wieder neue EinSichten. 🙂

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      1. sternenkind11 sagt:

        Von Herzen gerne :-). Mich berührt die isländische Klangschwingung sehr. Licht-Mutter, wie zauberhaft. Jede Sprache stellt für mich einen Aspekt eines riesig großen Mosaiks dar und jedes strahlt und schwingt ein klein wenig anders, so dass sich in der Gesamtheit ein reicher Ein-Klang ergibt. Danke für die Erweiterung meines sprachlichen Horizonts :-)!

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        1. Random Randomsen sagt:

          Das Bild des Sprachenmosaiks gefällt mir ausgezeichnet. Erstens, weil darin zum Ausdruck kommt, dass jede Sprache einen einzigartigen und unverzichtbaren Aspekt eines größeren Ganzen darstellt. Und zweitens, weil es auch zeigt, dass man hin und wieder die eigene Sprachschublade verlassen muss, um ein sinnvolles Bild zu erkennen.
          Die (e)isländische Sprache hat eine besonders kraftvolle Schwingung, weil sie sehr ausgeprägt ihre Ursprünglichkeit erhalten hat. Die altnordischen Wurzeln treten hier deutlicher hervor als bei anderen nordischen Sprachen (mit Ausnahme des Färöischen). Es gibt zwar – der wandelnden Umwelt folgend – ständig neue Wörter. Aber der Grundcharakter ist unverändert und zahlreiche Ausdrücke werden heute noch so gesprochen wie vor über 1’000 Jahren.
          Hier noch ein schönes Klangbeispiel:

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