Trennungsschmerz II

Allegro barbaro

E-Books sind eine gnadenlos nützliche Sache. Keine Frage. Wer allerdings zur Sprache und/oder zu Büchern ein eher herzliches Verhältnis pflegt, wird mit diesem zukunftsträchtigen Format einige verteufelte Überraschungen erleben.

Von der Idee her sind die E-Bücher eine geniale Sache. Hunderte von Titeln finden Platz in einem Gerät von der Größe eines Lyrik-Bändchens (wer häufiger auf Reisen ist oder öfters umzieht wird sich darüber freuen). Man verfügt über eine Suchfunktion, kann Markierungen und Notizen anbringen (und nötigenfalls ganz einfach wieder löschen), Wörter lassen sich direkt nachschlagen und bei Bedarf lassen sich Zitate ganz einfach kopieren. Schriftart und Schriftgröße lassen sich den eigenen Bedürfnissen entsprechend anpassen. Auch die Ausleihe bei Büchereien wird vereinfacht. Und wer oft Bücher importiert wird das Format erst recht zu schätzen wissen. Und damit haben wir die Möglichkeiten und Vorteile erst oberflächlich tangiert.

Trotzdem macht sich in der Praxis an einigen Stellen der Trennungsschmerz unliebsam bemerkbar. Das sinnliche Erlebnis bleibt auf der Strecke. Und für opulente Bildbände wird das E-Book kaum jemals das geeignete Medium sein. E-Bücher kauft man außerdem definitiv nicht im Buchladen um die Ecke. Allerdings wird der Buchhandel seit geraumer Zeit vorwiegend durch große Ketten dominiert. Und der Online-Handel ist ja auch nicht nur auf elektronische Medien beschränkt. Also kann man das Verschwinden von Bücher-Boutiquen kaum dem E-Book anlasten. Dennoch. Ein gewisser Rest-Trennungsschmerz bleibt auch hier. Denn während sich beim gedruckten Buch – zumindest in gewissen Gegenden und zumindest theoretisch – die Gelegenheit böte, dies in einer Literaturboutique zu erwerben, ist diese Möglichkeit beim E-Buch definitiv passé.

Erstaunlicherweise muss sich, wer ein E-Buch kauft, auch von der Vorstellung verabschieden, ein Buch zu kaufen. Erstaunlich deshalb, weil E-Bücher praktisch ausnahmslos als Bücher angeboten werden. Vom Angebot her geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass es sich um ein alternatives Format handelt. Während man früher bei etlichen Titeln zwischen gebundenen und broschierten Ausgaben wählen konnte, scheint als neues Format das E-Buch hinzugekommen zu sein. Geht man der Sache näher auf den Grund, stellt man allerdings fest, dass man eher eine Art Gebrauchsrecht an einem buchähnlichen Erzeugnis erwirbt. Rechtlich gesehen befinden wir uns in einer Grauzone. Obwohl die Nutzungsbedingungen meist eindeutig sind, ist es doch so, dass sie in manchen Punkten gar nicht rechtens sind, weil sie gegen Treu und Glauben verstoßen. In der Praxis ist es aber in der Regel schlichtweg so, dass die Käufer von E-Büchern mit Einschränkungen konfrontiert sind und sich damit abfinden – oder halt eben einen riesengroßen Bogen um das buchähnliche Erzeugnis machen.

Es gibt aber bei den E-Books noch eine nicht zu unterschätzende Parallele zum ersten Trennungsschmerz-Beitrag. Und die hat mit der Software zu tun. Denn gegenüber dem, was manchmal bei den E-Büchern abgeht, ist die automatische Silbentrennung eines Textverarbeitungsprogramms noch harmlos. Dabei möchte ich vorab erwähnen, dass ich hier ausschließlich von E-Books spreche, die in offiziellen Verlagsprogrammen erscheinen. Es geht hier also nicht um kostenlose Bücher oder billige Angebote zweifelhafter Provenienz. Viele Bücher sind qualitativ in Ordnung. Aber es gibt immer Ausnahmen. In gewissen Fällen erfolgt die Herstellung der epub-Dateien offensichtlich vollautomatisch. Kein Mensch kümmert sich darum, allenfalls durch die Software geschossene Böcke in Ordnung zu bringen. Trennungszeichen und Umbrüche des gedruckten Originals werden übernommen und tauchen dann oft mitten in einer Zeile auf. Und manche E-Bücher sind reich an Druckfehlern, die ganz offensichtlich auf die Software zurückzuführen sind. Natürlich ist auch bei E-Büchern in der Regel eine Silbentrennung der ungehobelten Art am Werk. Aber während es bei den marktüblichen Textverarbeitungsprogrammen immerhin noch eine Silbentrennung ist (zwar nicht immer sinnvoll – aber zumindest regelkonform) ist die Trennung bei manchen E-Books schlichtweg ein Wortschredder. Silben? Wasfürnviech??? Nie gehört. Abgetrennte Einzelkonsonanten oder sonstwie beliebig zerhackte Wörter – alles schon vorgekommen.

Besonders deutschsprachige und englische E-Books sind zudem überwiegend mit dem technischen DRM-Schutz versehen. Und natürlich verstehe und respektiere ich den Wunsch der Verlage, das durch sie vertriebene geistige Eigentum angemessen zu schützen. Allerdings hat man sich mit dem technischen DRM für eine Lösung entschieden, die ich in praktisch jeder Hinsicht für indiskutabel halte. Nachweislich bereitet es Profis keine großen Probleme, diesen Schutz zu knacken. Das (zumindest vordergründige) Ziel hat man also schon mal verfehlt. Dagegen haben die ganz normalen Kunden mit einer ganzen Reihe von Einschränkungen zu kämpfen. Die kommen teilweise von der Software her. Der Brüller ist Adobe Digital Editions. Die theoretischen Möglichkeiten des epub-Formats werden durch die praktischen Unmöglichkeiten der Software blindlings niedergemetzelt. Schriftart wählen? Fehlanzeige! Eine Auswahl von fünf Schriftgrößen ist das großzügige Angebot. Anders sieht es beispielsweise bei der für iPad verfügbaren Software Bluefire Reader aus. Zeichensätze ohne Ende. Eine wahre Freude. Allerdings nur, so lange man nicht ein DRM-Buch lädt. Dann werden die meisten von der Software gebotenen Optionen (nicht nur Zeichensätze) ausgehebelt. Man kann zwar in der Theorie immer noch die Schriftart auswählen – nur in der Praxis passiert nichts. Andere Optionen stehen (ehrlicherweise) meist gar nicht mehr zur Auswahl. Und während bücherliebende Menschen echte Bücher auch mal untereinander austauschen oder nach dem Lesen weiterverschenken, muss man bei DRM-Büchern einmal mehr ernüchtert feststellen, dass man eben nicht wirklich ein Buch erworben hat, sondern nur ein Nutzungsrecht an einem entfernt buchähnlichen Datengebilde.

Zum Abrunden möchte ich den Faden von Trennungsschmerz I wieder aufnehmen. Natürlich war die Idee nicht 100% realistisch, dass der Notarzt nicht kommen kann, weil jemand mit der automatischen Silbentrennung den Helikopter ruiniert hat. Dennoch habe ich dieses Szenario nicht zufällig gewählt. Hersteller und Betreiber von Helikoptern wissen, dass Menschenleben davon abhängen – und sie tun deshalb alles Menschenmögliche, um den Helikopter so sicher und zuverlässig wie möglich zu machen. Dass man, wenn keine fatalen Konsequenzen zu befürchten sind, das Perfektionsniveau geringfügig niedriger ansetzt, kann ich noch nachvollziehen. Dass man aber – und das kommt in allen Bereichen elektronischer Textbehandlung noch und noch vor – qualitätsmäßig geradezu nach dem ’scheiß-drauf Prinzip‘ verfährt, halte ich für unverzeihlich. 


Klangbild: Hubert von Goisern • Brenna tuats guat
play-hvg-brenna

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