Sprung in der…?

Menschen sind seltsam. Offensichtlich. Denn sie verhalten sich nicht nur auffallend oft auffallend merkwürdig. Sie finden all ihre Merkwürdigkeiten auch noch völlig normal. Was ich wiederum besonders seltsam finde. Obwohl es ja eigentlich nur daran liegt, dass sich die Menschen ihre eigene Seltsamkeit durch Gewohnheit zurecht normalisieren.

Nach meiner Beobachtung gibt es zwei wesentlich unterschiedliche Arten der ’normalen Absurdität‘. Die einen Dinge versteht man nur deshalb nicht, weil man sie zu wenig genau kennt. Und die anderen versteht man, wenn man sie näher kennen lernt, erst recht nicht. Heute möchte ich allerdings eine Gepflogenheit unter die Lupe nehmen, die durchaus verständlicher ist, als sie auf den ersten Blick ausschaut.

Stellen wir uns einige an einem Tisch sitzende Menschen vor. Jemand bringt gefüllte Trinkgläser herbei. Die am Tisch Sitzenden erheben je ein Glas, rufen „Schüssel!“ aus und verursachen anschließend eine Massenkollision der Gläser. Eine befremdliche Szene. Aber sehen wir uns diesen Vorfall doch einfach mal in seine Einzelteile zerlegt an.

Das Zusammenstoßen der Gläser – ob einzeln oder als Massenkollision – dürfte vielen nicht völlig unbekannt vorkommen. Diese Gepflogenheit wird zwar hin und wieder als unfein bezeichnet – aber darauf wird oft und gerne gepfiffen. Nicht nur das. Hin und wieder wird auch mit Flaschen oder Dosen kollidiert. Da fragt man sich schon: Woher kommt das? Und warum hält sich dieser Brauch so hartnäckig? Angeblich geht diese Gepflogenheit auf die Wikinger zurück. Diese sollen vor dem gemeinsamen Trinken jeweils mit ihren Trinkhörnern angestoßen haben. Und zwar so heftig, dass der Inhalt der zusammenstoßenden Hörner überschwappte und sich dadurch teilweise vermengte. Dies als Vorsichtsmaßnahme. Hätte einer das Getränk eines anderen vergiftet, wäre ja durch das Überschwappen möglicherweise ein Teil des Giftes in seinem eigenen Trinkhorn gelandet. Völlig abwegig ist eine solche Erklärung nicht. Was aber nicht heißt, dass sie deswegen automatisch auch stimmen muss. Möglich ist durchaus, dass sich der Brauch des Anstoßens – aus ähnlichen oder unterschiedlichen Gründen – an verschiedenen Orten unabhängig voneinander entwickelt hat. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Wikinger – die ja doch ein wenig in der Welt herumgekommen sind – eine ältere Gepflogenheit an ihre Gegebenheiten angepasst haben. Wie auch immer. Als gesichert darf gelten, dass diese Trinkgefäßkollisionen seit über 1’000 Jahren praktiziert werden. Ein Brauch, der über so lange Zeit unter ständig wechselnden Rahmenbedingungen lebendig geblieben ist, dürfte nicht so rasch verschwinden – unabhängig davon, was die meist an kurzlebigen Modetrends orientierten Benimm-Experten davon halten mögen.

Die Gepflogenheit, die Gläser vor dem Trinken zu erheben, dürfte noch älteren Ursprungs sein. Dieser Ursprung lässt sich kaum präzise datieren und lokalisieren. Durchaus wahrscheinlich ist, dass sie sich an verschiedenen Orten unabhängig voneinander entwickelt haben könnte. Möglicherweise wurde sie aus dem Hochheben von Kelchen und Schalen bei kultischen Handlungen abgeleitet.

Nun aber zum schwierigsten Teil. Gibt es tatsächlich vernunftbegabte Menschen, die das Erheben von Gläsern (und allenfalls nachfolgendes Anstoßen) mit dem Ausruf „Schüssel!“ begleiten?
[Hier müsste man eigentlich zunächst die Grundsatzfrage stellen, ob es überhaupt eine signifikante Anzahl vernunftbegabter Menschen gibt. Aber setzen wir doch einfach die Latte für das Prädikat ‚vernunftbegabt‘ nicht zu hoch an, damit wir die Grundsatzfrage mit einigermaßen gutem Gewissen mit Ja beantworten und abhaken können.]
Und damit zurück zur Schüssel-Frage. Die muss wohl gleichzeitig mit Ja und Nein beantwortet werden. Es geht hier nämlich um den Ausruf skål! (DK, NO, SE) bzw. skál (IS) als Trinkspruch. Im Prinzip bedeutet das Wort skål (oder auf Isländisch skál), so viel wie Schale oder eben Schüssel. Dass die nordische skål je nach Form und Verwendungszweck auf Deutsch eine Schale oder eine Schüssel sein kann, tut hier nichts zur Sache. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die deutschen Schüsseln und Schalen im Norden nicht zwingend immer zur skål werden müssen.

So oder so bleibt dieses nordische skål als Trinkspruch rätselhaft. Denn die Schüssel-Frage muss insofern mit Ja beantwortet werden, als man mit dem Ausspruch skål tatsächlich Schüssel/Schale sagt. Und sie muss mit Nein beantwortet werden, weil es von der Bedeutung als Trinkspruch eher mit den deutschen Varianten ‚zum Wohl‘ oder ‚Pros(i)t‘ vergleichbar ist. Nun ist es ja nicht ein unbekanntes Phänomen, dass Menschen das eine sagen und etwas ganz anderes meinen. Aber dieses skål ist irgendwie schon starker Tobak. Versucht man, dieser Sache auf den Grund zu gehen, kommt man nicht so leicht ans Ziel. Eine gängige Erklärung ist die, dass man eben früher andere Trinkgefäße benutzt habe. Das ist eine Spur. Immerhin. Aber recht befriedigend ist diese Spur alleine nicht. Dass jemand ein schalen- oder schüsselähnliches Gefäß erhebt und dabei die Bezeichnung dieses Gefäßes ausruft, erscheint zwar nicht völlig absurd, aber doch etwas seltsam. Außerdem hat man im Lauf der Jahrhunderte allerlei verschiedene Trinkgefäße verwendet. Die bereits erwähnten Trinkhörner oder im Norden auch gerne den so genannten Ølbolle. Letzterer ist ein etwas größeres (Bier)Trinkgefäß, das gut und gerne fünf Liter (oder mehr) fassen konnte. Dabei tranken alle aus dem gleichen Gefäß (vielleicht nicht so superhygienisch – aber zur Vermeidung heimtückischer Giftattacken ideal). Und es war üblich, dass der Gastgeber zu Beginn der Trinkrunde einen Toast aussprach. 

olbolleØlbolle aus Vinje (Telemark) • Foto von Jon-Erik Faksvaag

Und hier haben wir endlich eine heiße Spur. Das heute übliche skål war Teil eines größeren Ganzen. Eine (hoffentlich) kurze Ansprache wurde ungefähr mit den Worten eingeleitet: „Ich erhebe die Schale auf…“ Und danach folgte, was passend zur Gelegenheit eben folgen musste. König und Vaterland, oder das Brautpaar, das Neugeborene, usw. Und das Ganze wurde abgerundet mit den herzlichsten Wünschen für Glück und Gesundheit und (mindestens) ewiges Leben…
Mit der Zeit kam hier das Phänomen zum Zug, das wir bereits bei dem schönen dänischen Wort sgu kennen gelernt haben (Fluchen mit Gottes Hilfe?). Es wurde verkürzt. Und verkürzt. Und nochmals verkürzt. Buchstäblich bis zum Gehtnichtmehr. Das für sich allein im Trinkzusammenhang nicht bedeutungsvolle Wort skål ist sozusagen nur der Platzhalter für einen umfassenderen Gedanken. Und manchmal nimmt dieser Ausruf sogar prophetische Dimensionen an. Dann nämlich, wenn die Trinkerei ins Maßlose ausufert und in einer Umarmung der Kloschüssel (doskål) endet. (Meine dazu passende Lebensweisheit behalte ich lieber für mich)


Nachtrag 2: Es gibt eine hübsche Geschichte, wonach der Ausspruch skål auch auf die Wikinger zurück gehen soll. Und zwar, weil sie nach geschlagenen Schlachten ihren Sieg jeweils dergestalt feierten, dass sie aus den Schädelknochen (engl. skull) der getöteten Feinde tranken. Und warum diese grausliche Geschichte hübsch sein soll? Nun, es gibt zwar eine entfernte sprachliche Verwandtschaft zwischen skål und skull. Aber der Rest der Geschichte entstammt blühender Fantasie. Wahrscheinlich. Vielleicht. (Oder auch nicht)

Nachtrag 1: Ein richtig schönes Beispiel, wie man das Prinzip der Verkürzung unterschiedlich anwenden kann, ist das Automobil. Während im Deutschen das Auto daraus wurde, hat man in den nordischen Ländern ein bil daraus gemacht.


Klangbild: Björk • Vísur Vatnsenda-Rósu
play-visurvatnsendarosu


Titelbild: BLOOM BLANK SKÅL • Design Helle Damkjær • © Georg Jensen

 

6 Gedanken zu “Sprung in der…?

  1. ninahagn sagt:

    Oh, ich MAG die Geschichte mit der Vergiftungsprävention. Das ist so menschlich, ein gemeinschaftliches Ritual zu schaffen, im Endeffekt sogar eine soziale Norm (schau mal in Österreich jemandem NICHT in die Augen beim Anstoßen, ein faux pas ist harmlos dagegen ^^) auf der Basis des gegenseitigen Misstrauens. Das kann man nun so positiv und negativ sehen, wie man möchte.

    Wohingegen mir das „Schüssel“ bisher noch nicht untergekommen ist, vielleicht in den falschen Gegenden unterwegs gewesen? Dennoch nett, über sen Ursprung des skål nun auch bescheid zu wissen (auch wenn ich mir bei solch einem innbrünstigen Ausdruck was Spannenderes gewünscht hätte… die Svhädel Geschichte passt da ganz gut ^^).

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    1. Random Randomsen sagt:

      Ja, das Ritual hat zwei Seiten. Zum einen das Misstrauen – oft ganz gewiss nicht unbegründet. Und damit verbunden ganz besonders auch der Argwohn gegenüber demjenigen, der den anderen dabei nicht in die Augen sieht. Kein Wunder, dass dies heute noch ungern gesehen wird.
      Auf der anderen Seite hat es eben auch mit Vertrauen (und Ehre) zu tun, wenn jemandem ein Platz in der Runde zugestanden wird. Führt ja auch heute noch zur Stärkung der sozialen Bande(n).
      Bei der Schädel-Geschichte würde ich mal annehmen, dass dies durchaus sporadisch vorgekommen sein mag. Nur eben nicht so ‚traditionell‘ dass es als Ursprung des ’skål‘ gelten könnte.

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      1. ninahagn sagt:

        Also in D fand ichs nicht so heftig wie in ö was das in die Augen schauen betrifft. Vielleicht sind wir einfach misstrauischer? Jedenfalls wurd ich deswegen schon des öfteren ermahnt ^^ einer der Gründe, warum ich Anstoßrunden irgendwie mühsam finde. Aber natürlich mag ich auch die Kehrseite, das in der Runde dabei sein (und in meinem engeren Kreis schimpft mich auch keiner, wenn ich das Glubbschen mal vergesse ^^).
        Kann ich mir auch gut vorstellen, dass das mit dem Schädel schon mal vorkam, zwischendurch. Ich mag die Geschichte jedenfalls, traditionell oder nicht ^^.

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        1. Random Randomsen sagt:

          Ob es am Misstrauen liegt, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass man in Austria manchmal eine Tendenz zur Überförmlichkeit hat (merkt man ja auch bei dem ganzen Getue mit Titeln). Eine gewisse Grundhöflichkeit finde ich ja durchaus in Ordnung. Aber wenn die Konventionen wichtiger werden als der echte zwischenmenschliche Kontakt finde ich das eigentlich schon wieder eher unhöflich, irgendwie…

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          1. ninahagn sagt:

            Das ist allerdings wahr… der Herr Doktor Magister Ingenieur Schlagmichtot möchte natürlich auch genau so angesprochen werden ^^ (gilt natürlich nicht für jeden, aber z.B. in meiner Elterngeneration ist so was noch ganz ganz wichtig…)
            Und ja, da bin ich ganz bei dir, man sollte da wirklich Prioritäten setzen bezüglich der Konventionen, man kann es damit auch wirklich übertreiben…

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