Die Geheimnisse des Professor B.

Hinweis: Diese kleine Geschichte ist insofern ‚verwandt‘ mit Spiele ohne Grenzen, als auch hier Professor Birenbaum die Hauptperson ist. Abgesehen davon handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Erzählung. Zur Einstimmung – und auch, um die Hauptpersönlichkeit schon ein wenig kennen zu lernen – kann es aber dennoch eine nicht völlig abwegige Idee sein, sich zunächst die ‚Spiele‘ zu Gemüte zu führen. 🙂


Verrückt oder genial – die meisten reduzierten Professor Birenbaum auf diese simple Formel. Die Neider betonten mokant seine eigenwillige Persönlichkeit – die Bewunderer dagegen verklärten ihn zum Übermenschen, als wollten sie damit seine sagenhaften Leistungen in der Pflanzenforschung erklären. Denn ob es um Farben, Formen, Wirkstoffe oder andere Eigenschaften ging – meist präsentierte der findige Professor innerhalb weniger Wochen eine passende Pflanzenzüchtung.

Verrückt oder genial – die meisten hätten nur zu gern Birenbaums Methoden kennengelernt. Doch nun sorgte ein außerordentliches Ereignis für Gesprächsstoff: Ausgerechnet den ‚Neuen‘ hatte der Professor zu einem privaten Besuch eingeladen. Und warum? Nur, weil dieser sich für eine wunderliche Bemerkung Birenbaums interessiert hatte: ‚Farben hören!‘ Na ja… Eines ärgerte die Neidhammel besonders: Der Neue, Markus Lohmann aus Basel, arbeitete erst seit zwei Monaten als Assistent am Institut. Deshalb wurden sie nicht müde, ihm in zahllosen Varianten die Legende eines angeblich nach einem Besuch beim Professor verschwundenen Studenten aufzutischen.

„Ganz schön abgelegen“, murmelte Markus Lohmann, als er nach einer Viertelstunde Fußmarsch von der Bushaltestelle endlich hinter einer Gruppe düsterer Eiben das von Birenbaum beschriebene Haus erkannte. Mit dicken, dunkelgrauen Mauern und schmalen, hohen Fenstern erinnerte es an eine mittelalterliche Trutzburg. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie der besessene Professor hier inmitten von Laborgeräten, Reagenzgläsern und Datenblättern nächtelang mit seinen Pflanzen experimentierte.

Professor Birenbaum empfing den Gast überraschend herzlich. Noch mehr staunte dieser allerdings über das Innere des Hauses. Es war angenehm hell und offen. Eine ausgeklügelte Beleuchtung ließ die naturweißen Wände und Decken hell erstrahlen und rückte die Fülle phantastischer Zimmerpflanzen in ein günstiges Licht. Offene Durchgänge verbanden die zahlreichen Räume – außerdem waren die Wände vielfältig durchbrochen. Alles wirkte leicht und durchlässig – und dennoch verwirrend. Ein enormes Wohnzimmer mit einer imposanten Bücherwand bildete das Zentrum des Irrgartens.

Lohmann erfuhr zunächst ausführlich, wie der Professor Töne als Farben wahrnahm. Bestimmte Intervalle und Akkorde lösten bei ihm deutliche Farbempfindungen aus. Und es gab, wo Worte kaum ausreichten, sogar einen Begriff: Synästhesie. „Für mich ist es ja nichts Besonderes“, führte er aus. „Aber sobald Sie feststellen, dass Sie mit einer Wahrnehmung allein stehen, empfinden Sie es nicht als Bereicherung, sondern als Verlust. Es ist eine Erfahrung, die Sie nicht mit anderen teilen können. Ich habe viel Zeit gebraucht, bis ich damit umgehen konnte.“

Plötzlich wurde Lohmann hellhörig. Hatte er nicht Schritte gehört? Nein – alles war still. Doch…ein dumpfes Tappen. Wer pirschte sich da heran? Lohmann griff verstohlen nach seiner Pistole. Unvermittelt wurden die Schritte klar und deutlich – in einem der Durchgänge erschien eine hochgewachsene Frau in elegantem Abendkleid. Sie war nicht eigentlich schön…aber geheimnisvoll sinnlich und anziehend. Markus Lohmann war sofort fasziniert. „Meine Frau Irina“, stellte der Professor vor. Lohmann erhob sich, um die Frau zu begrüßen, die ihn – er war überrascht und hingerissen – kurz und herzlich umarmte. Der Charme dieser Frau war entwaffnend.

„Soll ich?“ fragte sie nur. Birenbaum nickte kurz, und sie verschwand lächelnd im angrenzenden Salon. Augenblicke später setzte Klaviermusik ein. Akkorde türmten sich zu Klanggebilden, die sich fließend wieder auflösten. „Skrjabin“, erklärte der Professor. „Auch er hat Klänge als Farben wahrgenommen. Irina ist Neurologin, durch sie habe ich vieles verstehen und nutzen gelernt.“

Kribbelnde Ungeduld erfasste Lohmann. Von einem Labor sah er nicht die Spur – und Birenbaum wollte offensichtlich nicht von den Pflanzen sprechen. Dafür breitete er endlos seine Geschichte vom Farbenhören aus. Nun erhob er sich und bot dem Gast einen Drink an – seine Spezialität, wie er sagte. Lohmann nahm höflich dankend an – gleichzeitig wagte er die Flucht nach vorn.

„Und Ihre Pflanzen“, begann er, „mögen diese Art von Musik?“

„Eigentlich lieben sie eher beschwingte Musik. Mozart kommt sehr gut an, auch Vivaldi – bei Scarlatti tanzen sie förmlich. Der Stechapfel scheint geradezu vernarrt in Chopin. Die Immergrünen fühlen sich mit Bachs Orgelmusik ausgesprochen wohl…“ Lohmann seufzte innerlich – welche Lawine hatte er wieder losgetreten. ‚Zwinge mich nicht‘, dachte er, ‚dir deine Geheimnisse mit Gewalt zu entreißen.‘

Birenbaum schien die zunehmende Nervosität seines Gesprächspartners, oder besser Zuhörers, nicht anzufechten. Er war ganz in seinem Element und fuhr fort:

„Wenn ich mit den Pflanzen arbeite, ist Skrjabin allerdings ideal. Sie werden augenblicklich sehr entspannt und aufnahmefähig – im pflanzlichen Sinne.“

Plötzlich ging Lohmann ein Licht auf. „Sie wollen damit sagen, dass Sie die Musik gezielt zur Veränderung von Pflanzen einsetzen.“

„Das will ich nicht nur sagen“, erklärte Birenbaum entschieden, „das ist so. Es ist bekannt, dass Musik das Wachstum von Pflanzen beschleunigen, oder sie akustisch vergiften kann. Ich habe nun aus meiner früheren Not eine Tugend gemacht und mehrere hundert Musikstücke nach meiner Farbwahrnehmung eingeteilt. Erstaunlicherweise stimmen die Farben und die Reaktionen der Pflanzen weitgehend überein. Ich sehe es der Musik also gleichsam an, wie sie wirken wird.“

Lohmann wurde stutzig – immerhin galt Birenbaum als Pionier der Genforschung – ein Thema, dem er die meisten seiner Vorlesungen widmete.

„Besteht denn Ihre wesentliche Arbeit darin, dass Sie Musik katalogisieren?“

„Wo denken Sie hin.“ Der Professor lachte herzlich. „Es ist eine Grundlage. Meine eigentliche Arbeit beginnt damit erst. Vielleicht würde es sogar ohne Musik funktionieren – aber sie hilft ganz offensichtlich. Sehen Sie, mein Vorteil ist, dass ich während der Studienzeit ausgiebig mit Hypnose experimentiert habe. Sie können“, erklärte Birenbaum, „einen Menschen durch Hypnose zu allem bewegen. Es gibt keinen Widerstand – und folglich keine Grenzen. Einer meiner Kommilitonen ist von einem Glas Wasser stockbetrunken geworden. Ich selber habe einmal den Sokrates-Test ausprobiert. Ein Glas Bier war der berühmte Schierlingsbecher. Wenn unser Professor nicht rechtzeitig die Suggestion verändert hätte, wahrhaftig, wer weiß…“

Lohmann wurde es unbehaglich zumute. Er leerte in einem Zug sein Glas – der Professor füllte es augenblicklich wieder.

„Jedenfalls habe ich mir eines Tages gedacht: warum nicht auch mit Pflanzen? Die ersten Versuche waren deprimierend – es passierte rein gar nichts.“

„Was doch eigentlich zu erwarten war“, bemerkte Lohmann trocken.

„Eigentlich, ja“, räumte Birenbaum ein. „Aber ich wusste es besser…es musste gehen. Ich veränderte die Texte, feilte tage- und nächtelang an den optimalen Formeln – das Ergebnis blieb sich gleich. Es passierte nichts. Endlich kam ich auf eine Idee: Ich formulierte den Text so einfach wie möglich. Keine zusammenhängenden Sätze – nur Stichworte. Dafür mussten die Farben meiner Sprache und der Musik harmonieren. Seither spreche ich je nach Bedarf singend, monoton, näselnd, hoch, tief – und das Ergebnis bleibt nie aus – auch wenn es“, Birenbaum lachte auf, „hin und wieder ganz famose Überraschungen gibt.“

Allmählich ahnte Lohmann, dass ihm die Geheimnisse des Professors nichts nützen würden. Aber er wagte noch einen Versuch: „Und wo setzt die Laborarbeit ein?“

„Ach ja“, sagte Birenbaum beiläufig, „das Labor.“ Lohmann schöpfte neue Hoffnung. „Anfänglich bin ich ja jeden Tag ins Institut gefahren – habe die Pflanzen untersucht, um die biologischen Veränderungen festzustellen. Aber das war die Pfahlbauerzeit – heute ist das nicht mehr nötig.“ Lohmann hatte gehört, dass der Professor früher regelmäßig im Labor des Instituts gearbeitet hatte. Plötzlich war er nur noch erschienen, um seine Pflanzen abzuliefern oder neue Aufträge anzunehmen. Man munkelte, er habe sich sein privates Labor eingerichtet. Der wahre Grund war ernüchternd.

Endlich begriff Lohmann: Der Professor breitete offensichtlich seine Geheimnisse arglos aus – aber niemand konnte damit etwas anfangen. Er benutzte keine speziellen Geräte. Es gab keine Aufzeichnungen. Da war nichts, was sich gewinnbringend hätte verwenden lassen – nur eine höchst skurrile Methode, Pflanzen mit Musik zu berieseln und mit ihnen zu sprechen. Was war – trotz verblüffender Ergebnisse – damit anzufangen? Lohmann wollte sich unter einem Vorwand verabschieden…aber er kam nicht aus dem bequemen Ledersofa hoch. Die Beine versagten ihren Dienst – alles schwankte und drehte sich. ‚Teufel‘, dachte er, ‚hat mich der alte Fuchs doch überlistet – hat mir Gift in den Drink gemixt‘. Er griff in seine Jackentasche – die Pistole war weg! Irina Birenbaums Charme war in der Tat entwaffnend…

„Mir scheint,“ Lohmann vernahm Birenbaums Stimme wie aus weiter Ferne, „Sie haben doch etwas viel von meiner Spezialität abgekriegt. Das Zeug geht auch runter wie Wasser, wahrhaftig. Aber mit 45% Alkohol ist nicht zu spaßen. Sie bleiben wohl am besten über Nacht – wir haben ein gemütliches Gästezimmer.“

Drei Tage später meldeten sich zwei unauffällige Herren bei Professor Birenbaum. Inspektor Kramer und sein Assistent erkundigten sich nach dem Verbleib eines gewissen Markus Lohmann, der spurlos verschwunden war.

„Der ist doch bei Ihnen eingeladen gewesen?“ forschte Kramer.

„Ja, der ist hier eingeladen gewesen“, begann Birenbaum, ironisch lächelnd, „und er ist sogar hier anwesend gewesen…und hat außerdem bei uns übernachtet.“

„Aha!“ Der Inspektor schien um einen halben Kopf zu wachsen. „Sie geben also zu…“

„Dass Lohmann sich hier aufgehalten hat, ist eine Tatsache“, polterte Birenbaum. „Da gibt es nichts zuzugeben. Allerdings war er am nächsten Morgen weg.“

„Aha!“ Kramer fixierte den Professor. „Und Sie wollen mir weismachen…“

„Es ist“, Birenbaum dozierte förmlich, „völlig unerheblich, was Sie mir unterstellen Ihnen weismachen zu wollen. Tatsache ist, dass er am Morgen fort war – ohne dass meine Frau oder ich ihn angerührt haben…und gestohlen hat ihn wohl auch niemand.“

„Ich sehe“, Kramer blickte finster, „Sie wollen uns nicht helfen. Aber seien Sie sicher – kein Richter wird zögern, eine Haussuchung anzuordnen und einen Haftbefehl auszustellen. Wir kommen wieder – und zwar bald!“

Es dauerte in der Tat keine 24 Stunden bis der Inspektor erneut auf dem Anwesen vorfuhr. Zu Birenbaums Überraschung kam er allein. Er entschuldigte sich für die Störung: „Ich wollte es Ihnen einfach persönlich sagen. Dieser sogenannte Lohmann ist nicht ohne Grund verschwunden. Unsere Kollegen waren ihm bereits auf den Fersen – Wirtschaftsspionage im großen Stil. Wahrscheinlich ist ihm der Boden unter den Füssen zu heiß geworden. Entschuldigen Sie die Belästigung – man muss halt jeder Spur nachgehen.“

‚Nur gut‘, sinnierte Birenbaum, wieder allein, ‚dass ich dem Jungen nur mein Steckenpferd erklärt habe. Meine Methode mit Suggestion und Musik macht ja große Fortschritte. Aber mein Lebenswerk…‘ Birenbaum drückte einen Knopf an seiner Armbanduhr – die große Bücherwand teilte sich geräuschlos und gab den Weg frei zu einem geräumigen Laboratorium, das mit modernen Geräten und einem feuersicheren Schrank für die Aufzeichnungen bestückt war. Birenbaum betrat fast feierlich die Stätte seiner Geheimnisse. „Du, Freund“, wandte er sich lächelnd an seinen ungewöhnlichen Briefbeschwerer, „hättest mir wohl einigen Ärger beschert, wenn die Polizei dich hier gefunden hätte.“ Der fahle Schädel auf dem Schreibtisch grinste teilnahmslos…


Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei von mir erfunden. Was ich dagegen nicht erfunden habe, ist die Synästhesie. Dieses Phänomen kommt in sehr unterschiedlichen Formen und Ausprägungen vor – die hier andeutungsweise beschriebene Variante ist eine von vielen. Wer sich dafür interessiert, findet auf der Synaesthesia Plattform reichlich Informationen, Tests und auch weiterführende Links. 

Die Birenbaum-Methode, Pflanzen mit Musik und Sprache zu beeinflussen, ist zwar etwas überzeichnet, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es muss ja nicht unbedingt darum gehen, dadurch bestimmte Pflanzeneigenschaften zu gewinnen. Es genügt, wenn sich Pflanzen durch passende Musik und gutes Zureden besonders wohl fühlen.

Ganz generell geht es mir bei den Birenbaum Erzählungen nicht um konkrete Dinge wie das etwas spezielle Schachspiel (in Spiele ohne Grenzen) oder die legendären Pflanzenzüchtungen. Diese vielleicht etwas gar fantasiebeflügelten Beispiele sollten eher eine Anregung sein, über die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins und der Erkenntnisfähigkeit nachzudenken. Ich meine, dass da noch sehr viel Potenzial brach liegt. Und in diesem Zusammenhang ist es ein großes Hindernis, dass viele Menschen fast automatisch und voreilig jeweils das Wahrscheinliche für wahr und das Unwahrscheinliche für unmöglich zu halten.


Klangbild:
Alexander Skrjabin • 12 Préludes • Valentina Lisitsa
play-skrjabin-preludes
0:07 • Op. 2 Nr. 2
1:14 • Op. 11 Nr. 2
3:38 • Op. 11 Nr. 4
6:11 • Op. 11 Nr. 5
7:47 • Op. 11 Nr. 10
9:05 • Op. 11 Nr. 14
9:52 • Op. 11 Nr. 15
12:33 • Op. 11 Nr. 16
14:34 • Op. 11 Nr. 20
15:48 • Op. 22 Nr. 1
17:32 • Op. 27 Nr. 1
19:24 • Op. 35 Nr. 2

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