Ketzchen

Nein. Das ist kein Schreipfehler! Es handelt sich beim Ketzchen nicht um eine kleine Katze und auch nicht um einen kleinen Ketzer. Ketzchen ist ein neues Wort. Aber alles hübsch der Reihe nach.

In meiner grenzenlosen Naivität habe ich echt geglaubt, dass zwei bis drei Tage nach meinem Beitrag ‚Håbt’s ös scho scheiberlbocha?‘ weltweit nur noch der Ausdruck Scheiberl verwendet werde. Ich habe das nicht nur so hobbymäßig geglaubt – nein, nein, ich war mir ganz und gar sicher. Aber nix da. Mein Machtwort scheint in Ohnmacht gefallen zu sein. Nach wie vor werden munter die Ausdrücke Plätzchen, Keks oder gar Cookie verwendet. Man kann natürlich – wie ich – finden, dass das eine riesengroße Sauerei sei. Allerdings sollte man sich dabei auch – wie ich – bewusst sein, dass das gar nichts ändert. Und vielleicht ist es auch gut so. Denn das Wort Scheiberl hätte ziemlich sicher auch wieder zu Streitereien Anlass gegeben. Irgend jemand (wahrscheinlich ich) wäre gekommen und hätte behauptet, richtigerweise müsse man Scheibal schreiben: „Wauma eh Scheibal sogd muas ma a Scheibal schreim. Vaschdesd?“
Und jemand anderes (logischerweise nicht ich) wäre gekommen und hätte dagegen gehalten. Um also den Weltfrieden nicht unnötig zu gefährden halte ich es für besser, das Scheiberl abzuschreiberln. 

Als Versuch eines alternativen Machtwortes habe ich nun also das neue Wort Ketzchen kreiert. Es handelt sich um eine Kreuzung zwischen Keks und Plätzchen. Ein saublödes Wort. Stimmt schon. Aber wäre Pläks besser gewesen? Eben. Eine äußere Stimme (meine eigene) sagt mir allerdings, dass dieses Wort sich nicht im Handumdrehen durchsetzen wird. Aber was soll’s? Gut Ding will Weile haben…

In der Zwischenzeit können wir ja einen Blick auf die – heute noch 😉 – gängigen Ausdrücke werfen. Eindeutig das deutscheste Wort ist Plätzchen. Es geht auf den Ausdruck Platz zurück, was so viel bedeutete wie Kuchen. Etymologisch gesehen ist ein Plätzchen also schlichtweg ein kleiner Kuchen. Keine völlig abwegige Idee.

Aber warum soll Plätzchen eigentlich der deutscheste Ausdruck sein? Ist Keks etwa nicht deutsch? Nun, zumindest der Plural Kekse ist schon sehr deutsch (und wer, bitte, gibt sich mit einem einzigen Keks zufrieden?). Warum aber sollte der Plural deutscher sein als der Singular? Warum er es sollte, weiß ich auch nicht. Aber er tut es. Und das ist keine Ausnahme. Das Wort Keks geht auf das englische cakes zurück, also auf den Plural von cake (Kuchen). Die Vorlage cakes ist ein Plural, was man dem deutschen Keks aber nicht mehr anmerkt. Also hat man in deutscher Gründlichkeit den Plural Kekse eingeführt. Wer beim Keks allerdings einen englischen Eindringling wittert, liegt nur bedingt richtig. Denn auch die Englischmänner haben ihren cake importiert. Das heißt, sie haben aus dem altnordischen kaka ihren cake fabriziert. Vor diesem Hintergrund würde es mich nicht wundern, wenn der vermeintlich deutsche Keks mit seinem Einwandererhintergrund den Sprachpuristen ab sofort gehörig auf den Keks ginge.

Noch mehr auf den Keks gehen dürfte einigen allerdings, dass auch im deutschen Sprachraum immer wieder der Ausdruck Cookie verwendet wird. Und zwar nicht nur bei diesem datenverarbeitungsmaschineriebezogenen Kram. Beim Cookie haben wir es ja nun wirklich mit einem astreinen englischen Wort zu tun. Wirklich? Klar doch. Wir kennen doch alle das Verb ‚to cook‘ (kochen)? Jaja, der gute alte Kochkeks. Hahaha. Nachdem man sich darüber satt gelacht hat, fällt den meisten (außer natürlich den passionierten Kekskochern) auf, dass Kekse ja gar nicht gekocht werden. Und somit besteht möglicherweise auch gar kein Zusammenhang zwischen Cookie und to cook? Haargenau. Der Ausdruck Cookie stammt vom niederländischen koekje ab. Das wiederum ist ein Diminutiv von coek (Kuchen). Etymologisch gesehen ist ein koekje – und damit auch das Cookie – also schlichtweg ein kleiner Kuchen. Keine völlig abwegige Idee. Und somit sind das urdeutsche Plätzchen und das böse, fremde Cookie immerhin geistige Verwandte.

Vielleicht ist es ja ohnehin so, dass, was uns fremd und böse erscheint, weder fremd noch böse ist, wenn man es näher kennen lernt. Aber nein. Ich höre schon die DvD (Durchblicker vom Dienst): Was fremd ist, muss auch böse sein! Und daraus folgt: Da wir uns selber hin und wieder ein wenig fremd sind, müssen auch wir böse sein. Fazit: Die Welt ist schlecht! So. Und nachdem wir den weltanschaulichen Krimskrams erfolgreich hinter uns gebracht haben, können wir uns wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden. 

Nämlich der einen und einzigen Frage: Sagt man jetzt Keks oder Plätzchen? Oder eben doch Scheiberl? Weder noch. Die Dinger isst man, so lange sie noch genießbar* sind. Und mit vollem Mund spricht man nicht. Punctum. 🙂

* Das heisst, bevor die ursprünglich Weichen stoahoat und die ursprünglich Harten bazwoach geworden sind.


Klangbild: Eivør Pálsdóttir • Dansaðu Vindur
play-vindur
Dansaðu Vindur basiert auf dem Lied ‚Den vilda‘ von Nanne und Peter Grönvall. Der isländische Text (ein eigenständiger Text, der mit dem Original nicht ‚verwandt‘ ist) stammt von Kristjan Hreinsson.
Die schönen Fotos, mit denen das Video gestaltet ist, stammen von 
Helgi Skúlason.


Titelbild: Reinsdyrsmåkaker • © Orkla ASA

 

5 Gedanken zu “Ketzchen

  1. ninahagn sagt:

    Nun würde mich noch die Herkunft des „Scheibal“ interessieren.

    Ich gehöre ja zu den Banausen, die gerne das Wort „Cookie“ verwenden, wegen seines lautmalerischen Potentials nämlich – mit mindestens dreifach verlängertem oo und genüßlich ausgekostetem ie, sprich „cooooookiiiieee“ – aber ich hab meine Alltagssprache sowieso dank meines Fachgebiets durch und durch verdenglischt und nun, um das Ganze vor allem für meine mit einem nicht mehr so ganz ausgezeichnetem Gehör ausgestattete Mutter noch mehr zu verkomplizieren, auch noch angefangen ohne Vorwarnung zwischendrin Französisch zu üben. Da ist „Cookie“ wirklich nur die Spitze des Eisbergs.

    Ketzchen wiederum find ich auch nicht schlecht, lautmalerisch zwar nicht so potent wie das Vokalstarke „Cookie“ aber die Vorstellung, kleine Katharer zu verspeisen (die hattens ja sowieso nicht leicht, ein Tod durch Verknuspern ist sicherlich der peinlichen Befragung vorzuziehen) macht es wieder irgendwie charmant. Mal schaun, vielleicht lasse ich es hin und wieder mal einfließen. Leider sind in meinem Freundeskreis nicht allzu viele Naschkatzen vertreten, muss ich mir also Neutrale Gelegenheiten such, das ins Gespräch einzubauen, wie z.B.: „Das ist obligatorisch wie das Ketzchen essen im Advent.“ …oder so.

    Wünsche jedenfalls viel Erfolg mit deinem Machtwort und viele leckere Ketzchen zum Figur ruinieren 😉

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    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Gute Frage. Die Herkunft der Scheibal habe ich tatsächlich glatt unterschlagen. Der Ausdruck geht auf das Substantiv ‚Scheibe‘ zurück. Dieses Wort bezog sich ursprünglich auf eine vom Baumstamm abgetrennte Platte (wie sie heute noch manchmal für die Brettljausn verwendet werden). Diese Platten dürften beispielsweise nützlich gewesen sein um Gegenstände rollend fortzubewegen, also zu scheiben. Und das Scheiberl ist ein Diminutiv, wie es für große Teile Österreichs und Bayerns typisch ist. Es steckt also wiederum ein ähnliches Prinzip dahinter wie beim Plätzchen oder beim koekje. Vom Aussehen (und manchmal sogar von der Konsistenz) her ist der Vergleich mit einer kleinen, runden Holzscheibe ja auch gar nicht so abwegig.

      Vielleicht müsste man, um die sprachpuristischen Gemüter zu beruhigen, die Cookies einfach mal eindeutschen (so wie die cakes zum Keks wurden). Aber Kuhkies wirkt irgendwie nicht besonders einladend…

      Zwar bin ich eine echte Naschkatze. Aber aus dem Figur ruinieren wird bei mir nichts. Erstens, weil diese bei mir nahezu unruinierbar ist. Ich nehme wesentlich leichter ab als zu. Und zweitens haben Übertreibungen ihre Folgen. Da spricht der Magen ein Machtwort, d.h. mir wird schlecht, und die Scheiberl können leicht zum Schpeiberl mutieren. ☹ (Wobei man sich dabei immerhin mit einer alten Lebensweisheit trösten kann: Bessa gschpiem ois in d’Hosn gschissn! Auch wieder wahr – aber manchmal ein schwacher Trost.).

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      1. ninahagn sagt:

        Diminutiv 😀 wieder was dazugelernt. Eine sehr schlüssige Erklärung, aber ich glaub ich bleib trotz der Scheibal Anschaulichkeit bei meinen Cookies ^^
        Wobei Kuhkies mich an meine Urlaube am Bauernhof erinnern, genauer gesagt den Teil, den ich mit Gummistiefeln auf der Weide zugebracht hab… da bleib ich doch lieber bei der anglizistischen Schreibweise.

        Unruinierbare Figur, da kann man glatt neidisch werden (außer bei Schilddrüsenüberfunktion o.ä., kannte ein paar Leute, die das hatten und das ist eine ebenso nervtötende wie teure Angelegenheit) das mit dem Magen wiederum ist weniger zu beneiden. Das kenn ich auch selbst, aber eher bei (Tier-) Fettlastigem, so bleibt aber zumindest meine Ernährung auf die Dauer ausgewogen, ständig Mc Doof macht meiner nicht mit ^^.

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        1. Random Randomsen sagt:

          Besonders im deutschen Sprachraum sind die Diminutivformen ja besonders vielfältig. Erstens weil sie häufig vorkommen und zweitens weil es so schöne regionale Varianten gibt.
          Auch das lustige Wort Yankee könnte übrigens aus einem Diminutiv geboren sein. Und zwar aus dem Vornamen Jan bzw. eben die Form Jantje. Das ist zwar nicht 100%ig belegt – aber da der Ausdruck zunächst für niederländische Bewohner der nördlichen US-Staaten verwendet wurde nicht unwahrscheinlich.
          Die Figur ist naturgegeben unruinierbar – das ist schon toll. 🙂 Und das mit dem Magen wäre eigentlich auch nicht so schlimm. Das ist eher so, wie wenn man bei rot doch noch über die Straße rennt. Selber schuld. Ich merke das ja schon, bevor es zu spät wäre. Aber manchmal fehlt die Disziplin, rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen.

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